Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1884)
- Date
- 1884-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Kranen und hat nach Möglichkeit dieselben Wahrnehmungen geinacht wie die Jasse. Um 9 Uhr Morgens hat sie einen Mann in der Synagoge, mib zwar durch ein geöffnetes Fenster, umhcrgcben sehen. „Wenn ich mir die Sache näher überlegte — fuhr die Zeugin fort — so ist der Mann klein gewesen. Ich denke wohl, es ist der kleine Lesheim gewesen, jedenfalls ist cs ein Jude gewesen. Präsidem: Woran erkannten «sie ihn? Zeugin: Er hatte einen schwarzen Anzug an. Präsident: Das ist doch kein charakteristisches Merkmal der Inden. Zeugin: Und dann hatte er schwarze Haare. Präsident: Und daran erkennt man den Juden noch nicht sicher. — Plötzlich beginnt die Zeugin: „Und nock etwas muß ich erzählen. Bon der Kösliner Verhandlung kain ich zu Kürschner Lesheim, um ein Stück Glanzleder zu kaufen. Da schenkte mir Lesheim ein Stück von etwa ’/s Elle und sagte mir: Sie haben gutes Zcugnrß gegeben, es fomnit mir auf ein Stück Leder nicht an." (Sensation.) Ter Präsident konstaiirt und die Berlheidiger stimmen zu. daß Zeugin mit dieser Erzählung jetzt jum ersten Male in die Qefsentlichkeit tritt (Zur Zengin gcwe bet:) Das ist doch überaus anssällig! Frau Kapitzke, bleiben Sie ans guten Wegen, bleiben Sic eine ehrliche Frau und gedenken Sie Ihres Zengeneides! — — Zeugin: Herr Präsident, es ist die Wahrheit, ich habe mich jetzt erst darauf besonnen. — Der Angeklagte Hirsch Lesheim 'bestreitet den ganzen Vorgang auf das Allerentschiedenste; derselbe fei Wort für Wort erfunden. Der Staatsanwalt fragt nach dem Werth des Glanzleders, den die Zeugin auf 50 Pf. angiln. Die 'Vernehmung dreht sich nun längere Zeit um die Frage, wie der Mann ansgesehen, den die Kapitzle am Morgen des Brandes in der Synagoge gesehen haben will. Erst soll er von mehr als Mittelgröße gewesen sein; später war er von Mittelgroße (damals kam noch der ziemlich große Tempeldiener Lowenberg in Betracht); heute wird er als von „kleiner Statur" bezeichnet; denn Lesheim, ein ganz kleiner Mann, ist heute der Bezichtigte, während die Zeugin beiihrer früheren Vernehmung ausdrücklich erklärte: „Keiner der beiden Lesheims gleicht dem Manne, den ich in der Synagoge gesehen." — Dr. Cello weist der Zeugin nach, daß ihre Aussage, sie habe den Mann am „Allerheiligsten" hernmgehen sehen, nicht wahr sein könne; denn vom Standpunkte der Frau Kapitzke aus sei das Allerheiligste gar nicht wahrnehmbar. Atlch dies muß die Zeugin zugeben; sie hat eben dann den Mann irgendwo im Tempel, aber nicht «in Allerheiligstcn gesehen. Perthcidiger Rechtsanwalt M a i b a u e r stellt den Antrag den Augenarzt Dr. Schneller aus Danzig darüber zu vernehmen, daß nach Lage der Fenster des Jasse'l'chen Hauses und der Synagoge und in Anbetracht der Sehlinie und Lichtrestere die Zeugin ihre behauptete Wahrnehmung überhaupt nicht gemacht haben kann. Staatsanwalt Schling mann erklärt, er würde, wenn diesem Anträge stattgegeben werden sollte, die Verschiebung der Verhandlung ans die nächste Schwnrgerichtssession beantragen. Rechtsanwalt Maibauer zieht in Folge dessen seinen Antrag zurück und begnügt sich mit der durch den Sachverständigen Be-mit geführten Beweis, daß das sogenannte 'Allerheiligste vom Zimmer der Kapitzke aus ans keinen Fall, das übrige Interieur nur sehr schwer sichtbar war. Die 32jährige Marie Hanisch, gleichfalls Mitbewohnerin des Jasse'fchen Hauses, erfreut neben anderen schon bekannten Mitteilungen den Gerichtshof und das Auditorium mit der neuen Thatsache, daß sie schon im Dezember 1880 den Tempelbrand, der im Februar 1881 stattfand, „vorgeahnt" habe. Sie habe schon damals zu einer Freundin geäußert: „Du wirst sehen, die Juden stecken ihren Tempel an; ich habe so eine Ahnung!" (Ungeheuere Heiterkeit.) Als sie dann Ranch ans dem Syna- 'gogensenster dringen sah — Präsident: Dann darbten Sie: o meine Ahnungen! (Große Heiterkeit.) Dann erzählt Zeugin eine Geschichte von einem Mann und einem Hunde, die sic auf irgend eine Art mit dem Brand in Verbindung zu bringen sucht. Schließlich aber hat sie weder den Man» noch den Hund erkannt, und die ganze wirre Erzählung ist vollständig resultatbis. Kopfschüttelnd läßt der Präsident sie ans der Zeugenbank Platz nehmen und ruft den Zeugen Uhrmacher. j Lehrer Schievelbein bleibt strikte bei seinen KöSliner Aussagen bezüglich seiner Wahrnehmungen über die ersten Stadien des Feuers, über das ausgehobene Eynagogensenster. die vor dem Tempel weilenden Personen; nur des alteren Leshrim. den er früheren Vernehmungen zufolge auf der Straße in der Nähe des Tempels gesehen zu haben glaubte, erinnert er sich heute gar nicht. Zum Schluß erzählt Zeuge die Geschichte, daß aus der Brandstätte Juden ausgeruf-n haben: „Das sind die Folgen der Antisemitenhetze!" Daraufhin nimmt der Präsident Veranlassung, den Zengen über das kurz vor dem Brande stattgehabte Ausrreten des bekannten Dr. Henrici in Neustettin zu befragen. Man könne wohl sagen, des Antisemiten Henrici, den» der Ausdruck dürfe als „gerichtsbekannt" gelten. Zeuge erklärt^ daß Henrici kurz vor dem Brande mehrere Versammlungen in Neustettin abgehalten habe.; auch er, Zeuge, hsbe eine derselben beigewohnt. Staatsanwalt Schlingmann fragt, od denn in diesen Versammlungen zum Verbrennen der Zudenhäuser und Tempeln oder ähnlicher Thatsachen ansgefordert worden sei. Zeuge verneint das, es sei nur gesagt worden: „Kaust bei keinem Jude» 1* Der Präsident meint, es sei zweifellos eine sehr erregte Zeit gewesen und die Aufregung besonders in Neustettin eine hochgradige gewesen. Unter Bezugnahme auf die Frage des Staatsanwalts bittet Dr. Sello um Vorlesung eines in unseren Berichte» ans Köslin bereits urmhaft gemachten, zur damaligen Zeit in der konservativen Neustettiner „Norddeutschen Presse" erschienene» Artikels, angeblich eines Auszugs ans einem Lnlherbriefe. Bevor der Gerichtshof sich über diesen Antrag st lässig macht, tritt die 1^/zstündiae Mittagspause ein. Um 5 Uhr beginnt die Sitzung wieder mit der Vernehmung des Lehrers Hübner, der seine Erzählung über die Wahrne^ nnmgen bei Beginn des Feuers wie in Köslin wiedergiedt. Seine Aussordernng an Lesheim senior, die Spritzen zu requiriren, giebt Zeuge mit vielem Pathos wieder und knüpft daran den Versuch, die LcshcimS dafür, daß sie seine KöSliner Aussagen Unwahrheiten genannt, mit sittlicher Entrüstung abzukanzeln. Der Präsident bedeutet ihm aber, das gehöre nicht zur Sache. Noch energischer verweist ihm der Präsident sein Beginnen, sich über emen Passus in der Konitzer Zeitung zu be- Ichweren. „Was gehen uns die Zeitungen an, bleiben Sie b« der Sache!" Zeuge geht immer um die Fragen des Präsidenten herum, dieser aber nagelt den Zeugen auf die Fragen fest uni» erhält so ziemlich sachnche Antworten. Kanzlist Ebels Anssagen sind, ebenso wie in Köslin, ohne Belana. Die 23jahrige Bertha Hi lg er, zur Zeit deS Brandes und heute noch Dienstmädchen bei Heidemann, bleibt haarscharf bei ihren früheren Aussagen, wonach sie von Frau Heidemann gleich zu Beginn des Feuers den Auftrag erhalten, zum Tempeldrener zu lausen, diesen Auftrag ausgeführt habe, allerdings fälschlich, indem sie zu Lesheims ging, in der Meinung, Leshenn sei noch Tempeldiener. Ans dem Marktplätze habe sie Lesheim junior genossen, und diesem von dem. Sachverhalt Mittheilnng gemacht. Der sagte ihr, Löwenberg sei ja Tempeldiener, worauf sie zu diesem ging. Aus diese Art erhielten die Lesheims Kenntniß von dem Ausbruch des Feuers. Das Mädchen bleibt, trotz des scharfen staatsanwaltschastlichrn Verhörs, bei ihrer Aussage. Der Kanzlist Jordans Anssagen liegt daS Schwergewicht in der Behauptrrng, er sei durch den schmalen Gang an der Franenchorseite des Tempels gegangen, während Heidemann senior behauptet, der kaum ein Fuß breite Gang fei höchstens für ein Hündchen oder e n Kind, nicht aber für einen erwachsene» Menschen passirbar gewesen. Klcmpnermeister Werner, Mitglied der NeustettinerSynagogengenrcinde, wiederholt genau seine Kosliner Aussagen. Er hat ein Fenster eingeschlagen, auch, um das Allerheiligste zu