Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1884)
- Date
- 1884-03-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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302 rono, irdische Geschenke, Gaben, die der Mensch fein eigen zu nennen nicht berechtigt ist." — „Ach eine vortreffliche Erklärung!" jubelten Nathansohn und seine Frau. „Das laß' ich gelten!" — sagte Fröhlich, welcher mit rührender Andacht und mit offenem Munde keinen Blick von meinen Lippen abwandte, so lauge ich sprach. — „Jetzt möchte ich Sie auch bitten, Herr Rabbiner, mir gütigst zu erklären, weshalb man am Pcsach Abend bei der Aufzählnng der Asoroh Makaus in den Becher taucht. Ich habe noch nirgends eine genügende Erklärung dafür gefunden." „Minhogim." versetzte ich ernst — „lassen sich eigentlich nicht gut erklären, weil man gar zu wenig von dem Ursprünge derselben weig. Ich habe indeß diesen Minhag in folgender Weise zu erklären gesucht: Der Midrasch Nabba erzählt, daß als die Kinder Israel trockenen Fußes durch die Fluthen des Meeres schritten, in welchen ihre Verfolger den Tod fanden, wollten die Engel Loblieder anstimmen. Da sagte der Allmächtige, g. s. E., die Werke meiner Hände versinken in die Tiefe, aus der es keine Rettung mehr gibt und Ihr wollt Loblieder singen? — Das Grundprincip des Judenthums ist Humanität und Liebe gegen alle Menschen ohne Unterschied der Nationalität und Confession. Selbst wenn Dein Feind fällt, — lehrt uns die h. Schrift — sollst Du nicht frohlocken. Diese Grundidee der Menschenliebe mögen wohl - auch die Motive dieses Minhag sein. Die niDoym« sind bekanntlich entsprechend den vier Ausdrücken der Befreiung, welche in der heiligen Schrift angeführt sind. Sie sind also vier Freudenbecher. Bei der Aufzählung einer jeglichen Plage taucht der Jude seinen. Finger in den Becher und vermindert dadurch ein Tröpfchen aus seinem Freudenkelch, um dadurch zu zeigen^ daß der Freudenbecher sich bedeutend verringere, weil wir bei der Freude auch den Schmerz empfinden, daß andere Menschen durch unsere durch Gott erfolgte Befreiung leiden mußten." „Wahrlich!" — rief Fröhlich ganz vergnügt aus — „jetzt werde ich doch mit ganz anderer Stimmung diesen ehrwürdigen Minhag üben, da ich nun seine erhabene Bedeutung kenne!" „Und ich," — versetzte Dr. Priester, „werde mich hüten, mich über denselben lustig zu machen." „Ah!" — hörte ich Hornstein ausrufen — „Sie sind ja ganz entzückt, Löwenstein! Wie verklärt Sie.aussehen! Meinen Sie nicht, daß Sie zuerst schochaur werdend" „Doch, doch" — erwiderte Löwenstein mit komischem Ernst. „Ich glaube, ich fange es schon an. zu werden! Jedoch will ich lieber so schwarz sein wie der Herr Rabbiner da, also leichtsinnig wie der Schauspieler, welcher am verflossenen Sabbat hier gastirte, und der frech genug war, sich „Rabbiner zu nennen!" „Ei, der Tausend!" — drohte ich lachend mit, dem Finger — „so in Mißcredit ist der herrliche Mann, der es mit der Zeit hält, bei Ihnen gekommen? Der arme Mann hat sich doch wahrlich alle Mühe gegeben. Ihnen gefällig zu sein. Ja, selbst das Rauchen am Samstag hat er Ihnen gestattet."— „Am Samstag rauchen? — ich?" stotterte Löweustein. „Nun ja. — So erzählten Sie doch wenigstens im Postwagen." „Erzählt habe ich eS allerdings" — sagte Löwenstein mit niedergeschlagenen Augen — „gethan aber niemals! Na, meine Frau würde sich schön bedanken, wollte ich so was thun!" So plauderten wir noch spät kn die Nacht hinein, bis die Gäste aufzubrechen begannen. „O, weh" — sagte Dr. Priester mit komischer Gebärde, indem er sich zum Fortgehen anschickend, mir die Hand reichte — „jetzt gibt es gar keine Rettung mehr! — Ich war boshaft genug, mich mit der Hoffnung zu trösten, daß eine. Berufung noch keine Wahl sei. Nun sehe ich aus die Berufung die Wahl erfolgen. Sie haben ja die Leute rein bezaubert. — Sie machen doch uns morgen auch das Vergnügend Sie finden in meiner Mutter eine Gesinnungsgenossin." „Und in Fräulein Fanny!" entschlüpfte es meinen Lippen und eine flammende Rothe bedeckte mein Gesicht. Dr. Priester, der die Thüre schon in die Hand genommen hatte, ließ sie los und maß mich einige Secunden mit erstauntem Blick, dann sagte er: „Dünnerwetter, Doctor! Woher kennen Sie den Namen meiner Schwester?" In sehr verlegenem Tone erzählte ich ihm von unserer Begegnung und rieth ihm sich nach Samstag den Bart abnehmen zu lassen. Laut auflachend ging er nach Haus. . (Fortsetzung folgt.) Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des »Israelit* gr. Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdrnckerei (MainzerAnzeiger).