Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1884)
- Date
- 1884-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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301 stchtigkeit vor Ihm. Er will die krankhaften Symptome, die unsere Seele schmerzhaft erregen, schon im Keime ersticken und gab uns daher als Mcdkcamente die Mitzwaus. Wie dürfen wir kurzsichtige und geblendete Menschen zu unserm Seelenarzte sagen, daß wir Seine Verordnung unweise finden, weil sie uns von scheinbar schmackhaften Speisen zurückhaltend Gott, der die leiseste Regung unseres Herzens kennt, wird wohl auch totiicn, daß diese Leckerbissen von verderblichem Einflüsse für unser Gemüth sein könnten. Er in Seiner Güte wußte es, daß das menschliche Herz leicht zu verführen und zu berücken sei. Er wußte es, daß auf die Pfade des Menschenlebens Netze und Fallstricke ansgeworfen seien und der Mensch ohne sittlichen Halt seiner Schwäche unterliegen müsse. Das sollte aber nicht sein! Denn versprach Er doch in Seiner Güte der Seelenarzt des schwachen Menschengeschlechtes zu werden ^x '2 iby D’it'K xb D’^scü yiösp nrx n)non bz V»sn Alle Seelenkrankheiten, die in Aegypten durch den Tand des Götzencultus und durch die Gespenster des Heidenthums vornehmlich wütheten, sollen bei den Juden nicht zum Ausbruche gelangen. Daher gab er uns die Thora, vor deren Strahlenglanz und Heiligkeit sich alles Laster und Unsittsame verkriecht, wie die Raubthiere vor. dem Scheine der Sonne, und die den Menschen zu einem edlen, sittlichen und höheren Wesen erzieht." „O, eine vortreffliche Zurückweisung!" — sagte Frau Nathansohn mit strahlendem Gesichte, während sie den nachdenklich vor sich hinsehenden Dr. Priester mit schadenfrohen Blicken ansah. - „Ja, ja Herr Doctor!" — rief Hornstein aus und schlug Dr. Priester auf die Schulter — „bei einem Rabbiner kommen Sie mit Ihren Attaquen auf das Judenthum doch nicht so gut durch! — Bei uns natürlich! — Na wir müssen Alles glauben, weil Sie doch ein geblldeter Mann sind!" „Ich möchte Sie bester Doctor," — sagte Nathansohn, dem es, wie es schien, d->.ran gelegen war, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben — „um die Erklärung eines in der That etwas unverständlichen Verses bitten. In Genesis C. 25, V.5 heißt es: orrcx Abraham gab Alles, was er sein Eigen nannte, pns'? n inx zz nx dem Jsak und gleich darauf theilt uns die heilige Schrift mit 'nv wno orrox jru ü’iri^n. Hat Abraham seinen ganzen Besitz dem Jsak übergeben, wie uns zuvor mitgetheilt wird, woher hatte er die Geschenke für die o-irr vz hergenomwen?" „Bei Ihnen, Herr Nathansohn, findet man sofort den Kaufmann heraus," gab ich lachend zurück — „die allenfalls etwas unsichere Mittheilung von der Besitzvertheilüng Abrahams hat Ihre Aufmerksamkett erregt. Die Frage verdient indeß in Erwägung gezogen zu werden. Gestatten Sie aber, daß ich zuvörderst eine Legende in Erinnerung rufe. Ein Mann reinigte einst sein Feld von Steinen und warf die eingesammelten auf die vor seinem Acker vorbeiführende Landstraße. Ein Gelehrter, welcher auf jener Straße lustwandelte, rief ihm zu: Halte ein, Thor! — Warum wirfst Du Steine aus einem Gebiete, das Dir nicht gehört, in ein Gebiet, das Dein Eigenthum ist. „Lächerlich!" — spottete jener — „O wie thöricht! Das von meinem Vater geerbte Grundstück soll nicht mein Eigenthum sein, der Landweg dagegen, welcher allen Menschen ohne Unterschied der Nationalität dasselbe Recht gewährt» mein Gebiet? Ha, ha! Welche sonderbare Einfälle diese Herren Gelehrten doch zuweilen als haben!" Es dauerte nicht lange, verarmte dieser Mann derart, daß er obdachlos und aus Mangel an Geld auf offener Straße zu übernachten gezwungen war. Da waren es die herumfahrenden Steine, welche er einst so gedankenlos auf den Weg warf, die ihm den Schlaf raubten und ihn in seiner Nachtruhe störten. „Ach," — jammerte er — „wie recht hatte der Gelehrte mit seiner Warnung, die er mir in dem Tagen des Glückes zugerufen!" — Die Legende will uns die Nichtigkeit und Haltlosigkeit der irdischen Bcsitzthümer veranschaulichen. Ein leiser Lufthauch — und das Rad des Geschickes dreht sich ab-statt aufwärts; — ein Windstoß — und es wirft , das Werk um, woran mehrere Generationen mit der Aufbietung ihrer ganzen Kraft gearbeitet! — Was aber vor Verwitterung und der zerstörenden Hand der Zeit geschützt und wohl geborgen ist, das sind die Erfahrungen und die Erkenntnisse, welche während des Lebens gesammelt worden. Die geistigen Errungenschaften des Menschen sind von ewiger Dauerhaftigkeit und stehen endlos, unumstößlich da. Denkmäler, Prachtbauten verwittern, aber die Lebenserkenntnisse sind von ewigem Glanze umflossen. Immer neu nnd ewig frisch treten sie uns mit dem Haltrufe entgegen: Stehe still Wanderer! Hemme Deinen Schritt Pilger! Du vorwärtsstürmende Menschheit, eile nicht einem endlosen Abgrunde entgegen! Du willst gegen die Lebensweisheit, gegen die Erfahrung den Streich führen! — Wenn nun von Abraham erzählt wird, daß er Alles, was er sein eigen nannte, dem Jsak gab, so kann es nicht sein irdischer Reichthum gemeint sein; denn was ist dieser gegen die geistigen Schätze, welche Abraham während seines langen Lebens gesammelt? — Alles was sein Eigen war, gab er dem Jsak, der irdische Reichthum konnte sein Eigenthum nicht genannt. werden. Was aber sein Eigenthum in Wahrheit war, das sind seine errungenen Gottes- und Lebenserkenntnisse und eben diese gab er dem ihm würdigen Sohne, damit er in seinem Geiste fortwirke. Den D’tw^sn »ja gab er