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Der Israelit · 1884-02-18 · Heft 14 (18.2.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 14 (18.2.1884)
Date
1884-02-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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233 „Ich glaube Siegfried. Ja Siegfried Stein." ' „Siegfried?" wiederholte ich, und ein schmerzlicher Seufzer der Enttäuschung entrang sich meiueiu beklommenen Herzen. — „So hieß er nicht! — Wissen Sie nicht, wo er geboren ist, und wer seine Eltern waren? — O bitte — ja, ich beschwöre Sie! erzählen Sie mir Alles, was Sie von seinem Leben wissen. — Er gleicht ausfallend einem mir nahestehenden Verwandten!" — Nathansohn sah mich mit seinen treuen Augen voller Spannung an, dann reichte er mir freundlich seine Hand und versetzte: „Habe ich, ohne es zu ahnen, wehmnthige Erinnerungen geweckt? — Wie schmerzt mich das?! — Von dein früheren Leben des Herrn Amtsrichter ist mir leider ebensowenig bekannt, wie ich seine jetzigen Lebensverhältniffe kaum mehr als. sehr oberflächlich zu schildern im Stande bin. Er lebt vollständig abgeschlossen, und sein ganzer Verkehr beschränkt sich nur auf den erblindeten Gymnasialdirector Eervus, dessen täglicher Gast er sein soll.. Niemand weiß mit Sicherheit seinen Geburtsort und die Familie, welcher er entsprossen, anzugeben. Man weiß nicht einmal, wo er zuvor als Amtsrichter thätig war. Ebensowenig kann ich etwas Näheres von seiner Eoniession erzählen. Sein Fuß hat während seines hiesigen Aufenthalts weder eine Synagoge noch eine Kirche betreten. Zwar behauptet man allgemein, er sei ein getaufter Jude; aber Fama kann ja auch zuweilen lügen. Was aber ganz besonders auffällig ist und ihm das Gepräge eines Sonderlings gibt, ist sein Gebahrcn am Sabbat und an den Feiertagen. Da soll er, so lange die Synagoge den andächtigen Betern geöffnet bleibt, nicht aus der Nähe derselben weichen. So oft die Leute ein- und ans der Synagoge gehen, begegnet man dem Amtsrichter, welcher ruh- und rastlös das Gotteshaus zu umkreisen scheint. Am verflossenen Versöhnnngstage wollen ihn Viele gesehen haben, wie er an der Faeade der Synagoge gelehnt, säst den ganzen Tag gestanden und tief ausscnszend und stöhnend auf den Gesang der andächtigen Gemeinde gelauscht. Dem Ausdruck seines Gesichtes nach zu benrtheilen, muß er in einem jüdischen Hause das Licht der Welt erblickt haben: aber wer weiß da Gewisses zu berichten?" In diesem Augenblicke kam der Amtsrichter noch einmal an uns vorbei. Sein Kopf war gesenkt und seine Angen blickten starr ans den Boden. Wie gebannt hing mein Blick an der hohen Gestalt, die, wie es schien, sich mit schweren Gedanken beschäftigte. Plötzlich schlug er seine großen, schwarzen Augen zu mir empor und maß mich mit finstern und forschenden Blicken, während auf seinem Gesichte etwas wie Schrecken und Ueberraschung zu lesen war^ Dann fuhr er mit seinem Taschentuche über die Stirne, als ob er die dunklen Schatten von dort verscheuchen wollte, lmtete leise grüßend seinen Hut und ging langftunen Schrittes dem Markte zu. „Lassen Sie auch uns umbrechen, bester Herr Doctor," sagte Nathonsohn, „meine Frau erwartet uns schon mit Ungeduld." „Allmächtiger Gott," dachte ich. indem ich still, nachdenklich vor mich hinsehend, an der Seite des Herrn Nathansohn schritt. „Sollte dieser finstere Mann, der so ganz verlassen durch ein freudloses Leben dahinschreitet, mein Bruder Salomon sein, dessen Lebenselcment einst Frohsinn und Heiterkeit war? — Ein getaufter Jude? — O, wie entsetzlich, wie schauerlich klingt das Wort! Welch'^wogende Flnth von Jammer und Verzweiflung liegt darin ausgesprochen! — Armer Vater, Dein Herzleid war nicht unbegründet! Dein Segen, welchen Du mit röchelndem Athemzuge in dkm letzten Augenblick Deines . Erdcnwallens ausgesprochen, galt nicht dem getauften Juden! — Und Deine Thränen, liebe Mutter, die Du sorgfältig vor mir und meiner Schwester Hulda zu verheimlichen suchtest, welche aber uns schon längst verrathen hatten, daß sie dem Verstoßenen geweiht sind, vermögen Deinen ältesten Sohn von der Schuld nicht rcinzuwaschen! Sein Vergehen ist zu groß, und zu tief hat die Sünde ihre blutige Schrift in die Tafeln seines Herzens eingegraben! — Aber was träume ich denn? Wohin trugen mich nur schon wieder meine Phantasien? — Der hiesige Amtsrichter heißt Siegfried, — mein Bruder wurde Salomon genannt! und was kümmert mich das Geschick eines wildfremden Menschen? — Und die Aehnlichkeit? — Pah! — Wie diese , immer stichhaltig ist, habe ich ja heute selber erfahren. Gleiche ich dem Dr. Priester nicht Zug für Zng, und sind wir heute nicht selbst von seinen Verwandten verwechselt worden? und doch stehen wir in keinerlei verwandtschaftlicher Beziehung zu einander. — Und der Name- Stein? — Nun, der wird nicht blos Eigenthum meiner Familie sein, er kann ja auch noch von an-. deren Familien geführt lverden — alltäglich genug ist er schon dazu!" So bemühte ich mich meine schmerzliche Erregtheit und die tiefe Trauer, welche der Anblick des Mannes in mir wachgernscn, zu bekämpfen, als wir das Nathansohn'sche Haus betraten, ans welchem uns Frau Nathansohn mit strahlendem Lächeln ans dem milden Gesichte entgegenkam und uns das übliche „Gut Sabbat" bot. „Gut Sabbat!" — Erleichtert alhmete ich auf, und die schmerzlichen, trüben Jugenderinnernngen, die mein Gernüty mit' tiefer Trauer und Wehmuth erfüllt, mich gequält und geängstigt, zerrannen wie die dichten Nebelschichten vor den hervorbrechenden

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