Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1884)
- Date
- 1884-02-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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216 Kritik in dem Sinne der entwickelten Ansichten vorweggenommen, indem er sein Werk „Prager Ghettobilder" betitelt. Genrebilder sind es mit der ganzen Anmuth und dem vollen Liebreiz dieser Gattung, und wer sich auch mit der kulturhistorischen Seite des Ghetto vertraut machen will, der findet in den ersten zwei Erzählungen „Die Antipoden" und „Durch Trauer zmn Glück" des Belehrenden und Aufklärenden hierüber genug. An die zweite dieser Erzählunden darf der kritische Maßstab der Kunst um so weniger angelegt werden, als der Vrrfaffer wiederholt bemerkt, er erzähle nach einer wahren Begebenheit und daß Kohn ein Erzähler par excellence ist, braucht den Lesern dieser Blätter nicht erst gesagt zu werden. Die dritte Erzählung „David Leb Magdeburger" — welche bereits in diesen Blättern erschien — ist in jeder Beziehung als höchst gelungen zu bezeichnen und verdient den besten Leistungen auf dem Gebiete der historischen Dichtung zugezählt zu werden. Hier bat Kohn die ideale Höhe der Ghettopoesie erreicht, hier hat er das in der dichterischen Phantasie durchlebte Ghettoleben plastisch dargestellt und den ihn durchdringenden Empfindungen, den ihn beherrschenden Gefühlen, dem ihm innewohnenden Humor durch psychologisch wohlmotivirte Charaktere poetischen Ausdruck verliehen. Die Leser, welche sich David Leb Magdeburger in's Gedächtniß zurückrufen werden, dürften mit uns in diesem Urtheil übereinstimmen. Schließlich wollen wir noch dem Verleger PH. Reclam, der die genannten drei Erzählungen in der billigen Ausgabe der Universalbkbliorhek dem deutschen Publikum zugänglich machte, unser aufrichtiges Lob aussprechen. Prag. I. H. Zeitungsnachrichten und Gorrefpondeuzen. Deutschland. Aus Westpreußen. Zum Mord in Sturz schreibt die „Danz. Ztg.": Ueber den durch verschiedene Verdachtsmomente belasteten und deshalb verhafteten Handelsmann Josephsohn kursiren in einzelnen Blättern bereits allerhand abenteuerliche Mittheilungen, für die es aber bis jetzt noch an thatsächlichem Anhalt fehlt. Wie wir als zuverlässig vernehmen, spricht gegen den Verhafteten namentlich, daß er, einen gefüllten schweren Sack tragend, am Abend des Verbrechens in der Nähe des Ortes, wo man später die verstümmelte Leiche auffand, gesehen sein soll und daß er bisher nicht im Stande .war, femen Aufenthalt an dem betreffenden Abend nächzuweisen, ferner eine kleine Wunde am Daumen dev einen Hand, welche sich als wahrscheinlich von einem Biß herrührend kennzeichnen soll. Ueber die etwaige Ermittelung weiterer Verdachtsmomente ist bis jetzt etwas Zuverlässiges nicht bekannt. Ist Josephsohn wirklich der Mörder, dann könnte nach allen bisherigen Anzeichen nur gemeine Rachsucht, vielleicht gepaart mit krassem Aberglauben (?), das Motiv der unheimlichen That sein, da zwischen dem ermordeten Burschen und dem I. eine lebhafte Konkurrenz bei kleinen Kaufgeschäften bestanden haben soll. Die t. Negierung hatte folgende Bekanntmachung veröffentlicht: . „Äm 21. Januar ist der 15jährige Sohn des Schneiders Zibulla zu Sturz verschwunden. Am folgenden Tage wurde feine entsetzliche verstümmelte Leichein der zu Sturz gehörigen Feldmark des Gutes Rüsehof unter einer Brücke aufgefundcn. Die Leiche hat mehrere Wunden am Kopfe, der Hals ist durchschnitten, der Bauch ausgeschnitten und sämmtlkche innere Theile herausgenommen. Die Oberschenkel beider Beine sind anscheinend mit einem sehr scharfen Instrument abgeschnitten und bei der Leiche nicht vorgefunden. Die Motive des Mordes sind durchaus unbekannt. Der Ermordete war ein harmloser Knabe und nicht im Besitze von Geldmittel; seine Ettern sind ruhige, friedliebende Leute' Wer ^en Mörder in der Weile zur Anzeige bringt, daß seine Festnahme und Bestrafung erfolgen kann, erhalt eine Belohnung von 100 M>". Gleichzeitig hätte ein Comitö in Sturz 200 M. ansgesetzt. Niederfept, 30. Jan. Heute fand hier eine ns'^n statt. Dieses Ereigniß verdient nicht nur deshalb in Ihrem gesch. Blatte erwähnt zu werden» weil die ältesten Mitglieder der hiesigen Gemeinde, der Vollziehung eines solchen religiösen Aktes sich nicht erinnern können, auch nicht deshalb, weil die betreffende -snn eine 60jährige Frau mit einem 68jährigen Wittwer in den Ehebund zu treten gedenkt, sondern deshalb, weil sich der ca» anfangs, trotz Vermittlung und Zuredens des hiesigen Rabbiners Dr. Singer '"2 starrsinnig weigerte, die nrtn an sich vornehmen zu lassen und nur durch das in diese Angelegenheit energische Eingreifen des; RabbinersHerrn Dr. Gold st ein in Dürmenach, der überall, wo es sich um die Erhaltung des reichsläudischen und schweizerischen Judenthums handelt, weder Mühe noch Anstrengung und llnannehmlichkeiten scheuend, muthig, unerschrocken, selbstverleugnend und rücksichtslos Auftritt, die Vollziehung der ~s':n n sc vor sich ging. Vor etwa 9 Jahren handelte es sich inDürmenach ebenfütls um Vollziehung einer ns»^n mso. Dem damaligen in Dürmenach sungirenden Rabbiner, wie auch anderen Rabbiner gelang es aber nicht, den