Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1884)
- Date
- 1884-02-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXV, Jahrgang. Erlir Beilage zu Nr. 13 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Prager Ghcttobilder von S. Kohn bei Philipp Reclam jun. in Leipzig, Band 1825 und 1826 bcr- Universal-Bibliothek. Geschichtsschreibung und historische Dichtung haben ein verwandtes Ziel: Die Trümmer versunkener Zeiten aufzurichten, veraltete Anschauungen den neuen gegenüberzustellen, die Vergangenheit der Gegenwart näher zu bringen und dadurch auch das bessere Verständniß der gegenwärtigen Verhältnisse anzubahnen. Erstcre vermag dies, indem sie den ungeheuren Stoff vergangenen Geschehens nach wissenschaftlichen Prinzipiengeordnet, im pragmatischen Zusammenhänge schildert; letztere, indem sie das von der Geschichtsschreibung gelieferte Material in seinem causalen Zusammenhänge ersaht, die leitenden Ideen der Geschichte in Gestalten verkörp.rt und Charaktere bildet, welche als Ausfluß jener Ideen das Leben vergangener Zeiten in seinem ganzen Neichthum darstellcn. Der Historiker muß sammeln, ordnen und sichten und aus dem Gewonnenen ein möglichst objektives Bild vergangener Verhältnisse liefern. Cr darf daher den historischen Stoff nicht in die durch seine Anschauungen vorhergegebene Form pressen, er darf die ihn beherrschenden Ideen nicht zugleich auch seinen Stoff beherrschen lassen. Der Dichter hingegen kann nie anders als schöpferisch auftreten und weil in der historischen Dichtung der Stoff gegeben ist, wird er sich gerade in der Form als Dichter bewähren. Was macht denn den Dichter zum Künstler? daß er die Ideen, die ihn bescherrschen, nicht anders als verkörpert darsteCen kann. Dem historischen Dichter ist alles Vergängliche nur ein Gleichniß, wodurch er seine Empfindungen begreiflich macht und das Unbeschreibliche — durch ihn ist es gethan. Er kann nicht beschreiben, was sein Herz in zu gewaltigen Strömen überfluthet, seine Phantasie muß dem Verstände nachhelfen und er schafft Gestalten, die nichts anders bewegt und nichts anderes erfüllt, als was ihn bewegt und ihn erfüllt. Bei historischen Dichtungen wird der Künstler, um in der Darstellung von Charakteren, die den Verhältnissen der Vergangenheit entsprechen, seine Empfindungen auszudrückcn, auch von diesen Verhältnissen durchdrungen sein müssen, er muß gleichsam das vergangene Leben noch einmal selbst durchleben. Ghettogeschichten gehören der historischen Dichtung an und beim Ghettodichter ist daher zweierlei nöthig: das intuctive Erfassen des Ghcttolebcns, weil er es ja in der Phantasie selbst durchleben muß und die Durchdringung des Ghettolebcns von den innigsten Empfindungen des Dichters. Je höher und umfassender die Anschauungen des Dichters sind, von je tieferen Gefühlen er ergriffen ist, desto herrlichere Gestalten werden seiner Phantasie entspringen, desto poetischer wird sich die dem Leser vorgeführte Vergangenheit zeigen und der Dichter wird'wirken, nicht weil er wirken will, sondern weil er selbst ergriffen das Gemüth ergreift. Mas heißt daher Ghettopoesie? Etwa Geschichten schreiben, die der Verfasser, weiter die historische Bedeutung eines jeden Steinchens in der „Gasse" kennt, im Ghetto sich abspielen zu lassen beliebt, Geschichten, die — wenn sic einiger historischer Hüllen entkleidet werden, ganz gut oder vielleicht noch besser in . jeder beliebigen Straße unserer Städte vor sich.gehen könnten? Gewiß nicht! Im Ghetto und imr im Ghetto, im engsten religiösen und socialen Zusammenleben, offenbarte sich all das, was ein Ausfluß des jüdischen Herzens ist, und den reichen und tiefen Empfindungen dieses jüdischen Herzens, dem innersten Gedankenlebcn der jüdischen Volksseele in allen wirklichen und ge- .dachten Verhältnissen, wie nicht minder in der werkthätigen Opposition gegen Einflüsse von außerhalb „der Gasse" durch Gattungscharaktere dichterischen Ausdruck zu verleihen — das heißt Ghcltopoesie. Der Ghettopoet muß. die ergreifende Tragik des Bal-Tesubathums, die hingebungsvolle Liebe jüdischer^ Eltern, die unwandelbare Treue jüdischer Ehegatten, die wachsame Sorgsamkeit jüdischer Großmütter, die unergründliche Tiefe des jüdischen Mutterherzens, die Eharakterfülle und Keuschheit jüdischer Jungfrauen, die humorvolle Brautwerbung jüdischer „Jungen", die Eigenartigkeit der jüdischen Gelehrten, des jüdischen Handelsmannes, des jüdischen Handwerkers, kurz die Macht der jüdischen Moral, der jüdischen Welt- und Lebensanschau-:ng, wie sie die Geschichte des Ghetto lehrte, in poetischem Gewände, in poetischer Verklärung, d. h. von seinen Empfindungen beseelt, plast-sch vorfübren. Der Schriftsteller, dessen drei Erzählungen aus dem Ghetto uns zur Besprechung vorliegen, hat eine