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Der Israelit · 1884-02-11 · Heft 12 (11.2.1884) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 12 (11.2.1884)
Date
1884-02-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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198 sah er aus! Seine Augen rollten wild, seine Brust hob sich keuchend und seine zur Faust geballte Hand erhebend, rief er mit heiser klingender, ganz entstellter Stimme, die mich zvsammenfahren ließ, aus: „Aus meinen Augen Posehe beloke jisroel! Das also t|t das Resultat meiner Erziehung? Das der. Dank meiner schlaflosen Nächte? — O, daß ich so was von meinem Fleisch und Blut erleben muß!" „Aus meinen Augen, Schandbube!- "Ha! ha! ha!" lachte er laut auf— und es war ein so schauriges Lachen, daß ich mein Blut erstarren fühlte. — „Du entblödest Dich nicht, als Dank für die Dir so zahlreich erwiesenen Wohlthaten meinen, mir noch einzig gebliebenen Sohn, mein Trost — ein junges Kind — auf Deine gottlose Abwege zu geleiten!" Und von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, eilte ich zu meinem Vater hin, liebkoste und streichelte seine Hand — da hob er mich zu sich empor, schaute mir ins Auge und drückte mich stürmisch an seine Brust. An meinen Bruder vorüber und auf dessen bittenden Blick, dem der stürmische Zornausbruch des. Vaters die Sprache geraubt zu haben schien, und der wie gebannt noch immer mit der dampfenden Cigarre in der Hand auf den: nämlichen Platze stand, nicht achtend , trug er mich aus dem Garten, während er seine Hand wie segnend auf mein Haupt legend, sprach: „Du wirst Rabbiner, mein Max!" Vor sich murmelte er: „Gin geblendeter, eitler Thor war ich, daß ich mich in einer schwachen Stunde beeinflussen ließ, ihn Jurisprudenz studiren zu lasten. Das hätte ich voraus sehen sollen! Wozu hat der Jude noch eine andere Jurisprudenz nöthig? — Genügen ihm und v'pOis*) nicht?!" — Was mag nun aus meinem armen, geblendeten Bruder, dessen herrliche Gestalt ich nicht vergessen konnte, geworden sein? Seit jener verhängnißvollen und trübsten Stunde meiner Kindheit hatte er nicht mehr die Schwelle des Vaterhauses betreten; auch dann nicht, als nach vier Jahren mein armer Vater am Herzleid gestorben. Wo mag er nur. weilen, dieser Bruder, der die kindliche Pflicht am Sterbebette seines Vaters versäumte? — Zwar habe ich vor einigen Jahren in einem Amtsblatte von einem Stein gelesen, der als Amtsrichter in L. angestellt wurde. War jener Stein mein Bruder? — Das Wetter entlud sich. — Ein greller Blitz, *) Der Talmud und die Entscheider. welcher in diesem Augenblicke niederfuhr, liest mich aus meinem trüben Hinbrüten auffahren. — Welch' Unwetter! Die Natnrelemente scheinen meinen Trübsinn zu verhöhnen, denn sie ässen die Bewegung, das Toben und Poltern meines Innern nach. — Heulend fährt der Sturm zwischen die Zweite der Bäume, rollend folgt Donner auf Donner, jähe zucken die Blitze auf und schwere Regentropfen benetzten »keine Stirne. — Ich spannte meinen Schirm auf und zog meine Uhr. Die Mittagszeit ist längst vorüber. Eiligst lenkte ich meine Schritte der Stadt zu. Ich hatte dir Allee durchschritten, als mir Nathansohn, welcher schon in der Ferne durch das fortwährende Schwingen seines Regenschirmes seinen Unwillen zn erkennen geben mochte, mir entgegenkam und athemlos ausrief: „Aber, um Himmelswillen Herr Doctor! Wo bleiben Sie nur bis jetzt? Bei solchem Hundewetter einen Spaziergang ins Freie zu machen, dazu gehört wahrlich doch mehr als eine sonderbare Passion! Ich habe Sie schon überall gesucht und bedauerte schon, daß ich voreilig Ihren Vortrag in der Zeitung annoncirte; denn ich glaubte, Sie feien spurlos verschwunden. Da traf ich Fräulein Priester, und diese sagte mir, daß sie Sie vor einer Stunde in jener Allee gesprochen. — Nun aber vorwärts. Abgesehen davon, daß ich bei solchem Wetter Lieber unter dem Schutze des Daches bin, als mich draußen herumzutreiben, haben Sie bei meiner Alten sehr viel gut zn machen..." „O, dann bitte ich sehr um Entschuldigung!" „Hm, meine Entschuldigung haben Sie schon im Voraus, aber, wie Sie mit meiner Alten fertig werden, ist Ihre Sache. Sie hat mir schon den Kopf vollgcjammert, daß das schöne Essen, welches sie Ihnen lekowaiul bereitet, verdorben gehe. Und jetzt noch gar der Schrecken, Sie bei diesem Unwetter draußen zu wipen! Na, wie gesagt, Sie haben es bei meiner Frau verdorben!" Trotz des Bedenkens des Herrn Nathansohn wurde ich von seiner Frau nur mit einem schwachen Tadel, aber mit nm so freundlicherem Gesichte empfangen, als sie erfuhr, daß mir sonst kein Leid zugcstoßen sei. . (Fortsetzung folgt.) ¥£3* Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in der nächsten Nummer. Hkerzn zwei Beilage». Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition de« .Israelis große Bleiche 4$. I. GvttSleben'S Bnchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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