Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1884)
- Date
- 1884-02-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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192 philosophische Denken sucht die letzten Gründe der Erscheinungen zn ersoffen. Es geht von den gegebenen Dingen ans, vergleicht sie miteinander, bestimmt ihre verschiedenen Eigenschaften, erforscht ihre Ursachen und Wirkungen, um so zu deren letztem Grunde zu gelangen, zur Gottheit ewporrusieigen. Die vorzüglichsten Denker der. gebildetsten Nationen haben auf diese Weise nach Wahrheit gerungen, ohne sic voll und ganz finden zu können. Bald schien ihnen das Sein, bald das Werden, bald die Ruhe, bald die Bewegung, der Begriff, die Idee, das Maaß 2c. der letzte Grund der Dinge zn sein. Wohl erkannten Biele der großen Denker der Nationen die Gottheit; allein zu der eigentlichen Idee des persönlichen. Gottes, des Schöpfers und Lenkers des Weltteils vermochten sie nicht sich emporzuringen. Die Gottheit, die sie lehrten, war das Produkt ihres eigenen Denkens. Das Höchste war ihnen die menschliche Vernunft, die, gleichsam auf hohem Throne sitzend, herniederschan.i auf die Ergebnisse ihres eigenen Erkennens. Anders ist es in Israel, dem Volke, das der göttlichen Offenbarung gewürdigt wurde. Als Abraham im eifrigsten Streben nach der Erkenntniß gerungen, da erschien ihm Gott, und offenbarte sich ihm, und ließ ihn so die ganze Wahrheit erfassen. So einte sich in Abraham das philosophische Denken mit der Offenbarung. Das große Ergebnis des be« wogten und thatenreichen Lebens unseres Vaters Abraham war das Nntcrordnen der Resultate seines philosophischen Denkens unter die Offenbarung, die ihm zu Theil wurde. Zehn Prüfungen hatte Abraham zu bestehen, und erst nach der zehnten spricht Gott: r\x ratsrn rrdi nnx n-p »a *nsn» nny »a .'jdd Tvrp rat „Denn nun weiß ich, daß Du gottesfürchtig bist, da Du Deinen Sohn, Deinen Einzigen Mir nicht entzogen." Diese letzte Versuchung stand im Widerspruche mit der Verheißung jnt -p anp’ pnsra »a. „Denn durch Jizchak sott Dein Geschlecht fortgepstanzt werden." Das logische Denken hätte sich gegen diesen Widerspruch aufgelehnt; die Gottesfurscht aber überwindet jede Versuchung. Deßhalb heißt Abraham O'i'vx *o' „Gottesfürchtig" weil er die Gottheit, die sich ihm offenbarte, höher stellte als den Gottesbegriff, der das Resultat seines eigenen Nachdenkens war. In neuerer Zeit begegnet man häufig der Ansicht, daß die Erkenntniß des einzigen Gottes ein Ergebmß des jüdischen Volksgeistcs sei, das Nesultut des Nachdenkens der israelitischen Deuker und Forscher, namentlich Moschch's, der damit auf eine Stufe gestellt wird mit Coufncius und Zeroaster, mir Lykurg und Solon. So schreibt ein berühmter Denker der Neuzeit (Ernest Renan): Die semitische Nace hat den Ruhm, die Religion der Menschheit hervorgebracht zu haben." — Dem ist aber nicht so; unser Volk hat die Religion nicht hervorgebracht, sondern sie ist ihm offenbart worden. Als der allmächtige Gott sein Volk ans Mizrajim befreien wollte, um ihm am Sinai das höchste aller Güter, die Wahrheit zn offenbaren» da galt es einen Boten zu finden, der ganz und gar frei von jeder Ueberhebung und jeder menschlichen Eitelkeit und Einbildung sich bewähre. Es ist die unbegrenzte Demuth die einzige Eigenschaft unseres großen Lehrers Moscheh, welche die heilige Schrift rühmend hervorhebt, naiatn »ja vp Disn ’tdo iko vjj? n»o enam „Und der Mann Moscheh, demüthkg gar sehr, mehr als alle Menschen aus der Oberfläche des Erdbodens." (4. B. M. E. 12, V. 3.) Und diese Demuth bewährte Moscheh sogleich bei seiner ersten Berufung. ov6k.i vrr a«ano an» o.. „Denn er fürchtete sich, hinunterzublicken auf die Gottheit." Der Philosoph, der sich selbst seinen Gottesbegriff constrilirt, befindet sich gleichsam auf dem hohen Piedestale der eigenen Vernunft und blickt von dort aus hinunter auf das Resultat feines eigenen Nachdenkens. Wer aber an den Gott der Offenbarung glaubt, der schaut zu Gott empor. Er kann Ihn nicht ganz und voll erfaffen, begreifen und verstehen; aber er glaubt an Ihn. Der Gott der Offenbarung war Moscheh nickt fremd; er kannte Ihn durch die Tradition, die ihm von feinem Vater Amram geworden, wie er selbst es uns verkündet mit den Worten vuatra« n:?« „der Gott meines Vaters, ich will Ihn Hochpreisen," (2. B. M. C. 13, V. 3) - Nun sollte er selbst, der göttlichen Erscheinung gewürdigt werden, und er fürchtete sich vor dem Gedanken, daß er das Resultat seines eignen Schaums und Denkens als den Begriff der Gottheit bezeichnen möckte; daher '2 vjs nvo -iron d’-Pk ba p*2no an» „verbarg Moscheh sein Antlitz, denn er fürchtete sich, auf den Begriff der Gottheit hinunterzublicken." Und weil er dieses fürchtete, deshalb erhob ihn Gott so hock, daß sein Antlitz wiederstrahlte von Gottes Majestät und daß sein eigener Bruder, der Hohepriester, und ganz Israel sich fürchten mußten, zu ihm hinzutreten. _ )')ar nwo im Luir haben hiermit nicht nur den Ausdruck neorr erklärt, der auch hier ein Schauen von oben nach - unten bedeutet, wir haben auch dm Midrasch erklärt, mit dem wir dieses Capitel begonnen, wieso dar vrar ne-jo lar^'n der entsprechende Lohn für an* *a n war; wir haben auch zugleich damit er-