Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1884)
- Date
- 1884-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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172 Nicht durste der Prophet seine eigene Gedanken und Gefühle wiedergeben, sondern mutzte sich darauf beschränken, das zu sagen, was Gott ihn zu sagen geheißen. Dagegen hatte er die Freiheit, die Ausdrücke seiner individuellen Begabung gemätz zu wählen. Auf der höchsten Stufe der Prophetie stand unser großer Lehrer Moscheh, und eben diese Größe war zugleich die äußerste Beschränkung seiner Individualität. Von dem, was ihm Gott offenbarte, durste er nichts hinweglassen, und nichts durfte er Hinzuthun. Wörtlich mußte er wiedergeben, was ihm Gott gleichsam in die Feder dictirte. Diese Beschränkung war der höchste Vorzug; sie ging aus der unendlichen Wichtigkeit der Lehre hervor, die er seinem Volke zu überbringen hatte. Nicht etwa, daß Moscheh in irgend einer Beziehung den andern Propheten und den Männern des isnipn nn nachstand, er vereinigte vielmehr, alle drei Stufen in sich. Die Psalmen, die wir von ihm besitzen, sind ärnpn nnn geschrieben. Der 90. Psalm, rww n?en, ist eine unter dem Einflüsse des heiligen Geistes verfaßte Darstellung seiner eigenen Gefühle. Die Leiden seiner Brüder in der Knechtschaft Mizrajims Haben dieses aus den Tiefen der schmerzerfüllten. Seele emporsteigende Gebet hervorgerufen. Er sieht Geschlecht aus Geschlecht in den Leiden der Knechtschaft hervorwachsen und dahinschwinden und erblickt auch darin die große Weisheit und die unendliche Fürsorge des allmächtigen Gottes. Wohl weiß er, daß der Tag der Erlösung endlich anbrechen wird; aber er betet, daß Gott ihn beschleunigen möge: „Kehre zu uns zurück, Ewiger — ach, wie lange noch — und erbarme Dich Deiner Diener! Sättige uns am Morgen unseres Lebens mit Deiner Gnaden Fülle, und wir werden jauchzen und uns. freuen alle Tage. Erfreue uns nun so lange Zeit, wie Dn uns hast leiden lassen, dir Jahre, die wir das Unheil sahen. Es möge sichtbar werden Deinen Dienern Dein Wirken, und auf ihren Kindern möge ruhen Deine Majestät." So betet Moscheh. Diesem Gebete ist keine Offenbarung vorausgegangen; aber es ist unter dem Einflüsse des icnipn nn entstanden, und daher befindet es sich nicht in der Thora, sondern unter den Ketubim, unter den Psalmen. Nicht der Inhalt und nicht die Person waren das Maßgebende für die Anweisung des Platzes, sondern der Grad der Prophetie. Wiewohl im Buche Daniel sich viele Voraussagungen der Zukunft befinden, so hat cs doch seine Stelle nicht unter den Propheten gefunden, sondern unter den Kcthnbim, da es ismpn nna und nicht nx«33 geschrieben. Wiewohl Jirmiiahu ein Prophet war, so haben doch seine Klagelieder ihren Platz unter den Kethubim angewiesen erhalten, weil sie tcmpn nra geschrieben wurden. Wir haben bereits oben nachgewiefeu. daß unser großer Lehrer Moscheh auch die zweite Stufe innehatte, ans welcher er den Inhalt und nicht den Wortlaut wiedergab, und daß er diesen^ Prophezeiungen mit den Worten: ‘~i nvrr na einleitete. — Die dritte und höchste Stufe blieb ihm allein Vorbehalten. Da die Thora ewig und unveränderlich ist/ da kein späterer Prophet das Recht hatte, ein neues Gebot zu geben oder ein neues Verbot zu erlassen, so lag es in der Natur oer Sache, daß diese höchste Stufe menschlicher Erhebung von keinem Andern erreicht werden konnte. Es konnte Jemand so weise oder noch weiser werden als Moscheh. es konnte Jemand so gut, so edel oder vielleicht noch besser und edler werden als Moscheh^— wie uns ja berichtet wird, daß Binjamin, der Sohn Jakobs, daß Jischai, der Vater Davids, daß Zerujah, die Schwester Davids sündenfrei und fehlerlos gelebt und gestorben — aber ein Prophet wie Moscheh konnte und durfte nicht mehr erstehen. Das liegt in dein Wesen der durch ihn uns gewordenen Thora. Kehren wir nun zu Koheleth zurück. König Salomo, der weiseste der Menschen, stand aus der Stufe des ah-pn nn. Die von ihm verfaßten Werke befinden sich in den Kethubim. Die höchste Weisheit hatte er erlangt; aber die beiden Stufe» der Prophetie waren ihm versagt :p£n »-an anüb nrnp vp3 Salomo wünschte ein Prophet zu werden; er wünschte, gleich den andern Propheten Dibre Chephez, die Worte Gottes dem Inhalte nach wiederzugeben: ja noch mehr rcx »m-t -»an» er wünschte, gleich Moscheh, die Befähigung zu erbalten, m'ror niederzuschreiben, -w», geradeso, wie Gott sie gesprochen, nvrr nan, die Worte der höchsten Wahrheit, wortwörtlich, wie Moscheh es batte thun dürfen; da erscholl eine Stimme vom Himmel und ries op so; ntcoD n-y »»33. „Und nicht darf ein Prophet ferner aufstehen in Israel, wie Moscheh war;" das Verlangen, wie Moscheh zu werden, schloß ihn von jeder Prophetie aus. - Aus dem Gesagten ersehen wir, daß die Wesenheit der Prophetie Moscheh's in dem Worte ns» bezeichnet ist; denn damit ist die wortwörtliche Wiedergabe der Offenbarung des allmächtigen Gottes dargelegt. In den folgenden Kapiteln wollen wir auch die Bezeichnungen so» und «»3i erörtern. (Fortsetzung folgt.)