Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-02-04 · Heft 10 (4.2.1884) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 10 (4.2.1884)
Date
1884-02-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449417--19543-2509032
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

158 Vortheile des Einen die NachLheile des Anderen. Auf geistigem Gebiete, in Sachen der Wiffenschaft haben der Neid und die Mißgunst weder Berechtigung noch Sinn; denn jemehr der Eine vom Geiste der Wissenschaft durchdrungen und erfüllt ist, umsomehr wird er wünschen,'daß auch Andere von demselben Geiste durchdrungen seien, und was der Einzelne auf geistigem Gebiete schafft und zu Tage fördert, das kommt der großen Gesammtheit zu Gut. Wenn der Einzelne auf noch unaufgehellten Pfaden, in verborgenen Tiefen, die der menschliche Geist bis jetzt noch nicht erforscht hatte, neues Licht verbreitet, so nützt dies der ganzen Menschheit, denn ins6 '-u nxo“ das Licht, das dem Einzelnen leuchtet, leuchtet auch Hunderten, wie unsere. Weisen sagen. Wenn wir aber dennoch obige Thatfachen hervorheben und besprechen, so geschieht es nur mit Rücksicht auf unsere Glaubensgenossen, damit sie durch das Beispiel der Nichtjuden angeeifert werden, ihrer Literatur mehr Interesse entgegenzubringcn; damit sie dafür Sorge tragen, daß ihre Kinder, die alle möglichen fremden Sprachen erlernen, eine genügend hebräische Bildung erlangen, um die Literatur ihres eigenen Volksstammes in der Ursprache zu verstehen, damit die Neichen und Vornehmen unter uns, die für Concerte und Bälle, für Theater und sonstige Vergnügungen immer. Geld haben, sich auch zur Unterstützung und Forderung der jüd. Literatur einige Opfer auflegen mögen. Hat uns schon die unselige Sucht, alles Fremde nachzuäffen, wenn es auch für unsere Verhältnisse nicht paßt, so unsägliche Wunden geschlagen und so große Nachtheile gebracht, indem sie Spaltungen und Parteiungen im jüdischen Lager bervorrief und die Brandfackel des Zwistes in die geeinigte Gemeinde Jakob's schleuderte, so sollten wir doch auch, wo diese Nachahmungssucht von Nutzen wäre, dieselbe bethätigen, indem wir von den Andersgläubigen lernen,, die Denkmäler der Literatur, die uns aus dem Schiffbruch -unseres staatlichen und nationalen Lebens geblieben sind, mit Liebe zu umfassen, sie zu hegen, und zn pflegen, damit mit der Kcnntniß der Schriften unserer Altvorderen, auch ihr Geist wieder bei uns einziehe und lebendig fortwirke. Wenn wir die Schwierigkeiten in's Auge fassen, mit denen jedes Unternehmen die jüdische Literatur und Wissenschaft betreffend zu kämpfen hat, aus Mangel an Theilnahme bei unseren eigenen Glaubensgenoffen, so kommt uns unwillkürlich die Klage unserer Väter in den Sinn: rosru „Unser geistiges Erbtheil wendet sich Fremden" — was hier selbstverständlich der Confeffion nach gemeint ist — „zu".. Unsere Väter batten bei dieser Klage noch den Trost, daß ihnen ihr EigenthuM mit Gewalt entrissen wirrde , während wir uns daffelbe in friedlichem Wettkampfe durch Nachläffigkeit und Jndifferentismus entwinden lassen. Mit Recht könnte uns hier der Vorwurf des Propheten treffen, orvry ordr ,on'pj? n^in nz?j>C3 Nach diesem Exkurs, der nur gelegentlich mit der Besprechung des Werkes zusammenhängt, wollen wir zn dieser selbst übergehen. WaS die Bedürsnißsrage anbelangt, so wird Jeder mir den Herren Verfassern übereinstimmen, daß ein gründliches Studium der nachbiblischen Literatur nur möglich ist, „wenn man die Abweichungen der neuhebraischen Sprache von dem biblischen Hebräisch wenigstens in den Hauptpunkten kennt und dadurch von dem oft' irreführenden Erratheu des Sinnes im Wesentlichen geschützt ist." Zwar die Juden, die sich mit dem Talmud beschäftigen, beginnen gewöhnlich dieses Studium in so früher Jugend, daß ihnen ein wissenschaftliches Lehrbuch unverständlich wäre und anderseits lernen sie deffen Redewendungen und Begriffsbenennnngen ex usa kennen, so daß sie füglich eines Lehrbuches entbehren können, wenn sie nur das biblische Hebräisch mit der nöthigen Sicherheit beherrschen. Aber für Nichtjuden, die sich namentlich ohne Lehrer mit dieser Literatur beschäftigen wollen, ist ein solches Lehrbuch eine Notwendigkeit, wenn sie nicht aus Schritt und Tritt den Sinn verfehlen und die lächerlichsten Schnitzer begehen wollen. So erinnere ich mich vor ganz kurzer Zeit, in dem neu erschienenen Werke eines berühmten deutschen Professors, die Worte m*3j mit „Körperkraft" übersetzt gesehen zn haben! Ebenda wurde der Satz: «rot* oy 01 -'-.cnn by 33m »jy ct *6 folgender Maßen übersetzt: „Die Gerechtigkeit, die nach Daniel 2c. verheißen ist, ist nicht die Gerechtigkeit nach Secharja 2e. verheißen ist." Der gelehrte Herr Professor Hat eben O für •’OT gelesen und hat das Wort für den Status constr. von «not gehalten, während es 8. Person Pluralis Persecti von rat im Sinne von „gerecht sein" ist. Solche Schnitzer sind für den, der das Neuhebräische mit Hülse der Bibelkenntniß bewältigen will, unvermeidlich. *) Fragen wir, nachdem wir das Vedürsniß anerkannt haben, — denn mit Reckt wird in. der Vorrede gesagt, daß eine den Anforderungen der Gegenwart genügende Anweisung nicht existirt" — in welchem Maße das Bedürfniß durch das obige Werk befriedigt wird, so freut es uns constatiren zu können, daß dieses Werk nach jeder Richtung hm nützlich und brauchbar genannt werden darf, wie es ja von solchen bewährten Kennern nicht anders zu erwarte» ist. * So schreibt Eduard Reuß m seiner berühmter» »Geschichte der Schriften de« A. T." S. 678: »Ter Lehrer «hielt den Titel Rad. in der Anrede Rabbi und später Rabban, RabbSmr rc." Zeder Talmudkenncr weiß, wie falsch und unhißorisch diese Darstellung ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.