Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1884)
- Date
- 1884-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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456 jedesmal durch, so oft er auch als Reichstags-Candidat auftrat. Erst nachdem er zum Vorkämpfer antisemitischer Priucipien geworden war, gelang es ihm, ein Reichstag-Mandat zu erwerben und in weiteren Kreisen von sich reden zu machen. Herr Simonyi umgibt sich übrigens mit Individuen höchst zweifelhaften Charakters. Sein Kompagnon (Miteigenthümer des „Westungarischen Grenzboten") wurde in den letzten Tagen wegen Wechselsälschung zu einer mehrjährigen Kerkerstrafe verurtheitt. Das Haupt der antisemitischen Partei in Ungarn ist der Abgeordnete von Rum, Victor Jstoczy. Er war der Erste, welcher im ungarischen Reichstage die Ideen Prof. Rohling's entwickelte und für sie auch mit seinen „Zwölf Flugblättern" die publizistische Propaganda begann. Er gehörte Jahre lang der Regierungspartei an und wurde erst im vorigen Winter durch einen Clubbeschluß zum Ausscheiden gedrängt; seither sitzt er auf den Bänken der äußersten Linken, wo auch alle seine übrigen Anhänger (im Ganzen drei Mann) zu finden sind. Er ist ein hochgebildeter Mann und bekundet in jeder Rede, die er hält, sein umfassendes Wissen und seine außerordentliche Belesenheit. Seine Ausführungen sind-immer, wenn er das Thema des Antisemitismus nicht berührt, in hohem Grade, interessant. Freilich verändert sich der ganze Mann in dem Augenblicke, wenn er auf die Juden zu sprechen kommt; der Gelehrte, der Denker, der Parlamentarier verschwinden im Rn; und zurückbleibt nur ein Mann, der die Beute einer maßlosen Leidenschaft ist, der alle Herrschaft über sich selbst verloren hat und selbst den Faden seiner Gedanken nicht immer sesthalten kann. Woher dieser Haß gegen die Semiten stammt, ist schwer festzustellen. Man erzählt, daß der Vater Istoczy's von einem getauften Juden in Oedenburg um einen Theil seines Vermögens gebracht wurde und sich aus diesem Grunde eine Kugel durch den Kopf schoß, und jener Wucherer zog dann nach Pesth, wo er seine Reichthümer genießen wollte, er starb aber bald und seine ganze Familie ging rasch zu Grunde; seine beiden Söhne wurden erschlagen, der ältere in besonders gräßlicher Weise durch den eigenen Diener, der ihn berauben wollte. Da hätte also das Schicksal alle Sünden des Vaters an den Kindern gerächt, die als anständige, ehrenhafte Männer bekannt waren. Das ist aber Victor Jstoczy nicht genug und er verfolgt die ganze Nation des Mannes, der durch einen Meineid seinen Vater in's Unglück gestürzt. Man sagt übrigens, daß für den alten Jstoczy durchaus kein Grund zu solchem tragischem Ende vorhanden war und nur eine angeborene Ueberspanntheit ihm die Waffe in die Hand drückte. Diese Exaltation vererbte sich auch auf den Sohn und unheimlich ist der unstäte. verstörte Blick des Redners, wenn er im Reichstage den Kreuzzug gegen die Semiten predigt. Er ist im klebrigen ein Mann von ehrenhaftem Charakter. Als er sich in den Couloirs des Abgeordnetenhauses so weit von seiner Leidenschaft hinreißen ließ, daß er gegen den jüdischen Abgeordneten Morkz Wahrmann einen Schlag führte, und in Folge deffen ein Duell zu bestehen hatte (das, wie bekannt, unblutig verlief), erwirkte er einen Aufschub des Zweikampfes, da er sich vorher ein Mädchen antrauen laffen wollte, das ihm Alles geopfert hatte und die Mutter seiner Kinder war. Gewiß ein schöner Zug, der wohl verdient, verzeichnet zu werden. Der eigentliche „Erfinder" des Tisza-Eszlarer Prozesses ist der Abgeordnete Onödy, dem man sonst nachsagt, daß Manches, was zum Glücke schon erfunden ist, durch ihn schwerlich erfunden worden wäre. Herr Onüdy hatte auch einmal eine unangenehme Affaire mit den Juden. Er war damals Stnhlrichter im Borsoder Komitat und ließ einen Juden in der Anwandlung einer Pafchalaune auf die Bank niederziehen, worauf die Komitatspandnren dem armen Teufel die üblichen Fünfundzwanzig verabfolgten. Der Jude ließ die Sache nicht auf sich beruhen; als er beim Komitat für die widerfahrene Mißhandlung keine Genugthuung erhielt, führte er beim Justizminister Klage, der damals Balthasar Horvath war, derselbe, der in den. letzten Tagen im ungarischen Abgeordnetenhaufe so warm für die Einführung der Civitehe plaidirte. Horväth ordnete die strenge Untersuchung des Falles an. Der Sachverhalt war der folgende: Einem Makler Onüdy'S waren sechs Metzen Hafer gestohlen worden und der Dieb verkaufte drei davon an den erwähnten Juden. Als dieser von dem Diebstahle hörte, erschien ihm seine Waare verdächtig, er begab fich zum Stnhlrichter und erstattete die Anzeige, der Komitatspascha verlangte aber sechs Metzen Hafer abgelkefert, während der Jude ihm nur drei, so viel er gekauft hatte, zur Verfügung stellen konnte. Dafür erhielt ei fünfundzwanzig Stockschläge. Zufolge der energischen Intervention Balthasar Horväth's wurde damals der Stuhlrichter Onüdy vom Komitate feiner Stelle vcrlustig erklärt. Das konnte der Mann dem Juden nicht vergessen. Onödy gehörte zu jenen zahlreichen Stuhlrichtern Ungarns, welche von den Wählern ihres Bezirkes mit Begeisterung in de» Reichstag geschickt worden, damit man fie zu Haufe nämlich — los würde. Wie bekannt, wölkte er während des Verlaufs des Tisza-Eszlarer ProzeffeS den k. Staatsanwalts-Substituten Eduard Seyffert thätlich attakiren und überhäufte ihn mit Beschimpfungen. Er wird sich nächstens deßhalb vor Gericht zu verantworten haben; die Jnfultirung richterlicher Personen hat auch in Ungarn eine mehrjährige Ge-