Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1884)
- Date
- 1884-01-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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daß ein zwanzigjähriges — heute schon nahezu vierzigjähriges — rechtschaffenes und arbeitsames Leben eine Iugendverirrung wohl wettmachen könne; heute ist diese Theorie von der ungarischen Gesellschaft auch bereits acccptirt und Csernatonh gehört derzeit zu den angesehcndsten und geachtesten Politikern seines Landes. Das war aber nach Wiederbeginn des constitntionellen Lebens in Ungarn nicht der Fall. Als der Abgeordnete Franz Pulszzy dem Romancier M. J«'»kai in offener Reichstagsfftzung vorwarf, er gehöre in die Kategorie der Leute vom Schlage Ksernatony's," suhlte sich Jükai so beleidigt, daß er den Redner zum. Duelle hcransfordcrtc. Der Zweikampf fand auch statt und verlief zum Glücke unblutig , cs trug keiner der beiden ausgezeichneten Männer auch nur eine Schramme davon. Solche Vorkommnisse nmßten den Charakter Csernatony's verbittern und diese Verbitterung spiegelte sich in jedem Zeitungsartikel wieder, den er schrieb. Sie trieften von Gift-und Galle. Dieser! liebenswürdigen Stil nahm sich nun der junge Verhovay zum Muster, so zwar, daß er den Meister sogar übertraf. Noch eine andere Charaktereigcnthümlichkeit Csernatony's wurde von Verhovay copirt und acccptirt. Cseruatony, den man in der ungarischen Gesellschaft mit. scheelen Augen ansah, warf sich nämlich zu ihrem Cato auf.und vergalt Gleiches mit Gleichem.. Er geißelte unerbitterlich die vielfachen Variationen der Korruption im heimischen Lande und griff unuachsichtlich jene an, die sich in ihrer öffentlichen Wirksamkeit Schlimmes zu Schulden kommen ließen. Er war so intolerant, wie man gegen ihn verfuhr, ja, häufig auch ungerecht. Er war es, der in einer denkwürdigen Reichstagssitznug dem ungarischen Ministerpräsidenten Lönyay vorwarf, er bereichere sich, während das Land verarme, ein Wort, das den Sturz des Premiers herbciführte. Als Koloman von Tisza zur Leitung der Geschäfte berufen ward, ging auch der „Ellenor" in das Negierungslager über. Julius Verhovay verließ damals die.Nedaction des Blattes (Ellenör heißt zu Deutsch „Der Con- . troleur;" ein gewiß charakteristischer Titel), arbeitete mehrere Jahre bei verschiedenen Organen der Unab- Hängigkcitspartei und gründete schließlich selbst ein Journal, den „Függetlensög" (Unabhängigkeit). Dasselbe war durchwegs in der vergröberten Manier Csernatony's geschrieben. Niemand, der in der Oeffentlichkrit irgendwie eine Rolle spielte, war sicher, von diesem Blatte nicht in der schimpflichsten Weise angegriffen, verdächtigt und beschimpft zu werden, gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht. Es hagelte Preßprozcsse gegen das Blatt; als aber die Geschworenen den Redacteur in einigen politischen Prozessen frcisprachen, hörten auch die Ehrenbeleidigungsklagen auf. Der Redacteur setzte die demagogischen! Wüblcrcien, die er in feinem Vüreau begann, auf j der Straße fort. Er war es, der znr Zeit der! bosnischen Campagne den Mob gegen das PakaiS l. des ungarischen Ministerpräsidenten führte, dem die! Fenster mit Steinwürfeu eingeschlagen, wurden; ein Stein flog sogar auf den Tisch, auf dem Tisza mit seiner Familie das Abendbrod einnahm. Hunderte sahen Verhovay und hörten seine Rede,' doch konnte er nicht festgenömmen werden, auch war es nicht möglich, ihm die Theilnahme an dem Krawall nachznweise». Verhovay war es auch, der die Straßenkrawalle gegen das ungarische National-Casino — Budapest befand sich damals mehrere Tage ut einem förmlichen Belagerungszustand — anstifrete. Seine ungerechten Verdächtigungen und Beschimpfungen vertheidigte er mit den Waffen in der Hand .und als ein Raufbold ersten Ranges hatte er eine Unzahl von Duellen; ein Arm ist ihmzufolgedieserKämpfegekähmt; eineKugcl, die in seine Brust fuhr, brachte ihn ein anderes Mal au den Rand des Grabes. Als Viktor Jstüczy im Parlament den Antisemitismus zn predigen begann, schloß V. sich mit Eifer dessen Tendenzen an. Die vierzehnmonatliche Untersuchung im Tisza-Eszlarer Blutprozeß bot ihm Zeit und Anlaß zu den Wühlereien, die in den Krawallen und Plünderungen im Preßbnrger, Zalaer und anderen Komitaten Ungarns, sowie in' Budapest die traurigsten Folge» hatten. Durch einlaufende Klagen aufmerksam gemacht, begann die k. Staatsanwaltschaft in Budapestdie Untersuchung gegen „Függetlensig" wegen Unterschlagung der bei dein Blatte emgelaufenen Spenden für wohkthätige und gemeinnützige Zwecke, besonders der ..Etangö"-Ge!der. Die Defraudation dieser letzteren Gelder war ein doppeltes Verbrechen, wenn man bedenkt, daß die unglücklichen Ctangü-Magyaren in der Bukowina, die zu Tausenden durch gewissenlose Chauvinisten nach Ungarn gelockt wurden, hier dem größten, schrecklichsten Elend preisgegeben waren; im Sumpflande der untern Donau colonisirt, waren sie zu den ungewohnten Dammarbeiten, mit welchen man sie beschäftigen wollte, unfähig und gingen znm Theilc an Hunger und Krankheit zu Grunde; Hunderte zogen bettelnd und in Lumpen nach der Bukowina zurück; nur der kleinste Theil blieb zurück, von öffentlichen Spenden kümmerlich das Leben fristend. Gelder dieser Art, mehr als zweitausend Gulden, wurden in der Redaction des „FüggetlensLg" unterschlagen. Die von dem Blatte emgekeitete Sammlung für einen armen, erblindeten, ungarischen Schriftsteller, Michael Lauestes, ergab mehrere hundert Gulden, die ihrer Bestimmung nicht zugeführt wurden. Ebenso dienten die eingelekteten Sammlungen für ein Denkmal der in Oien im Jahre 1848 gefallenen Honveds, für das Denkmal des Dichters Johann Arany re.-nur dazu, den finanziellen