Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-01-28 · Heft 8 (28.1.1884) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 8 (28.1.1884)
Date
1884-01-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449415--19508-2508995
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

125 Rußland. Petersburg. Der „Nowosti" meldet, daß der Mnistcr des Innern,Lerr von Gicrs, zum Mitglied der Commission ernannt werden wird, welche beauftragt ist, die Stellung der Juden Rußlands zu prüfen. Aus Warschau wird geschrieben, daß mehrere hundert jüdische Familien auf Grund eines alten Gesetzes, welches die Niederlassung der Juden inner- ' halb weniger als 60 Werst von der Grenze entfernt, verbietet, aus Befehl des Gouverneus aus Kamenitz Podolsk vertrieben worden sind. Herr Heinrich Reichmann, Director des jüdischen Asyls in Warschau hat vom Kaiser den Stanislansorden zweiter Klasse, und der jüdische Photograph, Herr Spiro in Petersburg, einen goldenen Becher mit kostbaren Steinen erhalten. was ich nicht Alles thun muß, um der Ehre, als Rabbiner begrüßt zu werden, aus dem Wege zu gehen! — Das hätte ich nimmer geträumt — ich und Rabbiner!? Ha! ha! ha! Köstlicher Spaß! — Seit ich den lustigen Studentcnrock abgelegt, hatte ich immer dunkle Gewänder getragen, Run kommt ein Rabbiner und zwingt mich durch eine verdammte Achnlichkeit in die längst schäbig gewordenen Studentcnklcider hinein. C’est terriblc, ma foi! Wollte schon heute Morgen einen Mord begehen: denn beinahe wäre mein schöugepflegter Bart als Opfer dieser abscheulichen Achnlichkeit unter der Barbierschecre -gefallen, wenn mir nicht frühzeitig, wie durch eine höhere Cingebnng, die Hellen Anzüge in den Sinn gekommen wären. .Ha! ha! ha! Guten Morgen, Herr Rabbiner!- — Muß schnell nach meinen Patienten schauen! — Komme aber morgen ganz bestimmt zur Predigt. Köstlicher Spaß auf Ehr'! mich selbst von der Kanzel herunterdonnern zu hören. Ha! ha! ha! Adieu! ha! ha!" Palästina. Aus Jerusalem kömmt uns die Nachricht zu, daß Neouf Paschäh, der Gouverneur von Jerusalem, den jüdischen Kolonisten zu „Pcsach Tikva" bei Jaffa Schwierigkeiten in den Weg legt. Derselbe habe, wie man sagt, entgegen seinen von der Pforte empfangenen Ordres befohlen, daß die von den Colonisten errichteten Häuser nicdergeriffen werden, weil, wie er angibt, keine Stadt und kein Dorf ohne speciellen Firman erbaut werden dürfe. Der deutsche und österreichische Generalconsul haben gegen dieses Porgehen protestirt und verlangt, daß diese Angelegenheit den Behörden zu Constantinopel zur Entscheidung vorgelcgt werde. Auch Herr Pines, Agent des Äontoüore 1'68tiinonial-b'unäs in Jerusalem, hat darüber an den Board of Deputies in London berichtet. Feuilleton. Uus dem Lebe» eines orkhodoren Aabbivers. Skizze von vi. Sta . . . 4. Capitel. Der erste Tag in M. - „Ah — gut geschlafen, Herr Rabbiner? — Vortrefflich?! — Nun, das freut mich sehr! — Sehen Sie? — Helle Kleider habe ich heute ungezogen, trotzdem ein Gewitter im Anzug ist! Ja, ja, So wurde ich am ersten Morgen nach meiner Ankunft von Herrn Dr. Priester, welcher eiligst vorbeikam, als ich am offenen Fenster angelehnt stehend auf die Straße hinausschaute, von demselben heraufbegrüßt. Es war Freitag —, ein Tag, an welchem man den Hausfrauen aus dem Wege gehen muß, wenn man nicht leichtsinnig ihre Gunst verscherzen will. Sehr früh wurde ich von Herrn Nathansohn geweckt und folgte ihm zur Morgenandacht in die schmucke Synagoge, wo ich allerseits mit staunendem Achselzucken und durchdringenden Blicken angcgafft und kopfschüttelnd begrüßt wurde. Mit steigender Ungeduld hatte ich dieses Gebühren bemerkt und freute mich durch das über den Kopf gezogene Talis meine innere Erregung verbergen zu können. Herr Nathansohn las wohl die stumme Frage in meinen Augen; denn als wir den langen Corridor der Synagoge durchschritten, sagte er plötzlich: „Das Erstaunen der Leute darf Sie nicht befremden, bester Herr Doctor! Sie können sich eben nicht in dickes wunderbare Naturspiel finden und! noch weniger begreifen, daß ein Rabbiner — und dazu noch ein orthodoxer Rabbiner, — die Gestalt und Gesichtszüge eines solchen irreligiösen Mannes, wie Herr Dr. Priester ist, haben kann." Nachdem ich den Morgenimbiß eingenommen hatte, zog ich mich auf mein Zimmer zurück, um i meine Predigt noch einmal zu memoriren. Ich hatte! meinen vielfarbigen Schlafrock angezogen, stopfte j meine Pfeife, von welcher ich mich auch auf der; Reise nicht zu trennen vermochte und ging mit derj selben dampfend in dem. Zimmer auf und ab. Aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.