Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1884)
- Date
- 1884-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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104 werde ich alle Pflichten erfüllen und kein Bedenken tragen, mit den schärfsten Maßregeln jeden Versuch von Unruhen im Keime zu ersticken. Die bewaffnete Macht wird auf den ersten Nus der Behörde zur Herstellung der Ruhe sich ans dem Platze einsinden und die Polizei die Excedenten verhaften. Aber auch Sie, meine Herren, müssen Ihre Arbeiter zusammenrufen, denselben die ihnen bei etwaigen Unruhen drohende Gefahr ans Herz legen und sie eines Besseren belehren. Sollten Unruhen ausbrechen, so wird die Polizei in jeder Fabrik Verzeichnisse der ab- Msenden Arbeiter fordern, und wenn irgend ein Fabrikant solche Verzeichnisse verweigere, so werde ich denselben als Miturheber der Excesse betrachten." A m e r i k a. Baltimore, 4. Jan. Das 28. Jahres-Bankett des „isr. Damen-Nähvereins" fand gestern Abend in der „Concordia^ statt. Der Saal war auf Schönste mit Blumen unk» Wohlthätigkeits-Sprüchen decorirt, und sechs auf das Reichhaltige geschmückte Tafeln harrten, mit allen nur denkbaren Delikatesten versehen, der Gäste, die da kommen sollten, und sie kamen; schaarenweise trafen die in Folge ihrer stets bewiesenen Oyferwilligkeit für Wohlthätigkeitszwecke so vorthcilhast bekannten isr. Bürger unserer Stadt in der „Concordia" ein; über 600 Personen waren anwesend, um dein Rufe der Damen zu folgen und abermals, wie schon früher so oft, ihr Scherflein auf den Altar der Humanität niederzulegen. Nach den Klängen eines von der Feldmann'schen Kapelle vorgetragenen Marsches zogen die Gäste paarweise in den Saal und gruppirten sich um die reich besetzte Tafel. Am Kopfende der Tafel nahmen Frau B. Wicsenfeld, die Präsidentin des fcstgcbenden Vereins, sowie Rabbi Dr. H. W. Schneeberger, der Redner des Abends, Platz. Eine Schaar Kellner erfüllte prompt jeden Wunsch der Gäste, und Alle ließen es sich schmecken. Rach aufgehobener Tafel verlas Frau G- Rosenfeld den Jahresbericht, aus welchem hervorgeht, daß die Ausgaben des „Damen-Rähvereins" int letzten Jahre 2714.36 betrugen, denen eine Einnahme von nur 2369.05 gegenüber steht. Das Defizit beträgt demnach Dollar 374.41. Während des verflossenen Jahres wurden 3982 Kleidungsstücke an Bedürftige vertheilt. Nach Verlesung. des Jahresberichtes erhob sich Dr. Schneeberger und sprach: «„Frau Präsidentin, meine Damen und Herren.' 'Im Namen dcS „Damen - Nähvercins" heiße ich Sie herzlick' willkommen. Ich danke Ihnen, meine Damen, herzlich für die Ehre, mich damit betraut zu haben, für Sie hier öffentlich zu sprechen. Da kein specieller Toast vorgeschriebe» wurde, so nehme ich an, daß mau von mir erwartet, über das immer gehörte Thema: .Wohlthätigkeit" zu sprechen, und da es so sehr mit meinem Amte verwandt ist, behandle ich es herzlich gern. Wer kennte nicht das wohlthuende Gefühl in deS Menschen Brust, wenn er ei» wohltätiges Werk gethan? Wer kennt nicht den aoldene» Faden, der durch des Menschen Leben laust, und an oem alle andere Tugenden, die wir besitzen', angeknüpst sind? Wohl darf man behaupten: Wohlthätigkeit erhebt eine Nation auf eine höhere Stufe, denn sie beschränkt unsere Wünsche, bringt uns tsiebe und macht uns glücklich. Sobald eine Nation nicht die Wohlthätigkeit zur Basis ihres Systems macht, wird ihre Prosperität schnell in sich;nsammen*allen, und jede einzelne Person, welche nicht Wohlthätigkeit übt. wird unbewcint und unbeachtet den letzten Athemzug thun. Wahrlich eher mochte es einem Vogel ohne Federn gelingen, in ferne Länder zu stiegen, einem Schiffe gelingen, ohne Ruder oder Segel das schützende User zu gewinnen, denn einem Menschen. sich dem Rufe der Humanität gegenüber kalt und unbewegt zu verhalten. Sympathie ist eine besondere Gabe d:s Himmels, und sie bringt einen zweifachen Segen mit sich, sie segnet Den» der gibt, und Den, dem gegeben wird. Von der Dankesrhräne derWittwe bis zu dem wohlthuenden Lächeln des elkerirloses Kindes, von dem warm ausgesprochenen „ich danke" des Hungrigen bis zu der stummen Empsangsbebescheinigung des verschämten Annen, alle erwecken sie im Menschenherzen das Gefühl der Zufriedenheit. Und diese Zufriedenheit wird Ihnen, meine Damen, im vollsten Sinne deS Wortes ztl Theil. Der Bericht, welchen soeben Ihr Secretär verlesen. gibt genügend Berechtigtmg, Ihnen für die unermüdliche Arbeit auf denr Felde der Humanität zu danken. Und wer könnte wohl besser Wohlthaten ansüben, denn eine Dame! Die Geschichte erzählt uns von Miriam, der Schwester Mosis, daß während ihrer Lebzeit unsere Vorfahren stets einen Brunne» in ihrer Nähe fanden, aus welchem sie neuen Muth und Kraft schöpfen konnten, aber mit ihrem Tode verschwand auch die wohlthnende Quelle. Aber Miriam war nicht länge todt» sie erstand ans dem Grabe, oder besser gesagt, der sie erfrischende Brunne» begleitete auf's Neue das Volk Is-ael, und Gott fei eS gedankt, so lange cs israelitische Herzen im Bilsen, israelische Frauen gibt, so lange wird auch der segenbringende Born in nnserer Mitte nicht versiegen. Ich garantiere sein permanentes Bleiben. 'Aber kennen Sie "diesen Brunnen? Es ist der alte, unerschöpfliche Born der Wohlthätigkeit, die offene Hand und das bereitwillige Herz, der Geist der Humanität, welcher den heilenden Balsam in die Wohnungen der Kranken trägt und dem Bedürftigen und Leidenden Kraft und Leben verleiht. Wer würde wohl den guten Einfluß unserer Damen zu gering schätzen? Ter Herr segne Sie, denn die Glorie Amerika's sind seine Frauen, und die Glorie Ba'timore's seine israelischen Frauen. Aber ich vergesse meine Mission, nämlich Sie zur Fortsetzung Ihrer Contribuuonevt zu dem edlen Werke nnserer Damen ansz'.nordern. Die Thatsache, daß Ihr Verein heute den 28. Geburtstag feiert» ist ein Beweis, daß Wohlthätigkeit in b*it Herzen unserer Frauen feste Wurzel gefaßt ,urd für immer darin grünen und blühen wird. Meine Damen und Herren! Ich würde meinen Auftraggebern nicht «Gerechtigkeit widerfahren kaffen, spräche ich nicht im Namen Derer, die Noth und Armuth heimgesucht, und von dem Resultat ihrer heutigen Freigebigkeit mehr oder weniger abhangen. Möge Ihre Donation so reichlich und liberal sein, als die Zahl der Annen, und mögen Sie auf's Neue beweisen, daß Wohlthun die beste Tugend Israels ist."' Nun begann das Colleciions-ComitL seine Arbeit, und binnen Kurzem, konnte es den harrenden Damen verkünden, daß die Kaffe des „Damen-Nähvcreins" um Lstr. 775 reicher sei.