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Der Israelit · 1884-01-24 · Heft 7 (24.1.1884) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 7 (24.1.1884)
Date
1884-01-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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101 den Genesung und Heilung. Mit inniger Zufriedenheit und froher Gcnugthuung sprachen sich viele darüber aus, daß der „Israelit", als das älteste und berufenste Organ aller Gesctztreuen, seine Spalten wieder einmal geöffnet, um diesen krankhaften Zuständen, die jeder kennt, keiner aber zu brechen den Muth hat, unverhülltcn Ausdruck zu geben und mit seiner weithin tönenden Stimme deren Beseitigung dringend zu fordern. Sie erkennen es gerne an, daß nicht Böswilligkeit oder gar Uebelwollen, sondern die innige Liebe und Anhänglichkeit an unsere religiöse Ueberzeugung die Feder bei dieser Darstellung führt. , Wenn wir hierbei unseren orthodoxen Freunden in Ungarn auch manches Herbe und lieblos Scheinende sagen müssen, so fühlt wohl Niemand mehr Schmerz darüber als wir selbst; allein es ist dieses eine mniDD mnxo n} :o nroTi und wurzelt in der Erkenntniß, daß das Aufdecken von Fehlern' gerade den ersten Schritt zu rBesserung bildet. Hier gilt es kein Verdecken, kein ' Vertuschen, keine mißverstandene Rücksichtnahme, sondern treu und ehrlich dem Gebote unserer mn gemäß nnyn mso üben, und wie es von dem Worte Gottes heißt: „Siehe, mein Wort gleichet dem Feuer und dem Hammer, du- Felsen zertrümmert" — so muß auch das Wort desjenigen, der seinen Glauben liebt und für ihn zu wirken strebt, ohne Furcht und Zagen laut auf die Starren schlagen, daß es weithin dröhnt und schallt. Viele haben uns denn auch gebeten, in unserer Arbeit fortzufahren, unbekümmert um das Geschrei jener wenigen Verblendeten und Kurzsichtigen, die im dünkelhaften Egoismus jede noch so wohlgemeinte Stimme der Genossen verschmähen und nur stets, ihrem Eigensinne folgen, ohne sich s bewußt zu sein, welche Gefahr /sie dadurch für den Fortbestand des orth. Judenthums in Ungarn herauf beschwören und welch schwerwiegende Verantwortung vor Gott und Menschen sie ^dadurch auf sich laden. Jenes System der vornehmen Zurückhaltung und der unter dem Nimbus der Unnahbarkeit sich schützenden Unwissenheit muß zunächst weichen, ehe an eine Besserung zu denken ist. Als einst in der Wüste das Volk Israel 'entartet war und sich vor goldenen Götzen bückte, da sprach Gott zu dem in den himmlischen Regionen weilenden Lehrer Moscheh: „Gehe hinab zum Volke, denn cs ist entartet" — welchen Ausspruch unser unvergeßlicher Lehrer Rabbi Nathan Wolf Liber *rpi"si, mit Beziehung auf eine Talmndstelle auf die Stellung der Leiter der Gemeinden sinnig ynzuwenden pflegte. So lange das Volk tief im Glauben wurzelte und ihm die Beobachtung der Religionsgesetze fast zur Natur geworden war, da konnten die Rabbinen entrückt dem Getriebe des alltäglichen Lebens sich Tag und Nacht in ihre Folianten vertieft, gleichsam in Hähern Regionen bewegen, den Blick mehr zum Himmel wie zur Erde gerichtet; heute aber, da alles den Götzen der Zeit huldigt, und der alte Väterglaube in Gefahr ist, verdrängt zu werden, ist es geradezu unverantwortlich, wenn der Rabbiner in dem Gedanken 'v'2 rvrr new ix sich ganz in seine Folianten vergräbt und weder Auge noch Ohr für die Gestaltung der Dinge in und um seine Gemeinde herum hat; vielmehr heißt es da: -n „Gehe hinab zum Volke!" beobachte sein Thun und unterrichte dich über seine Bedürfnisse. — Sind es auch allgemeine Wahrheiten, die diese Erklärung ausspricht, so sind sie in Anwendung auf die Verhältnisse in Ungarn doppelt wahr und waren auch mit Beziehung darauf von unserem Lehrer r-": gesprochen. Worin erkennen Viele ihren Beruf als Rabbiner? Sie vertiefen sich in die großen und . weiten Schachten des Talmuds, durchwandern Tag und Nacht seine Gänge und bringen auch Schätze zum Vorschein, deren Werth wir voll und ganz zu würdigen verstehen. Dabei aber verlieren, sie den Blick auf die G.esammtheit, das Verständnis; für die Zustände und Bedürfnisse der ihrer Obhut anvertrauten Gemeinde, und sehen nicht, wie sich da ein Schaf verirrt, dort ein Jüngling zum Raube falscher auf ihn einwirkender Ideen wird, was vielleicht hätte verhindert werden können, wenn der bestellte Hüter und Wächter ihm mehr Aufmerksamkeit zugewandt hätte. Das sind hierzulande tägliche. Erscheinungen, und dennoch oerverlassen die Hüter der Gemeinden ihr Tusculanum nicht, um siiach den jeweiligen Zcitbcdürfnissen zu fragen, und wenn sie es ja thnn und zu einer gemeinsamen Bcrathung zusammentreten, so ist stets das Resultat derselben, die Aechtung der modernen Institutionen, ohne etwas Anderes an deren Stelle zu setzen. Wie unheilbringend dieses Verfahren ist und sein muß, hat der „Israelit" schon vor Jahren erkannt, und was er damals als Folge davon geäußert, bestätigt die tägliche Erfahrung immer mehr. „Unablässig -- so klagte er damals — arbeitet die religiöse Halbheit und die entschiedene Reform, das Terrain ihrer Wirksamkeit durch Begründung möglichst zahlreicher wissenschaftlicher Institute zu erweitern und durch dieses Aushängeschild den Jüngern der Wissenschaft die Herzen des leicht getäuschten Publikums zu erobern; was hat die Orthodoxie ihnen gegenüber gctbau? Sie hat diese Anstalten mit vornehmer Nachlässigkeit unbeachtet gelassen, sie hat sie stolz ignorirt. Aber wenn man vor einer Erscheinung die Augen zudrückt, so hört diese damit nicht auf, vorhanden zu sein, und eine geschichtliche Thatsache, der man hochmüthig den Rücken znkehrt, kann auch hinter dem Rücken unbequeme Eonseqnenzcn entfalten. Es ist endlich ander Zeit, daß diese veraltete, negireude Taktik einem

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