Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1884)
- Date
- 1884-01-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449413--19465-2508950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
92 najoth sehen, die sämmtlich hebräisch sind. Jedoch macht die Sprache bereits den Eindruck, daß sie nicht mehr Volks-, sondern Gelehrtensprache ist, daß sie nicht aus dem unerschöpflichen Borne der lebenden Gestaltung des Wortes schöpft, sondern die ihr fehlenden Bildungen künstlich schafft. Zu diesen künstlichen Bildungen gehört auch die eigenthümliche j Erscheinung in der Sprache der Mischna, daß sie Ausdrücke aus dem aramäischen Sprachschätze in's Hebräische übersetzt. Diese Erscheinung tritt bei jeder Sprache auf. die bloß Gelehrtensprache ist; cs werden die Ausdrücke der lebenden Sprache in die Sprache der Gelehrten übertragen, d. h wörtlich übersetzt, ohne Rücksicht daraus, ob denn dieser Ausdruck beim Leben der Sprache auch in diesem Sinne gebraucht wurde. Ja sie entlehnt sogar neue Ausdrücke der Volkssprache und überträgt sie in die alte Sprache für Dinge, die ihre eigene Bezeichnung in dieser hatten, nur um ihre Ausdrücke dem jetzigen Sprachbewußtsein näher zu bringen. Statt aller Erklärung will ich ein Beispiel anführen, das diesen Gegenstand aufs deutlichste beleuchtet. In der Mischna in Kelim 24,16 findet sich der Ausdruck y\n nxm» für nur; vergl. die Erklärung des Maimonides. Was bedeutet dieser Ausdruck? Warum wird hier ein so ungewöhnliches Wort gewählt, wo doch der richtige Ausdruck nahe genug liegt? Das oben Gesagte erklärt uns diese sonderbare Erscheinung. Diese Mischna wurde gelehrt zu einer Zeit, da das aramäische Volkssprache war. Im Aramäischen rm — »x-o npsj, nun aber wollten die Lehrer dem Volke verständlich bleiben und sich den ihm geläufigen Ausdrücken anschließen, andererseits aber die heilige Sprache nicht ausgebeu, sie bildeten daher ein neues hebräisches Wort und übersetzen .sro durch das wörtlich entsprechende pn nasr. Dieser Ausdruck wäre sicherlich einem alten Hebräer aus der Zeit der Blüthe seiner Sprache unverständlich gewesen, geradeso wie er uns nicht verstehen würde, wenn wir von ^''-Branntwein oder von »n argentuni vivum sprechen. Wobei natürlicherweise festzuhalten ist, daß das Aramäische, als Tochter- oder Schwestersprache des Hebräischen, sich niemals so fremd zu diesem verhält, wie eine indogermanische. Solche dem Aramäischen nachgebildete Ausdrücke giebt es im sogenannten Neuhebräischen oder in der Sprache der Mischna viele, die beim Leben der Sprache gar nicht kn Gebrauch waren. Ebenso scheint mir der Ausdruck o'-oj für Widder in der Mischna Nosch Haschana 26b eine solche Uebertraguug aus dem Aramäischen zu sein. Hebräisch heißen sie immer ntyx; warum wählt nun die Mischna diesen Ausdruck mit Vernachlässigung des so naheliegenden biblischen? Offenbar nur deshalb, um dem Volksausdruck möglichst nahe zu bleiben, denn aramäisch heißen „Widder" '33i: es ist also nichts, anderes als eine Hebräisirung des aramäischen Namens. Im Hebräischen sagt man zur Billigung einer Ansicht: 33171 3,0, in der Mischna findet sich aber die Redensart: '3 ns»; auch dies scheint eine Hebräisirung für das aramäische Tsr, was „schön" bedeutet und gewöhnlich als Zustimmungs- und Billigungsausdruck gebraucht wird. Nach dem Gesagten wird uns auch die oben angeführte Berachothstelle klar werden. In den aramäischen Dialekten heißt rrnn/rr, eine Femininbildung zu rrrvx, „Fieber"; 'Qiii kcwk heißt daher „Knochensieber". Wenn wir nun diesen Ausdruck wörtlich ins Hebräische übertragen wollen, so lautet er nnsy orr. Aber dies ist nur eine wörtliche Uebersetzung, ähnlich wie pn rixm» für reiz npsr ist aber im hebräischen Sprachgebrauch nicht begründet, denn „Fieber" hat verschiedene. Benennungen im Hebräischen, aber niemals heißt vx Fieber. Wenn nun die Gemara fragt: rossy hm irx »xd, so ist es nicht deßhalb, weil sie die Worte nicht zu übersetzen wußte, sondern weit der Sinn der Worte nicht klar ist, und wenn man einem alten Hebräer, dessen Muttersprache das Hebräische war, diese Worte vorgelegt hätte, so würde er eher „ein aus Knochen hergerichtetes Feuer" als „Knochensieber" daraus herausgelesen haben. Abaji giebt daher.die richtige ErMrung und zugleich den Ursprung der hebräischen Worte, indem er mittheilt daß es auf aramäisch »ain heißt. Nicht der hebräische Ausdruck ist Original und der aramäische Uebersetzung, wie Herr Dr. K. meint, sondern im Gegentheil der aramäische ist Original und der hebräische Uebersetzung. Dies ist nach meiner Ansicht die einzige richtige Erklärung dieser Stelle. Nur muß man sich hüten auch darin nicht zu weit zu gehen. Gewiß sind in der Mischna viele Ausdrücke enthalten, die ureigenthümlich Hebräisch sind, wenn wir dieselben auch in -p"n nicht antreffen. Es versteht sich von selbst, daß in ^"n nicht alle hebräischen Ausdrücken Vorkommen können, da diese Bücher nur einen Theil, wenngleich den wichtigsten der Literatur des jüdischen Volkes ausmachten. Es ist daher nicht zu bezweifeln, daß sich in der Sprache der Mischna viel echt hebräisches Sprachgut aus lebendiger Ueberlieserung erhalten hat. Rappaport, pj d»33 nn'r.n S. 21, hat diesen Gegenstand bereits besprochen und führt einige solcher Worte aus. wie: j»sy ,33^ ,n3isrj und» dergleichen. Solche Worte sind meistens an ihrer Bildung zu erkennen. Vielleicht bietet sich in einem anderen Zusammenhänge Gelegenheit, das Weitere darüber zu sprechen.