Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1884)
- Date
- 1884-01-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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90 der umgekehrt; schien mir doch meine Bewerbung so hoffnungslos , denn selbst, wenn die Gemeinde mich als einen der entgegengesetzten Richtung angebörendcn Rabbiner zu ihrem Seelsorger gewählt haben wurde, wäre es noch immer fraglich, ob ich diese Wahl mit ruhigem Gewissen annehmen durfte. Jetzt erfuhr ich nun, daß der größte Theil der Genieinde treue Anhänger des unverfälschten Judenthums seien, daß in der ganzen Gemeinde nur drei/ zu welchen Herr Löwenstein und Hornstein selbstredend gehörten, die den Sabbat öffentlich entweihen. „Aber auch diese führen einen streng rituellen Haushalt! —" sagte Frau Nathansohn. - Ich war etwa bei den Olönugebet, als auf ein lautes Pochen und nach erfolgtem Hereinruf des Hausherrn die Thüre aufging und ein' schmächtiges Männchen athemlos in das Zimmer stürzte: „Ist Herr Rabbiner schon augekommen?" Sieh da!" sagte er rasch, als er mich erblickte, „Herr Dr., wie gewunschen. Ich wollte von hier aus stracks,, zu Ihnen laufen, um Sie zu ersuchen, nach meinem kranken Kinde zu sehen!" und an Nathansohn gewendet: „Wie sieht er aus, er schläft schon wohl! Nicht wahr? Herr Dr., Sie haben die Güte, gleich mitzukommen?" - „Kommen Sie nur erst zuAthem! lieber Froh-' lich!" sagte Frau Nathansohn! — „Erlauben Sie!" sagte sie zu mir gewendet, „daß ich Ihnen unfern Chascn und Schochet, Herrn Fröhlich, vorstelle — HerrDr. Stein, s. G. w., unser künftiger Rabbiner — "! „Was — was Sie — Rabbiner!" stotterte Fröhlich in entsetzlicher Verlegenheit. „Allerdings, mein Lieber," sagte ich lachend, „den Weg zw Herrn Dr. Priester kann ich Ihnen leider nicht ersparen. Dafür ist es mir sehr lieb, daß Sie gekommen sind, denn ich würde Sie sonst morgen haben rufen lassen, und hätte heute auf die Leckerbissen, die Frau Nathansohn mir vorzusetzen zu beabsichtigen scheint, verzichten müssen. — Wollen Sie nicht die Güte haben, sich einige Augenblicke zu mir zu setzen. Ah, Sie haben Eile! Ich habe vergessen, daß Sie ein krankes Kind haben. Aber sagen Sie mir rasch, von wem Sie rrsp*) haben!" „Da können Herr Rabbiner," crwicderte Fröhlich „„ganz beruhigt sein! Noch vor sechs Monaten habe ich auf Veranlassung des Herrn Nathansohn von Herrn Rabbiner Dr. H. in B. meine erneuern lassen und hier ist sie" — sagte er, mir ein Schriftstück übergebend, — „denn ich habe voraus¬ *) Zeugnitz für die Befähigung jum Schächten. gesehen, daß Sie darnach fragen werden und kam daher ekligst hierher!" Dankend gab ich ihm das mir überreichte Zeugniß zurück und guten Abend wünschend, entfernte er sich ebenso eiligst wie er gekommen war. „Zu unserem Schochet dürfen Sie schon Zutrauen haben, weither Herr Doctor!" sagte Herr Nathansohn, als wir bei Tisch saßen und ich es mir vorzüglich schmecken-ließ. — „Er ist ein aufrichtiger Jehudi. Na, ich wünsche nur, daß Sie ihn am vergangenen gesehen hätten! War der Mann fuchswild! Vielleicht zehn Mal war er bei mir, um mir zu erklären, daß wenn der Neformcandidat gewählt würde, er sein Amt niederkegen werde, da er keine Gemeinschaft mit einem Rabbiner haben wolle, der sich über die Vorschriften der Thora hinwegsetzt!" — . Wir waren soeben mit dem Esten fertig geworden und im Begriffe das Nachtischgebet zu sprechen, als sich die Thüre öffnete und hereingestürzt kam .... ich selbst stand ganz sprachlos vor Ueberraschung! Ganz meine Gestalt, meine Bewegung .„Ich bin doch auch neugierig meinen Doppelgänger zu sehen! . . . und mich erblickend — stand Herr Dr. Priester — denn er war es —' ebenso sprachlos wie ich. „Mensch," sagte er alsdann mit komischem Pathos, nachdem wir gegenseitig vorgestellt waren, „wie kommen Sie zu meiner Gestalt?" „Auf ganz natürlichem Wege," erwiederte ich ebenfalls lachend, „Gott hat mir diese gegeben." „Und Sie, Herr Dr. Priester," sagte Frau Nathansohn, „müssen sich bestreben, durch einen echt jüdischen Lebenswandel Ihrem zweiten Ich würdig zu werden." „Oder," sagte Dr. Priester lachend, „mein Ich muß sich bestreben, durch ein gottloses Leben mir gleich zu werden." So plaudernd verbrachten wir noch eine halbe Stunde bei einander, bis Herr Dr. Priester sich empfahl, und nachdem wir das Tischgebet gesprochen, zog ich mich auf die mir angewiesenen Zimmer zurück und schlief alsbald, von der Reise ermüdet, den Schlaf des Gerechten. (Fortsetzung folgt.) MI- Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in drr nächsten Nummer. Hierzu zwei Deikagen. verantwortliche N-daction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Israelit' große Bleiche 45. I. Go t t sl ebett’S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).