Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1884)
- Date
- 1884-01-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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88 er praktischen Ausdruck, als den alexaudrinischen Juden große Gefahren drohten. Der alexandrinische Pöbel hätte nämlich bei Gelegenheit der Reise des Herodcs Agrippa durch Alexandrien sich gegen die Juden Exceffe erlaubt, welchen-der römische Statthalter, wie Redner sich ansdrückte, eine wohlwollende Neutralität entgegenbrachte, die ja auch heute bei ähnlichen Gelegenheiten vorkäme. Aus ihren Wohnsitzen vertrieben, waren. die Juden nach längerer Zeit kaum in dieselben zurückgekehrt, als sich ein neuer Sturm erhob. Caligula hatte sich als Gott proklamirt und die ganze griechisch-römische Welt zollte dem Wahnsinnigen die verlangte Verehrung, nur die Juden leisteten Widerstand. Der alexandrinische Pöbel benutzte nun diesen Vorwand zu neuen Ausschreitungen gegen die Juden, die, weil sie das Bild des Kaisers nicht in der Synagoge dulden wollten, als Majestätsverächter verfolgt wurden. Philo begab sich an der Spitze einer Gesandtschaft der alexaudrinischen Juden nach Rom, und er erzählt in einem höchst interessanten Berichte, aus welchem der Redner einiges mittheilte, seine Unterredung mit dem Kaiser, welche dieser zuletzt mit den Worten beschloß, daß die Juden im Grunde weniger boshaft als dumm zu sein schienen, weil sie seine Gottheit nicht anerkannten. Die bald darauf erfolgte Ermordung des Caligula durch seine Leibwache verhinderte die Ausführung seiner harten Verordnungen gegen die Juden. .Wie in der Uebernahme der so gefährlichen Mission nach Rom, zeigt Philo auch in seinen Schritt» großen Enthusiasmus für das Judenthum. Er sucht die Grundgedanken der einzelnen Gesetze zu entwickeln, betont aber im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, daß die blose Erkenntniß des Sinnes der Gesetze nicht genüge, sondern, daß hiermit die praktische Uebüng derselben Hand in Hand gehen müsse. Er vergleicht die äußere Uebung mit dem Geist, und wie in der Erdcnwelt das Geistige sich nur dann erhalten könne, wenn es in körperlicher Hülle erscheine, so könne sich auch der Geist der Gesetze nur daun in dem isr. Volke erhalten, wenn dieses treu und fest an der Uebung der Gesetze festhalte. Aber bei dieser hohen Auffassung vom Werthe der Gesetze fehlt doch Philo die richtige Kenntniß ihrer Einzelheiten, so daß er verschiedene der Gesetze irrig darstcllt, und besonders bedenklich war seine Lehre vom „Logos", einer Art Mittelding zwischen Gott und Welt, welche Lehre dem Judenthum durchaus widerstrebt. Philo war die letzte bedeutsame Erscheinung des alexaudrinischen Jndenthums. Bald nach seinem Tode brachen über die Gemeinde heftige Stürme herein, theils im Jahre 70, theils unter Trajan um das Jahr 110. Die Geschichte der Juden in Egypten tritt für mehrere Jahrhunderte in's Dunkel, und die erste bedeutende Erscheinung, die uns aus diesem Lande wieder entgegentritt, ist Rabbi Saadja Gaon, der wie der Redner schloß, das philosophische Wissen seiner Zeit mit gründlicher Quellenkenntniß der schriftlichen und mündlichen Lehre verband und so ein würdiger Repräsentant des Judenthums ist, das alle Stürme der Zeit überdauert hat und überdauern wird. Hamburg, Anfang Januar. Ende vorigen Monats hat sich hier ein Verein gebildet, der den Zweck hat, arme kranke und schwächliche Kinder isr. Confession zu pflegen, für dieselben ein Asyl zu errichten und Feriencolonien bei Juden auf dem Lande zu veranstalten. Die Herrn F. I. Westheimer, Dr. med. Levi, Gustav Glückstadt, Ludwig Mathiassohn, Di-, jur. Pels, lauter auf dem Boden des trad. Judenthnms stehende Männer, haben diesen Verein ins Leben gerufen und sind eifrkgst bemüht, Mitglieder für denselben zu werben. Mögen sich andere Städte an diesem edlen Werke ein Beispiel nehmen, zumal es bereits vorgekommen, daß jüdische Kinder ihre Ferien in christl. Häusern verbringen mußten und so genöthigt waren, unjüdische Kost zu genießen. W. Oest.-Ungar. Monarchie. Preßburg, 13. Jan. In der am 11. d. M. stattgefnndenen neuerlichen Schlußverhandlung gegen Anton Windisch (ehem. Redakt. des hier erscheinenden antisemit. Tagbl. „Westung. Grenzbote") beantragte der Staatsanwalt 5—7 Jahre Zuchthaus. Hieraus folgte das Plaidoyer des Vertheidigers. worauf der Gerichtshof nach einer ^ständigen Berathung, W. zu einem Jahre Kerker verurtheilt-, wobei auch die Untersuchungshaft mit eingerechnet wird. Der Angeklagte erklärt sich mit dem Urtheile zufrieden. Der Staatsanwalt meldete jedoch gegen das Urtheil des Gerichtshofes die Nullitätsbeschwerde so wie die Berufung an. Türkei. Konstantinvpel. Die sogenannte kaiserliche Kommission hat eine kleine statistische Arbeit in Bezug auf das Haffkiöi-Feuer veröffentlichen lassen, der wir folgendes entnehmen: 1054 Familien (darunter 2 türkische, 10 armenische, 18 griechische und 1024 israelitische Familien) sind obdachlos geworden. Seit dem Tage des Brandes hat die Kommission täglich 3000 Okka Brod, 1500 Okka Kohlen, 2 Kisten Petroleum und 3 Mahonen (große Barken) Wasser den Abgebrannten geliefert. Sie hat inclusive der Gabe des Sultans ca. 5000 Lire (100,000 M.) ge-