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Der Israelit · 1884-01-21 · Heft 6 (21.1.1884) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 6 (21.1.1884)
Date
1884-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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86 nahe Freund des Abgeschiedenen, derReichstagsabgeordnetc Herr 51arl Baumbach in genannter Zeitschrift jenen Gcdenkblättern einen ausführlichen Nekrolog hinzngcfügt. Wir wollen in Nachstehendem aus den Nachrufen der berühmten Männer, das für uns Interessanteste wiedergeben. Heinrich RiSert. Es ist eine völlige Verkennung des Wesens und Charakters des Mannes, wenn man annimmt, der Schmerz über die Enttäuschungen und Kränkungen, die er erlebt, sei die Ursache seiner Erkrankung und schließlich seines frühzeitigen Endes gewesen. Gewiß, — er hatte das Bedürfniß nach Zustimmung und Anerkennung; wer hätte es nicht? Aber er war doch viel zu selbstständig und unabhängig in seinem Denken und Trachten,, er hatte zu viel Quellen des Glücks und der Befriedigung in sich selbst, als daß der Mangel der Anerkennung, der Verlust der Volksgunst an seinem Mark hätte zehren können. Als er beiden vorletzten Wahlen zum preußischen Abgeordnetenbause, nicht wiedergewählt wurde, hat cs ihn wohl kurze Zeit schmerzlich berührt — schon um der Sache willen, die er vertrat, aber ich weiß es, daß er sich sehr bald in die veränderte Situation gefunden und es als einen persönlichen Gewinn betrachtet hat, wenigstens einem Theil der, wie er selbst sagt, „verwüstenden Arbeiten" entzogen zu sein und mehr sich selbst leben zu können. Und nun gar die Meinung, als ob die unserer ganzen Kultur und dem deutschen Geist spottende antisemitische Bewegung ihn hätte beugen und brechen sollen! In Wahrheit trafen die Wogen dieser widerlichen Bewegung nicht den innersten5kern seines Wesens. Seine ganze politische Wirksamkeit war getragen von dem unerschütterlichen Glauben an eine glückliche Zukunft des Vaterlandes und an die freiheitliche Entwickelung seiner Institutionen. Auch er wußte, daß solche unnatürlichen Auswüchse nur während einer kurzen Uebergangsperiode der Ermattung der Nation möglich sind. Er hat das Seinige redlich gethan, um diese Uebergangszeit abzukürzen und alle die wach zu rusen, denen die Pflege der Traditionen deutschen Geistes anvertraut ist. Die apolitischen Kränkungen, der Undank, der ihm geworden, haben seine Kraft und seinen Sinn nicht gebeugt und nicht gebrochen. Zwei Dezennien aufreibender Arbeit und Anstrengungen im Dienste des Volkes sind die Ursache seiner Krankheit und seines Todes gewesen. Albert Hänel. Wir betrauern vor Allem den Menschen — nicht weil cs die Sitte heischt, an einem offenen Grabe die Parteiungen schweigen zu lassen, sondern weil es die Bedeutung seines Lebens fordert. Er ist aus engen Verhältnissen hervorgewachsen, er hat des Rückhaltes an Stand und Vermögen entbehrt, er ist durch körperliche Vorzüge und durch leicht einschmeichelnde Geistesgaben nicht gefördert worden, er hat die Begünstigungen der herrschenden Mächte weder gesucht noch gefunden. Durch nie erlahmende Energie, durch eisernen Fleiß, durch einen in sittlicher Strenge gehaltenen Charakter, nur auf die eigene Kraft und den eigenen Muth gestellt, hat er es verstanden, eine erste Stelle in den Parlamenten Deutschlands zu erringen, die Parteiverhäktniffe in entscheidender. Weise zu bestimmen und einen maßgebenden Einfluß auf die Regierung, aus Gang und Inhalt der Gesetzgebung auszuüben. Das ist ein Verdienst, unabhängig von der Schätzung der einzelnen Erfolge. Denn einSegeu ist es für jedes Volk, anfeuernde Beispiele desten zu finden, was dieThatkraft eines Mannes vermag, versöhnende Zeugniffe dafür zu besitzen, daß die Unterschiede der äußern Lebenslage überwindbar find. Unter den „selbstgemachten" Männern Deuschlands wird der Name Lasker's an erster Stelle und mit Ehrerbietung genaimt bleiben. Karl Baumbach. Merkwürdig war es mir, daß Laster der antisemitischen Bewegung gegenüber nicht aus der Ruhe kam, und ich muß in dieser Hinsicht nach den Eindrücken, welche ich im täglichen Verkehr mit ihm gewonnen, den gegenteiligen Behauptungen in der Presse widersprechen. Wohl nahm er den lebhaftesten Antheil an der Bewegung, welche zu Gunsten der unglücklichen russischen Inden namentlich von London ausging, woselbst die große Rathhausversammlung am 1. Februar 1882 unter dem Vorsitz des Lordmayor stattfand, nachdem die deutsche antisemitische Bewegung, ins Russische übersetzt, zu unerhörten Greuelthaten geführt hatte. Aber für die Berliner Judenhetze hatte er eher Worte des Mitleids als der Verachtung. Ich erinnere mich, daß Verthold Auerbach am Abend vor seinem Geburtstag seinen Freund Lasker aufsuchte und das Gespräch auf die Antisemitenbewegung brachte. Mit Thränen im Auge erzählte uns der greise Dichter, wie man in einer Berliner Restauration hinter ihm „Hepp-Hepp" gerufen habe, und es ist mir unvergeßlich, wie Auerbach sagte: „69 Jahre alt bin ich geworden, und meine Arbeit hat nur dem deutschen Volke gegolten, und als Mann mit weißem Haar muß ich dies erleben!" Da war es Lasker, der ihn tröstete. „Was wollen Sie", sagte er zu uns, „wollen Sie einem Kranken einen Vorwurf daraus machen, daß er die Cholera hat? Auch das Antisemitenthum ist eine Epidemie, welche die Leute befallen hat!"

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