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Der Israelit · 1884-01-10 · Heft 3 (10.1.1884) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 3 (10.1.1884)
Date
1884-01-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXV. Jahrgang. Beilage zu tlr. 3 des Israelit. Leitender Artikel. Der Kessenismus unserer Zeit. Prag. Mächtig war der Einfluß, den hellenische Bildung und Wissenschaft auf die Juden im Alterthum ausübte. Denn wem anders als diesem Einflüsse verdanken wir die Leistungen der alexandrischen Geistesthatigkeit, die durch ihre literarische und kulturhistorische Bedeutung in die späteren Jahrhunderte hineinragte, und wem anders ist es zuzuschreibea, daß die Lippen so mancher Gesetzcslehrer in Israel von griechischen Weisheitssprüchen übcrströmten. Allein zu mächtig lebte die religiöse Ueberzeugung im jüdischen Volke und zu sehr war es sich auch seines weltgeschichtlichen Berufes bewußt, als daß es dem Verpflanzen hellenischer Anschauungen und Sitten in jüdischen Geistesboden Gewähr und Vorschub leistete. Als daher in der heiligen Stadt ein Gymnasium errichtet wurde, wo jüdische Jünglinge völlig entkleidet, nackt ihre Leibeskräfte üben sollten, kam es zum ersten offenen Aufstand. Schon Platon hat als das erste und letzte Nebel, was die einzige Ursache des griechischen Nationallastcrs, wie es in den socialen Verhältnissen, wie es im bürgerlichen Leben, in der Ehe und in der Hetärenwirchschaft, wie nicht minder in dem einzig dastehenden Phänomen der Päderastie hervortrat, die nackten Leibesübungen in den Gymnasien und Palästrcn bezeichnet und auch die besser Gesinnten des jüdischen Volkes erkannten den entsittlichenden und moralisch zerstörenden Einfluß des Nackterschcincns unter Menschen. Darum der heftige Aufstand, der bittere Kan.pf gegen das Hellenthum. Denn im Bewußtsein ihres hohen Berufes,, ein Reich von Priestern zu bilden und die Träger der religiösen Ideen, der sittlichen Ideale in der Mensch enwelt zu sein, waren unsere Altvordern stark genug, um sich von den ästhetischen Formen des Schönen und von philosophischen Phrasen des Wahren und Guten nicht berauschen zu lassen. Zu allen Zeiten und an allen Orten war es denn auch die Hoheit und Reinheit dieses jüdischen Gedankens, der in seiner weiteren inneren Entwickelung alle Lebensverhältnisse des Einzelnen von den geringsten bis zu den höchsten umfassend, das jüdische Volk vor dem Untergang im Kampfe nm's Dasein in der Geschichte bewahrte. Das schöne, sinnenbezaubernde Hellas siechte hin, die stolze weltbezwingendc Roma fiel, ncueReiche entstanden und sanken nach und nach von ihrer Weltbedeutung, Völker und Nationen kamen und gingen — und nur das Judenthum blieb Kraft des hohen und reinen Gedankens, der ihm inncwohnt. Allein cs wäre Selbsttäuschung, wenn nicht gar Selbstüberhebung, wollten wir es nicht ganz und voll erkennen, daß der Hellenismus bis in die neueste Zeit hinein seinen berechtigten Einfluß aus Eultur und Civilisation geltend macht. Die griechischen Kunst- und Literatnrwerke werden stets eine unversiegbare Quelle des Schönen und Harmonischen bleiben, Platon und Aristoteles immerdar eine nächtige Fundgrube philosophischen Wissens sein. Doch ist das Gesammtrcsultat, welches sich ans den Leistungen des hellenischen Geistes in Kunst, Literatur und Wissenschaft ergibt, bloß auf die ästhetisch-wissenschaftliche Entwickelung der Menschheit von wohtthätigem Einfluß, nicht aber auf ihre religiös-sittliche Erziehung, und diese letztere allein kann nnd soll die Menschengcsittung, die Menschenvercdelung und Menschcnvcrbrüderung, die wahre Civilisation der Gesellschaft, dauernd und fest begründcm Nicht die hellenischen Kuloxctya&ut, die durch das Gefnl des Schönen verwickelte Tugend hellenischer Bildung, sondern die jüdische Heiligung des Lebens, der Aufbau des irdischen Daseins zum Gotteshciligthum, wird den Endsieg erringen und die Menschengcsittung befestigen. Auch in unserer Zeit macht sich mit erneuerter Gewalt das Bestreben geltend, an die Stelle der religiös-sittlichen Menschenerzichnng die ästhetische zu setzen und in jüdischen Kreisen, trägt man diese ästhetischen Bestrebungen auch in die Gotteshäuser hinein. Ja selbst in conscrvativen Kreisen zeigt sich die Tendenz den Geist und die Lehren des „Gesetzes" zu umgehen, wenn cs gilt, schöne Formen. cinznführen. - Di.' innere Ausstattung des' Gotteshauses muß dem äußeren imposanten . Bau entsprechend prunkvoll sein, das Gotteshaus) die Stätte tiefinnerster religiöser Andacht, eine. Augemveibe bieten. Der Gottesdienst muß gleichfalls schön mit) kunstvoll zugeschnitten sein/ Gesang nnd Musik muß ertönen, in den prunkvollen Räumen, damit inan, die Juden unserer Zeit diesen heiligen Hallen nickst' entfremde und in ihnen das religiöse Bewußtsein nähere und stärke. Meyer

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