Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1884)
- Date
- 1884-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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fmtft rasch entfernt haben! Obgleich ihre Verheißung nur sehr zweifelhafter Natur waren, empfand ich doch schon eine Art Genugthnung im Bewußtsein, daß meine Reise, die nicht länger hinansgeschoben werden konnte, ein festes Ziel haben wird. Darüber hinaus mochte und wollte ich nicht denken. Schon die Hoffnung, daß mein durch Sorgen ermüdetes Haupt ein Ruheplätzchen finden könnte, wirkte wie erquickender Thau auf meine aufgeregten Nerven. Mit froher Zuversicht und erneuten Kräften arbeitete ich an meiner Predigt, mit dem festen Vorsatz mir alle erdenkliche Mühe zü geben, die Herzen der Gemeinde' im Sturme zu erobern. Ich habe mich in diesen Traum einer schönen Zuluft so hineingelebt, daß das, was zuerst in mir nur als kühne Hoffnung anfdämmerte, nach und nach Form und Gestalt der Wirklichkeit annahm, und so kam es mir schon wachend vor, daß ich der wohlbestallte Rabbiner von L . . . bin, der bei seiner ganzen Gemeinde in Ansehen und Ehren steht. In diesem Augenblick aber, in welchem ich den Wagen des Dampfrosses bestieg, zerfloß das schöne Phantasiegebilde und machte bangem Hoffen und Zweifel Raum. Je mehr sich der Zug dem Bestimmnngsort meiner Träume näherte, desto mehr wich die Selbsttäuschung, in welcher ick? während der letzten Tage befangen war. und von der Hoffnung, die in meiner Einbildung zur Gewißheit geworden war, blieb nur noch bitterer Zweifel. Es wurde unterdes; Nacht. Nur noch drei Stationen und ich befinde mich am Ziele meiner Fahrt! Die Zeit ist mir durch das Hinbrüten rasch verstrichen. Mir wurde es schwül im Eonpe, dessen einziger Insasse ich noch immer war. Wie ein Fenerftrom jagte das Blut durch meine Adern. Ich stieß das Fenster aus, um die würzige, kühle Abendlnst einzüathmen. Ah, was für eine wunderschöne Nacht! Der Mond und der sternenhelle Himmel wetteifern mit der prächtigen Landschaft, um der Natur noch größere Liebreize zu verleihen. Welcher Friede, welche erhabene Ruhe herrscht da in Wald und Flur? welch harmonisches Zusammenwirken ihrer Wesen? Ja, alle diese am Himmel schimmernden Körper, wie alle Wesen und Pflanzen auf Erden befolgen das ewige Gesetz und bewegen sich alle auf den ihnen von ihrem Schöpfer vorgezeichneten Bahnen. Daher vermag kein Mißton düs harmonische Zusammenwirken zu zerstören. Aber der Mensch, welcher mit höherem Denkvermögen ausgestattet wurde, damit er durch diese die geistige Höhe erklimme und durch Tugend und Frömmigkeit seinem Schöpfer immer mehr ähnlich, werde, befolgt er diesen Grundsatz seiner Schöpfung? Bewegt er sich auf der ihm von seinem Schöpfer vorgezeichneten Bahn? Der Israelit, welcher in Gegenwart der ganzen zitternden Natur einst das kostbarste Gut der Menschheit, die Thora empfangen, und das er als die alleinige Aufgabe seines Erdenwallens mit seinem Blute vertheidigend durch alle Völker der Erde trug, -ist es noch immer der einzige Zielpunkt seines Streben?? Oder hat nicht das ewige Gesetz seine? Daseins materiellen Interessen Raum machen müssen? ... „Station P . . aussteigen." Ich fuhr auf aus meinen Gedanken,, ergriff meine Reisetasche und stieg aus. „Wo ist die Post nach L ..", frng ich denvorübereilcndeu Portier. „Dort," lautete seine lakonische Antwort, indem er, sich umdrehend, auf den vor dem kleinen Stationsgebäude haltenden, gelb angestrichenen, mit zwei lebensmüden, mageren Gäulen bespannten Wagen wies. L . . . war keine Bahnstation und die Strecke von P . . ., etwa eine halbe Stunde, mußte mit dem Wagen zurückgelegt werden. Obgleich mir der Schwager erklärte, daß es noch mindestens zehn Minuten bis zur Abfahrt der Post anstehen würde, zog ich es doch vor einzusteigen und es mir so bequem als möglich einznrichien. Da es in dem Wagen vollständig dunkel war, beschloß ich, die Langeweile bis zur Abfahrt zu verschlafen. Ich drückte mich in eine Ecke, schloß meine Augen und versuchte zu schlafen. Ich mag wohl so einige Mi-, nuten im Halbschlummer zugebracht haben, als ich. durch ein zweistimmiges „guten Abend" jählings auffnhr. Zwei Passagiere, welche soeben eillgetreten waren, suchten ihre Rieseeffekten in bequemer Weise nnterznbringen., „Also an diesem Samstag soll noch der letzte Eandidat eine Probepredigt halten?".—hörte ich eine tiefe Baßstimme sagen, — das Gesicht konnte ich der vollständig herrschenden Dunkelheit wegen nicht unterscheiden — während der sich in Bewegung setzende Wagcu, von dessen Bock der Postillon sein Abschieds-, liedchen blies, rollend über das Straßenpflaster von P . . fuhr. „Ich dachte," sagte dieselbe Stimme, „daß wenn ich von meiner Reise, die ca. .°> Monate gedauert, zurückgekehrt sein werde/ würde die Wahl schon getroffen und das verwaiste Rabbknat bereits besetzt sein! — Jetzt soll mir sogar die Ehre zu Theil werden, auch milwählen zu dürfen — ha, ha! — Recht lustig! — ha, ha! — Schade nur, daß ich durch weine Reise verhindert war, von Anfang an den Berufungen, Vorträgen k. beiznwohnen. Ick» gebe. Ihnen mein Ehrenwort, daß alsdann der Vorstand noch - in einem Jahre nicht znm Abschluß gekommen sein würde! Ihr alle tanzt ja bekanntlich nach dem Liedchei», das Euch der Vorstand spielt, ich bin cigeut-