Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1884)
- Date
- 1884-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 bestehend ans den Distriktspräsidenken der EongreßgeMeinden und übereichte ein, Memorandum, in welchem sie den Minister' ersuchte, eine Verfügung zu treffen, durch die festgestellt werden soll, daß in jeder Ortschaft Ungarns nur eine Gemeinde bestehen darf. Wohl soll es gestattet sein, daß sich im Schooße .jeder Kultusgemeinde der Nothwendigkeit gemäß Bethausvercine bilden können; doch soll durch diese weder die Einheit der Gemeinde-Administration noch die des Matrikel-Amtes einen Abbruch erleiden. Welchen Gewissenszwang dieses Begehren involvirt, brauchen wir nicht erst darzulegen. Daß die Herren, welche das Memorandum überreichten, sich in Bezug ans die Dinge,, die sie verlangen, selber nicht recht klar sind, geht schon aus dem Umstande hervor, dyß die betreffende Angelegenheit gar nicht zu dem Ressort des Cultusministers, sondern zü dem des Ministers des Innern gehört. Daß der Eultnsminister dieses Memorandum dennoch entgegennahm und in seiner Antwort an die Deputation schwere Anklagen gegen die Orthodoxen vorbrachte, wirft auf alle diese Dinge ein ganz cigenthümliches Licht. Wenn auch die Herren „Präsidenten" nicht wissen, vor welche Behörde Gemeindeangclegenheiten svon reim jadministrativer Beschaffenheit gehören — der Herr Minister, sollte es doch wissen. Here von Trefort nannte bei dieser Gelegenheit die Schulen der Orthodoxen „Winkclschulen, welche den Obscnrantismus verbreiten." Sonderbarer Weise beschwerte er sich zu gleicher Zeit über den übermäßigen Andrang der Juden zu den höheren Schulen und meinte, daß i es nicht gut sei, daß die Juden sich blos Mehrten' Berufsarten widmen. Unsre geehrten Leser werden sich noch erinnern, daß der Herr Eultusminister vor einigen Monaten ein. Decret erlassen; welches geeignet ist, den Bestand der Jeschibah.-zu Preßburg auf das Tiefste zu erschüttern. Nun köimnt noch dazu, daß derselbe Herr versichert, „die Wickel schulen, welche den Obscurantismus befördern," nicht dulden zu wollen. Die Befürchtung liegt nahe, daß der Herr Eultusminister darunter, die Vorbereitungsschulen für die Preßburger Jeschibah versteht. Es wäre doch nothwendig, Seine Excellenz darüber aufzuklären, daß durch den Unterricht im Talmud der Verstand erhellt , und geklärt und das Denkvermögen der Schüler in einer Weise geübt wirdwie sie kein anderer Unterrichtsgegenstand zu bieten vermag. Aus allem Gesägten geht Hervor, daß das Talmudstudium, welches in Ungarn in so erfreulicher Weise blühet, von großen Gefahren bedrohet ist.. Auch in Deutschland ist man in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts in ähnlicher Weise vorgegangen. Die sogenannten Reformer machten die Negierungen glauben,, daß die Talmudschulen de« Obskurantismus verbreiten und wußten es durchzusetzen, daß in Berlin, Fürth, Frankfurt a. M. und in anderen Städten der öffentliche Talmudunterricht verboten und die fremden Talmudschüler ausgewiesen wurden. Noch heute haben wir unter den Folgen, jener traurigen Vorgänge zu leiden. Mögen daher die gesctzestreucn Israeliten Ungarns auf ihrer Hut sein und alle Anstrengungen machen, um den Angriffen vorzubeugen, die sich gegen die kostbarsten Heiligthümer des Judenthums vorbereiten. Es ist ja nicht zu leugnen, daß ein Rabbiner, der in seiner Gemeinde segensreich wirken soll, den gebildeten Gemeindeangehörigen auch in Bezug auf profanes Wissen nicht nachstehen darf. Allein die erste Pflicht und Sorge der Rabbinerbildungsstätten muß die sein, daß der Rabbiner auf religiösem Gebiete den. erhabenen Pflichten seines Amtes zu entsprechen vermöge,, und das kann nur durch gründliches und umfassendes Studium des Talmuds und der Eodices erreicht werden. Man darf nicht vergeffen, daß schon dadurch allein ein so großer Schatz gründlichen und umfassenden Wissens geboten wird, wie andere Lehrgegenstände sie gar nicht zu bieten vermögen. Bedeutende Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten der Gelehrsamkeit werden dadurch erlangtda.der Talmud Anlaß gibt, alle Zweige des menschlichen Wissens zu pflegen. Die Ordnung Seraun führt zur Pflanzenkunde und zur Kenntniß des Ackerbaues; im Traktat Sabbat lernt der Studirende die verschiedenen Handwerke kennen; durch die - Ordnung Naschim wird er mit dem Eherecht vertraut; die Ordnung Nesikin umfaßt die gesammte Jurispxndenz; der Traktat EHÄin bietet bedeutende Kenntnisse in Bezug auf Zoologie/ Physiologie und Anatomie, und so könnten wir noch vieles anfügen, was geeignet ist, demjenigen, welcher den Talmud studirt, ein großes Maäß von allgemeiner. Bildung zu verleihen; wir begnügen uns, nur noch auf die Wissenschaften der Phylologie, der Mathematik und der. Astronomie hinzuweisen, zuderen - Studium die Beschäftigung mit dem. Talmud vielfach Anregung gibt. Nicht die oberflächliche Ausbildung, wie sie in unsrer Zeit nur zu oft das Ziel des Unterrichts, ist dazu geeignet, den Charakter zu kräftigen und mit ernstem, sittlichen Streben zu erfüllen, sondern die gründliche Durchbildung, wie sie feit vielen Jahrhunderten Diejenigen erfahren haben, welche dadurch befähigt wurden, das erhabene Amt eines Rabbiners derart zu verwalten, wie es das jüdische Religionsgesetz erheischt.