Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1909)
- Date
- 1909-12-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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8 «r. 52 Der Mraettt. trtng gemacht und habe ihm Ihren Brief über- §eben. Dieser hat einen bemerkenswerten Einruck auf ihn gemacht. Der Großwesir ist von Ihrem Vorgehen angenehm berührt, was er durch den liebenswürdigen Empfang bewies, den er mir bereitete. . Nachdem er mir gegenüber die einige Augenblicke vorher den Notablen des Mellah gegebenen Versprechungen erneuert hatte, erhob er sich, um dem Sultan Kenntnis von Ihrem Bttef zu geben. Den Brief hatte ich vorher iu gutes Arabisch übersetzen lasten. Paris, 19. Dez. In Parileben heute nicht weniger als 20000 russische Juden, die im Lause der letzten zwanzig Jahre nach Paris gekommen find. Sie teilen sich in 4 Gruppen : 1. Personen mit akademischem Beruf, wie Aerzte, Dentisten, Literaten und nur wenige Juristen,- 2. Arbeiter und Gewerbetreibende welche den größten Teil des jüdischen Viertels bildend 3. Verschiedene Kaufleute, vom großen Unternehmer bis zum kleinsten Krämer und 4. Menschen, die ohne Beruf von ihren Renten leben. Die letzteren wohnen nicht im „Ghetto", sondern in den vornehmen Straßen der Stavt oder den Vorstädten. Die meisten dieser russischen Juden haben Rußland anläßlich der großen Unruhen im Jahre 1905 verlassen. Sie bilden das stärkste Element im Pariser Ghetto. Hierzu kommen noch die aus Rußland stammenden jüdischen Stuoierenden, deren Zahl heute schon 2OO0 beträgt und noch immer im Wachsen begriffen ist. Schließlich kommen auch die politischen Emigranten in Betracht. Aber nicht nur in Paris, auch in der Provinz findet man russische Juden, deren Zahl etwa aus 1000 Seelen geschätzt werden kann. Die ersten russischen Juden, die in die französische Provinz gingen, waren Aerzte, heute findet man hier und da auch rusfisch-jüdische Gewerbetreibende und Kaufleute, sowie Kultusangestellte, die schon aus dem Pariser jüdischen Seminar hervorgegangen sind. Fast in jeder Universitätsstadt Frankreichs gibt es eine Anzahl russisch-jüdischer Studenten. Einige Straßen des Quartier de Bastille tragen schon das Gepräge einer jüdischen Stadt. Auf Schritt und Tritt sieht man jüdische Geschäftshäuser, Restaurants und^Kaffeehäuser, sogar eine Anzahl jüdischer Druckereien In der Wtntersaison gibt es sogar zwei jüdische Theater, die gut besucht find. Die Zahl der Klausen, Bethäuser und Wohltätigkeitsanstatten, denen ausschließlich russische Juden angehören, ist recht groß. Das Pariser russische Ghetto dürfte demnach nächst demjenigen von Whitecheapel in London das größte in Westeuropa sein. $f&KtugaL Lissabon, 22. Dez. In Portugal besteht noch immer kein sogenannter Zivilregister für hie Bürger des Landes. Geburten, Eheschließungen und Todesfälle werden nicht durch den Staat registrirt. Es gibt bloß sogenannte Parochial- Matrikel der katholischen Geistlichen, die aber nicht Geburtssondern ausschließlich Tauf-Verzeichnisse find. Durch diese Zustände befinden sich selbst die wenigen Juden, die jetzt in Portugal leben, in einer eigenartigen zivilrechtlichen Situatian. Da ihre Geburtsfälle in die Parochialreqister nur dann ausgenommen werden, wenn sie mit der Taufe verbunden sind, andere öffentliche Register aber nicht vorhanden sind, so haben sie keine legale Existenz. Die Juden allein wären natürlich viel zu schwach, um hier einen Wandel der Dinge herbeizuführen. Es scheint jedoch, daß der Kampf, der in letzter Zeit um die politische Freiheit in Portugal geführt worden ist, auch in dieser Beziehurg eine Aenderung bringen wird. Amerika. N e w - A o r k, 10. Nov. Eine äußerst interessante und für die Juden sehr wichtige prinzipielle Frage ist lcht in denVereinigten Staaten von Amerka aufgetaucht. Bekann tlich enthält das amerikanischeNaturalisationsgesetz Hinsichtlich der eingewanderten Äst .aten, namentlich der Chinesen, Japaner usw. schwerwiegende Beschränkungen, so daß den Asiaten die Naturalisierung fast ganz unmöglich gemacht wird. In letzter Zeit häufen sich die Gesuche von eingewanderten Türken, Syrern und palästinensischen Juden um Ausfolgung der Naturalisationspapiere. Der Bezirksrichter von Newyork, Laeombe, stellte sich auf den Stand Punkt, daß die Türken, Syrer und palästinensischen Juden nicht zu derjenigen Kategorie von Asiaten gehören, auf welche die gesetzlichen Verordnungen Bezug haben, weshalb ihnen die sogenannten ersten Bürgerpapiere auszufolgen seien. Diese Entscheidung wurde angefochten uno das .zu ständige Bureau des Handelsministeriums hat denn auch sein Gutachten dahin abgegeben, daß die einschränkenden Gesetze sich auch auf die erwähnte Kategorie von Asiaten beziehe und daß die Regierung alle ihr zu Gebote stehenden Rechtsmittel erschöpfen müffe, um „die Einbürgerung dieser Elemente zu verhindern". Die Frage liegt nun vor dem obersten Gerichtshof, deffen Entscheidung begreiflicherweise mit großem Jntereffe entgegengesehen wird. New-Aork, 5. Dezbr. Infolge einer Verordnung des Jmmtgrations- Kommiffars Williams werden die Einwanderer auf Ellis-Jsland seit Anfang November einem „Muskelexamen" unterzogen, um ihre muskulöse Kraft zu Prüfen! Diejeniger Personen, die das Examen nicht bestehen, sollen als „physisch Schwache" zurückgeschickt werden, selbst wenn sie ausreichende Geldmittel besitzen und Verwandte in Amerika haben. Die neue drakonische Verordnung stützt sich auf einen Paragraphen im amerikanischen Einwanderungsgesetz, wonach „Personen, die wegen ärztlich festbestellter physischer Gebrechen nicht imstande sind, sich selber zu ernähren," von der Einwanderung nach Amerika auSgeschloffen sind. Diese gesetzliche Bestimmung besteht bereits seit drei Jahren, ohne daß bisher eine Forderung nach „starken Muskeln" daraus gefolgert wurde. Bon der neuen Verfügung werden namentlich die jüdischen Immigranten — insbesondere Schneider, Schuhmacher, Weber sowie sonstige Handarbeiter und Kontorbeamte — hart betroffen. Aus der Insel befindet sich gegenwärtig etwa 1400 Einwanderer, die aus das „Examen" warten oder, dasselbe „nicht bestanden" haben und zurückgeschickt werden sollen. Sie haben an die Regierung in Washington appelliert und werden dabei von den Schiffsgesellschaften unterstützt, die mit der neuen völlig willkürlichen Maßnahme des Jmmigrationskommiffars natürlicherweise sehr unzufrieden sind Der Entscheid der Regierung steht noch aus und wird von den Betroffenen mit banger Ungeduld erwartet. Türket. Konltanflnopeler Allerlei. (Bon unserem Korrespondenten.) Konstantinopel, 17. Dezbr. Vor einigen Tagen fand eine Sitzung des türkischen Flottenveretns statt, zu welcher auch die jüdischen Notabeln geladen waren. Der Sultan hat die Statuten genehmigt und das Protektorat übernommen. Im Sitzungssaale waren viele Hodschas, Armenier und Griechen. Die jüdischen Gemeinden waren vertreten durch die Herren: Rabb. Dr. Markus, R.-A. Dr. Schönmann, Nachmias Bey, Jakob Philosoph und Rabb. Raph. Sab an. Charakteristisch für den augenblicklichen äußeren Frieden unter den Nationen ist das Resultat, des ersten Wahlganges: 3 Armenier, 2 Juden, 1 Grieche und 1 Türke! Auf Antrag eines Marineoffiziers einigte man sich auf 3 Türken, 2 Griechen, 1 Juden und 2 Armenier. Zur gleichen Zeft fand die < bester Wiedereinwei^rng der großen Eni Thora in Haidar-Pascha statt. Dieses Ins mußte s. Zt. geschlossen werden, weil die dort jüdische Bevölkerung, die ziemlich wohlhabend kein Interesse für das Weiterhestehen zeigte weder Allianz noch Hilfsverein wollten ah«' hier aus diesem Grunde beispringen. Der ümtzii-? kanische Botschafter spendete am 2"' hundert Lstr: Von diesem Gelde wurde ein Haus gekauft, hie jetzt eröffnete Schule. Der Großrabbiner hielt in spanischer und dann in türkischer Sprache eine Rede, auf die der Gouverneur von Haidar Pascha, Faik Bey, antwortete. Dieser rühmte den Patriotismus der Juden, lobte ihr Bildungsbestreben und endete mit der Bitte, gemeinsam mit den anderen Osmanen auf eine gebildete, aufgeklärte Türkei hin zu arbeiten. Jn Haskeny wurde die vom Grasen K a m o n di errichtete Schule auch wieder eröffnet. „Schuko Moariw" war die einzige von der türkischen Behörde anerkannte jüdische höhere Schule. Jnfowe Geldmangels wurde der Unterricht eingestellt, Der Chacham Baschi hat eine Kommission für öffentlichen Unterricht ernannt. Diese richtete nun diese als Primärschule für Kinder von 5. bis 10 Jahren ein, doch sollen Zöglinge der Alianzschulen keine Aufnahme finden. Der Lehrplan schreibt vor: Hebräisch (Iwrit-beiwrit), Türkisch und Französisch. Das Unterrichtsministerium erbat zu einer - Schulstatistik Informationen über jüdische Schulen. der Hauptstadt und der Provinzen für das laufende und vergangene Jahr. Zugleich teilte es mit, daß die Jdadieh-Schulen der Hauptstadt? wegen Ueberfüllung keine Schüler vorerst mehr ' aufnehmen könnten, doch seien die Provinzschuley - hiezu aufgefordert. Im Staatsinternat zu Amgorg , find vier Freiplätze für jüdische Zöglinge geschaffen. Das Großrabbinat wandte sich an die , Direktion der Hilfsvereinschulen um Ueoerweisung eines armen Knabendiese wird, da es sich um. keine rituelle Beköstigung handelt, dem Wunsche hoffentlich nicht entsprechen. Das Kriegsministerium richtete an das Großrabbinat die Anfragen: 1. Welchen Nachweis ein jüdischer Soldat erbringen könne, daß er von seiner Frau geschieden sei. 2. Ob unter den Juden Polygamie gestattet sei. Nach mir zugegangener Kunde soll ein Handelsministerium hier geschaffen werden, und soll unser Glaubensgenosse, der Deputierte Fjaraggi für dieses Amt ausersehen sein. „Telegraph" berichtet, daß der Großrabbiner mit devl Abgeordneten Faraggi zwecks Einführung einer Kultussteuer beim zuständigen Minister wares verlautet, daß eine Durchführung auf Widerstand stoßen wird. Woher soll auch die arme Bevölkerung die Mittel zu dieser Steuer nehmen? Die Klagen über schlechten Geschäfts-- gang nehmen täglich zuinfolge Geldmangels; mußte sich der Verein „Ahawat-Cheffed", deür einst sonnige Tage beschicken waren, auflösen. Das Hospital „Orach Hajim" in Galat erhielt früher alljährlich vom Sultan 50 Lstr., in diesem Jahre sind von dieser Stelle nur 15 Lstr. zugegangen. Einen Freund und Förderer haben alle hiesigen Institutionen in dem Botschafter Oskar Strauß. Er besucht die Ber» anstaltungen und bekundet stets sein Jntereffe für alles Jüdische. Bor wenigen Tagen walk der Herr im genannten Hospital und nahm genaue Einsicht in das Budget des Hauses.; 7,., UcrmittMt*. Berlin, 18. Dez. Bor kurzem veröffentlichte g^'taatsbürgerzeimng", wie seinerzeit berichtet, mi? biß an das angebliche Gutachten" zweier? ofefforen der Ezernvwitzer UntvsHität einen artM über daS Kol Ntdrc, welcher in der Verleumdung gipfelte, daß das Judentum du Formel, den Meineid sanktioniere. Me mm.