Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1909)
- Date
- 1909-12-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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A). Dezember 1909. Der Jsrattit. Nr. 53 Gerte 7 Lewährt, und er hoffe nicht, daß. man jemals gezwungen sein werde, einer Aenderung in diesem Punkte näher zu treten. Herr Sanitätsrat Dr. Rosenbaum, Mitglied des Gemeinde-Ausschusses, meint, die Gemeinde entwickle sich erfreulicher Weife durchaus normal und zähle jetzt im Ganzen 1022 Mitglieder. Unnatürliche Erscheinungen, auf die Herr Loeb .Hinweise, könne er nirgends entdecken. Auch die Schulen hätten entgegen der Ansicht des Herrn Loeb bedeutend zugenommen, besonders die Mädchenklassen. Nachdem Herr Loeb seine Anschauungen nochmals eingehend begründet und eine Beschleunigung der Statutenrevision gefordert, da der jetzige Zustand Gefahr in sich berge, verbreiten sich die Herren Leopold Mosbacher, Wolf und Eugen Ettlinger noch einmal über die Frage der Zwangsbesteuerung und der Zlbschreibungen auf Immobilien. Bei den Wahlen, die nun vorgenommen wurden, siegte, gegen eine geringe Opposition, die von der Verwaltung patronisierte Liste. Es wurden die Herren Wilhelm Hackenbroch in den Borstand, Naphtali Schwabacher und Emanuel-Efsi nghausen in den Ausschuß gewählt. 1 Eisenach, 23. Dez. Für die Reichstags- Ersatzwahl in Eis enach-D ermb a ch an Stelle des Antisemiten Schack ist' als gemeinsamer liberaler Kandidat der meiningische Landtagsabg. Landwirt Krug aus Obermaßfeld aufgestellt worden. — In den „Deutschsoz. Bl." suchen die Abg. Liebermann v. Sonnenberg, Lattmann und Raab in einem Aufruf Stimmung für den antisemitischen Kandidaten Hädrich zu machen durch die Behauptung, daß „ein erschütterndes Unglück" diese Ersatzwahl notwendig gemacht habe. Wörtlich heißt es in dem Anruf: „Ihr Helfer heran! Die Wartburg ist bedroht vom Heerbanne des Umsturzes! Wir können und müffen sie retten." — Als ob Herr Schack ein treuer Hüter der Wartburg gewesen wäre! Ungarn. Verfdiieöenes aus Ungarn- (Von unserm Korrespondenten.) Budapest, 20. Dezember. Der jüdische Schuldirektor der Kommunalschule des 6. Bezirkes Joseph Schön traf mit dem katholischen Religionslehrer seiner Schule ein Uebereinkommen, in der Turnhalle daselbst einen „Altar" zu errichten, vor welchem katholische Gebete unter Teilnahme sämtlicher Schüler verrichtet weiden sollen, obwohl nahezu die Hälfte der Schüler aus jüdischen Kindern besteht. Zur Einweihung dieses Altars wurde der Pfarrer Szenrivany eingeladen, der in seiner Ansprache an die versammelten Schulkinder u. a. auch folgendes sagte: „Nur Katholiken kommen in den Himmel, weil nur Katholiken ehrliche und anständige Menschen sein können." Im Interesse der jüdischen Kinder dieser Schule hat der jüdische Reichsratsabgeordnete des 6. Bezirks Dr. Wilh. Wazsontzi den Fall zur Kenntnis, des Bürgermeisters und der städtischen Schuldeputation gebracht, die die Handlung des Schuldirektors gewiß nicht billigen werden. In der letzten Nummer des „Magyar Zsido" fordert Herr Desider Korem die gesetzestreuen Juden zur Gründuna eines Schomre Schabbos - Bereins (?) auf.. Der Verein soll eine der „Freien Bereinigung für die Interessen des orth. Judentums" in Deutschland ähnliche Landesorganisation bilden, in deren Programm sowohl den geistigen als auch den materiellen Interessen der orthodoxen Juden Rechnung getragen werden soll. Kutzta«v. Petersburg, 26. Dezember. Die Bestrebungen der progressiven Parteien Rußlands, die Aufhebung des jüdischen Ansiedelungsrayons in her Duma durchzusetzen, finden auch bei den gemäßigten Rechten AnÜang. Wichtig ist diesbezüglich, eine Petersburger Meldung des,^>eed Aasmen", wonach Fürst Obolenski, der ge- «esene Overprokurator des Synods und Führer Zentrums tat Staatsrat, erklärt habe, daß Mtrumspartei durchaus nicht vom Judenhaß erfüllt fei r§nd daß in dem Falle, daß die Duma den Gesetzentwurf über die Aufhebung der „Tscherta" annehmen sollte, die Regierung dem Dumaböschluffe sicherlich zustimmen würde, da auch ein Teil der Rechten für den Gesetzentwurf stimmen würde. Bis jetzt haben 23. Oktobristen den Gesetzentwurf mitgefertigt. -r° * * Laut der soeben ausqegebenen offiziellen Statistik sind im vorigen Jahre 400 Personen von der russisch-orthodoxen Kirche zum Judentum übergetreten. Es handelt sich hier natürlich zum größten Teile um Rücktritte von Juden, die vor dem Manifest über die Glaubensfreiheit unter dem Drucke der Verfolgung zur russischen Kirche übergetreten waren und seitdem ein Marannen- Leben führten. Odessa, 24. Dezember. Stadthauptmann Tolmatschow scheint mit feinen Verfolgungs- Mitteln gegen die lebendigen Juden schon ans Ende gelangt zu sein, denn seit einiger Zeit ersinnt er neue Mittel, wie die jüdischen Leichen verfolgt werden könnten. Erst kürzlich hat er die „Entdeckung" gemacht, daß unter den tausenden von Leichen, welche, da sich kein Angehöriger zur Bestattung meldet, dem Odeffaer Anatomischen Institut zu Studienzwecken anheim fallen, keine einzige jüdische Leiche sich befinde. Sobald ein Jude im Krankenhause stirbt, melden sich sofort einige Angehörige, die für die Bestattung der Leichen sorgen. Den Stadthauptmann ließ diese Entdeckung nicht ruhen. Die Polizeiuntersuchung „ergab", — und was ergibt nicht alles eine russische Poltzetuntersuchung — daß in den meisten Fällen nicht Verwandte, sondern ganz fremde Juden die jüdischen Leichen übernehmen und zur ewigen Ruhe bringen lasten. „Im Jntereffe der Hintanhaltung einer Schädigung der Wissenschaft" erließ nnn der Stadthauptmann den Befehl, daß die Juden, welche Leichen aus Krankenhäusern abholen, in Zukunft ihre Angehörigkeit zur Familie des Verstorbenen durch Dokumente beweisen müffen. Aus dieser Verordnung sind nun die größten Schwierigkeiten für die Juden entstanden, da viele Juden nicht im Besitze von Dokumenten sind und die Behörden sich natürlich nicht beeilen, die Dokumente auszufertigen. Auf diese Weife verfällt dann die jüdische Leiche zwangsweise dem anatomischen Institut!! _ Kiew, 26. Dezember. Die Administration unseres Gouvernements hat sich seit jeher in ihrem „Kampf" gegen die Juden besonders ausgezeichnet. Ihre neueste Leistung ist die plötzliche Ausweisung von dreihundert jüdischen Familien aus unserem Nachbarorte Dimjowka. Die Ausgewiesenen, durchaus friedliche, seit mehreren Jahren daselbst wohnhafte Leute, haben sich an den Gouverneur mit der Bitte gewandt, ihnen den Aufenthalt in Dimjowka bis zum Sommer zu gestatten, da ihnen das Berlaffen des Ortes in der kalten Winterszeit besonders schwer falle. Die Antwort des Gouverneurs steht noch aus. jjranitreidj. Paris, 22. Dez. Als neuerlich ein Kämmerer des Sultans in Marokko sich mehrfacher Ausschreitungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung schuldig machte, überreichte Elm aleh, Direktor der Alliauceschulen in Fez, dem französischen Vertreter dort ein Promemoria, das der französischen Regierung zugestellt wurde. In der französischen Deputiertenkammer wurde die Angelegenheit am 23. November erörtert und der Minister des Auswärttgen, Herr Ptchon, nahm zu ihr Stellung. Am Tage zuvor, am 22. November 1909, ging an den Großwesir des Sultans, Mulay Hafid, nachstehendes Schreiben: Parts, 22. November isvs. Si Madant Elmezuar El Gkaui Großwefir Seiner Scherifischen Majestät Mulah Abdul Hastb, Sultan vm» Marokko Fez. Suerr Exzellenz haben die Güte gehabt, uns die Brrficherung zu gäben, baß Sie den treuen Untertanen Seiner Scherifischen Majestät ohne Unterschied der Abstammung und des Bekenntnisses gleichen Schutz angedethen angedethen lassen wollen. Wir freuen uns von Heiden über dieses Zeichen nachdrücklicher Fürsorge, die Sie auch unseren Glaubensgenossen zuge* wendet haben. Durchdrungen von Dankbarkeit für ihren neuen Herscher Sultan Hulah Abdul Hafid, der fie seinen übrigen Untertanen gletchschätzen will, voller Dankbarkeit auch gegenüber den Ministern Seiner Scherifischen Majestät, und besonders gegenüber Euerer Exzellenz, desien wohlwollende Haltung zu ihren Gunsten fie anzuerkennen wissen, wollen die Israeliten Marokkos stch dessen würdig zeigen und durch ihre Anhänglichkeit und durch ihre Tätigkeit zum Gedeihen des Landes beitragen. Welchen Schmerz haben daher die Jsraewe» von Fez empfunden, als sie vor e mger Zeit der Gegenstand neuer Bedrückung und schlechter Behandlung von Setten des Kämmerers Seiner Majestät waren. Dieser über unsere GlaubenSgenosien ohne Zweifel falsch unterrichtete Beamte hat fie in ihren religibsen Gefühlen verletzt, indem er fie zwang, während der größten jüdischen Feiertage zu arbeiten. Er drängte ihnen gewaltsam Frondienste auf, für den fie keinen Lohn erhielten. Er ließ ihnen körperliche Züchtigung auferlegen, die zu verschiedenen Zeiten durch Edikte marokkanischer Herrscher uMersagt worden war. Gestatten Sie uns Exzellenz, die wir seit fast 50 Jahren an der moralischen und intellektuellen Hebung unserer marokkanischen GlaubenSgenosien arbeiten, Ihre wohlwollende Protektion zu Gunsten der israelitischen Bevölkerung zu erbitten, zn appellieren an Ihr Menschltchkeits- und Gerechttgkettsempfinden, um die Wiederkehr solcher beklagenswerten Borkommnisie zu verhüten. Unsere GlaubenSgenosien bedürfen JhreS Schutzes; Ihre Intervention wird ihnen das Gefühl der Sicherheit geben, und Sie werben fich die Dankbarkeit nicht nur der marokkanischen GlaubenSgenosien erworben haben, die Ihren Namen rühmen werden, sondern auch die Dankbarkeit aller Israeliten der Welt, deren Dolmetscher wir find. Genehmigen Sie, Exzellenz, die Derstcherung unserer Ehrerbietung. Der Präsident der Alliance JSraöltte Universelle N. Leven. Ueber die Wirkungen, die die Verhandlungen der französischen Depüttertenkammer und das obige Schreiben gehabt haben, berichtet Herr Elmaleh unter dem 7. Dezember: Niemals ist eine Intervention zu einem geeigneteren Zeitpunkt gekommen. Während der Horizont der Marokkopolittk umwölkt war, haben Sie förmlich divinatvrisch (! Red.) den rechten Augenblick herausgefunden, um zu Gunsten unserer Glaubensgenossen in Fez zu intervenieren. Der Sultan hat mit der größten Aufmerksamkeit die Reden gelesen, die betreffs Marokkos während der letzten Tage in der Deputiertenkammer gehalten wuroen. Sobald die Zeitungen in Tanger eintrafen, brachten ihm Eilboten die Uebersetzungen. Sie erinnern sich des Berichtes über die Lage des Mellah, den ich Herrn Gaillard erstattet hatte, und der dem Ministerium des Auswärttgen übermittelt worden ist. Sie haben gesehen, daß Herr Pichon in der Kammer von der Lage der Juden in Fez gesprochen hat. Seine Ausführungen waren durch den Bericht angeregt, von dem er einen Auszug wiedergab. Andererseits hat Herr Pichon über diesen Gegenstand Vorstellungen an den Mokhi gerichtet, der sie dem Sultan übermittelte. Der, Großwesir hat gestern infolge dieser Intervention die Großraboin-n und. Notablen unserer Gemeinde berufen und ihnen im Namen seines Herrn folgendes gesagt: „Es ist zu unserer Kenntnis gelangt, daß der Direktor Ihrer Schule zu verschiedenen Malen unsertwegen an die Alliance Jsravlite geschrieben hat. Ich bin durch unseren Herrn beauftragt, Ihnen zu sagen, daß niemals mehr in Zukunft Sie irgendwelche Ungerechttgkeit von Seiten des Maghzen zu erleiden haben werden, daß man Ihnen keinen Frondienst mehr auferlegen wird, daß Ihre Feiertage und Samstage in Zukunft respektiert werden sollen. Ich bringe Ihnen die Zusage des Wohlwollens von Seiten, des Sultans, der Sie' liebt wie seine treuesten Untertanen. Die Türen zum Hause des Dar El Magh en werden Ihnen von heute au wett geöffnet seit, und Sie werden immer Ihre Klagen und Beschwerden vor uns bringen können,- wir werden sie mit Billigkeit ausnehmen." Ungefähr in diesen Ausdrücken sprach der Großwefir zu den Repräsentanten des Mellah. Unmittelbar, nachdem die Notablen gegangen waren, habe ich dem Großwefir meine Austvar-