Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1909)
- Date
- 1909-12-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite L Nr. JSraelit. SV. Dezember 1969 FondS bereits eine Höhe von über 2 Millionen Mark erreicht habe. Der Vertreter der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei Amerikas, Dr. Syrkin, giebt eine Erklärung ab, daß die jüdische Arbeiterschaft das größte Interesse an der Schaffung einer Heimstätte in Palästina habe und gern an der Arbeit für dieses Ziel tellnehmen wolle. Darauf verkündet der Präsident eine Reihe von Sttftungen, die von verschiedenen Seiten anläßlich des Kongresses gemacht worden find, im Gesamtbeträge von rund M. 3000.—. Eine zur Schaffung einer Arbeit eransiedlungs- Genoffenschaft in Palästina nach den Vorschlägen des Herrn Dr. Franz Oppenheimer vorgenommene Sammlung, hat bis heute bereits eine Summe von über 10 000 Fr. aufgebracht. Auf ein Begrüßungstelegramm an den deutschen Kaiser ist folgende telegraphische Antwort eingelaufen: „Seine Majestät der Kaiser und König haben den Huldigungsgruß der dort versammelten Zionisten gern entgegengenommen und lassen bestens danken. Aus Allerhöchsten Befehl: Der Geheime Kabinettsrat vonValentin i." Die Verlesung des Kaiserlichen Telegramms wurde von der Versammlung mit begeistertem Jubel ausgenommen. Um 2 Uhr wird die Bormittagssitzung geschlossen. In der Nachmittagsitzung gibt Dr. Katzenelsohn, Libau den Bericht über die zionistischen Banken: Tie neugegründete Anglo Levantine Banking Company in Konstantinopel entwickelt sich gut und wird Voraussichtlich bereits im ersten Geschäftsjahr 6 Pritz. Dividende verteilen. Die Anglo Palestine Company in London, mit einer Hauptniederlassung in Jaffa und Filialen in Jerusalem, Haifa und Bey-> tut fyat bedeutende Fortschritte gemacht. Die Depositen und Einlagen auf Scheck-Konto sind von 1,3 Millionen Francs im Jahre 1905 aus 4i/2 Mill. Francs gestiegen, die Summe, die in geschäftlichen Transaktionen investiert ist, stieg von 1,9 Millionen im Jahre 1905 aus 6,2 Millionen. Die Dividende wird mindestens die Höhe des Vorjahres von 4 Proz. erreichen. Der Jetvish Colonial Trust in London erachtet es als seine Hauptaufgabe, die palästinensischen Unternehmungen zu stützen und die übrigen Gelder mobil zu halten, bis die Möglichkeiten gegeben sind, Konzessionen in Palästina zu erwerben. Es entspann sich nunmehr eine Debatte hauptsächlich über die Arbeiten in Palästina. Auch diese Diskussion war ziemlich kritisch und rügte vor allem, daß seitens der zionistischen Organisatton nicht genug geschehe. Herr Eisenstadt, Jerusalem verlangte die Uebertragung der Leitung nach Palästina, die Herrren Blitz, Dessau, Dr. Daiches, Manchester und-.Dr. Thon, Krakau behaupteten, daß in Palästina zu wenig geschehe. Nordau habe gesagt: Warten sei ein Kummer, keine Schande. Dem müsse man entgegnen: Untätiges Warten sei eine Schande, sei mehr, der schwerste Schaden für die Bewegung. Kaplanski,Wien verlangt die Schaffung einer Agrarkredttinstitution, um die jüdischen Arbeiter in Palästina als selbständige Kolonisten anzusiedeln. Ben Zwi. Jerusalem verlangt, daß die Institutionen der zionistischen Organisationen in Palästina auf breiterer Grundlage reformiert würden. In ihrer gegen wärtigen Verfassung fehle ihnen der enge Zusammenhang mit den bretten Massen. ' Im Rahmen der Palästinadebatte ließ auch der „Misrachi", der sich die Aufgabe gestellt hat, innerhalb des Zionismus für die Aufrechterhaltung des jüdischen Religionsgesetzes Sorge zu tragen, durch zwei Herren seinen Forderungen Ausdruck verleihen. Herr Prof. A. W e y l - Frankfurt a. M. beginnt mit einer Schilderung der Tätigkeit des jetzt als Förderation anerkannten „Misrachi", des Benjamins unter den zionistischen Organisationen. Er habe eine Schule gegründet, die den religiösen Fächern nicht weniger als den profanen Rechnung trage. Während des Kongresses habe man auch Fühlung genommen mit palästinensischen Gesinnungsgenossen, Zm die Gründung einer Kolonie in Angriff zu nehmen. Will der Zionismus weitere Kreise erobern, so müsse er die jüdische Volksseele belauschen, die am 'leidenschaftlichsten erglühe, wenn es sich um religiöse Fragen handle. Religiöse Begeisterung habe zu Esras und der Makkabäer Zeiten das jüdische Volk und das jüdische Staatswesen erneuert. Der Nationalfonds dürfte überhaupt keine Schulen unter st ütze.n,. erst recht nicht solche, die in religiöser Beziehung zu schweren Bedenken Anlaß geben. Die Zionisten dürften die religiösen Gefühle weiter Kreise nicht verletzen, die Sabbathheiligung müßte von den kleinsten zionistischen Organisationen bis in die Höchsten Büros der Leitung hinein als ein heiliges Prinzip angesehen werden. Heine hat das Judentum die Schweizergarde des Gottesglaubens genannt; Herzl die traditionellen Juden als die treueste Garde des Zionismus bezeichnet. Beide Aussprüche gehören zusammen. Nur der aus das traditionelle Judentum gestützte Zionis- NMs verspricht dauernden Erfolg. (Lebhafter Beifall.) Herr L e b o w i t s ch-Budapest vertritt ebenfalls in wirkungsvollen Worten den Standpunkt des Misrachi. Der bekannte Sozialökonom Dr. Franz Oppenheimer unterbreitete dem Kongreß ein Programm zur Schaffung einer genossenschaftlichen Siedlung und forderte den Kongreß zur Zeichnung von Beiträgen auf. Heute konnte der Präsident Mitteilen, daß jetzt 40,000 Mark gezeichnet waren. Sehr interessant war das Referat des Herrn Florentini aus Saloniki, eines Misrachisten, über die kulturelle Lage in der Türkei. Dieses Referat beschäftigte sich hauptsächlich mit der Schulssrage und wies mit Nachdruck auf die Notwendigkeit hin. Schulen auf religiöser Basis zu gründen, Talmud- Thora-Schulen auszubauen und schließlich ein Rabbinerseminar in TpK ins Leben zu rufen. Prof. W a r b u r g zog in seinem Schlußwort das Resumo aus der bisherigen Verhandlung. Er ging im einzelnen auf die geäußerten Wünsche und auf die gerügten Mißstände ein und versprach weiter ernste Förderung der zionistischen Unternehmungen in Palästina. Dem energischen Auftreten der Vertreter des „Misrachi" widmete er verständnisvolle Worte und gab das Versprechen ab, daß sämtliche Unternehmungen des Zionismus im Sinne der von den Misrachisten gestellten Forderungen geleitet werden sollten. (Bericht über die Donnerstags-Sitzung in nächster Nummer.) Frankfurt a. M., 27. Dezember. Gestern fand die ordentliche Generalversammlung der Syna? gogengemeinde „Israelitische Reltgionsgesllschaft" bei zahlreicher Beteiligung statt. Den Vorsitz führte Herr Michael Schwarzschild, der auch den Bericht über das Etatsjahr erstattete. Er entwarf ein Bild von der Führung der Gemeindegeschäfte seitens der Verwaltung im vorigen Jahre und von der Finanzlage. Infolge von Aenderuugen und Erweiterungen an den Schulanstalten der Gemeinde und vor allem durch das neue Lehrerbesoldungsgesetz seien größere Ansprüche an die Gemeinde herangetreten, wodurch das Schulbudget, das ohnedies für Realschule und höhere Töchterschule schon 160000 Mark Ausgaben aufweist, im kommenden Jahre um 18000 Mark mehr belastet sein werde. Es sei daher zunächst eine Erhöhung deS Schulgeldes um 17 Mark pro Kind und Jahr erforderlich. Um jedoch allen Verpflichtnngen, die die Schule der Gemeinde auferlegt, Nachkommen zu können, und nm die normale Entwicklung auch der übrigen Gemeindeinstitutionen zu gewährleisten, müsse man auch eine entsprechende Vermehrung der laufenden Beiträge erwarten. Der Referent verliest noch eine ganze Reihe von hochherzigen Stiftungen, die für verschiedene Gemeinde* und Sckulzwecke gemacht wurden, ohne welche das Defizit, welches jetzt 8000 Mark beträgt, sich mindestens aus 14000 Mark belaufen hätte. Die feit Anfang 1907 arbeitende, von der Generalversammlung gewählte Sonderkommiffion, welche in Gemeinschaft mit der Verwaltung die Frage prüfen sollte, ob und in welchen Punkten eine Satzungsänderung rätlich sei, habe dem Vorstand ihren Bericht in der zweiten Hälfte des vorigen Jahres erstattet. Vorstand und Ausschuß bestellten ihrerseits Referenten zu der Angelegenheit, die eingehende schriftliche Referate vor einigen Monaten der Verwaltung einreichten. Dabei seien so wesentliche neue Gesichtspunkte ausgetaucht, daß nach gemeinsamer Beratung mit derKommission, auf deren Antrag die ganze Materie noch einmal an die Kommission zurückgeleitet wurde. Der Redner gedenkt der im vergangenen Jahre verstorbenen Mitglieder der Gemeinde, zu deren Ehren sich die Versammelten von ihren Plätzen erheben, und schließt mit einem warmen Appell an die Gemeindemitglieder, in Anbetracht der Verpflichtungen, die an die Gemeinde in gesteigertem Maße herantreten, ihre bisher erprobte Opferwilligkeit noch zu vermehren und die Gemeinde nach Kräften zu unterstützen Als erster Diskussionsredner ergreift Herr Moritz A. L o e b das Wort. Das Defizit von l4 000 Mark, führt der Redner aus, würde, wenn man die Immobilien mit in Betracht ziehe, auf die keine Mschreibung stattgesunden hätte, zu einem solchen von 32 000 Mark anwachsen. Tie Vermehrung der Ausgaben sei natürlich, unnatürlich sei aber, daß die Einnahmen nicht auch mit diesen gesteigerten Ausgaben Hand in Hand gingen. Dos Wachstum der Gemeinde vollziehe sich nicht rasch genug. Auch die Vermehrung der Schulfrequenz'lasse zu wünschen übrig. Die Schuld, meint der Redner, liege einzig daran, daß Gemeinde und Verwaltung nicht mehr in dem Kontakte stehen, wie es im Interesse einer großen Gemeinde zu wünschen wäre. Das veraltete System der Verwaltung passe für die heutigen veränderten Verhältnisse durchaus nicht mehr. Vor 30 Jahren hätten die Statuten zum ersten Male eine Revision erfahren, seitdem sei trotz der rapiden Entwicklung der (Gemeinde in der Verwaltung alles beim Alten geblieben. Der Persomnkreis, aus dein sich die Verwaltung zusammeusetzte, sei zu klein. Die vor drei Jahren eingesetzte Statutenkommission habe sehr langsam gearbeitet, und noch sonderbarer sei es, daß die bereits vor einem Jahre von der Kommission dem Vorstände eingereichten Vorschläge bislang noch kein greifbares Resultat gezeitigt hätten. Die Basis der Verwaltung müsse erweitert werden, und ein größerer Wechsel in der Wahl der Mitglieder herbeigesührt werden. Es müßt? eine Art Repräsentantenkollegium geschaffen werden, welches vollständig unabhängig und getrennt vom Vorstande gegenüber diesem die Gemeinde zu vertreten - hätte. Ter Redner fördert die Versammlung auf, zu Gunsten der Statutenrevision zu demonstrieren. . Herr Lazcrrus Klau tritt als Mitglied i. er Schulverwaltung den auf die Schule bezüglichen Ausführungen des Vorredners entgegen. Gerade die Schule sei unter großen Opfern, durch fortwährende Ausgestaltung und Hinzufügung moderner Fortbildnngsinstitutionen durchaus auf der Höhe der Zeit. Propaganda in anderen Kreisen für unsere Schule zu machen, halte Redner persönlich gar nicht für wünschenswert. Eine stärkere Vergrößerung der Schülerzahl würde die Einrichtung von Parallelklassen und ungeheuere Mehrkosten zur Folge haben. Im übrigen sei er der Meinung, daß man auf die von Herrn Loeb vermißte Jmmobilien-Abschreibung ruhig verzichten könne, da die Gemeinde kein Finanzinstitut sei, sondern idealen Zwecken zu dienen habe. Herr L. Wormser regt an, die Synagoge in der Schützenstraße einer Verwendung zu übergeben, wodurch sich die Einnahme» der Gemeinde vergrößern würden. Herr Michael S ch w a r z s ch i l d tritt namens des Vorstandes den Ausführungen des Herrn Moritz A. Loeb entgegen. Das Defizit sei die natürlichste Erscheinung der Welt, die heute in Staat und Kommune aus genau gleichen Ursachen anzutrefsen sei, und die daher die scharfe Kritik' gegen die Verwaltung in keiner Weise rechtfertige. Was die Statutenrevision betrifft, jo seien Kommission und Verwaltung mitten in ihren Beratungen und es gehe nicht an, der Kommission vorzugreifen. Wie man auch über die Notwendigkeit der Satzungsänderung denken möge, so sei. doch ein überstürztes Vorgehen in einer so wichtigen Angelegenheit nur von Schaden. Herr Jakob Wolf schließt sich dem Wunsche des Herrn Loeb auf Beschleunigung der Statntenrevision an, wünscht aber, daß auch eine radikale Aenderung im Steuersystem eintrete. Anstelle der freiwillige« Beiträge müßte eine regelrechte Zwangsbesteuerung treten. Der Vorsitzende erwidert dem Redner, daß di?sc - Frage den Vorstand früher schon wiederholt beschäftigte? habe. Das sreilvillige Steuersystem habe sich in der - Gemeinde jedoch bis zum heutigen Tage aüsgezftchtret?