Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1909)
- Date
- 1909-12-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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28. Dezember 1909. Daud Essend iz, der DrygMan des Divan- Knpertal, wird aller Wahrscheinlichkeit nach diese Ehre erlangen. Die Zionisten Konstantinopels, die an der Wahl-Propaganda zugunsten Rabbi Nahums wacker mitgearbeitet haben, sehen sich jetzt bitter enttäuscht, da der Gewählte — der „Tiempo" spricht davon — immer mehr eine Asiimilierung der Juden mit den Osmanen anzustreben scheint. In der „A schien asimfrage" nimmt der Großraboiner auch eine sehr zweideutige Stellung ein. Der Ex-Großrabbiner bestimmte dieser Gemeinde als Anteil aus den Gabbellageldern monatlich 60 Ltg. Obgleich ein Kontrakt in diesem Sinne vorliegt, soll jetzt nur die Hälfte bezahlt werden. Es läßt sich aber feststellen, daß die Aschkenasim- Gemeinde 120 Ltg. p. m. zu der Schächt- und Fleischsteuer beiträgt und somit zu einer Mehrsorderung berechtigt ist. Eine von beiden Parteien eingesetzte Kommission erzielte kein Resultat. Die Folgen machen sich jetzt schon sehr unangenehm bemerkbar. Die Armengelder fallen fort, Kohlen können nicht — wie alljährlich — unter die Notleidenden verteilt werden, die Schulen erhalten keinen Beitrag, und um das Maß des Unglücks zu füllen, ist ein mildtätiger Verein — der einzige, dem längeres Leben beschieden war — in Auflösung begriffen. Die Aichkenasim sehen sich zur Selbsthilft gedrängt. Es fino bereits Schritte unternommen, eine Erlaubnis zur Schechitah und Selbstverwaltung zu erwirken. Inzwischen soll nach Meldung de- „La Boz" die Lethkaffe aushelfen, die nunmehr ihre Tätigkeit eröffnet. Der „Hllfsverein der Deutschen Juden" und die „Allianz" haben je 10000 Fr. gegeben, und eine gleich hohe Summe ist aus verschiedenen Restbeständen hier zusammengetragen. In daS Komitee sind ^wei Vertreter für den Hllfsverein (Rabb. Dr. Markus, Herr Jakobsohn), ebensoviel für die Allianz (R. A. Taranto, Herr Dämeoia) und die Gemeindemitglieder gewählt. Fünfzig Aktionäre werden die Generalversammlung bilden. Konstantinopel, 5. Dez. Die hauptsächlichen Bestimmungen deS neuen türkischen endustrieförderungsgesetzes sind folgende: Als. abrik gllt der Industrielle Betrieb mit Mehr als 25 Arbeitern und minimal 37000 Mk. Kapital. Nur türkische Firmen genießen folgende Begünstigungen : Unentgeltlicher Baugrund, falls innerhalb dreier Jahr der Betrieb aufgenommen wird, 15 Jahre dauernde Steuer- und Taxfreiheit, Befreiung der ftemden Arbeit von der Gewerbsteuer. Maschinen und Baumaterial können zollfrei eingeführt werden. Fabrikanten, die Spezialarttkel erzeugen und deshalb türkische Einwohner Maktisch unterrichten, erhalten Spezial-Vorteile. Bet staatlichen Lieferungen bekommen die begünstigten Fabriken den Vorzug, selbst wenn ihre Hreise um 10 proz. diejenigen fremder Angebote Übertreffen. Arnerika. - Die Reformrabbiner in New-vork. New-Aork, 3. Dez. Das Ereignis des abgelaufenen Monats war die nach beinahe zwei Dezennien wieder einmal in New-Aork abgehaltene Generalversammlung der „Central Conference of American Rabbia“, bie alljährlich an einem anderen Orte Amerikas tagt und durch das von ihr herausgegebene umfangreiche Jahrbuch für ihre radikalen Bestrebungen sortgesetzt Propaganda macht. Die diesmalige Tagung hat sich zu einer unerhörten Herausftrderung des überlieferten Judentums und seiner Bekenner, die hierin New Aork ja die ungeheure Mehrheit bilden, gestaltet und «tt Recht von alb.n Seiten schärft Proteste zur KÄe gehabt. KE DchlM die der Eröffnung der Versammlung Vtt JSratttt. vorangehenden Redner konnten sich an Herab* setzung und Beschimpfung der gesetzestreuen Judenheit nicht genug tun. So sprach Dr. Emil Hirsch von Chicago von der „niedrig stehenden Moral" der orthodoxen Juden, deren „Magen koscher, deren Herzen aber oft treffo" seien! Bei einer zu Ehren des amerikanischen Reformrabbiners David Einhorn abgehaltenen Gedächtnisfeier leistete sich derselbe Dr Hirsch folgenden empörenden Ausfall: „Jene orthodoxen Juden, die fett Jahren ihr „zurück nach Jerusalem" schreien und den gleichen Wunsch in ihren hebräischen Gebeten murmeln, würden Tode erschrocken sein, wenn sie den Sinn der Worte, die sie beten, verstehen würden. Wir wollen nicht nach Jerusalem zurück, auch wenn wir könnten, und was die eigensinnige Wiederbelebung romantischer Zeremonien und alter Institutionen betrifft, nur weil sie jüdisch sind, so find die meisten dieser Zeremonien, sogar der Sabbat und die Feiertage und der abrahamittsche Bund unjüdischen Ursprungs, wenn man ihre Entstehung weit genug zurück verfolgt." Ein Sturm der Entrüstung erhob sich in der Versammlung der Reformrabbiner selbst, als in der Freitag-Nachmittag-Sitzung Rabb. Köhler, — der ja jetzt für die deutschen Reformer eine „systematische Theologie" geschrieben hat — *) mit kühner Geste das Joch der Bibel abschüttelte. „Die Bibel," so meinte der Herr, „ist nicht Gottes Wort und ist nicht die Grundlage des Judentums. Derjenige, der nicht an die Bibel glaubt, ist ein besserer Jude als derjenige, der daran glaubt." Der Präsident Ph ilippso n konnte die Ruhe nur unter großer Mühe wieder Herstellen und kommentterte Dr. Köhler dann in dem Sinne, daß als die „Thora des Reformjudentums" nicht bloß die alte Bibel, sondern alles, was seit Jahrhunderten von der jüdischen Tradition „h e r v o r g ebracht" (sie) worden sei — angesehen werden müsse. Köhler selbst verschlimmerte dann die Situation noch, indem er nachträglich erklärte, er habe mit seiner Aeußerung nur die Zehn Gebote gemeint. Man weiß nun allerdings nicht, was schlimmer ist, die tollkühne Preisgabe der jüdischen Vergangenheit, oder das heuchlerische Bemühen, die offenherzigen Bekenntnisse des Augenblicks durch allerlei Verklausulierungen nachträglich abzuschwächen und zu verschleiern. Ein ganz ähnliches Bild hoffnungsloser Haltlosigkeit boten die Verhandlungen der Konferenz über die Mischehen. Die mit der Borberatung der Frage beauftragte Kommission schlug eine Resolution vor, wonach „Mischehen der Traditton der jüdischen Religion widersprächen und deshalb von den amerikanischen Rabbinern eingedämmt (disconraged) werden sollten." Dieser lendenlahmen Erklärung schämten sich einige besser gesinnte Elemente in der Versammlung, die dann beantragten, es sollte im Namen der Versammlung ausgesprochen werden, daß „ein Rabbiner keine Ehe Zwischen Juden und Nichtjuden einftgnen dürft." Mit diesem Antrag aber kamen seine „konservattven" Befürworter bei der Mehrheit der Versammlung schlecht an. Ein Rabbiner M o ft s aus New-Aork erklärte, die Annahme einer solchen Resolutton würde den Beginn einer geistigen Tyrannei im Reformjudentum bedeuten! Es fei unwahr, daß die jüdische Religion eo ipso eine Heirat zwischen Juden und Nichtjuden verbiete. Jeder Rabbiner müßte allein wissen, wann er eine solche Ehe einfegnen solle und wann nicht. Nach langem Hin und Her, wobei in der Diskussion ein Rabbiner aus Alabama mit Recht das Streben der Konferenz, jeder eindeuttgen Erklärung aus dem Wege zu gehen, in *) Gemeint ist -er in -en Schriften -er Gesellschaft Kr Wissenschaft des Judentums vor kurzem erschienene Band „Systematische Thol'aie des Judentums" von Köhler. Daß Köhler io offenherzig aufttttt, halten wir redus sie siantüms für ein Glück. Redaktion des „Israelit". Seite ». 91t. 51 scharfen Worten geißelte, wurde schließlich die Resolution der Kommission, die also die Mischehen nur theorettsch mißbilligt, praktisch aber den Rabbinen freie Hand läßt, mit Stimmenmehrheit angenommen. Man muß zur Ehre der amerikanischen Judenheit ftststellen, oaß die Konferenz einen starken Eindruck in allen konservativen Kreisen hinterlaffen hat und daß fortgesetzt Protestversammlungen gegen die bilderstürmerische Tätigkeit der Liberalen stattfinden. So hat vor einigen Tagen das Exekuttv- Komitee des „Verbandes orthodoxer Gemeinden" in den Bereinigten Staaten, unter dem Vorsitz des Rabbiner Mendes, folgende Resolution angenommen: „Indem wir der „Konferenz amettkanischer Rabbiner" jedes Recht, im Namen des Judentums zu sprechen, bestreiten, glauben wir doch, daß die in der vollen Oeffentluhkeit New- Aork'S jüngst geführten Verhandlungen dieser Körperschaft eine Erwiderung in Namen des überlieferten Judentums erfordern. Dinge, welche das Judentum als Ganzes berühren, könnten höchstens von einer Versammlung beraten werden, welche die in der heiligen Schrift angegebenen Erfordernisse für die Aeltesten des jüdischen Volkes wahr macht, die sich zusammensetzt aus wahrhaft gottesfürchttgen Männern, die die Wahrheit lieben und den Vorteil Haffen, aus weisen Männern, deren Ruf als Gelehrte unbestritten ist. Nur, Männer, die kraft ihrer tteftn und gründlichen Kenntnis des biblischen und talmudischen Gesetzes und kraft ernster und aufrichttger Frömmigkeit dazu berufen sind, das Thoragesetz zu interpretieren und auszulegen. Aber auch eine solche Versammlung hätte kein Recht, irgendein Gebot des heiligen Gesetzes abzuschafftn. In einer jüdischen Versammlung kann über die Frage einer solchen Abschaffung überhaupt nicht diskuttert werden. Eine Konferenz also, die sich mit der „Frage" der Verlegung deS Sabbats auf den Sonntag und mtt der „Frage" der Mischehe beschäftigt, kann als jüdische Versammlung überhaupt nicht mehr anerkannt werden. Die ,,Conference of American Rabbies“ stellt nur einen kleinen Teil des amerikanischen Judentums dar, nämlich das sogenannte reformierte Judentum. Dieses selbst weicht sogar vom europäischen Reformjudentum ab. unterscheidet sich aber grundsätzlich vom orthodoxen Judentum aller Länder. Für uns gibt es nur dieses eine Judentum: das historische." Die dieser Tage eröffnete Generalversammlung des orthodoxen Rabbinerverbandes hatte natürlich in der vorangegangenen reformjüdischen Konferenz einen ausgezeichneten Resonanzboden. Ueber diese orthodoxe Versammlung berichten wir das nächste Mal. . ■!- vemirchter. Berlin, 10. Dez. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat daS gesamte Material, daS über die Befähigung der Juden zu« Heeresdienst und ihr Verhalten ttt den Kriegen aus authentschen Veröffentlichungen des In- und Auslandes vorliegt, ges mmelt, um damit der Darstellung entgegenzutreten, «S ob die Juden aus irgend welchen Gründen für den Heeresdienst nicht gee gnet seien. AIS Ergebnis dieser Sammlung liegt jetzt eine Broschüre vor: „Die Judm im Heer", die eine Fülle auch an stch wertvoll« statistischen Materials enthält. Berlin, 10. Dez. Die Alliance JSrablite Universelle hat ihren Schulleiter in Beirut, Herrn Aomtob Gemach, beauftragt, stch «ach Jemen zu begeben, um stch über die Verhältnisse der Judm daselbst zu unterttchtm und damach Vorschläge zu mach«, wie die üble materielle und kulturelle Frage der Judm von Innen zu verbtffem wäre. Herr Gemach wird feine Reise in dm nächsten Tagen antretm. Berlin, 14. Dezem er. Rach der Zeitschrift „Im Deutschen Reich", dem Organ des ZmttalveretnS beut scher Staatsbürger jüdtschm Glaubmv, gab eS in Deutschland am I.Mat 1908: 98 amtierende jüdische Ob erleb rer. Zehn von chnm warm an königlichen Anstalten beschäftigt. Die meisten jüdtschm Oberlehrer gibt es in > Berlin, nämlich 53. Auch an Mädchenschulen unterttchtm einige jüdische Oberlehrer. Es find insgesamt sechs. Zurzeit beträgt also die Zahl der amtierend« jüdisch« Oberlehrer 104. Strasburg, 14. Dez. Am 1 November d.Js. wiesen die höher« Schulen Elsaß-Lothringenein« V3S ' ,i ' 'i 3 : * \5 I 1 I i '' Äi ■-1