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Der Israelit · 1909-12-23 · Heft 51 (23.12.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 51 (23.12.1909)
Date
1909-12-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Sette 8 Nr. 51 Der Mraettt. 26 Dezember 1900 Das polnische Blatt empfiehlt hier wiederum den Boykott als Univerfalmittel, oaS jedoch bei dem gesunden Sinn der Bürgerschrft in Wongrowitz kaum die erwartete Wirkung haben wird. Die Deutschen der Provinz sollten jedoch durch solche Angriffe zum Nachdenken angeregt werden über-die Behandlung, die fie ihrerseits den durch den Nationalkampf wirtschaftlich am meisten Geschädigten schulden. Oesteweirh. Wien, 12. Dez. Eine Plenarsitzung des Kultusvorstandes fand am 8. Dezember unter dem Borfitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern statt. Nach der Verlesung einer Reihe von Dankschreiben und Bekanntgabe mehrerer namhaften Legate berichtete der KustoS der Gemeindebibliothek, Dr. Bernhard Wach st ein,, über verschiedene Restaurierungsarbeiten an den auf dem -alten Friedhoft IX., Seegaffe 9 befindlichen Grabmälern. Cs wurden gebrochene Steine und diejenigen, bei denen in absehbarer Zeit ein Stürzen zu befürchten war, ferner die Decken- und Seitenvlatten einiger verfallener Gerüste einer eingehenden Reparatur unterzogen. Um einer Verwitterung namentlich der Sandsteine für die Folge zu begegnen, wurde nach dem Rate der k. k. Zentralkommisfion für Kunst- und historische Denunäter bei einer Anzahl in Verwitterung sich befindlicher Steine probeweise ein Verfahren angewandt, wodurch eine Verhärtung der Steine und eine Adhäsierung der Bruchflächen untereinander eintritt. Bei anderen Steinen wurde eine kunstgemäße Verkittung der Riffe vorgenommen. Endlich wurden die seinerzeit aus Wr.-Neustadt nach Wien gebrachten, aus dem Xin. und XIV. Jahrhunderte stammenden und auf dem Friedhoft in der Seegaffe ausgestellten Grabsteine, ferner die in Wien und Niederösterreich gefundenen alten Grabsteine in zweckentsprechender Weift untergebracht. Dieser Bericht, sowie die Mitteilung, daß sich für den Friedhof auch in nichtjüdischen Kreisen ein lebhaftes Interesse kundgibt, wurde mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Dem Kustos Dr. Wachstein wird für die mühevolle, sachkundige Leitung der erwähnten Arbeiten die^ Anerkennung ausgesprochen, desgleichen dem Verwalter der Versorgüngsanstalt, Samuel BröSler, und dem Beamten des technischen Amtes der Kultusgemeinde, Eugen Zöllner, für die Unterstützung Los Herrn T)r. Wachstein bei verschiedenen Arbeiten. Das Vertreterkollegium beantragt, einen vor einiger Zeit aus Rußland zugereisten Juden ausnahmsweise und provifo risch bis zu seiner anderweittgenUnterbrtngung in dieSiechenabtttlung der Versorgungsanftalt unter Abstandnahme von den statutarischen Erfordernissen aufzunehmen.(!) Der Antrag deS Vertreterkoüegiums wird angenommen. Ifnrnmt JQölfdie Kulturarbeit. (Bon unserem Lorespon-enten) A. G. Budapest, 12. Dez. Wir können wieder über neu ins Leben gerufene gemeinnützige Institutionen der Neologte berichten,während eS leider konstattert werden muß, daß man in unserer Mitte auf Schaffung solcher Institutionen nur zu wenig bedacht ist. Der vor Kurzem gegründete ,,Ungarisch jüdische Kulturverein" hat seine Tätigkeit bereits in vielfacher Richtung begonnen. Zwar ist Leiter dieses Vereineeine dem Taufbecken nahestehende Persönlichkeit, die auch die Ehre hat, „päpstliche Ritter" und treue Katholiken zu ihrem Familienkreise zu zählen. Doch muß dem Verein Energie und Tatkraft zu Gute gehalten werden. ES Ist unleugbare Tatsache, daß die Führer der Budapester Neologen-Gemeinde für die sozialen Bedürfnisse der armen Juden Budapests viel Im ftreffe zeigen. Anerkannt muß ihr Kampf gegen die berüchtigte ^Englische Mission" werden,dieauch hieMlaude ihr Unwesen treibt. Diese Gesellschaft verabreicht den jüdischen armen Handwerkslehrburfchen während der kalten Winterzett jeden Sonntag in chren gutgeheizten Räumen unentgeltlich ein Besperbrod. So ganz gratis natürlich nicht, denn die armen Lehrlinge müssen mit dem Vesperbutterbrod auch gesalbte Missionspredigten genießen. Daß viele jüdische arme Lehrlinge ins Missionshaus gelockt werden, ist leider allzu erklärlich. Dem soll nun durch die Gründung eines Vereines der sich zum Ziele gesetzt hat, die jüdischen Lehrlinge mit Belehrung und Bewirtung zu versehen, abgeholsen->werden. Auch die Gründung einer jüdischen Kinder- Ferienkolonie, um armen schwächlichen Schulkindern, der Hauptstadt zu ermöglichen während eines Sommermonats frische Landluft zu genießen, ist unseren Neologen-Brüder als ein Verdienst zuzuschreiben. Schließlich ist zu verzeichnen, daß der „Nngarisch-Jsraelittsche Literalurverein" die Errichtung eines jüdischen Museums beschlossen hat. Man stelle sich den Segen vor, den Institutionen solcherArt, wenn sie vonG es etzestreuen gegründet und in echt jü dischem Geiste geleitet wären, der jüdischen Jugend bringen könnten. Vielleicht wird man in den orthodoxen Kreisen durch daS Beispiel zum Nachdenken angeregt über die Kulturarbeit, ^oie zu leisten auch uns noch übrig bleibt. * * Die jüdischen Mittelschüler werden bekanntlich, wenn fie darum beim Direktor der Lehranstalt nachsuchen, vom Schreiben und Zeichnen am rav und &/'r' suspendiert. Dieses Recht der Mischen Mittelschüler beruht auf einem Ministerialerlaß. Ein Fall, in dem die Finanzdirektton einen Schüler, der es unterlassen hat, sein diesbezügliches Gesuch mit einer Stempelmarke zu versehen, mit einer Strafe belegen wollte, gelangte infolge Appellatton an den Königlichen Verwaltungs-Gerichtshof. (Höchstes G richt in BerwaltungSsachen.) Dieses entschied, daß solche Gesuche nicht stempelpflichttg seien, denn — so lautet die Begründung — die Befreiung von Schreiben und Zeichnen am Samstag und Feiertagen set den jüdischen Mittelschülern gesetzlich gewährleistet. gjhtßlättb. Petersburg, 14. Dez. Die russischen Börsenkomitees und Handelsfirmen haben an den neuen Handelsminister Timaschew Pettttonen gerichtet, in welchen sie ihn dringend ersuchen, den Juden den unbeschränkten Aufenthalt in ganz Rußland während der Meffezeit einzuräumen. Sie weisen darauf hin, daß die letzten Messen in Charkow, Nischni-Nowogorod und P o l t a w a infolge der Judenausweisungen für den russischen Handel einen ' kläglichen Verlauf genommen haben. Odessa, 18. Dez. Wie nunmehr bekannt wird, hat der neugewählte Deputtrte von Odessa BrodSki an den Präsidenten der Duma, Chomjakob, ein Schreiben gerichtet, in welchem er sein Mandat als Deputtrterfreiwillig niederlegt. Wie bekannt, hat Tolmatschow gegen Brodsky die Klage erhoben, daß er unter falschem Vornamen gewählt worden sei. Die Wahlbestätigungskommisfion der Duma hat die Wahl Brodski's bestätigt, während der Senat erklärte, daß die Wahl nicht promulgirt werden könne. Obgleich die Majorität der Duma die Wahl Brodski's sicherlich zur KentniS genommen hätte, o war sich BrodSki darüber klar, daß er in dieem Kampfe gegen die Schwarten Hundert unterlegen müsse und verzichtete freiwillig auf sein Mandat. Er beabsichtigt neuerdings zu kandidiren. Laut Meldung russischer Blätter hat die Demission Brobskis sowohl auf die Mitglieder der Kadettenpartei, wie auch auf die jüdischen Kreise eine» sehr schlechten Eindruck gemacht, da man bemüht war, ihn pon diesem Schritte abzubringen. jfxtanHvtldj. Paris, 18. D«. Der Deputtrte von de la Sarthe, Hippolyte Laroche hat eine Interpellation über „die Einhaltung der Handelsverträge mit Rußland," an den Minister des Aeußern angemeldet. Der Deputtrte beabsichttgt in seiner Interpellation auf die eines freien Bürgers unwürdigen Formalitäten hinzuweisen, denen fran- ®e Bürger israelitischer Konfession auf ihren i in Rußland unterworfen werden. Laroche hat sein Material zu dieser Interpellation einem ausführlichen Berichte entnommen, den M. Levaillant jüngst dem Zentralkonfistorium in dieser Angelegenheit unterbreitet hat. Türkei. Von Sen parlamentarisclien Parteien. (Bon unserem Korrespondenten). Konstantinopel, 10. Dez. Die vorjährigen Wahlen fanden bekanntlich mehr nach Nattonen und Religionen als nach politischen Parteien statt und doch sah die Kammer vier unserer Glaubensbrüder als Volksvertreter einziehen. Nun haben sich einige Gruppen ohne Unterschied von Religion und Nation zu Parteien zusammengetan, und ihr Programm veröffentlicht. Für uns sind auS den 15 Arttkeln der demokratischen Partei vielleicht folgende von Interesse und Wichtigkeit: Art. 1. „Die Partei hat zum Ziel den Schutz der Interessen alllr OSmanen, aber besonders der arbeitenden Klassen." Art. 2. „Die Partei wird sich im weitesten Umfange mit der Be bretung von Genttung und Bild ng v-fassen Sie wird zu d efem Zwecke Schulen und Bibliäheken eröffnen, Hilfskaffen und Hos i tläler gründen. Um die Nomadrnstämme für die Zivilisation zu gewinnen wird st« Wanderlehrer ausschicken, die diese Bedölkeiungskategorie aufklären soll." Art. 3. „Die Partei wird alle Grundsätze und Gebräuche bekämpfen, die zu rationalen Stre ti-keiten Veranlassung geben und ein nationales Unglück herveiführen können " Art. 7. „Die Partei verfolgt daS Ziel, die Fre'heit des Jndividiu s das Bersammlungsrecht und die Preßftetheit geg n alle Beschränkung^ zu schützen." A t. 8. „In allen Städren, in den KMabas und den Nahies sotten Klubs errichtet werden Hier werden Bort äge gehalten, durch die die B völkerung über die Znterefsen d s randeS . ufgklät werden soll In die B» rstände dt ser KübS werden auch die Mitglieder Ser Klubs anderer Nationalitäten etnireten könn n." Art. S. „Die Partei fleht den Polksunterricht für obligatorisch an, und zwar für alle im Lande wohnende Nationalitäten. Sie fordert für die Volksschule' den Unterri in in der Muttersprache zugleich mit dem in der Reichssprache. Die Partei wird in dieser wie in anderer Hinsia t die Recktsgleichh it aller Osmanen verteidigen." Art. 10. „Die Partei wttd die Verteilung der S aatSländereien unter die Landbevölkerung, sowie dir Regelung des Forst- und Minenbetttebes und anderrr Einnahmequellen des Staates zugunsten der arbeitend.n Kasse befürworten." Die gemäßigt lieberale Partei — meistens Arbeiter und Griechen — verfolgt folgende Ziele. Sie will Gleichheit aller Nattonen, proportionale Vertretung derselben in der Staatsverwaltung, Dezentralisatton der Verwaltung, Entwicklung der Landwirtschaft, Seßhaftmachuug der Nomadenstämme und Entwicklung des UnierrichtSwefenS. Die griechische Partei wünscht: Gleichheit aller Nationalitäten des Reiches, die Aufrechterhaltuna aller Privilegien und Zugeständnisse, die die Nichtmuhammedaner genießen, usw. Alle Parteien und Nationalitäten treten mit Programmen hervor, merkwürdige Sttlle herrscht unter den Mischen Deputterten, die sich vorerst angstvoll an die Jungtürken klammern; Diese abwartende Haltung politisch zu rechtftrttgen, versucht der „Ttempo", indem er schreibt: «Die vier jüdischen Deputterten sind nicht als Vertreter der Juden, sondern als Vertreter der Osmanen ins Parlament gekommen,' ihre und Schuldigst ist es demnach, eine manifierung aller Nattonen anzustreben." * * * In das Oberhaus sollte ein zweiter, ji Senator einziehen. Es verlautet, dev rabbiuer habe heimlich Schritte dieser Würde unternommen,

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