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Der Israelit · 1909-12-23 · Heft 51 (23.12.1909) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 51 (23.12.1909)
Date
1909-12-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6. Nr. 51 JSraettt. 23. ©cjcmöet lWP spielen zum Unglück ein paar jüdische Namen hinein, die zudem vom Gericht von Schuld und Strafe freigesprochen werden. Ein großer Tag für die Herren Liebermann von Sonnenberg und Konsorten, die nach den großen Niederlagen der letzten Zeit sich einmal im Reichstage nach Hei zenslust austoben können. Sie schimpfen auf jüdische Lieferanten und Kapitalisten und ein Teil der Rechten wie die äußerste Linke benehmen sich wie besessen vor Lust und Freude ob der geistreichen Schlagworte aus dem Wörterbuch des edlen Grafen von Klein Tschirne und der Redakteure der „Deutschen"- und „Staatsbürgerzeitung". Im Abgeordnetenhause zu Wien hat dieser Tage der tschechische Abgeordnete Myslivec eine blutrünstige antisemitische Rede gehalten. Darüber vergißt der Präsident alle nationalen und Partei-Rücksichten, auch diejenigen auf das angeblich über allen Parteien stehende Präsidium und applaudiert stürmisch. Geschäft ist Geschäft! Da kann es schon passieren, daß Deutsche und Tschechen, die in Oesterreich sich gegenseitig Schlachten — und nicht nur Redeschlachten im obstruktiorskranken Reichsrate, wo zur Zeit zwölfstündige Reden über Hufkrankheiten von Pferden gehalten werden - liefern, an einem und demselben Tage zwei Resolutionen fassen, die ihre innere Wahlververwandtschaft vor aller Welt offen bekunden und zeigen, wie groß allenthalben die einigende Kraft des internationalen Geschäftsantisemitismus ist. Man sehe sich nur die Weihnachtsbescherung an, mit der die Juden Oesterreichs von beiden Setten in gleich liebevoller Weise bedacht werden. Ein in diesen Tagen in allen Gegenden Oesterreichs massenhaft verteilter Aufruf an das tschechische Volk hat folgenden Wortlaut: ,,Jn der Zeit des ausgebreiteten nationalen Kampfes ist cs nicht möglich, daß tt>r in den Tagen, wo das tschechische Volk b r Gefahr der unb?grenz en Verfolgung (!) ausgesetzt ist, bet denen eure Wintereinkäufe besorgt, btc kaum, daß sie ihren Ladui oder ihr Geschäft verlassen haben, den deutschen Unterdrückern zu Hilfe eilen. Merket euch, daß der deutsche oder deutsch-jüdische Geschäftsmann vielleicht gcrade euer schwer verdientes Geld zur Unterstützung der verschiedeneit „Bünde" oder „Schulvereine" verwenden wü de, die dem tschechischen Volke unersetzlichen Schaden zufügen durch den Raub tschechiicher K nder. Alle diese Umstände rufen zu euch, die ihr Tschechen auch tatsächlich sein wollet, besorget alle eure Einkäufe nur aus rein tschechischen Quellen! . . /' Bemerkenswert an diesem Aufruf ist, daß da zum ersten Mal direkt zum Boykott auch gegen den jüdischen Geschäftsmann aufgerufen wird. Früher begnügte man sich in Böhmen nur, den „Deutschen" zu boykottiereu und man wußte, daß damit-auch der Jude gemeint sei. Nun aber mnß die Parole etwas deutlicher gefaßt werden: Gegen Deutsche und Juden. Und was antworten die Deutschen darauf? Das Wort „Juden" bleibt auch in ihrer Kampfparole stereotyp, nur kommt es an erste Stelle. Bei ihnen heißt es einfach: Gegen Juden und Tschechen! In Eger haben die Alldeutschen ein sogenanntes Ueberwachungskomitee gebildet, dessen Ausgabe es ist, die deutsche Bewohnerschaft der genannten Stadt unter Kontrolle zu stellen, und sie mit allen Mitteln daran zu hindern, ihre Einkäufe bei Juden zu machen. So weit ist man in der guten Donau-Stadt noch nicht. Ein Aufruf im Sinne des tschechischen, aber in noch weit schärfere Fassung geht dort von den Frauenvereinen aus. Und die frommen Wünsche, die auch dort bei jeder Gelegenheit von den Chrtstlichfozialen zum Ausdruck gebracht werden, zeigen doch nur allzudeutlich, daß über den Nationen, Konfessionen und Parteien der internationale Antisemitismus steht, vereinigend und völkerversöhnend, der kleinliche in seinem Horizonte so beschränkte Geschäftsantisemitismus, der sich überall national, sogar ultranational gebärdet, in Wirklichkeit aber allenthalben im schärfsten Gegensätze zu den eigenen nationalen Interessen die Direktive von den dunklen Mächten enthält, die von je her auf Kosten von Glück und Wohlfahrt der Völker den Weltantisemitismus beherrschten. Der Antisemitismus zeigt überall das gleiche Gesicht,- er gedeiht wie jede Sumpfpflanze, je nach dem Boden, der ihm geboten wird. In Rußland und Rumänien sind die Antisemiten am Ruder und machen die Politik — das Land steht hier wie dort vor dem Ruine und der Bolkskörper blutet aus tausend Wunden. Ja Oesterreich sind die Antisemiten seit langem hoffähig — dort verschärft sich der nationale Kampf, der eine friedliche Entwicklung der Politik unmöglich macht, mit jedem Tag. Bei uns in Deutschland befinden sich wenigstens die ausgesprochenen Antisemiten seit einiger Zeit in der Opposition. Ihre Reichsverdroffenheit kommt bei jeder Gelegenheit inner- und außerhalb des Reichstages zum Ausdruck. Auch mit dem neuen Reichskanzler sind sie nicht recht zuftieden. Man lese nur die „Deutsche Tageszeitung" die in einer ihrer letzten Nummern nach dem „Deutschen Staatsmann" verlangt, „der nicht bloß durch Worte seine Abneigung gegen ihn, den Liberalismus, verrät, sondern durch produktives Schaffen beweist, daß das Heil der Völker auf einem anderen Wege erreicht werden kann und muß, als auf dem vom Liberalismus immer noch gewiesenen des ungebundensten Wettbewerbes ohne nationale Ziele." Hier der unverkennbare Jdeengang des national sich gebärdenden internationalen Gechäftsantisemitismus. Und der Umstand, daß eine Träger bei uns Grund und Ursache zur Unzufriedenheit haben, darf uns mit Vertrauen erfüllen, mit Vertrauen zu unserer Reichspolitik, daß sie sich zur Zeit in der Tat in recht gesunden Bahnen befindet. Werden sich die Verhältnisse im Deutschen Reiche in einer Richtung entwickeln, daß der offene wie latente Antisemitismus immer mehr von ihnen in die Opposition gedrängt wird? „Es wär' ein Ziel, aufs innigste zu wünschen," im Interesse unseres Vaterlandes und im weitesten Sinne der ganzen Kulturwelt. LR- Ci. orrespondenzen und Nachrichten. Deutsche» Metrh. Frankfurt a. M., 23. Dez. Der hiesigen Verwaltung des Schaare-Zedek-Hospitales geht soeben folgendes Telegramm aus Jerusalem zu: „Meningitis-Epidemie neu ausgebrochen. Alle Kranke, gestern der 13. Fall, in unfern Jsolierpavillon gebracht. Erhöhung der Monatsrate vorerst auf Fr. 5000 unbedingt erforderlich. Dr. Wallach, Marx." Bekanntlich sind die Mittel des überaus segensreich wirkenden Schaare-Zedek-Hospitales, des einzigen nach europäischen Grundsätzen geleiteten .und mit allen modernen Hilfsmitteln ausgestatteten Jerusalemer Spitales, auch in normalen Zeiten aufs äußerste angespannt, fodaß nicht einmal der vorhandene Raum durch volle Belegzahl ausgenutzt werden kann. Treten, wie in der heutigen Situation, außerordentliche Anforderungen an die Hospitalverwaltung heran, so ist sie durchaus auf die besonderen Sympathien des Publikums in Europa angewiesen. Es wäre ein Werk höchster Menschenliebe, wenn recht zahlreiche Glaubensgenossen der Hospitalverwaltung außerordentliche Spenden zur Bekämpfung der leider wiederum zum Ausbruch gekommenen Genickstarre-Epidemie zur Verfügung stellen wollten. Geldsendungen sind an Herrn Dr: Israel Roos, Frankfurt a. M., Schöne Aussicht 5, zu addressieren. Die Reorganijailon 9er israelischen KulfusDerfaffung in ElfafHothringen. M. E. Straßburg, 15. Dezember. Im November 1908 ging von Mühlhausen eine Bewegung aus, die zum Ziel hatte, eine Reform der israelitischen Kultusverfassung in Elsaß-Lothringen in die Wege zu leiten. Bereits im Jahre 1902 wurde eine ähnliche Bewegung ebenfalls von Mühlhausen aus, unter der Führung des Herrn Prof. Dr. Ed. Lewy, angebahnt, ohne damals zum Ziele zu führen. Herr Rechtsanwalt Dr. Ed. Dreyfuß aus Mühlhausen stellte sich in selbstlosester Weise an die Spitze der Bewegung und hielt in den größeren Städten des Landes, in Mühlhausen, Colmar, Straßburg und Metz, über dieses Thema Vorträge. In allen vier Städten bildeten sich Komitees, die sich der Aufgabe unterzogen, zunächst in den israelitischen Gemeinden auf dem Lande die Angelegenheit in Fluß zu bringen und Unterschriften zugunsten einer Reform der Kultusverfassüng zu sammeln. Die Organisation dieser Bewegung für das Unterelsaß (mit nicht ganz 100 israelitischen Gemeinden- und für Lothringen mit über 50 israelitischen Gemeinden) "war in die Hände des Herrn Max Epstein, Straßburg gelegt. Nun soll die Agitation geschlossen werden und dem Kaiserlichen Ministerium eine Petition mit den gesammelten Unterschriften eingereicht werden. Der Agitation wurde folgende Resolution zugrunde gelegt: „Die Unterzeichneten geben hiermit chrer Ueberzeugung Ausdruck, daß die bestehende Berfaffung des israelitischen Kultus eiwr grundsätzlichen Abänderung dringend bedarf, und daß diese Abänderung in der Richtung vorgenommen werden muß, daß den Kultutz gemeinden die größmöglichste Selbständigkeit gegeben, und daß die gesamte Kultusverwaltung in eine oberste Behörde zusammcngefaßt werden soll." Diese Resolution ist sehr weit und allgemein gehalten. Sie zerfällt in zwei Teile und drückt die Wünsche aus, die der Regierung eine Richtschnur zur Abänderung der israelitischen Kultus- Verfassung in Elsaß-Lothringen geben möchten. Als erster Punkt wird eine Abänderung nach unten d. i. im Verhältnis des Konsistoriums zu den ihm unterstellten Gemeinden verlangt. Nach der heutigen LaaHsind die Bezirkskonsistorien mit den Rechten juristischer Personen ausgestattet, und sie, dem Gesetze nach, einzig und allein berechtigt, alles zu tun, was für den Kultus erforderlich. Diese heutige Berfaffung — ursprünglich vom Jahre 1806 — hat in den Jahren 1823, 1844 und 1850 Aenderungen und Ergänzungen erfahren. Seit 1850 ist trotz der politischen Umwälzung im Lande und trotz der fortgeschrittenen allgemeinen Auffassung über Selbstverwaltung im weitesten demokratischen Sinne eine Aenderung nicht erfolgt. Es ist ganz klar, daß sich seit Erlaß der heute noch bestehende Regulative Verschiebungen nach verschiedenen Richtungen hin geltend gemacht haben und nach rein administrativer Sette Auffassungen durchgedrungen find, an die vor 100 Jahren zu denken, wohl niemand gewagt hätte. Es bedarf keines besonderen Hinweises, daß Kultusgemeinden wie z. B. Straßburg, Colmar, Hagenau, Saargemünd usw., heute allein und selbständig in der Lage sind, ihre Budgets aufzustellen und zu verwalten, ohne Mitwirkung eines Bezirkskonsistoriums, dessen Mitglieder doch nicht die Bedürfnisse und Notwendigkeiten als er Gemeinden ihres Bezirks kennen können. Man ist auch der Ansicht, daß es ein veralteter Zopf ist,7 wenn es in die Hand des Konsistoriums gelegt ist, die Kultusbeamten einer Gemeinde über die Köpfe und Wünsche der Gemeindemitglieder hin- - w^g ernennen zu können? Es haben sich wohl im Lauft der Jahre Nornftn

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