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Der Israelit · 1909-12-23 · Heft 51 (23.12.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 51 (23.12.1909)
Date
1909-12-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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nicht trifft. Aber auch ihnen verÜbelts die jüdische Gesamtheit mit Recht, daß sie nicht mit dem Aufgebot aller Kraft der Versammlung offen entgegengetreten sind und daß sie die Versammlung nicht verließen, als sie deren Tendenz erkannten. (Schluß folgt.) Zur Psychologie des internationalen 0e$cbäft$anti$emiti$ino$. In Rußland zwingt man den Inden, der es wagt, auf dem heiligen Boden des Jnnenlandes Geschäfte zu machen, in die erste Gilde einzutreten, eine Steuerklaffe, die in gar keinem Verhältnisse zum Absätze und Umsätze feines Geschäftes steht. Dem jüdischen Handelsmann, dem letzten Endes die hohe Bedeutung der Messen in Charkow, Nischni-Nowgorod u. s. w. zu verdanken ist, versperrt man auf Grund eines drakonischen Wohn-Unrechts den Weg zu diesen Märkten. Im Rayon, wo die Juden eingepfercht unter den schwierigsten Verhältnissen ein elendes Dasein fristen, werden von den „Echten Russen" Geschäfte eröffnet, die, von der Verbandskasse kräftig unterstützt, den einzigen Zweck haben, die jüdischen Ladeninhaber wirtschaftlich zu ruinieren, nachdem der Ruin der jüdischen Schankwirte bereits vor einem Jahrzehnt von der Plehwe'schen Regierung durch Einführung des Ausschankmonopols selber besorgt wurde. Und die Folge dieses sinnlosen Bernichtungskampfes in einem kulturell und wirtschaftlich so entwlckluygsbedürftigen - Lande gegen denjenigen Teil der Bürger, der infolge seiner durch tausendjährige Not gestählten Energie, seiner Regsamkeit und Tatkraft allein dazu berufen wäre, dem Lande und den es bewohnenden Völkern einen höheren Kultur- und Mrtschastsftand zu bringen? Es hat sie, die traurigen Folgen dieses Kampfes gegen die eigenen vitalsten Interessen, keiner so kraß und Irbendtg dem russischen Volke vor Augen geführt, wie Iw an Tolstoi in seinem von uns seiner Zeit an leitender Stelle gewürdigten Buche, „Der Antisemitismus in Rußland." Jeder von den Regierungen und der Gestllschaft in Rußlund gegen die Juden geführte Hieb, ist ein Schlag ins eigene Gesicht, lautet das Fazit des genannten Mrtschastspolttikers; und die zwei Jahre, die dem Buche folgten, haben die Zahl der von Tolstoi ins Feld geführten Beweise, um ein beträchtliches vermehrt. Daß die Bedeutung Petersburgs und Moskaus auf dem Weltmarkt hinter der der europäischen Stäote von dieser Größe so weit zurückbleibt, liegt, nach der Ueberzeugung der Handelspolitiker, einzig an der beschränkten Bewevergistet, und dieser Verdacht fand auch überall Ein- . gang, weil das Volk, infolge der großen Opfer, welche die schwarze Pest gefolgert hatte, ohnehin erregt, nur nach einem Borwand suchte, um über dre wehrlosen Juden herzufallen. Und da die Behörden, sei es, daß sie das Vorurteil teilten, sei es, daß sie bei einer Verfolgung ihre Rechnung zu finden hofften, .den Trerbereien der fremden Mönche nickt entgegentraten, konnte der aufgehetzte Pöbel ungehindert zum Angriffe auf die jüdischen Einwohner übergehen. Eine alte Chronik verzeichnet diese Ereignisse in dem lakonischen Satze: „Anno Ö. 1349, damals schlug man die Juden tot." Tie Verfolgungen und Plünderungen erstreckten sich. fast über ganz Belgien, und ungehindert konnte das Verheerungswerk zu Ende geführt werden, da ja auch der Herzog sich von den Juden abwandte. Johann III. vermochte nicht, dem Drängen der erregten Massen zu widerstehen; auch er betrachtete am Ende die Juden als Urheber der Pestkrankheit. Er erließ gegen sie einen Haftbefehl und übergab . die Gefangenen einem qualvollen Tode. Allein die jüdische Bevölkerung im Herzogtume , Brabant hatte sich von den Leiden und Verfolgungen des Jahres 1349 nach einiger Zeit wieder erholt. Durch unermüdliches Schaffen war es ihr wieder gelungen, > zu Wohlstand und Ansehen zu gelangen. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren die Juden ttt Brüssel im Besitze von großen Reich- . tümern. Die Reichen verkehrten bei Hofe, erregten aber durch ihre bevorzugte Stellung den Neid der armen christlichen Bevölkerung, der ihnen zum Unheil gereichen sollte. Dieser letzte Anschlag auf die Jüdische Bevölkerung ging in erster Reihe von der .Geistlichkeit aus, hatte » aber nicht solche Wirkungen .haben können, wenn die Bevölkerung nicht von einem «cbittetteN Judenhaß erfüllt gewesen wäre. mkl Mr gÄviffer Jonathans, «orstetzer der jüdischen gungssreihert der Jude» in diesen ' Städten, am Gildenwesen, an den Wohngefetzen, die den Juden dem Pristaw auf Gnade und Ungnade ausliefern, ihm alle Aussicht rauben, sich einen besseren Platz an der Sonne zu verschaffen und so seine Jnittative im Keime ersticken, seine Arbeitskraft und -lust zerstören. — Die letzten judenreinen Messen in Charkow und Nischni-Nowgorod haben ein Fiasko ergeben, ja der Geschäftswelt eine derartige Katastrophe gebracht, daß die dadurch bedrohten oder bereits betroffenen christlichen Häuser durch die Handelskammern dieser Städte ein dringendes Gesuch an die Regierung eingereicht haben, im Interesse des allgemeinen Geschästsstandes und der Bolkswohlfahrt die Juden ohne Etnschränung zu den Märkten zuzulaffen. (Siehe den Korrespondenzteil der heutigen Nummer.) Den Berbandsgeschäftrn in dm Städten und Städtchen des jüdischm Ansiedlungsgebietes ist es wohl gelungen, die jüdische Konkurrenz mit Hilft des ränkeretchen, den Berbändlern allezeit zu Gebote stehmden PristawS lahmzulegen, nicht aber auch die Bauernkundschaft an sich zu locken, und sie bilden heute nur den Sammelpunkt, den Club, wo die „schwarzen Notablitätm" sich täglich zusammenfinden, um über die laufenden Geschäfte zu beraten und die von dem Verbände erhaltene Subvention in Schnaps umzufttzen. Der W otka, der nach dem Monopolgesetze nirgends in Detail verkauft oder verabreicht '.werden darf, wandert von der Monopolschenke in den Verbandsladen, wo die Getreuen feiner harren, verbindet die Hetzen und vereinigt. die Gemüter und bildet so das finnige Bindemittel zwischen den zwei Häusern, deren eines den Geschäftsantisemitismus und deren anderes den .Gesellschaftsantisemitismus würdig darstellt; beide aber atmm den Geist des kurzsichtigen kleinkrämerlichen Geschäftsantisemitismus, aus dmt sie auch geboren find. . . . Warum sollte denn auch Rumänien, das im Antisemitismus, so weit er den Ausschluß der Juden verlangt, immer den ersten Platz behauptete, nicht einen Schritt weiter gehen und mit Hilft eines sogmannten Jndustriegesetzes die Juden gänzlich aus Handel und Gewerbe verdrängen? Natürlich geht es wieder — die Nationalökonomen und Wirtschaftspolitiker find so grausam unpatriotisch, es an Hand von Zahlen und Daten zu beweisen — auf Kosten des Landes und des Rumänenvolkes. Allein, was machte? Der Ultranationalismus ist nur dann eine Tugend, wenn sich mit ihm gegen die „Fremden" etwas ausrichten läßt. Sprechen aber die nationalen Interessen für eine Besserstellung der Juden, so bedeuten Rücksichten solcher Art nationale Schwäche und Engherzigkeit. Gemeinde in Enghien, soll einen getauften Juden aus Löwen, der sich in Brüssel aufhielt, überredet haben, für eine große Summe einige Hostien aus der Kirche St. Catherine zu rauben und sie nach Enghien zu bringen. Bon Enghien sollen sie dann nach Brüssel zurückgeschlickt worden sein. Nach einer angeblichen Schändung der Hostien sollten die Juden aus Furcht vor der göttlichen Strafe am 12. April 1370 sich in ihrer Synagoge versammelt haben, um die blutenden Hostien durch Vermittlung einer Frau nach Cöln bringen zu lassen, die aber das Vorhaben der Juden zur Kenntnis der Behörden brachte. Die Gerüchte vom angeblichen Kirchenraub versetzte die urteilslose Bevölkerung in große Erbitterung; sie erhob sich mit den Geistlichen an der Spitze zum Bernichtungskampse gegen die Juden. Biele konnten jedoch durch die Flucht ihr nacktes Leben retten und einem qualvollen Tode entgehen; die anderen aber, welche zurückgeblieben waren, wurden ins Ge- K geworfen oder auf die Folterbank geschleppt. n die Verhafteten ihre Beteiligung an dem Verbrechen „eingestanden" hatten, wurden sie vor die Kirche geführt, aus der man die Hostien gestohlen haben sollte, um lebend verbrannt zu werden. (20. Mai 1370.) Nach der Verurteilung und Hinrichtung der Unschuldigen erließ der Herzog einen Ausweisungsbefehl Sm alte Buben, die sich im Herzogtume aufhielten verbot ihnen für immer, das Land wieder zu betreten. Ein ähnliches Schicksal wie die Juden in Brüssel verfolgte ihre Glaubensgenossen in Löwen. (Die jüdische» Stimme« im emgttschen Wahlkamps.) Ueber den Einfluß, den die jüdischen Stimmen aus den nächsten historisch wichtigen Wahlkampf in England zu Wen in der Lage sind, schreibt der „Daily Telegraph: Laut den jüngst veröffentlichten statisti- Ein schlechter Kerl, dernicht wtüw bereit ist, der Sache des internationalen Antisemitismus die Zukunft seines Landes zu opfern! So weit müssen wir auSholen, um daS Gebühren des Geschäftsantisemitismus bei uns, in Reichsdemschland und Oesterreich zu verstehen und richtig zu bewerten. Denn nicht nur vom Dichter gut es, daß man in seine Lande gehen muß, um ihn zu erkennen, sondern auch vom Antisemiten. In der Antisemiten. Lande, in Rußland und Rumänien, müssen wir gehe«/ um einen richtigen Einblick in die Psychologie deS internationalen Judenhasses, wie er auch letzter Beweggrund unseres heimatlichen Gesellschasts- und Geschästsanttsi mitismus ist, zu gewinnen. Weihnachten steht vor der Türe und da läutet es mit den Festglocken, wie immer um diese Zeit, weit ins Land hinaus: ,flaust nicht bei den Juden." Sieht man aber recht zu, betrachtet man, von welcher Seite recht eigentlich dieser Ruf anSgeht, wo er sein Echo smdet und wie er, je nach dem Kreise, in den er dringt, ausgenommen wird, so ist uns die Stimme nicht fremd. Wir haben sie schon irgendwo und irgendwann einmal gehört. Vielleicht ist sie nur der schwache Widerhall jenes stärkeren extstenzvernichtenden Rufes: ,Linden raus!" in Rußland und Rumänien. Denn daß unsere Herren Antisemiten nach den Kulturzuständen jener Länder sich heiß sehnen, läßt sich aus den lobpreisenden Artikeln, mit denen die „Staatsbürgerzeitung" jedes Judengesetz in Rußland und Rumänien begrüßt, leicht nachweifen. Es ist ein gemeinsamer Zug, der durch die antisemitische Bewegung aller Länder geht und ihr einen einheitlichen Charaker verleiht, sie zu einem über Land, Nation und Konftsfion stehenden Phänomen macht, gegen welches anzukämpfen ein trauriges Golusgeschick gerade uns Juden auserkoren hat. Wie wäre es auch anders erklärlich, daß sich mitten im heftigsten Widerstreite der Meinungen und Interessen oft zwei Nationen, die eine scheinbar unüberbrückbare nationale und politische Kluft von einander trennt, sich im Antisemitismus, ganz wie aus neutralem Boden zusammenfinden? In Posen wird der deutsche Jude von den Polen boykotttert und aus der Mitte der deutschen Kulturträger entstehen Leute, die die polnische Doktrin von der Minderwertigkeit der Juden ins Deutsche übertragen. ... Ein Zentrumsführer fährt im Lande umher und behandelt in feinen Agitations reden die „jüdische" Revolution, wie sie sich unter Ferrer aller Welt kund tat. (?) Ein Sozialdemokrat beantragt im Berliner Magistrate ein Schächtverbot und der „Genosse" wird von den Herren Antisemiten bejubelt. In einen Kieler Prozeß scheu Taten gibt es auf den britischen Inseln insgesamt 237 760 Juden, von denen 142 000 in Londckn wohnen. Was nun die Metropole betrifft, so wird die Stellung der Juden im Wahlkampfe hauptsächlich in Whitechapel, Milo End Stapney und St. George!sin-the-East von Einfluß sein. Was die Provinz betrifft, so gibt es einige Städte, in denen die Juden >in größerer Zahl beisammen wohnen, was aus folgender Aufstellung ersichtlich Jüd. wird: Gesamt- Proz. » Bevölk. Bevökk. Verhältnis Manchester 28000 543969 5,15 5,81 Leeds 25000 428 953 Liverpool . 7000 684 947 1,04 Glasgow 7000 760 468 0,92 Birmingham 5000 522 182 0,95 Dublin 2 700 240 000 1,12 Hüll 2500 192 497 1,24 Newcastle 2 250 264 511 0,85 Sheffield 2 250 380 717 0,27 Edinburgh 1350 316 523 0,42 . Cardiff 1125 164 420 0,68 Sunderland 1100 146565 0,57 Tas sind, incl. London, diejenigen Städte, in denen die jüdische Bevölkerung 1000 ubersteigt. Tann kommen Bristol mit 900, Belfast und Swansea mit je 800, Nottingham und Bradford mit je 750, Niddlesbrough und Portsmouth mit je 500. Aus dieser Ausstellung geht nun hervor, daß der Einfluß eer Juden sich hauptsächlich in. London, Manchester, Leeds und Liverpool fühlbar machen wird. Bon den 16 jüdifcken Mitgliedern des jetzigen Parlaments gehören 12 der Regierungspartei an, doch kann daraus kein Schluß auf die politische Richtung der jüdischen Wähler gezogen werden, da 10 von diesen jüdischen Abgeordneten Wahlkreise vertreten, in denen die -jüdische Bevölkerung minimal ist.

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