Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1909)
- Date
- 1909-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. ~ % r 'y - '»« ' Irgend ein Brief, eine günstige Nachricht aus Amerika, eine gar nicht ernst gemeinte Aeußerung oder versteckte Aufforderung zur Auswanderung, und die Leute verkaufen ihr letztes bischen Habe und verlassen, ohne weitere Ueberlegung mit Kind und Kegel ihre Heimat. Daß ihre Mittel unmöglich zur Bestreitung der Ueberfahrt und Landung ausreichen, wird weder reiflich überlegt, noch ficht sie sonst ein Bedenken an. Wie unter einer Zwangsvorstellung begeben sie sich auf die Fahrt. Wohnen doch in Berlin, in Hamburg, in Frankfurt, in Breslau, Köln usw. Juden,' und ärmer wie dieser oder jener ihrer Vorgänger sind sie ja auch nicht. Mit einem bis zum unerhörten Leichtsinn gehenden Optimismus, wie er nur Menschen eigen zu sein Pflegt, die nur etwas zu gewinnen und nichts zu verlieren haben, treten sie die Reise an. Die Leute aber, die durch ihre leichtfertigen Schilderungen, Prahlereien, oder ihre Hilfsanerbietungen die Landsleute zur Auswanderung veranlaßt haben, lasten die Neuangekommenen oft bei deren Erscheinen im Stich. Sie erweisen sich häufig als völlig unfähig oder unwillig dem so plötzlich in eine wirklich neue Welt Versetzten helfen und verweisen ihn meistenteils an die Wohlfahrtseinrichtungen, die auch ihnen bet ihrer Ankunft hilfreich entgegenkamen. Sie vergessen aber, oder sie wollen es nicht wahrhaben, daß sich die Hilfsfähigkeit der Hilssinstitute allmälig erschöpft, und die Übervölkerung mit Menschen aus stets demselben Milieu und denselben Leistungsfähigkeiten, demselben Metier, wie z. B. Schneider, Schuster, Mützenmacher, Weber u. dergl. einen Ueberfluß von Arbeitskräften verursacht, unter dem diese Neuankommenden zunächst auch die im Konkurrenzkampf Unterliegenden sein müssen. Bei Streiks, die in Amerika meist einen viel verhängnisvolleren Ausgang haben, als in Europa, springen sofort Tausende und Zehntausende arbeitsloser und mit hungernden Familien belasteter Menschen in die Bresche und werden Streikbrecher, die nun, wie leicht verständlich, den Haß der übrigen Arbeiter auf sich laden. Ja, es kommt sogar häufig vor, daß, besonders Familienväter, lange bevor noch der Streik zum Austrag gebracht ist, sich bei dem Arbeitgeber für einen noch geringeren Lohn als der bisherige war, anbieten, weil sie durch die Not der ihrigen gezwungen sind, Verdienst zu suchen. Ich erinnere mich noch sehr wohl bei einem kurz vor Weihnachten ausgebrochenen Schneiderstreik in Newyork die Streikenden mit Schaufel und Spaten als Schneeschaufler bei der Arbeit beobachtet zu haben. Freilich war auch die Arbeit dieser schwächlichen und ausgemergelten Schneider darnach und mancher „Boß" (Unternehmer) jagte die armen frierenden Menschen nach den ersten Versuchen davon. Hier und dort hatte ein solcher Unternehmer aber Mitleid Mit diesen armen Menschen und ließ sie noch wenigstens für einen halben oder ganzen Tag bei der schweren Arbeit. Die armen Menschen, die den Schneefall als das vom Himmel fallende Manna mit Jubel begrüßten, fanden zu Hause eine kalte Stube und stierende Frauen und Kinder. Aber derartige, alljährlich regelmäßig sich wiederholende Episoden schreiben dre Leute sicher selten nach Hause, oder sie vergessen sie bald wieder. Es ist dringend notwendig, daß man unablässig periodisch diewirklichen Zustände in den Einwanderun g sgebieten den Leuten ausführlich schildert. Dies kann nicht oft und nicht detailiert genug geschehen. Eine solche Schilderung, wie sie im „Türmer" im Juliheft d. I. publiziert wurde und mir, nachdem ich meinen zweiten Artikel über das Schmelztiegelproblem in dieser Zeitschrift veröffentlicht hatte, von befreundeter Seite zugeschickt wurde, möge hier zur eindringlichsten Warnung mittelloser Auswanderungslustiger wiedergegeben werden, wobei ich den Wunsch hege, daß er von allen jüdischen Blättern, die in Rußland, Galizien und Rumänien gelesen werden, wiedergegeben wird. Dem bedeutungsvollen Buche Robert Hunters: „Das Elend der neuen Welt" seien folgende Stellen entnommen: „In Amerika gibt es wahrscheinlich auch in einigermaßen günstigen Jahr n nicht weniger als zehn Millionen Arme. Als arm bezeichnen wir die unterernährten, schlecht gekleideten und armselig wohnenden Menschen. Gegen vier Millionen von ihnen sind Paupers (d. h. solche Arme, die sich nicht selber ernähren können nnd auf die Mildtät'gkeit angewiesen sind.) Ueber zwei Millionen Arbriter sind vier bis sechs Monate im Jahre arbeitslos*) Ungefähr 500,000 männliche Einwanderer kommen jährlich nach Amerika und suchen gerade in solchen Gegenden Arbeit, wo die Arbeitslosigkeit am größten ist. Beinahe die Hälfte der Familien in Nordamerika ist besitzlos. Mehr als 1,700,000 kleine Kinder müsien erwerbstätig sein, während sie noch die Schule besuchen sollen. Ueber fünf Mil-, lionen Frauen sind gezwungen zu arbeiten und über zwei Millionen stehen in Fabriken, Spinnereien rc. Wahrscheinlich werden nicht weniger als eine Million Arbeiter jährlich in ihrem Beruf verletzt oder getötet- und über zehn Millionen der heute lebe-den Personen werden, wenn das heutige Verhältnis bestehen bleibt, nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit an Tuberlulose sterben." „. . . . den ungelernten Arbeiter erwartet in der v elfach noch ganz ungeschützten Industrie der Union ein trostloses Schicksal. Wenn er Arbeit hat, verdient er gerade nur so viel, daß er seine und der Seinen drängendste Notdurft befriedigen kann. Wird erkrank, alt oder o us irgend einem Grund erwerbsunfähig, pocht sofort schreiendes Elend an seine Tür. Wenn dann das letzte Stück seiner dürftigen Habe versetzt ist, wenn der Berdieust der Frau nicht ausreicht oder nicht möglich ist, wenn auch die Hilfe *) Ich habe abstchtlch kleinere Zahlen in meinem Artikel angegeben, um nirgends des Anschein der Uebertreibung geziehen werten zu können. Dt. K. der Nachbaren, die seSrührende, nie verfagendeMttleid beS Armen mit dem Armen, erschöpft ist, dann korn^L für die schwerblütigen Naturen, die mit dem reizbaren Ehrgefühl, wohl der Augenb ick, wo sie aus dem Dasein, daS tönen immer nur als eine düstere Gewohnheit erschien, flüchten. . v .... Jahr um Jahr aber nahen von jenseits beS Weltmeeres neue Scharen und mehren die Armut, dis eigene und die amerikanische. Sie kennet« die Spräche der Landes nicht, lernen sie, zumeist nur unter ihren Sta > - meSgenofsen. hausend, vielfach ihr Leben lang nicht. Sie suchen so billig als möglich zu wohnen, in den übelberufenstey Ouatieren Unterschlupf, die der honette amerikanische Arbeiter meidet. In dumpfen, von Krankheitsstoffen aller Art erfüllten, ohnehin viel zu ho ti belegten Häusern. U' d während sie in der Schwitzhöhle bei rastloserunausgesetzter Arbeit, an die von der alten Heimat her ihr Körper nicht gewohnt ist, sich den Todeskeim holen, müssen sie erleben, wie idre Kinder, um deren Erziehung und Anleitung sich zu kümmern sie keine Zeit finden, von der Sttaße, auf die sie angewiesen si^d, deren verdstbltche Gewohnheiten annehmen und wie chre Umgebung werden. Diese Umgebung der Paupers, der Vagabunden, der Verbrecher und Dirnen. Das Elend der neuen Welt. Wad nützt es, d ß man in den Nordstaaten der Ktnderarvett gew sie Gienzeu gezogen har, wenn in den Baumwollspinnereien des Süden- — eine Neuaufiage der Sklaverei uitd kaum eine bessere — nun 80,000 Kinder, zumeist k-eine Mädchen, frohnen: Sechsmal soviel als vor 20 Jahren! . . . ." Das Kapitel über „das amerikanische Straßenkind" kann hier füglich übergangen werden, da bereits im ersten Artikel darüber gesprochen wurde. (Schluß folgt.) KoHenrynZscha«. Neues von Mkubol? Ein norddeutsches Blatt bringt die anscheinend offiziöse Mitteilung, daß der Deutsch-israelitische Gemeindebund sich an eine Anzahl jüdischer Gemeinden (welche?) mit der Bitte um eine gutachtliche Aeußerung über die durch Annahme des Antrages Friedmann geschaffene Situatton gewandt habe. Die Gemeinden sollen bis Ende Dezember ihre Stellungnahme zudemMacholschen Gesetzentwurf, sowie etwaige Abänderungs- Vorschläge dem Bureau des „Gemeindebundes" einsenden, und man werde bis Ende Januar oder Anfang Februar auf den Eingang dieser Aeußerungen warten. Erst alsdann solle beschlossen werden, ob und in welcher Weise die gemischte Kommission weiter beraten werde. Wenn diese Mitteilung in der Tat vom Gemetndebund inspiriert 'ist, dann wird sie wohl stimmen, obgleich es höchst sonderbar und unparvrr Ccides Anfang.' Zum Wochenabschnilt. Unsere weisen Lehrer, die auch zwischen den Zeilen der heiligen Urkunden lesen, oft von der Stellung der Buchstaben zu einander, von den Punkten, die den Sätzen folgen, von den Strichen, die sie von einander trennen oder miteinander verbinden, ja oft von den leeren Zwischenräumen sich über den Geist, der den Inhalt in seinem Zusammenhänge beseelt, belehren lassen, lauschen dem ersten Worte unseres heutigen Thoraabschntttes ein ergreifendes Geheimnis ab. Unmittelbar, ohne die sonst zwischen zwei Abschnitten übliche Distanz zu wahren, folgt ■»rr'l dem ihm vorangehenden Abschnitte. Es ist eine DöinD und diese führt eine beredte SprachelDnnDJ TQjran mUD bv Dri'W DD*?- Sie sagt, daß die Golusnacht nicht erst mit tem Tode Josephs und den in niDW geschilderten Leiden begonnen, sondern bereits mit dem Tode Jakobs herangedämmert sei. Mit den Schatten deS Todes, dkr den Stämmen in fremdem Lande den Barer nahm, breiteten sich auch die Schatten der Letdesnacht für die Hinterbliebenen, die sie unvermerkt in die neue Zeit der Golusnot htnüberleiteten. Roch war eS keine blutige Verfolgung, deren man fich gegenüber den Brüdern deS BolkSernährerS schuldig zu machen wogte. Aber alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß eine neue Zeit im Anbruche war, eine Zeit, die „dm Joseph nicht mehr kennen wirb". Und es galt nun, sich für diese Zeit einzurichten. VPD3 VQJPI „Die Tage seines BeweinenS zogen vorüber." Es wird mit Recht auf die Abweichung im Ausdruck, die dieser Satz enthält, hingewiesen. Nicht i£rP1/ wie eS bei der Trauer um Moses heißt, sondern roy»}. Zu Ende war die Trauer nach Ablauf der Trauerlagum den toten Führer, der daS Volk an die Grmze einer glücklichen Heimat gebracht, wo ihm ein sonniges Bolksdasein winkte. Nicht so aber beim Tode Jakobs, die Trauer ging nicht zu Ende, sodern zog eine Weile vorüber, um sich mit der bald einsetzenben stnsteren Letdesnacht um so düsterer und schwerer wieder einzustellen. Der gleiche Satz, der mit dem vielsagenden fcyi beginnt, bietet eine kraffe Illustration für die schwüle, unheilschwanpere Lage. Joseph bittet flehentlich, nicht direkt feinen König, deffm guter Geist er einst zum Segen vieler Völker war, sondern die dem König Rahestehenden njHD rvO/ ein Wort für ihn bet Pharao etnzulegen, damit dieser ihm erlaube, die Pflicht der Pietät gegen den . toten Vater zu erfüllm. Spricht nicht dieser eine Satz ganze Bände von der Wandlung, die die Dinge am Hofe Pharaos, nachdem man de. Juden Dienste nicht mehr brauchte, zu Ungunsten desfelven erfahren? Joseph, der Wohltäter und Erhalter deS Volkes, drr Mehrer deS KvntgSgutes, muß, da fein Stern im Untergehen begriffen ist, alle Mittel der Rebeunb Staarskunst anwenden, um der natürlichsten Kindespflichr genügen zu könnm. (Ueber die Form der Bitte Josephs flehe HirschS Kommentar zur Stelle.) Gewiß konnte Joseph mit dem ihm eigenen wetten Blick des genialen Staatsmannes die Situation in ihrer ganzen folgenschweren E edeutung für die Nachkommen feines Stammes überblicken, in die Not ihres düster heranziehmben GoluLlebenS schauen. Wie mußte eS Joseph bei dieser traurigen Perspektive bange zu Mate werden. Denn war er eS nicht, der die Brüder aus der kanaanitijchen Heimat ins GoluSland gelockt? Wie seltsam und wunderbar hatte doch das Schicksal gewaltet! Der Brüder Haß erwies sich als die Macht, die tasBöfe will und daS Gute schafft (njn 'ty üTOWn DOK .“DISTI D^pton)/ We Liebe, mit der chnen Joseph den Haß zu vergelten gedachte, die den Brüdern den Weg zum Glücke ebnen sollte, wurde zum ersten Gltede einer unübersehbaren Kette von Leiden und Rühsalen für dieselben. Allein, auch mit deS Schicksals Schlägen vermag daS von der GotteSlehre erleuchtete Gemüt sich leicht zu versöhnen, wenn eS stch dazu emporringt, daS, waS eine fatalistische Anschauung Schicksal heißt, als göttliche Fügung zu erkennen und das, was als des SchiHalS Tücke so vielfach gefürchtet wird, als die unergründliche Erziehungskunst einer allweifen Vorsehung liebend auf fich zu nehmen. Tiefer Gebankengang mußte auch für Joseph etwa- SrundverföhnenbeS und Beruhigendes an stch haben. Denn, so mußte fich Joseph konsequenter Weise sagen, ist eS eine aöttliche Vorsehung, die meinen von der Liebe diktierten Zukunjtsplan vereitelte und zum Ausgange einer namenlosen Letdenszeit machte, so war eS nicht minder eine gütige Vorsehung, die fich einst der Brüder als Mittel bediente, um mich an die Stelle *u dringen, die mir im göttlichen Wellenplane zugebacht ward. So weiß denn die Thora von einer nochmallam restlosen Versöhnung unb Bereinigung zu erzWe», Re jetzt mit dem Anbruche der neuen Aera nach dem