Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1909)
- Date
- 1909-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centralorgan für das orthodoxe Jndenlun 50. lahiwmg. BSS Sranhfurt a. IIL, Seit - '^Temrertf 5^^ B8S3 öllflo»i»>mr»f pro «ßerteljaprr «ervöhuüche «nSgabe Mk. UM* HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 8.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungar« 8 Kr„ Rußland l Bub* England 8 ah., SknerSa 60 cts., Niederlande ILO <L, Frankreich Fes. 8.50. Abonnements bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HcftanSgabr nur direkt. Der Israelit erscheint jede» Donnerstag. JnfOrater SO Pfennig für die sechSgespalteae «olonel-Seile; Rabatt «ach Tarif. nur durch Haafenstein u. Bögler fefe, Frankfurt a. 9t. und deren Filialen. Zahlungen können außer dirett an den Verlag erfolgen Per: Conto bei de« Postscheek-Antt Frankfnrt a. M. Ro. 344. (Konto hei der St. St. Postsparkasse «ien 9fo. 79 MB* Conto dei de« 5k. Postfparkaffenarnt Budapest Ko. 18494. Conto dei der Rigaer Connnerzdank in Riga und deren Filialen. v» ItahOrudi Oer Rrflket unO eorrefponOenen Oes „Israelit“ IR nur unter genauer Quellenangabe, unO, soweit es fldi um größere Rutlibe ' hanOeH, nur nach norheriger Oenehmlgung geRaffef- Var ScbmelzMIproblem. Bon Dr. Arthur Kahnin Eharlottenburg. in. New-Z)ork, 14. Nov. Herrn Dr. Artur Cahn, Scharlotenburg. Hochgeschezter Hern! ich bin ongekomen adank den liben Himmelfotter gutt nach Newyork (america) aber leider ich habe keine schtize den die Fretnde sanen nicht keine meglich mir zu unterschttzen haite 1 monath geworn fon main onkomen ihr und america ist nicht Deuschland keine unterschtize nur der harbeter*) waS harbet') hat wen er . hat harbet und keine mtthilf gibt nicht nur wen ein mahn ot gute Rekomandzie zu gute gefcheft leite dan kömen haben Hilfe zu bekamen eln ihtele in Hausgescheft und er trait für den man baS er sol haben sein lebenS-mittel Haber was kon ich elender (nicht kein harbeter) machen mir ist schlecht ich bin elend, uno die gidanken fon main elende Familie zu Hause in Bioihstok ein Frau und 4 Kinder was welen sie machen onlebenSmittel welches ich selbst Hab nicht kein mittel zu serdinen ein sent, also Über hochgeschezter Herr Dr. schreiben sen mir ein rath filaicht haben sei ein bakonten mahn WaS für mir ein schiele in gescheft geben den nach Rußland kan ich nicht komen und ich ales älterer mahn sich nemen lernen rin arbeit kan ich auch nich also bitte hochgeschezter Herr Dr. mir bald antwort geben und ein Rach n2CP geben waS zu machen das sei Heer Dr. aewen der I ter mahn fon main Hilfe ich wolt gern har- «ten in a geschesthauS aber mus mehn haben gutte Reeomanbozte und mache für sich sevst ein schpaiSkrom ist angmosten 1V0 Pfd. haben ist daS nicht miglich, bitte mir mtthenlen waS und u en zu tohn ich erwarte ihres freindlicheS Brief. h?d 21V ^ro "j-a*1 1VNM np-isn rrbra hochtungstl M. A. Rew-Aork, 12. Dez. Mr. Dr. Artur Kahn Berlin. Traust er Frend. Gewiß haben sie maine schreiben fon fortaen monat erhalten und btS heite kein Leter bekommen. Liber hochgeschezter Dr. ich kan ihnen nicht sofiel aus schreiben in waS för läge ich mich gefin sich in Rew-Aork schon 2 Monaten und ich habe nicht in kurzen wort keine Mittel zu 1 Pfd. ich Hab nicht waS zu esien und Lage (schlofgeld) bitte liver Hern Dr. filaicht haben sie ein Recomanoazie an ihre brannte in New-Iork mir kanen ein schiele geben, fon zu hause habe ich bekommen vrief von Frau und Kinder, daS sie haben nicht waS lebensmittel. Itber Herr Dr. so wie sie haben schon für mir geholfen in Berlin bitte mir weiter. earuS efen mit ein Recomavdazie. Hochtungsfl MateS Abramowitz. ' Di^e Briefe^ nur zwei von vielen mir von enttäuschten und veiHwelfelten Emigranten zugehWm, ist typisch für die Lage, in die viele dieser Armen geraten, wenn sie schon daS Land ihrer Sehnsucht, Amerika, erreicht haben. Ich stelle sie deshalb an die Spitze unserer Betrachtungen und nicht etwa, um sie ihrer Originalität halber zum Besten zu geben, wozu mir auch das Thema viel zu ernst erscheint. Zunächst darf man derartige Schreiben nicht damit abtun, daß man sie als den Ausfluß einer deprimierten, aus der Neuheit der Verhältnisse entspringenden und daher vorübergehendm Stimmung betrachtet. Wenn ich es nicht allzu häufig persönlich miterlebt hätte, so würde ich bei dieser scheinbar unwesentlichen Angelegenheit nicht länger verweilen. Der Brief verrät aber etwas, worüber man ebenfalls sprechen muß. Diese Klasse von Auswanderern, wie der Briefschreiber, ist in vielen Fällen daS Opfer wahrheitswidriger Berichte von Landsleuten und Verwandten. Sobald ein Emigrant erst einmal notdürftig Fuß in Amerika gefaßt hat, ist es ihm nur erst einmal gelungen, sich einen einigermaßen sicheren Verdienst zu verschaffen, so schreibt er in die alte Heimat, mit mehr Phantasie als der Wirklichkeit entsprechend über sich und seine Verhältnisse. Wahrend des Schreibens entrückt sich chm die wahre Lage in der er sich befindet immer mehr und er schildert das, was er. noch erträumt und wünscht und verfällt in Uebertreibungen, die dann in der alten Heimat für bare Münze hingenommen werden. So entsinne ich mich sehr wohl, daß ein Einwandrer aus Minsk nach Hause schrieb, er fahre mit eignem Wagen aus, während dieser „eigne Wagen" eben nur eine Handkarre war, mit der er solcherart prahlte, daß fick daraufhin einige arme Bekannte veranlaßt fühlten, in gleicher Weise ihr Glück in der neuen Welt zu suchen. Es ist ja psychologisch leicht verständlich, daß jeder Mensch seine Lage mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verbessern trachtet, umso verständlicher, je schlechter es einem ergeht. In solcher Lage befinden sich nun doch mindestens 90 pCt. aller osteuropäischen Juden, waS ja auch die Ursache der Riesenabwanderung nach Amerika ist. Sind sie erst aus dem unsäglichen russischen Elend entkommen, haben sie erst einmal eine einigermaßen auskömmliche Existenz in Amerika gefunden, dann kommt ihnen ihre beseitige Lage schon so günstig vor, daß sie in ihren übertriebenen Schilderungen nicht einmal bewußt lügen. Man soll daher diese Leute nicht gleich verdammen, denn oft ist es tatsächlich gar nicht die Absicht Lügen nach Haufe gu schreiben, sondern der ehrÜche Wunsch, an ihrvm vermeintlichen materiellen Glück auch den Verwandten und Landsmann teilnehmen zu lassen. Ich frug einmal einen armen Peddlar, (Hausierer) dem ich zuwellen eine Kleinigkeit abzukaufen pflegte, wie er in aller Welt dazu gekommen fei, seinen Schwager in Rußland, der ebenfalls ein blutarmer Mann mit einer ansehnlichen Zahl kleiner Kinder war, zu veranlassen, nach Amerika zu kommen. „Sie haben Recht, Herr Doktor," gab er ruhig zu, „aber kann es ihm denn hier schlechter gehen, wie in Rußland? Wenn auch nicht Fleisch, so wird er doch jeden Tag Brod essen können, sogar zwei- und dreimal. Jetzt hat er nicht einmal jeden Tag nur zweimal'trockenes Brod." Es ist nicht so einfach, gegen eine solche Logik anzukämpfen, zumal wenn man die Armutsverhältnisse und die Erwerbsunmöglichkeiten nicht aus eigener Anschauung kennt. Es kommt ja tatsächlich auch gegenwärtig unter den ungemein erschwerten EttverbSverhältniffen in den amerikanischen Großstädten fast täglich vor, daß der ärmste Teufel, der selber in einer Dachstube wohnt und sich kaum satt essen ftum, den Neuangekommenen Verwandten oder Freund bei sich aufnimmt und mit ihui sein kärgliches Stückchen Brot teilt, in der sichern Hoffnung, daß der neu Angekommene endlich eine Existenz findet. Daß es aber auch umgekehrt ebenso häufig vorkommt, daß der Verwandte und Landsmann seinem Schicksal überlassen wird, davon ist der oben veröffentlichte Brief ein kassischer Zeuge. Der Mann, der den obigen Brief in seiner Verlassenheit an mich gerichtet hat, war von Verwandten veranlaßt worden, nach Amerika zu folgen. Wie dies wohl bei den allermeisten AuSwandrern so geht, steuerte er zunächst auf Berlin los, wo er bereits strandete. Es gelang mir, aus die ja hinlänglich bekannte Weise, den Mann, der übrigens auch einige sehr gute Empfehlungen besaß und einen guten Eindruck machte, nach Amerika zu schaffen. Wie aus verschiedenen Briefen dortiger Angehörigen zu entnehmen war, sollte er, einmal in Newyork, mit Hilfe derselben Freunde, auch dort sein Brot finden. W i e nun die Leute, die den Mann nach Amerika förmlich lockten, ihr Wort hielten — wahrscheinlich gar nicht in der Lage waren zu halten — daS geht aus dem oben zitierten Brief ohne weiteres hervor. Nicht unerwäbnt will ich lassen, daß ich dem Briefschreiber eindringliche Vorstellungen machte, daß, wenn die Leute in Amerika ihn so gerne dorthin haben wollten, sie ihm doch auch hätten die Mittel zur Reise schicken sollen. Das ist nun der springende Punkt unserer Betrachtungen: