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Der Israelit · 1909-12-16 · Heft 50 (16.12.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 50 (16.12.1909)
Date
1909-12-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der J-raeÜt. Seite S. Nr. SO 16 Dezember 1909. Glaubensfreiheit sei seiner Meinung nach auf die innerjüdischen Gemeindeverhältnisse nicht zu übertragen und nur durch Steuerzwang sei die Bildung und die Erhaltung einer Gemeinde denkbar. Besonders müsse er sich wundem, daß gerade von gesetzestreuer Seite, von welcher er in dieser Beziehung die weitgehendste Unterstützung erwartet hätte, dieser Antrag bekämpft werde. Die Einführung des direkken allgemeinen Wahlrechtes halte er für unangebracht. Besonders aber müsse er an seinem Anträge auf Abschaffung der Fleischsteuer festhalten. All die Schäden, die aus dieser Abschaffung drohen, würden durch die im Entwürfe vorgesehenen neuen Einnahmequellen vollauf gut gemacht. Die Fleischsteuer sei der gelbe Schandfleck, der uns nicht weiter anhaften dürfe. Noch mehrere Redner treten für die Anträge Schloßbergs ein, worauf folgende Resolution mit kleiner Stimmenmehrheit angenommen wird: 1. die Licht- und Fleischakzise (Korobka) soll abgeschafft und durch eine progressive Einkommensteuer ersetzt werden- 2. jeder Jude, der über zwei Jahre an einem Orte wohnt, ist verpflichtet, der betreffenden jüdischen Gemeinde anzugehören und den Gemeindebeitrag zu entrichten. Mit einem Referate des Herrn M. R abinowitz über die Organisation der Wohltätigkeit schloß die Freitagssitzung. Die Schlußsitzung fand Sonntag Vormittag statt und wurde mit einer ausgedehnten Diskussion über die Vorschläge des Herrn Rabbinowitz ausgefüllt. Allgemein wird die Notwendigkeit anerkannt, mehr als bis jetzt für die Verbreitung des Handwerks unter den Juden Rußlands einzutreten und durch Arbeitsnachweise, Stellenvermittlung, Ermöglichung von Haus- Industrie usw., dem Elend entgegenzuarbeiten. Eine Zentralisation der Wohltiäigkeitsanstalten wird von den meisten nicht als wünschenswert erachtet. Dagegen wäre ein gelegentliches Zusammenarbeiten der verschiedenen Gemeinde-Institutionen in erforderlichen Fällen nach Ansicht aller sehr zu begrüßen. Zum Schluffe liest der Vorsitzende einen eingegangenen Antrag vor, in dem der Wunsch ausgespochen wird, daß die Beschlüsse der Kownoer Konferenz als Grundlage für die Verhandlungen der demnächst zufammentretenden Rabbinenkommifsion dienen möchten Auf Antrag des Herrn Fleudenberg wird dann zu diesem Punkte folgende Resolution angenommen: „In Anbetracht dessen, daß die Rabbiner- Kommission sich nur mit rel'giösen Angelegenheiten zu befassen haben wird, aus welchem Grunde sie ja auch ausschließlich aus Rabbinern besteht, beschließt der Kongreß, eine eigene Kommission einzusetzen, die in Permanenz arbeiten und von Zeit zu Zeit zusammentreten soll, um die schwebenden Fragen sozialer Natur zu lösen." Es werden dann mehrere Depeschen und Begrüßungsschreiben verlesen. Aufsehen erregt eine Depesche des Dumaabgeordneten Nisselowitsch, die mit den Worten beginnt: „Ich bedaure sehr, daß die Konferenz sich aus Gründen, die ich bereits geltend gemacht habe, in keiner Weise als legale Vertretung der russischen Judenheit aerteren darf. Nichtsdestoweniger freut es mich, daß sich Vertreter verschiedener Slädte zusammenscharen usw." Ein scharfer Protest gegen die Anmaßung der Konferenz, die Wünsche der gesamten russischen Judenheit zum Ausdrucke zä bringen, lag auch von der Gemeinde Bialistok vor, der aber nicht zur Verlesung gelangte. Mit Schlußansprachen der Herren Winawer und Feinberg erreichte die Konferenz 3 Uhr nachmittags ihr Ende. (Siehe Wochenrundschau.) Frankreich. Paris, 10. Dez. Der französische Minister des Auswärtigen, Plchon, kam in seiner jüngsten Rede über die Grausamkeiten der Regierung Muley HafidS in Marokko auch auf die traurige Lage der Marokkanischen Juden zu sprechen. Er sagte diesbezüglich: „Wir erhalten von den Israelitischen Assoziationen bittere Klage darüber, daß die jüdische Gemeinschaft selbst inmitten dieser Grausamkeiten mit exceptioneller Strenge behandelt wird. Nach de > von uns eingeholten authentischen Informationen sind Prügelstrafen und Zwangsarbeiten Tag und Nacht in noch erhöhterem Masse als früher auf der Tagesordnung und es gehört nicht zu den Seltenheiten, daß Juden infolge dieser grausamen Behandlung haufenweise ihr Leben lassen müssen." Rumänien. Sur Süßeren Lage. (Bon unserem Korrespondenten.) Bukarest, 4. Dez. Demnächst soll, wie es heißt, in Bukarest ein jüdischer Kongreß zusammentreten, der den Zweck hätte, gegen die neue Gesetzesvorlage zur Förderung der nationalen Industrie und gegen das neue Sanitätsgefetz zu protestieren, durch deren Bestimmungen die jüdische Bevölkerung des Landes hart betroffen wird, da durch das Jndustriegesetz die Juden der Möglichkeit beraubt werden, ihre Existenz in der Industrie zu finden, während das zweite Gesetz ihnen den einzigen akademischen Beruf, der ihnen noch offen blieb, nämlich den ärztlichen Beruf, verschließt. War die Lage der Juden immer eine schlechte, so ist sie jetzt eine unerträgliche geworden. Was sich in der letzten Zeit im Lande zugetragen hat, angefangen von der antisemitischen Campagne Jorga und Cuza bis zur feindlichen Haltung der rumänischen Studentenschaft gegenüber den Juden usw., mußte bei den Juden ein Gefühl tiefen Schmerzes Hervorrufen und sie mit der größten Sorge für die Zukunft erfüllen. Zu allen Leiden und Schlägen kommt nun das neue „Jndustriegesetz", welches Hunderte von Juden um ihr Brot bringt, und wird uns zum Schaden noch der Spott zugefügt durch das Projekt des neuen Sanitätsgesetzes, wonach die jungen Leute, welche im Auslande studieren, den ärztlichen Beruf im Lande bloß dann äusüben können, wenn sie rumänische Bürger seien. Bürger sind aber die Juden in Rumänien bekanntlich nie. Ob da ein Kongreß etwas nützen wird, ist leider mehr als fraglich. Inzwischen mehren sich die Gewaltakte gegen die Juden. So wurde jetzt z. B. in Roznow einer Gemeinde im Distrikt Piatra-Neamtzu ein Mmn, der Militärdienst geleistet hat, samt seinen Söhnen aus der Gemeinde gejagt, weil er sich geweigert hatte, einem Notar ein Trinkgeld von 5 Fr. zu geben. Der Kongreß will nun d'e Beschwerden der jüdischen Bevölkerung Präzisierei und die jüdische Frage in Rumänien vor aller O ffentlichkeit behandeln, vor den Behörden des Landes und vor dem Parlamente die Sache der Juden vertreten, um zu verhindern, daß zu den bisherigen zahllosen Rechtsbeschränkungen gegen die Juden noch andere neue hinzutreten, eventuell soll auch eine Denkschrift dem König und den gesetzgebenden Körperschaften unterbreitet werden. Man sieht, an guten Ansichten oder Absichten fehlt es den Einberufern nicht. Ob sie unter den obwaltenden, nach jeder Richtung ungünstigen Umständen auch ausführbar sind, wird sich erst zeigen müssen. Die Eidesleistung mors judaico ist wieder Gegenstand vielfacher Erörterung. Anläßlich des Urteils in einem Rekurse, den Frau Karoline Lev in in Jassy in einem Prozesse gegen Frau Elise Balcanu erhoben hatte, fällte der Kassationshof -eine sehr wichtige prinzipielle Entscheidung in der genannten Frage. Der Kassationshof sprach sich dahin aus, daß der Richter nicht das Recht habe, einer der Prozeßparteien diese Art der Eidesleistung aufzutragen und begründete diese Entscheidung folgendermaßen: „Rechtlich ist der Eid ein Akt zivil-religiösen Charakters, dazu bestimmt, der Justiz die Lösung des in Frage stehenden Streitfalles zu erleichtern. Gemäß Art. 238 des Zivilgesetzverfahrens muß der Eid, abgesehen von den im Gesetze enthaltenen Ausnahmen, in öffentlicher Sitzung nach einer in Art. 240 des Zivigesetzverfahrens enthaltenen Formel geleistet werden. Es ist sicher, daß diese Formel nicht unabänderlich ist, und daß sie in der W^'ise abgeändert werden kann, daß derjenige, von dem die Eidesableistung verlangt wird, nicht in seinem religiösen Bewußtsein gekränkt werde. Der Gesetzgeber, der den Richter ermächtigte, die im Gesetze geschriebene Formel anzuwenden, hat ihn damit keineswegs ermächtigen wollen, auch den Ort zu ändern, wo der Eid geleistet werden soll. Da der einzige Ort, an dem der E d geleistet werden muß, der Gerichtssaal ist und zwar bet öffentlicher Sitzung, so begehen die Richter eine Uebertretung der Gewalt, wenn sie verfügen, daß der Eid in dem Lokale geleistet werde, das für die Ausübung der Religion bestimmt ist." llerimrcdtrr. Frankfurt a. M., 10. Dez. Der Borstand beS Gumpertzschen Stechenhans-Minka von Goldschmtdt-Rothschild-Stiftung veranstaltrete am ,-ntp ’KSClö in den Hellen Raumen der Anstalt eine Chanuckaserer, die in jeder Htnftcht als überaus wohlgelungen zu rühmen ist. Nachdem der älteste Insasse das Chanuck licht entzündet hatte, hielt der Präses der Berwaltung, Herr Julius Goldschmtdt. eine Ansprache, in welcher er in trefflicher Weise hervorhob, wie baS heule alS Musteranstalt einzig in seiner Art dastehende StechenbauS aus kleinen Anfängen, dank der hochherzigen Mrimfizenhervorraqender Gvnner, zu solch segensreich gedeihlicher Wirksamkeit fich entfalten konnte, gleich dem Chanuckawunder, welches mit Hülfe der Begeisterung und Aufopferung edler Menschen das kleme Llchtletn zum Strah englanze emwick lte. In überaus liebevoller Weise wurden hierauf die Patienten reichlich beschenkt, waS durch eine der anwesenden Edrendamen geschah, die in finniger Form für jeden ein selbstverfatzteS Berschen zur Hand hatte. Mit welch austtchtiger Dankbarkeit die Patienten die ihnen gewordene herzliche Für so-ge aufnahmen, zeigte der poetische Dank eines Pfleglings, der namenS der Kranken dem opferfreudigen Borstande, dem Chefarzte und der Schwester Oderin, sokvte allen, die ihnen ihr Leid mildern halfen, seine Verehrung aus vollem Herzen ausfprach. An» Jubiläum einer Schule. Mainz, 15. Dez. Das 50 jährige Jubiläum der Unterrichtsanstalt der Israelitischen Religio n s g e s e ll s ch a s t, das gestern Abend stattfand, nahm einen in jeder Hinsicht glänzenden Verlauf. Das Fest wurde eingeleitet durch eine Schulfeier, die im Bankettsaate der Liedertafel gestern Nachmittag umt 2 Uhr stattfund. Schülerinnen der höheren Klassen führten ein Festspiel aus, in dem sämtliche Lehrgegenstände personifiziert zu Worte kamen, um zuletzt einmütig auzuerlennen, daß der Religion di' Palme gebühre. Nach mehreren weiteren Aufführungen, Chorliedern und Reigen ergriff Herr Oberlehrer Tr. I. H. B o n d i - Frankfurt a. M. das Wort, um im Aufträge des Vorstandes der Israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt, sowie des Schulrats, der Direktion und des Lehrerkollegiums der dortigen Realschule die Grütze und Glückwünsche der Schwesteranstalt zu überbringen. Beide Anstalten hätten die gemeinsame Ausgabe, jüdisch bewußte, treue, hingebungsvolle Männer und Frauen zu erziehen, beide seien unter den schwersten Opf.rn auf der Hiihe erhalten worden und sei cs daher begreiflich, daß man mit frohem Empfinden in der Nachbargemeinde und -schule an dem Feste Anteil nehme. Die Festrede hielt der Direktor, Herr Rabbiner Dr. I. B o n d i- Mainz. Unter Bezugnahme auf die Worte des Vorredners -.schilderte er, wie hier in Mainz die Verhältnisse noch schwieriger lagen' als in Frankfurt. Kaum hatte der erste Rabbiner Dr. Lehmann die Religionsgesellschaft begründet, da erkannte er schon-' die Notwendigkeit der Begründung einer Schule. „Für die Gegenwart," so schrieb er damals, „sei gesorgt, aber wolle man unser heiliges Erbe auch späteren Geschlechtern bewahren, so müsse eine Schule kommen," und er wagte, im Verein mit den wenigen Männern, die um ihn standen, den kühnen Wurf, man hatte oft nur ein Lächeln für dies Unterfangen, aber er säte unter Tränen und mit Jubel ernten wir. Die Jubelfeier einer Schule sei eines der schönsten Erntefeste, jedes Unternehmen habe seine Zeit' der Ernte, aber einer langen Reihe von Jahren .bedarf es, bis eine Schule ein Erntefest feiern könpe. Wenn der Lehrer die Saat "ausstreue, so wisse^ er weniger, wie jeder cimbere Säemann, ob seine Saat aufgehe, die ganze Ernte könne erst nach einem Menschenalter überschaut werden. Um so größer sei aber der Jubel wenn

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