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Der Israelit · 1909-12-16 · Heft 50 (16.12.1909) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 50 (16.12.1909)
Date
1909-12-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 80. Sette 7 16 Dezember 1909. tobte die Redeschlacht ziemlich unfruchtbar mehrere Stunden hin; das Ergebnis, Annahme des liberalen Antrags^ stand von vornherein fest, und von beiden «eiten her redete man nur für die Galerien. Einige Ueberraschung erregte es nur, daß auch der „konservatüie" Vertreter Herr Aron Hirsch erklärte, es stände von glaubenstreuem Standpunkte nichts im Wege, wenn man einige .hebräische Psalmen durch deutsche Gebete ersetzte; eine Erklärung, die den verständnisvollen Beifall der — Liberalen so sehr fand, daß ihr Wortführer versichern konnte, mehr wollten ja auch sie gar nicht. Der liberale An- ^trag wurde yrit 12 gegen 6 Stimmen angenoml men; der konservative Gegenantrag vermochte es sogar nur auf 4 Stimmen zu "bringen, dr die Herren 'Gerson Simon und Aron Hirsch sich der Stimmen enthielten. Das Facit der Verhandlungen aber läßt sich dahin ziehen, daß die liberale Entwickelung in der jüdischen Gemeinde Berlins mit der Oranienburgerstraße beginnt und über Lindenstraße und Lützowstraße zur" Fasanenstraße u n d so weiter nach w. zu fortschreitet; von der Heidereutergasse nach Kaiserstraße und Rykesträße hin dagegen gibt es keine Entwickelung; dort bleibt vorerst schön Alles beim Alten. Und da behaupte noch einer, das Judentum von heute sei £tn einheitlicher Begriff, der in eine, geme insame Organisation zusammengepfercht werden rönne? — Das Ereignis der Saison'sind die'Vorträge/die der Breslauer Nationalökonom Prof. Sombart hier vor überfülltem Saale über „Kapitalismus und Judentum" gehalten hat. So sehr der Gegenstand und die Art seiner Behandlung durch Herrn Prof. Sombart zu einer Be-, sprechung und Kritik an dieser Stelle auffordern, ■ so ist es doch überaus schwer, an das gesprochene Wort, das schnell und unkontrollierbar dahinfließt, nachträglich mit der objektiven Sicherheit heranzutreten, welche gerade für eine Kritik dieser Leistung doppelt erforderlich erscheint. Herr Prof. Sombart hat dieser Schwierigkeit Rechnung getragen und will einen essentiellen Auszug dieser Vorträge alsbald in der „N. D. Rundschau" und den ganzen ^Text in Buchform erscheinen lassen. Dann wird die Bewertung der' Borträge und ihrer Ergebnisse zu ihrem Recht gelangen. Inzwischen aber muß wenigstens in eine m Pun/te schon heute an dieser Stelle Verwahrung gegen eine Behauptung, welche Herr Prof. Sombart in seinem letzten Vortrage aufstellte, eingelegt werden. Die Tendenz dieser Ausführungen, die die Bedeutung der jüdischen Religion für die kapitalistische Entwicklung des Judentums behandelte, ging dahin, darzutun, daß die Juden im Reichtum ein Unterpfand des göttlichen Wohlgefallens.sahen, und daher gleichsam von Religio ns wegen zu einer Anreicherung ihres mobilen Besitzes im Gegensatz zu dem begrenzten Wohlstand«, der aus der Scholle fließt, angehalten worden seien! Diese Entgleisung des zweifelsohne von den besten Absichten getragenen Gelehrten ist bedauerlich/ sie bleibt selbst dann unverständlich, wenn man ihm zu gute hält, was er selbst hervorhob, daß er erst seit wenigen Jahren sich mit der religiösen Literatur des Judentums beschäftigt habe. Die Bibel so sollte man meinen, sollte doch jedem gebildeten Menschen jeden Waubetts bekannt sein; wie man aber das Buch der Bücher auch nur oberflächlich gelesen und daraus nicht die Lehre, welche jede Zeile: darin predigt, entnommen,haben soll, daß seine Religion den Juden, fast 'möchte man sagen gewaltsam, zum ackerbautreibenden, an der Scholle haftenden, vom Segen des Feldes und Landes Alles erwartenden und erhoffenden Jndividium.'erzieht, das erscheint einem naiven Gemüt einfach unfaßbar. Herr Prof. Sombart rühmte am Schluffe seines letzten Bortrages in von seiner sonstigen sympathischen Art abweichender Weise seine Methode dahin, daß von. ihr eine neuartige und alleinrichtige Bewertung des Jdeenkomplexes von Judentum und Kapitalismus einsetzen und fortschreiten werde. Der JSratttt. Neuartig ist diese Methode unstreitig/ aber ihre Fehlerhaftigkeit ist doch so eklatant, daß eine Weiterbildungderselben, glücklicherweise, auch durch Herrn Prof. Sombart selbst nicht zu befürchten steht. LI. Hamburg, 7. Dez. Das Repräsentantenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt eine Sitzung im Gemeindebureau Kaiser Wilhelmstraße unter Vorsitz des Herrn Jakob Alexander ab. Der Vorsitzende gab zunächst Kenntnis von einem Antrag des Herrn Matthiason, wonach der Gemeindevorstand ersucht wird, in Zukunft die Wahlen von Delegierten zum Deutschen Judentag nur unter Mitwirkung des Repräsentantenkollegiums vorzunehmen. Der Antrag gelangte auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung. Der Punkt „Bericht der Kommission zur Prüfung der Abrechnung für das Jahr 1908" wurde vertagt, da die Kommission erklärte, ihre Arbeiten noch nicht beendet zu haben. Die vom Repräsentantenkollegium abgeänderte Wahlordnung für die Neuwahl des Kollegiums ist vom Vorstand genehmigt worden. Der Vorsitzende verlas sodann ein Schreiben des Gemeindevorstandes, welches auf die in voriger Sitzung bei Beratung des Budgets für 1910 angenommenen Anträge erwidert. In Bezug auf die Erbauung eines eigenen Gemeindehauses wurde mitgeteilt, daß der Bericht der gemischten Kommission über diese Angelegenheit noch ausftehe, der Gemeindevorstand aber nach Erstattung des Berichteder Angelegenheit näher treten werde. Das Repräsentantenkollegium knüpfte an diese Erwiderung den Wunsch, daß die Angelegenheit tunlichst beschleunigt werde. Eine diesbezügliche Resolution soll dem Gemeindevorftand übermittelt werden. Betreffs des Beschlusses auf Kündigung des Friedhofsinspektors in Ohlsdorf und Uebernahme der Begräbnisverwaltung in eigener Regie teilte der Gemeindevorstand in einem umfangreichen Erwiderungsschreiben mit, daß die Kommission für das Begräbniswesen sich bereits seit längerer. Zeit mit der Angelegenhcit befaßte, die Sache aber noch nicht spruchreif sei. Sobald die Angelegenheit weiter gediehen sei, würde der Gemeindevorstand die vom Repräsentantenkollegium gewünschte Kündigung des Friedhofsinspektors zur Ausführung bringen. Im Uebrigen ersucht er um Bewilligung des Ausgabepostens für das Begräbniswesen auch für das zweite Halbjahr 1910, da diese Angelegenheit doch nur in nebensächlichem Zusammenhang zur eventuellen Verpachtung des Friedhofs stände. In der Debatte traten die Herren Dr. Samson und Lippmann aus budgetrechtlichen Gründen für die Bewilligung ein, während die Herren Bacher ach und Levy der Ansicht waren, daß dieses nur einer erneuerten Verzögerung der Friedhofsfrage gleichkommen würde. Es fand schließlich ein Antrag des Herrn Dr. Samson Annahme, in welchem das Rkpräsentantenkollegium erklärte, daß es eine Schädigung der Gemeindefinanzen darin erblicke, wenn die Angelegenheit noch weiter hinausgeschoben würde. Ferner wurde der folgende Beschluß gefaßt: „Das Repräsentantenkollegium ist bereit der Bewilligung der Ausgabeposition für das Begräbniswesen auch für das zweite Halbjahr 1910 näher zu treten, sobald der Bericht der Kommission für das Begräbniswesen erstattet worden ist." In Bezug auf die im Statut vorgesehene Einsetzung einer Wohlfahrtskommission erwiderte der Gemeindevorstand, daß das mit der Ausarbeitung des betreffenden Reglements betraute Vorstandsmitglied durch Krankheit verhindert wurde. Da der betreffende Herr jedoch wieder hergestellt ist, so würde die Kommission voraussichtlich zu Anfang des kommenden Jahres in Wirksamkeit treten. Das Repräsentantenkollegium erklär^ sich mit dieser Aüwort einverstanden. Am Schluß wurden ' noch 'die Herren Mor. Meyerhof und S Feldberg zu Mitgliedern der Besteuerungskommisfion öewählt. Hamburg, 10.Dez. Eine öffentliche Wählerversammlung wurde vom „Verein selbständiger jüdischer Handwerker und Gewerbetreibenden von 1906" nach dem Logenheim Hartungstraße einberufen, zwecks Stellungnahme zu den Repräsentantenwahlen der Deutsch-israelitischen Gemeinde. Die sehr gut besuchte Versammlung wurde von Herrn Ph. Wolfs geleitet, der einleitend darauf hinwies, daß der Verein mit seiner Aufstellung eines eigenen Kandidaten bei den sogenannten Minoritätswahlen durchaus nicht beabsichtige, einen etwa von anderer Seite aufgestellten Kandidaten zu bekämpfen, denn es könnten ja durch die Minoritätswahlen mehrere Kandidaten in die Gemeindevertretung gelangen. Die Hauptsache sei, daß auch der Handwerkerstand dort seine Vertretung habe, und deshalb empfehle er als Kandidaten für die am 5. Dezember stattsindende Wahl Herrn Eduard Berlin. Herr Berlin dankte für die ihm erwiesene Ehre und betonte, daß es notwendig sei, einen Vertreter des Mittelstandes in das Repräsentanten-Kollegium zu entsenden, damit die soziale Lage des Mittelstandes mehr als bisher gehoben werde. An die mit großen Beifall aufgenommenen Darlegungen schloß sich eine lebhafte Debatte, an der. sich die Herren Friedenheim, Mündheim und Ritter beteiligten, die sich sämtlich für die Kandidatur des Herrn Berlin aussprachen. Dann wurde folgende Resolutton einstimmig angenommen: „Die am 2. Dezember in den Räumen des Logenheims Hartungstraffe tagende, vom Verein selbständiger Landwerker und Gewerbetreibenden einberufene Wählerversammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Kandidaten Herrn Eduard Berlin vollständig einverstanden, da sie die Vertretung dieser Stände im Repräsentanten-Kollegium der Deutsch-israelitischen Gemeinde für unbedingt notwendig erachtet. Der Kandidat hat sich verpflichtet, falls er gewählt werden sollte, die Interessen der Handwerker und Gewerbetreibenden der Gemeinde an geeigneter Stelle in jeder Hinsicht zu wahren." Hanau, 6. Dez. Der Finanzausschuß des Stadtverordnetenkollegiums beschloß einstimmig die Ablehnung der vom Magistrat beantragten Einführung des Schächteverbots im hiesigen städtischen Schlachthof. München, 13. Dezember. Als Nachfolger Dr. Salvendis in Dürkheim ist Herr Dr. Steckelmacher aus Mannheim zum Bezirksrabbiner des Rabbinatsbezirkes Dürkheim gewählt worden. Damit geht ein weiteres bayerisches Distriktsrabbinat in neologe Hände über und die Gesetzestreuen, die bisher in Dr. Salvendi ihre Stütze fanden, sehen sich nach Lage der bayerischen Gesetzgebung auf Gnade und Angnade dem „Schulchan Aruch" eines liberalen Herrn überantwortet. Man muß mit Polittscher Blindheit geschlagen sein, wenn man angesichts solcher Ereignisse, die sich jeden Augenblick in anderen bayerischen Distrikten wiederholen können, einen Augenblick zögern kann, der Orthodoxie durch eine kraftvoll durchzuführende Revifionsbewegung endlich die notwendige Ellenbogenfreiheit zu erkämpfen. Straßburg, 12. Dez. Die 3 israelitischen Vezirkskonsistorien (Unter- Oberelfaß und Lothringen) hielten am Sonntag, den 5. d. M. eine gemeinsame Sitzung ab, in welcher nach einem Ref«mt des Rechtsanwaltes und Konfistorialmitgliedes Dr. Schmoll beschlossen wurde, der Regierung die Schaffung eines Oberkon»! sistoriums Vorzuschlägen! - > ©ejlerrßtdj. Lemberg, 10. Dez. Das Handelsministerium hat an alle Postämter eine Vorordnung erlaffen, laut welchem die Postbeamten beauftragt werden, auf den Sabbath und die jüdischen Feiertage Rücksicht zu nehmen. Der Erlaß bestimmt: 1. Alle Sendungen gegen Empfangsbestätigung (mit Ausnahme von Expreß-Sendungen, Gerichtsstücken, Wertsendungen, die durch längeres Liegen auf der Post beschädigt werden könnten,) die für

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