Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1909)
- Date
- 1909-12-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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WMWWWMWW Israelis 16; Wie verhält es sich nüu mit den in unserem Volke ein gelebten Sitten und Gebräuchen auf rituellem und kulturellen Gebiete? Dieses weite Gebiet des WuP' anao ist zu allen Zeiten von großen talmudischen Kapazitäten überprüft und beleuchtet worden. Männer wie ein Chiskia Silvia bis ins jüngste Jahrhundert herab haben, nachdem sie in den talmudischen So ist es aufzufaffen, wenn jüdische Gesetzesj meinden, deren Sitzungen sich, in der Letzten Zeit lehrer, wenn ein R. Salomo den Adereth im i durch die Uninteressantheit ihrer Tagesordnungen Ai ittelalter oder ein R. Abraham Danzig oder! und die Temperamentlo sigkeit ihrer Debatten ein R. Mosche Sopher in neuerer Zeit diesen I von den früheren Jahren nicht eben wohltuend und jenen Brauch, der sich z. B. in die jüdische | abhoben, endlich wieder einmal so etn>as wie Sätzen: "n^n ipip anao,, und anae„ I wollten. //min nnitÜDrffoinfirtrD itm I Art der Totenbestattung eingeschlichen, als eine an einem nichtjüdischen oder gar heidnischen Aberglauben anklingende Verirrung beseitigt wissen 'mm unübersteigbare Schutzwalle um Mische Sitte und jüdischen Brauch errichtet fanden, den Mischen Gesetzeslehrern einen gewiffen Grad der Subjektivität oder Anschauung zuerkannt. Namentlich in Bezug auf die Sitten, um deren Reform es sich heutzutage vorzüglich handelt, nämlich in den Fällen, in welchen die Nachahmung ftemder, nichtjüdischer Kulte, also das Gebot mn *0 DnmprQi in Frage kommt, da haben Koryphäen der Halacha einer gewiffen subjekttven Beurteilung der hierzu kompetenten und berufenen jüdischen Gesetzeslehrer stattgegeben. Kein geringerer als R. Joseph Karo, der Redakteur des „Schulchan Aruch", stellt den Satz auf: „Die Thora hat die Handlungen und Gebräuche, die von dem Gebote nrpnprD'i Wn ' M * getroffen, für Israel verpönt wurden, nicht einzeln aufgezählt, sondern sie hat dieses Gebot generell.hingestellt und es den weisen Gesetzeslehrern, r2'v:ri, anheimgegeben, zu bestimmen, welche Dinge in die Kategorie des 'Un npn hineinfallen, indem sie hierbei nach ihrer Einsicht Zeit und Umstände mit in Betracht ziehen." (h"' -njn nJii n"yp ''d 7p ^"2.) Dieser Satz, der „Zeit und Umstände mit in Betracht ziehen läßt", spricht den WV2N keineswegs das Recht und die Macht zu, auf dem Gebiete der Sitten und Gebräuche irgend etwas zu dekretteren. Solche Omnipotenz besaßen unsere o'DDn niemals und am wenigsten gerade auf diesem Gebiete, wo der Grundsatz gilt: min Sk’W' anaD. Was herkömmlicher Brauch ist in Israel, hat die verpflichtende Kraft eines Thoragebots." Allein wo es, wie bei dem Gebote 'm OJTir’iprai hauptsächlich darauf ankommt, wofür die betreffende Handlung oder Einrichtung von den nichtjüdischen und jüdischen Zeitgenossen gehalten wird, da ist es den Chachamim, 0. h. den gesetzeskundigen und ge setzes- Lreuen Thoraweisen überlassen, nach ihrem subjekttven Urteil zu bemeffen, nicht was die jeweilige Einrichtung in ihrer Beziehung zum kulturellen Leben Israels und zu dem anderer Völker außer Israel an sich ist, sondern welchen Eindruck dieselbe auf den im Geiste des überlieferten Judentums lebenden Juden macht und kraft ihrer -ganzen Herkunft und Handhabung machen muß. Das waren Männer, denen jeder Buchstabe in der mm heilig war, und die die Vertiefung und Verbreitung des Thorawortes zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hatten. Das waren Leuchten Israels, und jeder im Geiste des überlieferten Judentums lebender Jude ist verpflichtet, in ihrem Lichte zu wandeln. Wenn diese Männer erklärten: dieser und jener Brauch verstoße gegen den Geist unserer mm,fo wußte ganz Israel, daß es als unjüdischer Brauch zu vermeiden oder zu verändern sei. Wenn aber Männer, denen die nrno, denen das ganz alteJudentnm eine egyptische Mumie und die ganze min ein Gemisch von Geschichte undSage ist — wenn solche Männer uns sagen: dieser und jener Brauch ist zu ändern, weil er gegen, den Geist der Thora, oder: dies und jenes ist einzuführen, weil es im Geiste der Thora liegt, so antworten wir: „Was im Geiste eurer mm liegt, bedeutet uns nichts weniger als rnrn-Geist, und was im Geiste eurer mm zu verwerfen ist, das ist uns im Geiste unserer mm hoch m b heilig! Das ist's, was ich für heute auf die an mich gerichtete Frage zu antworten habe. _ 1 > \ LtH-Ci. \ Korrespondenzen und Wachrichten. De«tMr« SUtdf. Berliner Brief. (Von unferm ßovrqponbeuioi.) E. B., 15. Dezember. Kurz vor Jahresschluss hat die Repräsentantenversammlung der hiesigen jüdischen Geloser Einsamkeit lebte sie für religiöse und wohltätige Werke. Wie sein Vater, so zeichnete sich auch Amschel Mayer von Rothschild durch seinen außerordentlichen Wohltätigkeitssiun aus, den er stets den Armen und Notleidenden gegenüber betätigte. Auf seinen Spaziergängen wurde er oft von jüdischen Bettlern um Almosen angegangen, und er hatte für sie stets eine offene Hand. Einmal aber sah der betreffende Schnorrer derartig unsauber aus, daß dem alten Rothschild direkt übel wurde. Rasch ging er weiter, indem er dem Manne zurief: „Schreibt mir einen Brief, an niich persönlich adressiert, worin Ihr mich an diese Begegnung erinnert, dann sollt Ihr eine Unterstützung haben." Am anderen Morgen brachte man Rothschild wie gewöhnlich einen ganzen Stoß Bettelbriefe. Mit'mhnem Griff und ohne hie Briefe zu öffnen, hatte Rölhschild sofort das Schreiben seines neuen Schützlings hevsasgefunden. Auf? einem Kuvert stand nämlich: „An den hochwohlgeborenen Hydrn Baron von Rothschild zum persönlichen Erbrechen." Jeoen Sonntag ließ er sechshundert Gulden an die Stadtarmen verteilen, während er in der Woche selbst Almosenier war, und man konnte ihn, wenn er zum Kontor ging, von vielen Armen umringt, reiche Spenden austeilen sehen; er nannte diese Notdürftigen seine „Hofbeamten". Wie das Unglück, so kannte auch seine Hufe keinen Glaubensunterschicd, et half jedermann ohne Unterschied her Konfession und Nationalität. Sein Personal liebte und verehrte ihn außerordentlich. Das Begräbnis dieses Fürsten der Börse war einfach und vollzog sich nach altem jüdischen Ritus. Die reichen, glanzenden Equipagen, die in unabs hbarer " Am Toten die letzte Ehre erwiesen, stachen sonderbar ab von dem schmucklosen Leichenwagen, der die Hülle des Verblichenen trug. Die ganze Stadt folgte ibm zum Grabe, wo Rabbiner Samson Raphael Hirsch die Leichenrede hielt; dem der freisinnigen Richtung angehörenden Rabbiner Leopold Stein wurde durch eine von dein Gemeindevorstand von Frankfurt veranstaltete Seelenseier Gelegenheit geboten, die Verdienste, des Verewigten gebührend zu würdigen. (Saloniki.) In seinen „ Briefen aus dem Orient" äußert sich Pfarrer Stier auch über die spaniolischen Juden in .Saloniki, die er auf hunderttausend unter einer Gesamtbevölkerung von 150 000 Seelen schätzt. Ter Verfasser sagt da u. a.: „Man könnte unseren eingefleischten Antisemiten nur raten, einmal hier Studien -zu machen, wenn sie ähen, wie alle Arbeiten, auch die schweren körperichen, von den Spaniolen verrichtet werden, — sie sind nicht blos Handwerker, sondern vor alleizr auch Lastträger —, so würden sie doch vielleicht ihre" porgefaßten Meinungen über das „Schachervolk"' etwas revidieren. Tatsächlich gehören sie zu den gebildetsten^ und tüchtigsten Elementen der Stadt; der Anteil der Spaniolen an der unblutigen Revolution, ihre Beteiligung an den „Komitees für Einheit und Fortschritt" ist nicht gering anzuschlagen. Die Türkei wird tn zehn Jahren nicht bloß christliche, sondern auch jüdische Offiziere haben und damit, wie der Generalissimus Schätztet Pascha mit leAyr -Lächeln bemerkte, moheryev als m g n che Staaten Europas werden." SSL) einen großen Tag gehabt. Auf der Tagesordnung stand nämlich diesmal einer aus dem Bündel Anträge, welche jüngst von der „liberalen Fraktion eingereicht wurden, dahinlautend, es solle in dem Rituale der Synagoge Jasanenstraße der deutschen Sprache beim Gebet eine stärkere Berücksichtigung zuteil werden; mit anderen Worten: es solle der in dem offiziellen Gebetbuch der Orgelsynagoge ohnedies schon zusammengeschmolzene hebräische Gebetschatz noch weiter dezimiert und für dre schöne Sprache der Psalmen ein Paar langwnlige deutsche „Nachdichtungen" mehr eingefügt werden. Die Herren 'haben es furchtbar eilig mit ihren Wünschen. Noch ist die Synagoge Fasanenstraße kaum aus den gröbsten Anfängen des Baues heraus, für ihre Eröffnung sind die hohen Festtage im Jahre 1911 vorgesehen und schon halten die Herren es an der Zeit, die Streitaxt auszugräben und Forderungen, welche auf konservativer Seite gar nicht anders, denn als Herausforderung angesehen werden können, aufzustellen. Der konservative Gegenantrag war wahrlich mehr als bescheiden und verlangte nur, daß in dieser Synagoge mit Reformen nicht über die Snyagogen Lützowstraße und Lindenstraße hinausgegangen werden solle; man wollte auf dieser Seite also das bisher in Verstümmelung und Verkümmerung des Gottesdienstes bereits Geleistete als gegeben acceptieren und nur einer weiteren Zerstörungstätigkeit einmal Halt gebieten. Die Debatte, die teilweise ziemlich erregt war, erhob sich dennoch nirgends zu einer sonderlichen Höhe. Auf liberaler Seite wurde das „Entwickelungs"rößlein nach allen Regeln der Kunst getummelt; das liberale Judentum halte an dem Gedanken der Evolution fest und der führe ^notgedrungen dazu, daß in jeder in Berlin W. neu zu erdichtenden Synagoge etwas mehr von den alten Gebeten gestrichen und durch deutsche „Psalmen" ersetzt werde. Dagegen wurde von konservativer Seite geltend gemacht, bpifr diese Entwickelungsweise mit mathematischer Sicherheit dahin führen müsse, wo sich die Reformgenossenschaft schon jetzt befindet, und sogar darüber hinaus; wobei man auf dieser Seite nur die Schwäche der eigenen Positton übersah; denn läßt das Judentum, ohne Schaden zu nehmen, die „Entwickelung" von Heidereutergasse bis Lützowstraße zu, dann.ist in der Tat nicht recht einzusehen, warum ausgerechnet an diesem Punkte für ewige Zeiten Halt gemacht werden solle?! Natürlich durfte auch die „ausglerchende Gerechtigkeit" und die Phrase von der Pflicht der jüdischen Gemeinde „allen Richtungen" Rechnung zu tragen, in dem Arsenal der liberalen Antragstelleer nicht fehlen, die es als Wunder was für ein Entgegenkommen ihrerseits rühmten, daß sie, nachdem! sie die Herrschaft im Gemeindeparlament erlangt, die Rykestraßensynagoge nicht rückwärts-reformiert hätten! Worauf sie sich von den Konservativen sagen lassen mußten, daß dies wahrlich nicht ihr Verdienst gewesen sei, da sie ja mit aller Macht gegen den konservativen Status fojt dieser Synagoge Sturm gelaufen seien; sondern daß es lediglich der ruhigeren Ueberlegung des Gemeindevorstandes zu danken sei, wenn nicht auchsort . hie Konservattven vergewaltigt und der Gc-«c meindefrieden erschüttert worden sei. Mit Recht Amesen die Konservativen'darauf hin, daß in der ^Gegend, in welcher die Nene Synagoge jetzt errichtet werde, zur Zeit mehrere Privatsynagogr-n mit altem Ritus bestehen, die wahrscheinlich nach Eröffnung der Gemeindesynagoge eingehen würden, wodurch die konservattven Elemente in ihrem Besitzstand geschädigt werden. Mit ihrer Kunst, aus allen Blumen Honig zu saugen, verstanden es aber dis -liberalen Herren gerade ans diesem Argument zu deduzieren, daß dem konservattven Bedürfnis ja auch in Zukunft durch subventlonrerte Privatsynagogen genügt werden können. Wo