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Der Israelit · 1909-12-16 · Heft 50 (16.12.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 50 (16.12.1909)
Date
1909-12-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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16. Dezember 1909. Der > / niemals abdanken. Die Verkündung der einzig wahren Gottesidee ist Israel an den Geistesfilttg gebunden, und ob Israel in den Höhen schwebt oder in Abgrundtiefen gelangt, die Schwingungen seiner. Volksseele hören nicht auf, und mag Exil auf Exil folgen, es läßt sich auf keinen Fels und in keiner Kluft zum gänzlichen Stillstand nieder! Zwischen national und religiös darf eS im Judentum keinen zerklüftenden Abstand in der Bewertung geben, die beiden Eigenschaften sind unserem inneren Bewußtsein unentbehrlich. Man hört von rechts und links die Frage stellen: Welches Moment ist dem Judentum die Hauptsache, ists das nationale oder ist's das religiöse Moment? Nationalität, Religion — was von beiden bedeutet uns den eigentlichen Garten und welches bedeutet den umhegenden Gartenzaun? Ich sage darauf: Garten und Zaun können so lange als Gegensätze aufgefaßt werden, als der Garten aus lebenden Pflanzen und der Zaun aus totem Gestein besteht. So lassen wir es doch einen lebendigen Zaun sein! Da hört der Gegensatz auf. Die nationale Schutzpflanzung um den Garten soll denselben Nährboden und dieselben Lebensbedingungen haben wie die Gartenpflanzung, dieselbe Sonne, denselben Regentropfen von oben und dieselbe Triebkraft von unten. Garten und Zaun sollen im selben Boden wurzeln und die Wurzeln sollen, dem Menfchenblme verborgen, zusammenwachsen. Fort mit dem toten Gemäuer und eine lebendige Mauer an die Stelle! Um und um Leben, jüdisches Leben, und in der Mitte Leben, jüdisches Leben, und mitten im Garten die Quelle, die herrliche, nie versagende Quelle: unsere herrliche, erhabene min. Da schwindet der Gegensatz zwischen religiös und national und der Streit hört auf darüber, was Garten und was Zaun sein soll. Schulter an Schulter! So begrüße ich die drei verschiedenen Vereinigungen, die sich hier in der alten jüdischen Gemeiüde zusammengetan, um eine positive, lebendige Schutzmauer zu bilden um das ihnen gemeinsame Heiligtum, um min und niXD, um die teuersten Lebensgüter des Judentums, für die Sinai bctT Gesetzderg und Zion die KönigSburg waren, ist und bleiben. Mit unserem Lehrer Mosche rufe ich zum Abschied den zu einer schönen, großen jüdischen Aufgabe Bereinigten zu: „Und Ihr, die Ihr dem Ewigen eurem Gotte innig treu anhänget, Ihr lebet in Eurer Gesamtheit heute noch f Möge dieses Zusammenwirken zur Ehre und zum Wohle der alten jüdischen Gemeinde Posen dienen. Kein Leisetreten! Aufrecht — Schulter an Schulter, so gehet an Euer Werk. 12N« öibwm .nvttni Und die Wahrheit und den Frieden sollt Ihr lieben! * * * Nach dem oben mitgeteilten Vortrage interpellierte Herr Dr. Jeremias den Vortragenden in folgender Weise: Für daS zündende Referat des hochverehrten Herrn Vortragenden können wir nicht genug dankbar sein. Besonders dankenswert aber erscheint mir die Auseinandersetzung, daß unsere Tradition und die moderne Bildung, Glauben und Wissen im Judentum fich jederzeit harmonisch verknüpfen ließen und auch in unserer Zeit der altgläubige Jude das, waS grfund ist an der neuzeitlichen Kultur, unschwer asstmttieren kann. Darauf muß um so mehr Nachdruck gelegt werden, alS unsere liberalen Gegner immer behaupten, die Jntrlltacnz sei auf ihrer Seite und deshalb seien fie zur Herrschaft in den Gemeinden berufen. Ganz abgesehen davon, daß Intelligenz nicht mit äußerlich angelerntem Wissen der wechselt werden darf, so muß doch für den Einfluß in der Gemeinde nicht die Intelligenz, das Wissen schlechthin, sondern jüdische Intelligenz, jüdische- Empfinden, Streben und Jnterrff - für- Judentum, maßgebend sein. Wenn man diesen Maßstab an die Vertreter der Gemeinde legt, so wird mancher sehr ehrenwerte, geblldcte und auch wohltätige Repräsentant verschwinden und Leuten Platz machen müffen, die jüdisches Wissen und Wollen in die Gemeindestube htnetntragen. Und wo man das in den Vordergrund des Gemeinde- UbenS stellt, erhalten auch die Rabbmen wieder die ihnen gebührende Stellung als geistige Führer der Gemeinde, während fie unter der Herrschaft des Liberalismus überall zur Etnflußlostgkett verurteilt waren und ihnen in dem, von libe, alen Wortführern des Deutsch. Israelitischen GeweindedundeS entworfenen Judengesetz für alle Zeit die Rolle untergeordneter Beamten zugedacht war. Umso erfreulicher ist eS, wenn auch Liberale fich gelegen ltch von einem Rabbiner über Gemetndeftagen referieren lasten. Ttesbedauerl ch aber ist eS, wenn ein Rabbiner, der doch in liberalen Versammlungen oft der ei> zige Sachverständige in judaicis ist, seine Sachkenntnis zur Irreleitung von Laten benutzt. So 'st jüngst hier in öffentlia,er Versammlung aus dem Munde eines Rabbiners die Aeußerung gefallen, daS alte Judentum sei eine egyptstche Mumie, die Thora sei ein Gemisch von Geschichte und Sage, die Reform gebe bis auf die ältesten Rabbiner zurück. Da ich unserem Herrn Referenlm mindestens die gleiche Sachkenntnis zutraue, wie drm zitierten Redner, so gestatte ich mir, an ihn die Bitte zu 'icht n, jene Aeußerungen vom Staubpunkt der jüdischen Wissenschaft zu beleuchten. * * * Diese Interpellation wurde vom Vortragenden folgendermaßen beantwortet: ' Die vom verehrten Herrn Interpellanten soeben erwähnten Aeußernngen vom Standpunkte der jüdischen Wissenschaft ans zu beleuchten — hält sehr schwer. Diese Aeußerungen laufen ja darauf hinaus, daß es eine jüdische Wissenschaft überhaupt nicht gebe. Ein Gemisch von Geschichte Sn 60. : und Sage, wie es nach jener Behauptung unsere min sein soll, kann ja einer ernsten Wissenschaft* lichen Forschung nicht als Quelle dienen. Eine andere, ältere, allgemein anerkannte Urkunde aber, die einer jüdischaft Wissenschaft als Quelle dienen könnte, werden auch die Herren liberalen Reformer, die sonst zu vielem imstande find, nicht zu nennen vermögen. Wenn ferner das alte Judentum eine egyptische Mumie ist, so gehört es ins Grab, wohin kein Lichtstrahl dringt. Wir müßten, um da hinabzuleuchten, von den Aposteln deS neuen Judentums ihre Zauberlaterne borgen, was wir aber aus begreiflichen Gründen nicht können und nicht wollen. Es bleibt mir, in Rücksicht auf Zeit und Ort dieser unserer Unterhaltung nur übrig, auf einige Minuten den Standpunkt unserer Gegner, daS heißt den Standpunkt der Verneinung, einzunehmen und ihnen offen und ehrlich zu zeigen, daß dieser Standpunkt reinen reellen Boden unter sich, und ihre Scheinargumente keine Beweiskraft für sich haben. Ich habe also folgendes zu bemerken: 1. Wenn der Witz mit der egypttschen Mumie eine nv2N sein soll, so ist diese norn nicht neu. Herr Dr. Maybaum in Berlin hat nämlich bereits vor mehreren Jahren die nn?D eine eingekapselte egyptische Mumie genannt und fich nicht gescheut, diesen — Witz in einer gedruckten Predigt zu veröffentlichen. 2. Die Weiterungen oder Einschränkungen, die diese oder jene Halacha und dieser und jener Mtnhag, seitens der Chachamim erfahren, teilen sich iu solche, die Vermögens- oder eherechtliche, und solche, die eigentliche rituelle Angelegenheiten betreffen. In Bezug auf Vermögensfragen hat schon das sinaitische Gesetz in seiner schriftlichen und in seiner mündlich überlieferten Lehre die Ermächtigung der Chachamim, nach der Notwendigkeit und nach ihrer Einsicht einzugreifen, vorgesehen. Der hierbei maßgebende, den Talmudkennern bekannte Lehrsatz Lautet: ipLn pn n'2 ipsn. Emen ähnlichen, die Eheschließung und Scheidung betreffenden Lehrsatz haben wir in dem ebenfalls finaittfchen Korrelat: n'JDpmp^ pm inryp&K. Nun kann aber nur ein in jüdisch-religiösen Dingen vollständiger Ignorant es veickennen, daß diese und ähnliche Bestimmungen nur insolange möglich und in Kraft sein konnten, als es ein rabbinisches Tribunal mit judiziellem Charakter, und als es eine volle Autorisation der Rabbiner: trasn ro*öD gab. Auf diesem Gebiete irgendwelche Neuerungen einzuführen, ist fett Abschluß des Talmud selbstverständlich ausgeschlossen. dieser Unternehmungen stand die Firma. In einem Zeitraum von anderthalb Jahrzehnten allein wurden mehr als zwei Milliarden und vierhundert Mill. Franken, teils für Anleihen, teils für Subsidisnzahlungen auf Rechnung mehrerer europäischer Mächte durch das Haus Rothschild negoziiert. Nach dem Tode seines Vaters wurde Amschel (Anselm) Mayer von Rothschild, sein ältester Sohn, der Ches des Rothsch ldfchen Stammhauses, und unter ihm gelangte dasselbe zur höchsten Blüte. Früh von seinem Vater ins Geschäftsleben eingeweiht, hatte er, ein Finanztalent ersten Ranges, bereits in seiner Jugend die Wechselsälle des Finanzlebens kennen gelernt und durch seine unermüdliche Tätigkeit, seinen Scharfsinn und seine kühne Kombination alle jene Ziele erreicht, denen er all zeit nachstrebte. Von jeher betrachtete er nämlich als d e Aufgabe seines Lebens, das glänzendste und großartigste Bankhaus Europas zu schaffen, was ihm denn auch gelang. Dieser so mächtige, einflußreiche und nicht allein von seinen Glaubensgenossen, sondern von der ganzen christlichen Welt und nicht minder von den Fürsten Europas gefeierte Mann — er wurde in den Adelsstand erhoben und zum preußischen Geheimen Kommerzienrat und zum bayerischen Konsul und Hosbankier ernannt — war einer der einfachsten und schlichtesten Bürger Frankfurts. Jeder Glanz und jeder äußeir. Prunk war ihm fremd. Schlichter gekleidet als seine Untergebenen, tat er sich in Wort und Schrift keinen Zwang an und war gegen jedermann menschenfreundlich. Er liebte den Witz und war selbst geistreich, seine Lonmot8 und. (lalembourgs kursierten überall. Ueber sein Wesen und seinen Charakter waren allerlei bezeichnende Anekdoten im Schwange, von denen hier nur einige mitgeteilt werden sollen. In seinem prächtig eingerichteten Landhaus vor dem Bockenheimer Tort in Frankfurt a. M. gab er einst einem englischen Minister ein glänzendes Diner,, zu dem außer den Bundestagsgesandten auch viele hochgestellte Männer, die sich zu jener Zeit in Frankfurt a. M. aufhielten, geladen waren. Als er nach aufgehobener Tafel einem Teil der Gesellschaft die prachtvoll eingerichteten Gemächer, den schönen Garten uiit Treibhäusern, worin sich die seltensten Pflanzen der Welt befanden, seine großartigen Stallungen und di: kostbarsten Pferde und Equipagen gezeigt hatte, ging er mit dem jungen Privatsekretär des Ministers im Garten spazieren, 2lls der Engländer seine Verwunderung über all die Herrlichkeiten aussprach, die er soeben gesehen hatte und ihn glücklich pries, da es ihm ein Leichtes sei, dies alles und wenn er wolle auch noch mehr anzuschaffen, entwickelte sich zwischen beiden das folgende Gespräch: „Sie sind noch ein junger Mann", sagte Baron Rothschild, „der, wie es mir scheint, leicht durch äußeren Glanz zu blenden ist, und daher will ich zu Ihrer Belehrung offen mit Ihnen sprechen, -sie haben meine Häuser gesehen und die schönen Räume, sowie die kostbare Einrichtung derselben bewundert; ich habe dies alles so einrichten lassen, um .meine Gäste ihrer würdig darin empfangen zu können. Was mich betrifft, der ich nicht von Jugend an daran gewöhnt bin, mich darin zu bewegen, so suhlte ich mich wohler in unserem bescheidenem Familienhause in der .Judengasse. Sie fänden meinen Garten schön, ich habe aber wenig Muße, ihn zu genießen. Sie staunen über die Pracht meiner Pferde, ich benutze sie nicht, sie sind nur da für n-.eine Neffen, wenn die mich besuchen, ich würde heruntersall.n, wenn ich jetzt erst versuchen wollte, zu reiten. Meine Equipagen waren ebenfalls ein Gegenstand Ihrer Bewunderung, ich halte sie, weil ein Rothschild sie halten muß, benutze sie aber wenig, da ich, in meiner Jugend nicht , an Fahren gewöhnt, stets ein gewisses Unbehagen empfinde, wenn ich fahre. Ich habe Ihnen heute ein Diner gegeben, wobei ich meinen Gästen das Seltenste von dem vorsetzte, was verschiedene Weltteile Hervorbringen und die besten Köche zu bereiten versteh n. Ich fühlte mich glücklich,, wenn etwas beifällig ausgenommen wurde und so die hohen Gäste befriedigte, ich weiß aber nicht, ob Sie bemerkt haben, daß sämtliche m r dargereichten Gerichte von mir unberührt wieder fortgenommen wurden, da ich als strenggläubiger Jude nur eine einzige von. melner alten jüdischen Köchin koscher bereitete Speis: genoß und meiner Gesundheit wegen auch nicht ein Glas von den seltenen Weinen trank, die ich aus der besten Quelle aus allen Ländern der Erde für meine Freunde und Gönner beziehe. Endlich aber, mein Herr, muß ich Ihnen noch eine Sache Mitteilen" - und da sprach er mit bewegter und zitternder Stimme. — „Sie kennen meine Frau, es ist die vortrefflichste Frau, die ein Mann auf Erden finden kann. Mein seliger' Vater hatte sie für mich bestimmt und gewollt, daß ich sie heiratete. Wenn auch kinderlos, war meine' Ehe eine glückliche, eine sthr glückliche und ich preise nur meinen Vater, daß er diese Heirat gewollt hat, obgleich ich damals anders darüber dachte, ich liebte nämlich eine andere und es war nicht das Weib meiner Wahl." Seine hier genannte Gattin war eine geborene Eva Hanau, die im 68. Jahre — am 14. Juli 1848 —, vön aller Welt betrauert, starb. Er war mit ihr volle 54 Jahre verheiratet. Die Liebe seiner Neffen ersetzte ihm die ihm versagten Söhne. Eine innige Liebe empfand er für seine Mutter Gudula, genannt auch Guthe, die im Jahre 1849 starb; sie hatte fast 100 Jahre erreicht, da sie 1753 geboren wurde. In pr.i t-.

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