Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1909)
- Date
- 1909-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. 16. Dezember 1909 sprochenen Worte, daß sie es gelöst und als Wffel abgeworfen haben. Der eine räumt sie alle nur ängstlich pochenden Herzens ihr Amt in ihrer Gemeinde bekleiden, die noch immer an dem rabbinischen Gesetz festhält und von jedem Rabbiner und Lehrer verlangt, daß er nicht von den Vorschriften des Schulchan-Aruch weichen soll. (Prot. S. 15.) Ein anderer ruft 'aus: Talmudischer Rabbiner sein mag einer, der dazu Lust hat! (Ibid. S. 38.) Ein dritter fürchtet .sich zu entscheiden, daß bei Ablegung eines Eides ver Schwörende einen Gegenstand ergreifen müsie, weil er mit dieser Entscheidung eine Anerkennung des Talmud ausspricht (ibid. S. 39), ein vierter erhebt die Hand gegen eine Anordnung der 'tMK nVnin nDiD (ibid. S. 47); ein fünfter behauptet, e8 gelte bei vernünftigen Gelehrten als ausgemacht, daß wir in reltgionsgesetzlichen Angelegendeiten uno in Glaubenssachen dem Talmud nicht zu folgen brauchen (ibid. S. 55)) ein sechster versucht mit täuschenden Taschenspielerkünsten die ganze Aeberlieferung als Menschenwerk hinzustellen und behauptet, daß das Gesetz Gottes nach Belieben der Menschen geändert werden könne (ibid. S. 59); ein siebenter erlaubt sich, sich über die talmudischen Gesetze hinwegzusetzen, wenn das Bewußtsein der Zeit sich bereits darüber hinweggesetzt hat (ibid. S. 66),'. ein achter ist noch im. . Zweifel, ob es für die Scheidung einer Eheftau eines Scheidebriefes bedarf (ibid. S. 60),' ein neunter erdreistet sich zu sagen, daß unsere Weisen — deren bloßes heiliges Gedächtnis ein fortwährender Segen ist — über Gott irrige Ansichten . gehabt hätten und daß der Talmud den ethischen Wert der Mizwoth nicht anerkenne (ibid. S. 89); ein zehnter spricht in Beziehung auf die den Sabbat betreffenden gesetzlichen Bestimmungen den Entscheidungen des Talmud jede Verbindlichkeit ab (ibid. S. 90) und ein elfter endlich fordert die Aufhebung sämtlicher Anordnungen unserer Weisen — gesegnet sei ihr Andenken — (Prot. S. 91). Und diese Worte haben sie bereits in Taten . umgesetzt. Sie haben ihre Einwilligung zu einem Gottesdienst gegeben, der in einzelnen Details von der talmudischen Norm abweicht, sie haben ferner eheliche Verbindungen für statthaft erklärt, die zum mindesten gegen die Bestimmungen des Talmud sind. Nachdem sie aber das Band des Talmud zerriffen haben, so find sie sür uns Fremde und werden dafür auch von allen Bekenner» des rabbinisch-talmudischen Judentums im ganzen Exil des zerstreuten Israel angesehen. Sie sind nicht mehr unsere Gesetzeslehrer, denn wir kennen nur ein jüdisches Gesetz, das sich redlich aus den Entscheidungen des Talmuds aufbaut. 6. Aber auch hinsichtlich der niedergeschriebenen Thora geht ihrer Denkweise die treue Gesinnung zum letzten Agnaten herab. Stets haben die Vertreter des Hauses sich es zur höchsten Ehre angerechnet, durch strenge Rechtlichkeit und Matzhalten, ungeachtet des in zahllosen großen Geschäften errungenen Gewinns, das Ehrcnschild der Rothschilds rein zu halten und dem Namen neue Ehre und neuen Glanz zu verschaffen. Zu dieser Solidität der kaufmännischen und finanziellen Grundsätze gesellten sich noch zahlreiche seltene Eigenschaften, als da sind: umsichtiger, genialer Unternehmungsgeist, gründliche Kenntnis der Menschen und Lage der Dinge, scharfsinnige und glückliche Benutzung der .Zeitumstände und rastloser Fleiß. So kam es, daß das Ableben zweier Mitglieder des Hauses Rothschild, des Freiherrn Alfons in Paris und des Freiherrn Nathaniel von Rothschild in Wien, im Jahre 1906 die öffentliche Meinung und die Presse längere Zeit lebhaft beschäftigte, und daß den beiden Finanziers mehr oder weniger, eingehende Betrachtungen bezüglich ihrer Stellung, die sie in der Bankwelr einnahmen, gewidmet wurden. Aber all diese Erinnerungsblüttec müssen zurücktreten, wenn wir des Aufsehens gedenken, das der Tod des Börsenfürsten Amschel (Anselm) Mayer von Rothschild vor einem Jahrhundert allenthalben hervorrief. Alle Welt fühlte, daß mit-ihm einer der genialsten und scharfsinnigsten finanziellen Denker sowie einer der interessantesten Charaktere des neunzehnten Jahrhunderts in Grab gesunken war. In der Tat verdient dieser Rothschild noch jetzt, daß wir sein Etbendasein in einigen großen Zügen schildern. Wir wissendaß der eigentliche Begründer, Stammvater und Stifter des Hauses Rothschild, der alte Mayer Amschel Rothschild, ein jüdischer Handelsmann — geboren 1743 im Ghetto in Frankfurt — war.; v- Der ab und sie haben sich damit von der religiösen Ueberzeugung des gesamten Israel losgesagt. Denn wer in Wahrheit die Göttlichkeit der Thora anerkennt) dem stehen alle ihre Anordnungen in gleicher Würdigung und Bedeutsamkeit da. Ein solcher fürchtet mit banger Scheu jede Möglichkeit einer Veruntreuung in diesem Heiligtum, die unvermeidlich ist, wenn der beschränkte, bestechliche und bestochene menschlische Verstand mit dem, was Gottes Mund entströmt, nach Belieben schaltet. Die Mitglieder dieser Versammlung machen jedoch mit ihrem Fanatismus auch vor der geschriebenen Thora nicht Halt. Ihre Thora bilden die Geschehnisse der Zeit, durch die Gottes Mund zu ihnen spricht, durch sie empfangen sie ihre Anregung, Gesetz und Satzung zu ändern und zu reformieren. Sie scheiden und sondern nach ihrem vermeintlichen Verstand die Mizwo, die doch ein einheitliches Ganzes bilden und heben die rationell zugänglichen und ethischen Pflichten in den Himmel, während sie die Ehukim und Edos nicht ttef genug Herabfetzen können, wobei sie jene als Hauptsache und diese als Nebensache behandeln. Auf diese Weise schrecken sie auch nicht davor zurück, ausdrücklich in der Thora ausgesprochene Mtzwos, wie Schofar, Lulof, das Werkverbot am Schabbos und den Scheidebrief einzuschränken und ganz abzuschaffen! (Prot. S. 37—91). Haben sie doch nicht einmal den Mut gefunden, für das Bündnis einmütig einzutreten, in dem unser ganzer Bestand wurzelt, für den Bund unseres Vaters Abraham! (Prot. S. 60.) Dem Glauben an das Gotteswort, das die Propheten Gottes verkündeten, haben sie treuloser Weise entsagt, denn ihnen dünkt es verwerflich, für die Wiederkehr des davidischen Königtums und des Gottesgesalbten zu beten, ebenso für die Wiedereinsetzung unserer Richter und Räte, für den Aufbau unseres Heiligtums, für die Wiederkehr der Feuerhingebungen in Seiner Wahlstätte und für die ungestörte Erfüllung Seines Willens, auf dem Erdboden Seiner Thora (ibid. S. 51—101). (Fortsetzung folgt). Die Aufgaben einer jüdischen Gemeinde in der ßeuzeit. Von Rabbiner Josef Nobel in Hallerstadt. (Schluß). Gott sei Lob und Dank, diese alte jüdische Gemeinde besitzt auch heute einen herrlichen Mann, der ausgerüstet mit einem selten großen ,-nin-Schatze und einer reichen Fülle philosophischen Wissens und durchdrungen von tiefer der eine Zierde ist für das Judentum. Gehen Rr. SO Sie, meine sehr Verehrten, vor die rechte Schmiede. Der Meister wird es an seinem weisen väterlichen Rat nicht fehlen lassen. Bauen Sie, stützen Sie, bessern Sie aus und vor allem entfernen Sie die Tafel mit der Inschrift: „Leise treten!" „Auftecht stehen" und „Schulter an Schulter", das sei die Losung. Fott mit allen andern Schlagworten, deren sich der Parteigeist innerhalb des Judentums bedient. Fort mit dem anscheinenden Gegensätze von national und religiös, als ob Sinai und Zion zwei Berge wären, zwischen welchen eine unüberbrückbare Kluft gähnt. . Israel hat den dringenden Wunsch, solche zu überstiegen und zur Ruhe zu kommen. Israel betet: „Wer xäbe mir Fittige wie die der Taube, ich flöge fort und ruhte aus." (Pf. 55). Unsere Weisen haben diesen Seufzer unseres Volkes erlauscht und verdolmetscht. Sie sagen: Israel ist der Taube verglichen. Andere Vögel müssen, wenn sie erschöpft und müde sind, sich auf einen Fels oder Baum niederlassen, um da auszuruhen. Die Taube aber macht, wenn sie müde geworden, mit dem einen Flügel leise Bewegungen, während sie mit dem anderen weiter fliegt. (Jalk.) Verstehen wir diese Worte unserer Weisen recht und beherzigen wir sie, denn sie sind gerade in dem schwebenden Streite über national und religiös höchst wichtig für uns. Zwei Geisteserscheinungen sind es, die wir im Laufe der Volksgeschichte an jedem Volke wahrnehmen: Die Nationalität und die Religion. Jedes Volk erhielt von seinem Genius diese Mitgabe, um sich zu erheben und seine oft hoch bis an die Wolken reichende Flugbahn ru beschreiben. Doch für jedes der mächtigen Volker trat ein Zeitpunkt der Erschöpfung ein. Da wurde seine Nationalkraft gebrochen, und damit schwand ihm die Möglichkeit und die Berechttgung, als selbständige nationalpolitische Jndidualität zu gelten. Alle die großen Bolksgenossenschaften des Altertums: Egypten, Griechenland und Rom, alle diese Reiche haben eines nach dem andern einander abgelöst, wie in der Herrschaft der äußeren Macht, so im Einflüsse der geistigen Uederlegenheit. Da wurde das eine Reich dem andern zum Ruhepunkte, auf den sich die erschöpfte Weltmacht niederließ, nachdem sie ihr Führerrolle ausgespielt und abgedankt hatte. Flügellahm ließ sich der Genius des einen Volkes von dem andern weiter tragen. Ein Volk geht in dem andern auf, ohne mehr als eine von den Archäologen zu verfolgende Spur zu hinterlaffen. Ein solches Aufhoren gibt es für Israel nicht! Israel ist das Gottesvolk, es ist der Gottesbekenner auf Erden und kann Es war ihm an der Wiege nicht vorgesungen worden, daß er zu Vermögen und Einfluß gelangen und als Finanzkapazität ersten Ranges von den Mächrigen der Erde zu Rate gezogen werden sollte: denn ursprünglich zum Rabbiner bestimmt, studierte er einige Jahre niit regem Eifer auf der Talmudschnle zu Fürth, wie er denn auch zeit seines Lebens in seinen Mußestunden biblischen und rabbinischen Studien gern oblag. Das kaufmännische Talent brach sich in ihm allmählich so gewaltig Bahn, daß er der Theologie den Rücken kehrte und in Handelsgeschäften sein Heit versuchte. Daneben betrieb er fleißig die Münzkunde und wandte sich dem Studium der Antiquitäten zu. Durch seine außerordentliche Tüchtigkeit, seinen beharrlichen Fleiß und die Gediegenheit seines Charakters, die sich in allen seinen geschäftlichen Maßnahmen bekundete, erwarb er sich bald nicht allein das Vertrauen seiner Landsleute, sondern auch all derjenigen, die aus Nah und Fern zu ihm kamen, um seinen Rat einzuholen. Er erhielt schnell bedeutende Aufträge und wachsenden Kredit. Und das kleine Bankhaus in seiner Vaterstadt Frankfurt a. M., die damals die bedeutendste Handelsstadt Deutschlands war, und deren Messen mehr besucht waren als die aller anderen Städte, nahm rasch einen gedeihlichen Aufschwnng. Besonders fand Mayer Amschel Rothschild Verwendung als Zwischenhändler unter den Wechselfirmen von Frankfurt, Mainz und Tarnistadt. Durch seine außerordentliche Kenntnis) im Münzwesen. fam er u. a. auch in Berührung mit dem Landgrafen, dem nachherigcn Kurfürsten Wilhelm IX. von Hessen-Kassel, mit dem er so manches Geldgeschäft machte, und der ihn 1801 zu seinem „Hoffaktor" ernannte. Im nächsten Jahre schloß Rothschild die erste große Anleihe seines Hauses mit dem dänischen Kabinett von zehn Millionen Talern ab. Wie in Deutschland, so wurde er auch von: Ausland als der solideste Bankier anerkannt, seine Redlichkeit hatte ihm eben Vertrauen und das Vertrauen Kredit verschafft, und der Kredit verwandelte sich durch den weitreichenden Blick des Finanzmannes in dos bedeutendste Kapital. Das Verdienst, welches sich Rothschild zur Zeit Napoleons I. um das kurfürstliche Privatvermögen erwarb, ist wohl hinlänglich bekannt. Als nämlich der genannte Kurfürst 1806 bei der Annäherung der Franzosen aus seinem Lande flüchten mußte, übertrug er Mayer Amscheln die Sorge um sein Privatvermögen, und es gelang diesem, nicht ohne eigene Gefahr, durch Mut und Klugheit dasselbe zu retten und gewissenhaft zu verwalten. Der „Hosfaktor" des alten Kurfürsten, der am l9. September 1812 zu Frankfurt a. M. starb, sollte die Rückkehr des Kurfürsten von Hessen in seine Staaten nicht mehr erleben, doch bewahrte dem Verblichenen sein Landesherr stets dankbare Erinnerung, und 1814 berichtete er den vereinigten Potentaten über die edle Handlung Rothschilds, die dem Hause die Klientel der heiligen Alliance verschaffte. Die Kaiser von Rußland und Oesterreich, die Könige von Preußen, England, Sardinien, Neapel und Dänemark beauftragten nun das Haus, das in Wien, Paris, London und Neapel neue Filialen gründete, die zwar selbständig operierten, aber beständige Fühlung mit der Frankfurter Firma M. A. von Rothschild & Söhne hatten, mit ihren oft sehr komplizierten Finanzangelegenheiten; denn erst nach dem Tode des alten Mayer Amschel traten jene politischen Verhältnisse ein, die das Haus Rothschild durch eine ununterbrochene Reihe Geld- und Kreditoperationen zu seiner gegenwärtigen Höhe geführt haben. Nach Napoleons Sturz entstanden all die zahlreichen Anleihen, die sich zu einem förmlichen System ausbildeten, und an der Spitze aller