Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1909)
- Date
- 1909-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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£ autzusptelen. Die Gemeinde Bialistock, welche nächst Wilna die größte jüdische Gemeinde Litauens und zudem dem Versammlungsorte Kowno auch geographisch sehr Nahe gelegen ist, erhielt keine Einladung zu diesem „Kongreß der jüdischen Gemeindevertreter" und erhob regelrechten Protest gegen die Anmaßung der Versammlung, im Namen der russisch-jüdischen Gemeinden aufzutreten. Unzählige andere Gemeinden hätten sich sicherlich diesem Proteste angeschloffen, wenn die Kunde des Kongreffes überhaupt zu ihnen gedrungen wäre. Soweit von der Zusammensetzung der Versammlung m Kowno, der Versammlung der Notablen, die den Anschein erwecken möchten, als ständen hinter ihnen die großen Massen, welche hoffnungs- und vertrauensvoll von ihren Beratungen und Beschlüssen alles Heil für die russische Judenheit erwarteten. Indessen muß gesagt sein, daß die übergangenen Gemeinden keinen sonderlichen Grund zur Klage haben. Es ist nichts wesentliches ohne ihre Mitwirkung geschehenes ist überhaupt nichts geschehen, wenn man nicht schöne Reden, endlose Diskussionen über sernliegende Dinge und platonische Resolutionen in Angelegenheiten, deren Lösung me von Versammlungen dieser Art abhängen kann, als Taten dahinstellen will. Einen eminenten Platz in den Verhandlungen nahm die Schul- und Bildungsfrage ein. Man ging mit dem Cheder scharf ins Gericht und man schilderte all seine — zum Teil wirklichen — Mängel in den grellsten Farben. Aber keiner wollte von der guten Seite des Cheder, der bislang einzigen, gewiß entwicklungsfähigen Blütestätte jüdischer Lehre etwas wiffen. Einer sprach von der hohen Bedeutung der Jeschlwaus für die Zukunft des Judentums. Es war einer der wenigen anwesenden Rabbiner. Man ließ ihn reden, man lächelte blos überlegen wohlwollend und man war sogar so großmütig zu beschließen, den Gesetzestreuen über die „zehn Minuten Redezeit" hinaus nach Herzenslust sprechen zu laffen. Möge die Welt sehen, wie ausgiebig die Orthodoxie auf der Versammlung zu Worte kam . . . Mit umso ruhigerem Gewissen konnte man hinterher über den weiteren Ausbau der religions losen jüdischen Elementarschulen und der religionsfeindlichen Lehreranstalten von der Art des Wllnaer Lehrerseminars verhandeln. Ueber das Reden kamen natürlich auch die Verfechter dieser Art von jüdischer Volksbildung nicht hinaus. Den Mitttelpunkt der Verhandlungen bildete ein von Herrn Schloisberg vorgelegter Entwurf für die innere Organisation der Gemeinden, ein Werk, das seinen Meister, der nach russischen Mustern als Allerheilmittel den Zwang empfiehlt, lobt. Da war es allerdings erfreulich zu sehen, wie die russisch-jüdische Intelligenz sich doch nach und nach entschließt, vom deutschen Reformjudentum zu lernen, wie man es nicht machen soll. Die Einsichtigen sprachen sich gegen jedes Zwangsverhältnis aus. Und ein besonders hervorragendes Mitglied wies zur Warnung direkt auf die Verhältnisse in einigen Gegenden Süddeutschlands hin und schilderte den Segen, der aus dem Austrittsgesetz dem deutschen Judentum erwachsen ist. Allein nicht in allem wirkt leider das Beispiel der deutschen Reform abschreckend auf die russische Intelligenz. In einem möchten die russischen Notablen ihren deutschen Gesinnungsgenossen gern nachstreben, in der Herabwürdigung des Rabbinerstandes zu einem ausschließlich Religionszwecken dienenden Beamtenstande. Erst kürzlich haben die großen jüdischen Muffen ihren rabbinischen Führern ein Vertrauensvotum erteilt, wie es schöner und ehrenvoller nicht gedacht werden kann, sie bestellten einmütig die als Thorafürsten weit berühmten Rabbiner als Vertreter ihrer Interessen in der vom Ministerium einberufenen Rabbinerkommission. Ueber diese imposante Bolkskundgebung kann auch die Kownoer Versammlung nicht hinaus. Die Advokaten, die in dieser Versammlung den ersten Platz einnehmen, wissen aber Rat. Sie beantragen und beschließen, daß die Rabtnerkommission sich einzig mit religiösen Angelegenheiten zu befassen habe, während zur Behandlung von Fragen sozialer und kultureller Natur eine permanente Kommission aus der Mitte der versammelten „Intellektuellen" einzusetzen sei. Damit soll wohl der Regierung die Ueberzeugung beigebracht werden, daß den von ihr einberufenen Rabbinern die Fähigkeit, die nötige Lebenserfahrung und Weltklugheit abgehe, in Fragen der Erziehung und Volksbildung oder sslchen, die das soziale uub wirtschaftliche Gebiet streifen, zu entscheiden. Dieser- Zweck dürfte indessen kaum erreicht werden. Denn nimmt man sich im Ministerium die Mühe, die dort vorliegenden Protokolle der Wilnaer Rabbinerkonferenz vom vorigen Jahre nochmals durchzusehen und die darin enthaltenen Resolutionen und Beschlüsse mit denen der jetzt in Kowno gefaßten zu vergleichen, so wird man es dort bald herausfinden, daß die Rabbiner nicht allein in religiösen Fragen, sondern selbst in solchen rein sozialer, wirtschaftlicher oder kultureller Natur sich bereits als die wahren Vertreter des Volkes bewährt haben, daß nur sie, die Rabbiner, die in engster Verbindung mit ihren Gemeinden leben und leiden, auch wirklich imstande sind, des Volkes Wünsche und Forderungen zum Ausdrucke zu bringen und seine Interessen zu vertreten. Gern wird dann die Regierung das den Rabbinern von ihren Gemeinden geschenkte Vertrauen bestätigen und mit ihnen in die Beratung aller auf der Tagesordnung stehenden, Judenheit und Judentum in Rußland berührenden Fragen eingehen. flnfifemififthe ßandelspoliflh. Vor kurzem würde das rumänische Parlament mit der üblichen Trönrede des Königs eröffnet. In dieser wird mit Befriedigung von den guten Beziehungen -Rumäniens zu den europäischen Mächten gesprochen, das freundschaftliche Verhältnis zu den Nachbarstaaten betont und auf die gefunden Entwicklungsmöglichkeiten, die durch neue auf der Tagesordnung stehende Gesetze der heimatlichen Industrie gesichert werden sollen. Nun wiffen wir es, welcher Art die neuen Gesetze sind, die Gewerbe und Industrie in Rumänien neue Bahnen schaffen und das kulturelle Niveau des Landes heben sollen. Es sind das In dustriegesetz und das Sanitätsgesetz. Eine Zeit lang schien es beinahe, als ginge ein neuer Morgen für unsere Brüder in Rumänien auf, als wollte sich das bittere Loos der Heimat l o s e n im Moldaugebiet verbeffern. Denn es waren die Besten des Volkes, die ihre warnende Stimme gegen das Treiben der blindwütigen Ultranationalisten unter der Führung der Anttsemiten-HäuPtlinge Jorga und Cutza erhoben. Kein geringerer als der Metropolit, der oberste Hirte des Landes, unternahm es, Regierung und Volk auf die Gefahren, die eine Politik des Haffes und der Ausrottung im Gefolge haben müsse, aufmerksam zu machen. Zur gleichen Zeit traten auch die Sozialdemokraten im österreichischen Reichsrate mit einer Interpellation zu Gunsten der Juden in Rumänien auf (S. „Israelit" Nr. 45 und 46). Bei all dem durfte jedoch der König in seiner Trönrede mit gutem Rechte die guten Beziehungen Rumäniens zu den europäischen Mächten, natürlich auch zu den Signatarmächten, betonen. Man kennt in Rumänien den Wert solcher Appelle an das europäische Gewiffen und man antwortet darauf mit Gesetzesvorlagen von der Art des Industrie-und Sanitätsgesetzentwurfes. Das neue Jndustriegesetz wird, wie an anderer Stelle unseres Blattes ausführlich berichtet, mehrere tausend Juden in Rumänien brotlos machen, da es durch eine Menge raffinierter Paragraphen den Juden alle Wege zur Geschäftswelt und zum Handelsmarkt versperrt. Konzessionen für neue Unternehmungen sollen nur Rumänen erhalten, die dann auch materiell und moralisch von die Regierung unterstützt werden, derart, daß <? Ucrbrüdcruna. Zum Wochenabschnitt. Die glückliche Wendung, die die Geschickte Josephs und seiner Brüder im heutigen Wochenabschntt nimmt, läßt de8 denkenden und hoffenden Juden Mick unwillkürlich nach der Zeit schweifen, welche die Erfüllung seines Jahrtausende alten Hoffen s bringt, der Zeit, tn der fich die Menschen brüderlich die Hand reichen, Haß und Zwist und alles, waS die Menschen heute noch trennt 'und scheidet, verschwindet der goldenen Zeit der Liebe, Bölkerversötmung und Menschenverbrüderung. . Auch unsere weisen Lehrer mußten beim Schlußakte der Josephsgeschichte an die «Schlußszene denken, die dermaleinst, nach Borausstcht und Voraussagung der Propheten, das wundersame Wechselspiel Inder Geschichte der großen JakobSfamtue, des HauseS Israel, krönen wird — an die Bereinigung deS jüdischen Volkes. Und so wählten De als mBÖfi, alS wi rdiges Seitenstück zur Geschichte der vereinigten Söhne die göttliche Vision von der Wiederrjtacebttgung der zerstreuten und versprengten Teile Israels, wie sie der Prophet Jechcskel gesehen und sie uns in Kap. 37 mit lapidaren, hinreißenden Worten wt-vergibt: „Und es ward mir daS Wort Gottes wie folgt: Und du Menschensohn, nimm dir ein Holz und schreibe darauf: dieser für Juda und die Söhne Israels seine Genoffen, und nimm ein anderes Holz und schreibe darauf: Dieses für Joseph, den Stamm Ephraim und das ganze Haus Israel, seinen Anhang. Dann verbinde beide Holzstämme miteinander, so daß sie vere nt sind in deiner Hand-Und sage ihnen, so spricht der Herr: Ich hole die Kinder Israel aus der Mitte der Völker, zu denen sie verschlagen wurden, ich sammle sie allüberall und »bringe sie h>im auf ihen heimatlichen Boden. Und ich mache auS ihnen e t n Volk auf den Bergen Israel- Und sie werden sich nicht mehr entweihen durch ihre Götzenbilder, Greueltaten und B rfehlungen-Sie werden wieder mein Volk sein, so wie ich ihr Gott sein werde-Und den Weg deS Rechtes werden sie wandeln und nach meinen Satzungen handeln- Und so wird meine Wohnstätte tn ihrer Mitte sein —■— Und die Völker werden erkennen, daß ich Gott bin, der Israel weiht, indem ich mein Heiligtum tn ihrer i/ittte errichtet habe — für immer." Ist es vor allem die Sp ache dieser die mit hinreißender Gewalt auf uns einwirkt, so ist es andererseits der Umstand, daß fie nach Anordnung der Lehrer unter dem frischen Eindruck deS glücklichen AbfchluffeS der Josephsgeschichte verlesen werden muß, der unS um Nachdenken ayreat, der unS des Propheten Wort gewiffermaßen alS den Angelpunkt ercheineniäßt, um. den sich die durch den biblischen Bericht der Brüderversöynung auf unS etnstürmendm Eindrücke und Empfindungen konzentriert n. Sind es die Zukunftsbilder oer Versöhnung und Verbrüderung, die i ns der JosephSbertcht tn seinen letztm Phasen vor das geistige Auge gezaubert, so ist es deS Propheten Schilderung, t ie uns jene Bilder erst ins und adelt, Gemeingut rechte Licht rückt, uns an Hand eines drastischen Beispieles demonstriert, wie und auf welcher Basis der Prozeß der Berrintgung und Verbrüderung vor fich gehen könne und muffe. ErVIK VHntSl ~ Rein und geläutert werden sie vor mir bei der ErMung ihrer Aufgabe nach innen und außen stehen, so daß ap1? vni/ daß fie fich mit Stolz mein Volk nennen dürfen, vereinigt und verbunden durch das, waS des Einzelnen Leben weiht durch die Gesetze und Rechtsvorschriften, die deS ganzen Volkes werden 12^' DniK IVvl ruMr So, nur fo können wir uns die ersehnte Bereinigung, die Verbrüderung und Versöhnung denken. Eine jede Verbindung, die unter anderen Voraussetzungen als die in der rriBfin bezeichneten zustande kommt, eine je)e unnatürliche Bereinigung hetorogener Elemente, d e auf einer anderen Basis als der der ö’pri D'ÖBÜDl beruht,, ist nicht ein Schritt weiter, sondern ein solcher zurück vom Hochziel, daS fich daS Judentum gestellt, vom goldenen Zet alter der großen jüdischen Ber brüderung, dem unsere tausendjährtzen Hoffnungen gelten. Und war es nicht, recht betrachtet, einzig diese Grundlage, aus ber fich auch die entfremdeten Brüder in unserem Wochenabschnttt in Liebe wieder fanden? Schwer hatten die Brüder einst gefehlt, aber wie hatte fie daS Leben umgeformt, wie hatte fich die wahre JakobSnatur tn der Zetten Lauf zum Siege durchgerungen, bei den Männern, die in der Stunde der Not an d i e Sünde, an die einzige Schuld ihres Lebens denken! Waren eS noch Mc" gleichen, von Mißtrauen gegen die Herrschsucht deS TräumeS erfüllten Naturen, die einst grausam den Bruder tn die kälre, gefahrvolle Grube hinabgestoßen, ber gleiche Je hu da, der einst leichten Herzen» den Handel mit den Jsmaeltten abschloß, welcher jetzt bittend, flehend und