Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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9. Dez mber 190J Der Israelit. ,5S'5^iWlfT No. 4\ Sette Und die Erkenntnis dieser unserer Aufgaben, die f r e ud i g e Erfüllung dieser hohen Pflichten, ist ja, was den Juden zu dem macht, was er sein soll. Sollen doch alle Mizwaus Leitsterne sein durch alle ^Kämpfe und Irrungen des Lebens. Wie ungleich höher steht doch der arme jüdische Hausierer, welcher von Haus zu Haus geht, um das Notwendigste zu verdienen und den Hunger seiner Familie stillen zu können, wenn er am Freitag abend seinen Ranzen in den Winkel stellt und seinem Ideale einen Tag seines Lebens allwöchentlich opfert, wie viel höher steht er als der Gelehrte, der vor zahlreicher Hörerschaft über „jüdische Ideale" spricht. Tiefer spricht blos, wirkt blos aufs Ohr, bestenfalls auf ein paar Stunden aufs Gefühl, jener zeigt aber, wie man für diese und nur durch diese leben muß und kann; sein ist die Zukunft. Teshalb kein untätiges, passives Judentum, das sich in Gefühlen und Gedanken, und mögen diese noch so schön und geistreich sein, erschöpft, tätig tni r k e n d müssen wir Juden fein und nur dann ist die Zukunft unser. o-a Ainderecke. Die Chanukka=Cicbter.- Bon Hermann S chwab. Die Chanukkalichter brannten langsam nieder. In dem Zimmer war es still geworden, denn alle waren fortgegangen bis auf die beiden Kleinen, Hanna und Julius, die an ihrem Tische mit dem neuen Baukasten spielten. Der Baukasten war *) Aus „Kinderträumc". Ein Märchenbuch für jüdische Kinder. Jüdischer Volksschriftenoerlag, G. m. d. H., Frankfurt a. M. ein Chanuckageschenk und kein kleines, und die vielen bunten Halzstücke lagen in wirrem Durch- , einander auf dem Tische. f Die Kinder versuchten Häuser zu bauen und . Burgen und Schlösser, aber es ging nicht gut, und nach einer kurzen Weile warfen sie ihr Bauwerk zusammen, um es wieder aufs neue zu beginnen. — Die Chanuckalichter hatten sie dabei ganz vergessen. Ihre Wangen glühten vor Eifer, und so sahen sie auch nicht, wie ein Licht nach dem andern langsam erlosch. Es ist der letzte Chanuckatag, und morgen wird Chanucka vorüber sein. Nun brannten nur noch zwei Lichter. Die sechs anderen und der Schames waren schon ausgegangen. Die Lichtchen zitterten hin und her, die kleinen Flammen zuckten, und sie ließen dabei einen traurigen Ton hören, weil sie im Erlöschen waren. Da sahen die Kinder vom Spielen auf. Sie liefen zum Fenster, und teils aus Uebermut und auch, weil das Knistern sie beim Spielen störte, bliesen sie die beiden Lichtchen auf einen Zug aus. Nun waren sie erloschen, und die Kinder wollten zu ihrem Tische zurück, um weiter zu spielen. Doch erstaunt und stumm blieben sie stehen. Wie durch Geisterhand waren die Lichter plötzlich wieder entzündet. Und nicht nur die beiden, die sie ausgeblasen — auch alle andern brannten Heller als zuvor. Und der Leuchrer selbst — auch mit ihm war eine große und wundersame Veränderung vorgegangen. Er ward größer und größer, und die Lichter wurden zu leuchtenden Fackeln, die bis zur Decke des Zimmers aufflammten. Und plötzlich kam ein seltsamer Ton aus den Flammen. Er klang traurig und leise, und eine Stimme sprach zu den Kindern: „Wir sind die Chanuckalichter", sagte sie, „die ersten Chanuckalichter, die man einst im Tempel angezündet hat, als er wieder erobert war und man das Keglern Oel gefunden hatte. Wir hüten und wachen über alle Lichtlein, die am Chanucka entzündet werden." Furchtsam' blickten die Kinder zu Boden. Sie hatten ja die beiden letzten Lichtlein ausgeblasen. Und die Stimme sprach weiter: „Laffet die Lichtlein zu Ende brennen, die schonen Chanucka- Lichter, und löschet sie nimmer aus. Sie erzählen von den Kämpfen und Siegen der Makkabäer und von Gottes Liebe zu seinem Volke Jisroel. Laffet sie ruhig zu Ende erzählen, bis fie selber aufhören. Und wenn ihr sie ansehet, so denket auch an uns und vergesset uns nicht." Wieder flammten die Lichter auf, und als sie erloschen waren, da war alles verschwunden. Aber die beiden Lichter brannten wieder. Sie zitterten hin und her und zuckten auf und nieder und knisterten leise. Und die beiden Kinder standen Hand in Hand oor ihnen und warteten, bis fie ganz erloschen waren. ♦nrn ♦D'JB ~\b "1«' 2. 1. D« ♦D’nr y:sb nbwrt bz irr /D’BD 1. 2. VKN EU aw awr w 2. i. xxö ♦nao d"tk lött nn^n tsd 3- 2 1. •n» tck T’rn dpd ♦mim nnw 5- 4- 3- 2.1. ♦mim nnau bnnv> jimu bv Kreuznach E Agulnik. Feuilleton. Dar Sefermabl. Bon Arthur Kahn. (Schluß). „Schtuß!" lachte Samuel laut. „Was? Schluß?", frug Mendel gereizt, „fragen Sie doch auch mal Ihre Tochter, 00 sie das auch für'n Schtuß hält/ da sitzt sie ja dabei". Rosalchen hielt es wirklich für keinen Schtuß, sondern für eine für sie bereits entschiedene Frage, die nach einer Woche schon im Sinne Mendels entschieden wurde. Da gestand Mendel seinem künftigen Schwiegervater lachend, der Schidduch sei ebenfalls in jener schönen Sommernacht, als die jungen Leute das Audcho ki anifoni anstimmten und auf der Landstraße hingewandelt seien, schon fertig gewesen. „Heutigen Tags kennt man sich mit den jungen Leuten nicht mehr aus," seufzte Samuel refignirt. „Zu meiner Zeit war' sowas nicht vorgekommen".- Es fehlt nicht mehr viel zu einem halben Jahrhundert, seit Schimmes Sefer eingeweiht Worden ist. Die Jahre, die seitdem dahingerauscht sind, haben die Mehrzahl derer, die sich einst auf diesem herrlichen Fest gefreut und es verschönten, mit in die Ewigkeit hinüber genommen. Doch die Fern- und Nachwirkungen dieser Seferchinuch brachten manchen Segen. — 5©Or saßen Einige überlebende Freunde, fern von dem Ort des Geschehniffcs eines Sabbathmorgens, nach Schul, während die Sonne heiß brannte, auf einer schattigen Bank beisammen und erinnerten sich, daß es an diesem Sabbat sich jähren müsse, da die Seferchinuch stattgefunden. Einer der damaligen Hauptbeteiligten saß sinnend dabei. Wenn längst zurückliegende Geschehnisse besprochen werden, dann philosophirt und reflektirt man schließlich über die Vergänglichkeit aller Dinge, und wie mit so manchen Menschen so viel Schönes zu Grabe geht und für alle folgenden Zeiten verloren zu gehen scheint. Wer würde heute noch an Schimme und Veilchen denken, wenn nicht dieser sich zu einem edlen Werk entschlossen hätte! Und nun nach bald fünfzig Jahren kommt der Chronist mit seinen alten Freunden auf alle die toten Freunde von damals zu sprechen und von neuem wird die Erinnerung an sie wachgerufen. Die längst Verstorbenen erstehen nochmals vor ihrem geistigen Auge und, verklärt von dem Schimmer der Vergangenheit, lebt die schlichte und in ihrer altjüdischen Schönheit unvergessen gebliebene Thoraweihe von neuem auf. Das Gute und Schöne, was wackere jüdische Männer dabei bewirkt und getan, feiert eine nochmalige Auferstehung. Kein braver Mensch hat umsonst gelebt, wenn er auch für die Mitmenschen gewirkt. Der Schluß unserer Betrachtnngen gipfelte dann in der Bestätigung der Worte unserer Weisen, daß jede gute Handlung, weitere gute Handlungen mit und nach sich zieht, deren Folgen man niemals voraussehen und berechnen kann. Das sollte für jeden, dem das Schicksal, oder sagen wir die Vorsehung, das Glück schenkt eine Edeltat verrichten zu können, ein Wink sein. Vielleicht nach langen Jahren trägr sie erst ihre Frucht upd dann erfüllt sich auch das andere Wort, daß das Andenken guter Menschen nicht sobald verlischt und ihrer zum Guten gedacht wird. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, daß nach uns, nach der heutigen Generation dermaleinst ein Geschlecht kommt, das, pietätvoller wie das jetzige, wieder einen Einblick in die Zeiten und deren Träger, von denen hier berichtet worden ist, zu gewinnen trachtet, weil sie ein Ideal und Vorbild sucht. Vielleicht suchen künftige Generattonen wieder Herzens- und Geistesgenüsse, die das heute lebende Geschlecht verschmählt, weil sie ihnen nicht mit ihrer vermeintlichen Bildung vereinbarlich erscheinen. Da mag gerade die Schlichtheit der früheren jüdischen Feste ihren besonder» Reiz wiedergewinnen und wieder so hoheitsvoll wirken, wie zur Zeit als Schimme Bär das Sefer stiftete, Kiewe, Levi nnd Nathe Bing seine Weihe übernahmen, und Hunderte von Teilnehmern in ihrem jüdischen Gefühlsleben machtvoll angeregt und gestärkt wurden. Vielleicht gibt dann in einer fernliegenden Zukunft diese schlichte Erzählung einem Historiographen einen Einblick in das Seelenleben der Hingegangenen, derer hier gedacht wurde und wird sie der Vergessenheit von Neuem entreißen. — Ende. — Ju dunkler ßacbt. Eine wahre Begebenheit. Bon Sch. Ein dicker Qualm umnebelte die riesige Hängelampe, die den großen Raum der Gaststube „zur Krone nur halb beleuchtete. Die kleinere Lampen über den Seitentischen hatte der Witt bereits ausgelöscht. Denn es war vorgerückte Abendstunde, und neue Gäste waren nicht mehr zu erwatten. Um den runden Tisch in der Mitte des Raumes hatten sich die „Eingesessenen" gruppiert, scherzend, spielend, zankend und politisierend. Auch der Polizeidiener fand es, nachdem er mit feierlicher Amtsmiene „Polizeistunde und „Schluß der Wittschaft!" geboten hatte, für gut, sich mtt einem frischen Schoppen dem inttmen Kreise anzuschließen. hoffentlich kommt der Gendarm aus der Kreisstadt nicht!"