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Der Israelit · 1909-12-09 · Heft 49 (9.12.1909) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 49 (9.12.1909)
Date
1909-12-09
Page
– (sequence 24)
Language
German
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&■ W'- fi- ©itti 24. Rr 49_. tröstete er sich und seine Genoffen, nachdem der Beamte in der wohlig gemütlichen Sphäre des Biertisches ganz wieder Mensch geworden war. Jetzt aber setzte er erschreckt das Glas ab und wie eine geheime Macht riß ihn jäh aus seiner Ruhe, denn sein geschärftes Beamtenohr hörte früher als alle andern die schweren Schritte, die sich draußen der Türe näherten. Sie ginc klirrend auf, und der Polizeidiener setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung wieder auf seinen Platz. Denn der Eingetretene war nicht der Gendarm aus der Kreisstadt, sondern ein älter, müder Mann, ein Hausierer mit einem Packen auf dem gekrümmten Rücken. „Kaufen nichts in später Nachtstunde!" — fuhr der Kronenwirt, ein stämmiger Mann mit ttefaerötetem Bauerngesichte, den Eintretenden ^baiffch an. Die anderen lachten, and der Polizeidiener überlegte, ob das durch Alkohol schon ziemlich getrübte Auge des Gesetzes den Eindringling sehen sollte oder nicht. Gefährlich konnte es auf keinen Fall werden. Er kannte diese Art von Kunden. Man läßt sie am besten gehen, da man ihnen nur selten etwas anhaben kann. Der fremde Mann sah ängstlich und wie hllfesuchend nach dem Biertische, beugte sich noch tiefer, fuhr in seinen struppigen, halbergrauten Bart und sagte bittend: „Nichts verkaufen Herr, aber möchte hier übernachten, werd's bezahlen." ,Zabe keinen Platz für solche Gäste!" donnerte der Wirt und schob den Alten unsanft zur Türe hinaus. Am Tische lachte der Polizist vergnügt ob dieser raschen und einfachen Erledigung der Angelegenheit, die Spieler, die vom ganzen Intermezzo kaum Notiz genommen, warfen ihre Karten auf dem Tisch umher, polterten und zankten, als wäre nichts geschehen. Nur einer trank hastig sein Glas aus und stand auf. . „Schon heim, Jonas?" — fragte der Wirt. Der Angeredete schien die Frage nicht zu hören und sagte, indem er zahlte. „Hättest den armen Hausierer ruhig über Nacht behalten dürfen, Jean!" „Ging nicht" stotterte der Wirt etwas verlegen, uno sein aufgedunsenes Gesicht wurde noch röter. „Hat mich schon oft genug betrogen, die Bagage, kann solche Gäste nicht aufnehmen. Weißt, Jonas, habe sonst nichts geg'en Israeliten Jonas hörte die Entschuldigung nicht aus und ging. Es stockfinstere Nacht, und die Häuser in der lanHen. durchweichten Dorfstraße wiesen kein Licht mehpx.auf. Wie gespenstisch spielte der matte Schein aus der Kronenwirtschaft auf die grauen mistumgebenen Kalkmauern der Häuser, hinter denen alles Leben erloschen schien. Aus einem Bauernhöfe hallte wütendes Hundegebell in die stille Nacht hinaus, und schwarze, drohende Schatten begleiteten die wankende Hausierergeftalt, die ächzend und keuchend die düstere Straße zog. JonasBirnhof beschleunigte seine Schritte. Der Fremde sah sich erschrocken um, beruhigte sich aber, als er in seinem Verfolger einen Glaubensgenossen erkannte und fragte, vielleicht nur, um etwas zu sagen: „Ist hier der rechte Weg nach Gilnau?" „Was wollen Sie zur später Nachtstunde in Gilnau?" „Nichts, als ein wenig ausruhen, um morgen arbeiten zu können. Ich bekomme hier im einzigen Gasthofe kein Nachtlager und ich bin so müde, so gebrochen an allen Gliedern. Juden glaubte ich in diesem Dorfe nicht zu finden, und ich habe heute noch eine heil'ge Pflicht zu erfüllen, Chanukahlichter zu entzünden. Habe falsche Tour hmte gemacht/ bin, des Weges unkundig, nach stundenlanger Wanderung durch Schnee und Sturm hierher verschlagen worden. Vielleicht hat jemand in Gilnau Erbarmen, dort -^jst eine jüdische Gemeinde." „Kommen Sie mit mir!" — sagte der andere einfach — „Sie können bei mir schlafen. Hier ' sind wir schon am Ziele." Der JSraeM._ Der Fremde sprach kein Wort. Eine Aeußerung des Dankes hätte die große Tat abschwächen, ihren Lohn vermindern können. Und wie groß die Wohltat war, die ihm von einem grundfremden Manne in dieser Stunde erwiesen wurde, konnte nur er bewerten, der Heimatlose, der totmüde, gebrochene Wanderer. — . So folgte er stumm dem gastfreundlichen Manne ins Haus und dann in ein winziges, aber warmes und sauberes Dachkämmerchen, das ihm als Schlafstätte angewiesen wurde. Auch jetzt dankte der Fremde nicht, aber in seinem „Gut Nacht", das er dem sich entfernenden Hauswirte nachrief, lag wie ein inniges Gebet — Möge Gott dies gastlich Haus huldvoll schützen . . Allein geblieben, legte der Wanderer seinen schweren Ranzen ab, den er dann öffnete und beim matten Scheine eines rauchenden Perroleumlämpchens zu durchwühlen begann. Hier zwischen unzähligen Schachteln, Schuhriemen, Bändern und Hosenträgern lag. was er suchte, eine längliche Schachtel bunter Kerzen/ die besten seines Krames wollte er für sich benutzen, die dicksten und schönsten. Mögen sie das Haus, das jüdische Haus, in dem er ein Nachtasyl gefunden, hell beleuchten ... Es war freilich höchste Zeit, wenige Minuten vor der Mitternachstunde. Ob es noch möglich sei, der Chanukalicht-Vorfchrift zu genügen? Er suchte weiter in seinem unerschöpflichen Kasten. Dort in der Ecke, von blinkenden Hemdenknöpfen und goldglänzenden Spangen umgeben, lag seine Reisebibliothek, ein Gebetbuch, ein Thilim und ein handlicher Schulchan o ru ch. Letzteres, ein kostbares Buch, dessen vergilbte Blätter von Zeiten erzählen, in denen er noch nichts von weiter, kalter Fremde, von schweren Lasten, von bösen Polizisten und bissigen H/nden wußte, sondern in denen er noch in der heimatlichen Jeschiwoch lernte, hoffte, träumte und große Zukunftspläne schmiedete, dieses Wunderbüch, sein Reisebegleiter, gab ihm auch darüber Auskunft. Hier stand es klar und deutlich. „Die Zeit des Entzündens ist mit Nachtanbruch, sobald sich Sterne am Himmel zeigen." Aber er hat die Sterne nicht erscheinen gesehen. Er war beim Nachtanbruch im dicken unheimlichen Walde und als er auf die freie Straße kam, war der Himmel schwarz bedeckt und ein scharfer Nordwind jagte ihm die Schneeflocken so kalt und stechend ins Gesicht, daß ihm beinahe der Atem ausging. „Hat man es versäumt, gleich mit Nachtanbruch zu entzünden, so kann man es auch später noch tun, so lange seine Familienangehörigen wachen ..." Ach, die Familie im entfernten Galizien! Ob sie dort noch wachen? Wie, wenn die Frau in der kalten lecren Stube, deren Geräte bis auf die Kopfkiffen verpfändet sind, sich auf ihrem harten Lager wälzt und weint? .... Frauen sind schwach und klagen leicht ihr Schicksal an. Wie, wenn die Kinder darben und frieren, im Schlafe schluchzen und von bösen Träumen geweckt werden? Wie, wenn der Wirt, dem sie die Miete nicht zahlen konnten, sie auf die Straße gesetzt und sie, wie er, bei Nacht und Sturm um Unterkunft betteln? Er hatte in letzterer Zeit das übliche Monatsgeld nicht mehr so regelmäßig schicken können. Schlechte Verdienste — dann kam das Unglück mit dem Patente .... Noch einige Minuten bis -Mitternacht, die Zeit drängte." Hastig stellte er das Brettchen auf dem Fenstersimse zurecht und andächtig betete er Den Segensspruch. Nun flackerten die Lichtlein, die besten und dicksten aus seinem Warenlager, und aus einer entlegenen Ecke der Dachstube kamen holde Engel, lagerten sich friedlich auf den Boden, huschten leuchtend und lustig durch die glänzenden Knöpfchen und glitzernden Spangen im offenen Hausiererkasten, spietten neckisch mit, I)en buntseidenen Bändchen und schwarzen Schnür-' chen und legten sanft ihre Hände auf den Nacken Des in sein Buch vertieften Fremdlings und sagten hold und kosend': „Nichts von dem, was' du befürchtest, ein Tor, der so schwarze Gedanken 9. Dezember 1909 hegt. Wunder erwies Gott deinen Vätern und auch dir. Heute erst. Wärest zusammengebrochen, elendiglich zu gründe gegangen, wenn er Dir nicht hier im weltentlegenen Bauerndorf den gastfreundlichen Glaubensbruder geschickt. Es ist Sünde, so zu denken, wie Du es vorhin tatest. Die Frau ist vergnügt und freut sich, daß Du gesund bist und Aussicht auf Perdienst hast, die Kinder sind satt, schlafen ruhig und träumen süß von ihrem Vater, den sie, wenn er zum Peffachfeste heimkommt, mit allem, was sie inzwischen gelernt haben, überraschen wollen . . ." So sprachen die Engel. Stunden vergingen. Das Chanukahlicht brannte noch und der Fremde lernte sich immer wärmer, immer inniger. Solche herrliche Stunden in einem warmen, Hellen Zimmer wiederholten sich nicht oft und Mn mußte sie weidlich ausnutzen . . . Draußen schlug ein Hund an, ihm antworteten noch andere aus verschiedenen dunkelen Höfen. Ein Schauer durchlief den Hausierer. Er kannte diese Sprache der Bestien. Aber er faßte sich sogleich. Was ging ihn in dieser glücklichen Stunde die Straße an? Unten waren leise Schritte hörbar und ein unheimliches Flüstern. Unwillkürlich horchte der Hausierer auf. Es schien ihm als machte sich jemand an irgend einer dunklen Ecke mit Hammer und Säge zu schaffen. Er öffnete leise und behutsam das Fenster und horchte angestrengt. Die Straße lag wie tot ganz in Finsternis gehüllt.. Aber aus der Ecke, die zum Hintereingange führte * brachte der Wind ein kaum hörbares Flüstern herbei: „Edi", — konnte der Hausierer nur hören, — „nichts zu machen, der Jude hat Wind und ist auf der Hut, oben ist Licht, komm weiter!" Dann huschten wie Schatten einige dunkle Gestalten dahin, die bald vom tiefen Nachdunkel restlos ausgenommen wurden. Eine Meile überlegte der Mann, ob er nicht infolge dieser verdächtigen Wahrnehmung den Hausherrn wecken sollte. Als es aber baÜ wieder still und ruhig ringsumher wurde, glaubte er an einen vereitelten Ulk, wie sich ihn junge Bauernburschen zur Nachtstunde oft leisten und suchte, nachdem das Chanuckalicht abgebrannt war, sein Lager auf.- * * * Eine Schauerkunde weckte am Morgen die Dorfbewohner aus ihrem Schlafe. Schon in aller Frühe war das Gericht in Begleitung von Gendarmen und einem Arzte aus der nahen Kreisstadt herbeigeeilt. An allen Ecken der Dorfstraße standen Gruppen, die sich schauernd über die Schreckenstat der vergangenen Nacht unterhielten. In der Kronenwirtschaft wurde eingebrochen, ein Sekretär ausgeplündert. Und als der Wkrt, durch das Hundegebell aufmerksam, die Diebe bei der Arbeit überraschte, erhielt er von einem derselben einen Messerstich in die Brust und wurde tötlich verletzt. Noch war er beim vollen Bewußtsein und konnte die Gesellen genau schildern, fahrende Leute, die vor einiger Zeit in der Gegend gesehen wurden/ aber nun fehlte von ihnen jede Spur. Auch an anderen Stellen hatten die Einbrecher ihr Glück versucht, so bei Jonas Birnhof, in deffen Haus sie scheinbar vergebens einzudringen suchten, da außer einer Beschädigung des Schlosses am hintern Eingangstor nichts vermißt wurde. .. In der Familie Birnhof herrschte große Aufregung. Eine wunderbare Hand waltete offensichtlich über dem Hause und beschützte seine Bewohner vor Schaden, ja vor Lebensgefahr. Wie war das nur geschehen? Da wurde der Fremde, der am Kaffeetisch teilnehmen mußte, aufmerksam und erzählte seine nächtliche Wahrnehmung. „Hatten S i e noch Licht in Ihrem Zimmer zu dieser nächtlichen Stunde?" — fragte Jonas nachdenklich. * . „Ja, das Chanukahlicht!" „Das Chanukahlicht!" wiederholten Mann und Frau zugleich, zu Tränen gerührt. Es klang, wie ein ergreifendes Dankgebet.

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