Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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WWMW«WWPWWMM«MW €eitr 2i. Ja 49 _ Der Israelit. __9. Dezember 1909 Hu des Uaters Srab wahrhaft geholfen wird, fich durch ein Jahr auf mehrere Hunderte beläuft. Das ist die soziale Bedeutung des Ateliers. Was aber dieses Institut zu einer wahrhaft jüdischen Einrichtung erhebt, das ist die Tatsache, daß die Fabriken und Büros des Ateliers am Schabbos strenge geschlossen sind. Man muß es anerkennend hervorheben, daß die maßgebenden Kreise, denen man alles eher als „übertriebene" Gesetzestreue vorwerfen kann, alles tun, um auf jeden Fall dem Institut den Schabbos zu erhalten. So hat schließlich die Leitung des Ateliers von der französischen Regierung die verbriefte Erlaubnis erhalten, infolge der Sabbatruhe am Sonntag arbeiten zu dürfen. «°s> Im Maschiucrirarim Dieses segensreiche Institut besteht nunmehr seit drei Jahren. Es unterhielt zuerst eine Albumfabrik und hat vor etwa einem halben Jahre die Möbelfabrik angelegt. Diese nimmt einen großartigen Aufschwung und dürfte mit der Zeit weit bedeutender als die Albumfabrik werden. Der jährliche Umsatz der beiden Fabrik« n betrug zuletzt 150000 Francs und dürfte angesichts der rapiden Entwicklung der Möbel- Abteilung in den nächsten Jahren noch größer werden. Der ernste Wille, dies Institut zu einer Quelle wahrhaft sozialer Fürsorge zu machen, zeigt sich am besten aus der Tatsache, daß, trotz der Defizite der ersten Jahre, die Leitung immer mehr Arbeiter angestellt hat, unbekümmert um die Rentabilität des Unternehmens, die naturgemäß unter der Anstellung so vieler bezahlter und ungelernter Arbeiter leiden mußte. Die großartige Stiftung des Ateliers, nicht nur in ihrer Entstehung, sondern auch in ihrer Entwicklung, ist hauptsächlich das Werk des Präsidenten des Atelier-Vereins, des Barons James von Rothschild. Sein Interesse für die Anstalt ist ungemein groß. Er kennt jede kleinste Einz lheit im Betriebe der Fabrik und — was der Direktor uns gegenüber besonders betonte — überzeugt sich durch eigenen Augenschein über den Stand der Sache. Ja, er bestimmt oft die Preise der zu veräußernden Gegenstände und gibt dcs öfteren Ratschläge, die von größtem Werte sind. So ist es seiner Tatkraft zu danken, taß das Atelier gewaltig aufblühte und einen wahren Segen geworden ist für alle diejenigen unserer Glaubensbrüder, die es beschäftigen kann, und die ohne Beruf und Ernährungsmöglichkeit nach Paris kamen. Ein Chanuka-Traum auf heiligem Boden. Bon I. Seegall-Posen. An den Tagen des Chan.ukasestes fanden einst meine Ahnen wiederum ihr Glück, ihre Ruhe und Freiheit. Froh und freudig zeigten sich die Alten über den ruhmreichen Sieg ihrer Kinder; oie Töchter Zions frohlockten, die Söhne jubelten, und hell und herrlich flammten die Festlichter in den Zelten Israels auf — Chanuka! . . Und in meinem Zimmer schimmern die Chanukalichtlein langsam und ruhig und verbreiten dichte, schwarze Schatten rundum — Meines Glücks, meiner Ruhe und Freiheit bin ich noch immer beraubt! . . Chanucka! Tiefes Fest belehrt mich, wie groß, wie mächtig, wie heldenhaft die Makkabäersöbne waren, und wie klein, schmächtig und machtlos ich bin — nur ein Schatten meiner Urahnen! . . In aller Frühe war ich in das Gotteshaus geeilt, um Gottes Hilfe herabzuflehen. Selbst in „Erez Israel" ist ein Israelit ein Fremdling und wird als solcher behandelt. Tas Ackerland, das ich jahrelang bearbeitet habe, konnte ich nie erwerben. . Es gilt also von neuem den Reisesack auf den gebeugten Rücken zu laden, den Wanderstock zu ergreifen und in die weite Welt hinaus zu wandern. . . Und ehe ich vielleicht für immer von hier wegziehe, will ich mich mit Vater und Lehrer, mit Freund und Bekannten, die auf dem heiligen Boden ihre ewge Ruhe fanden, wenigstens im Geiste noch einmal sehen und von ihnen Mschied nehmen. . . Weit entfernt von Stadt und Leben ist der Ort der Ruhestätten, und ich gelangte erst nach einer langen Fußreise ajn das dunkle Tor des Friedhofes. Mittagszeit; vom Himmel sendet die Königin des Tages sengende Strahlen; ein tiefblauer Schleier umhüllt den Horizont. Starr wie die Marmorsteine sieben die großen und.kleinen Bäume ringsumher, es bewegt sich kein Zweigchen, kein Blättchen raschelt . . . die Vöglein ruhen regungslos in ihren Nestern wie die Toten da unter den Hügeln; still ist es ringsum, ein Todesschweigen! . . . In Andacht versunken stehe ich, tief gebeugt über das Grab meines Vaters; dichte hellblaue Dünste umziehen allmählich den Hügel. Ich blicke dann auf und sehe ein Bild, ein mir zu gut bekanntes Bild . . . Im weißen Mantel gehüllt steht da der Greis und seine Lippen beben . . . „Chanukah . . Makkabäertreue! . . ." summt es in der Luft. Und gleich Schattenbilder ziehen meine Erlebnisse an meinen Augen vorüber; Diese erhabenm. süßen Träume meines Vaters um die Zukunft Zions . . da summt es wiederum in meinem Ohr . . . „Verzage nicht mein Kind; strebe und kämpfe immerC weiter . . . weiter . . . Chanukah! . ." „Wehe dem Kind, das von Vaters Tisch vertrieben ist. O, Vater ich komme von Dir Abschied nehmen, da ich in die weite Welt wandern muß . ." Ein Schrei der Verzweiflung entringt sich meinem -Innern und meine Augen werdenzu zwei Tränenquellen . . . „Tiefe Tränen mein Kind, spricht der Greis wehmütig, die Tränen sind Lebenszeichen . . . „Diese Tränen sind Feld- und Gartentau . . . Jüdische Tränen trocknen nie aus, sie tränken die Erde, feuchten ihre Keime und lassen schöne Früchte entstehen! . . Tränen mein Kind sind die Schlüssel der Pforte des Himmels . . . Schau nur hinaus, dort der Herr, er hatte uns dieses heilige Land gegeben und genommen . . . gegeben und genommen . . . und Er wird es uns sicher wieder geben . . . Chanukah! Makkabäerseier! . . ." Ter Vater verschwand. Ohnmächtig siel ich in das trockne Gras und. meine Augen schlossen sich. Wie lange ich so regungslos dalag, vermochte ick nicht zu sagen. Als ich nun wieder erwachte, begrüßte mich die Natur mit all ihrem Reiz frohlockend. Ein Chaos musizierender Stimmen jubelten mir freudig entgegen . . Das Rauschen der Bäume, das Zwitschern der Vögel, das Summen der Käfer umgaben mein Ohr . . Ruhe und Friede, Freiheit und Würde prophezeit mir die herrliche Natur —. Und vom Jordan wehen frische, erquickende Lüfte und sie entfachen in mir frisches neues Leben, Kraft und Mut! . . Und in meinem Zimmer flimmern die Chanukkalichtlein hell und heller, und sie verjagen allmählich die dichten, schwarzen Schatten. — Chanukka! . . . Makkabäertreue! . . Fragmente aus dem Nachlasse eines alten Preßbwrger Kebilloluden. Herausgegeben von ben Avrohom Halevi, Wien. I. Lieber Freund! Es wird Dir befremdend scheinen, von mir — trotzdem wir doch unlängst nach jahrelangem Fernbleiben beisammen waren — ein Schreiben zu erhalten; jedoch Deine letzte Bemerkung, daß Tu zum Judentum heute eine ganz andere Stellung einnimmst, als in der längst vergangenen Jugendzeit, hat mich nicht ruhen lassen. Es ist wahr, Du bist heute akademisch graduiert und hast Deinen Doktor mit Erfolg gemacht und bist in allen möglichen profanen Wissenschaften wohlbewandert, ich dagegen bin ein ganz einfacher, simpler Jude, aber ich will trotzdem Iren Versuch machen, den Standpunkt, den der Jude seiner Lehre — nicht „Religion" — gegenüber ein nehmen soll, möglichst genau zu präzisieren. Man faselt wohl heute viel von den Anforderungen, die das moderne Leben, die modern? Kultur an uns stellt, noch mehr wird vom jüdischen Gefühlsleben und vom Bewußtsein der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke gesprochen, aber solange nicht die Tat, die herzbefreiende jüdische Tat diesen Gefühlen entspringt, bleibt alles eben nur Phrase, -p? DfilFD bp DDina „Siegel auf Oeinem Herzen Aber auch Siegel auf Deinem Arme" ist und bleibt die Devise des Judentums, wie es sein soll. Oder glaubst Tu, daß das Judentum diese langen, bangen Goluthjahrtausende überstanden hätte, oder noch überstehen kann —.denn noch sind wir tief im Golus — wenn es blos als Gefühl, blos als Gedanke gepflegt wrrden wäre? Sind wir denn nicht, sind denn nicht alle, welche noch heute etwas Gefühl für ihr jüdisches Volk haben, ein Produkt der Erziehung durch Tora und Mizwos? Ja, könntest Du Dir vorstellen, daß Tu überhaupt noch Jude wärest, wenn nicht Deine Eltern und Voreltern „Juden der Tat" gewesen waren? Ist nicht die Erhaltung des ganzen, großen Judentums von den tatkräftigen Beispielen der Eltern, von der Erziehung, welche diese ihren Kindern geben, abhängig? „Zeugnis errichtete Er in Jaakauw, Lehre gab Er Jisroel, denn Er hatte es den Eltern befohlen, dies ihren Kindern zum Bewußtsein zu bringen/^ singt der Psalm ist. Ein unzerreißbares Band ist's, das uns Juden der Gegenwart mit unseren frühesten Ahnen, die in Mizrajim geknechtet waren, welche am flammenden Sinai das Gotteswort hörten, im heiligen Lande wohnten und dort im EHBBn JV2 Galt Bien cn, dem römischen Adler zum Opfer fielen, in Spanien den Scheiterhaufen bestiegen, am Rhein dahingeschlachtet wurden ^ein ewig unzerreißbares Band ist's, welches uns mit unseren spätesten Enkeln am Ende der Zeiten verbindet. Und das ist ja das jüdische Bewußtsein, das echte jüdische Gesü.hl, daß wir auch für die fernste Zukunft verantwortlich sind. Jeder Einzelne vo.r uns ist ja nur ein Teil des Volkskörpers, jeder Einzelne hat ja Pflichten gegen dieses Volk, dem er entstammt und ist für dessen Wohl und Wehe verantwortlich. Und können wir für die Zukunft bürgen, wenn wir es bei einer bloßen Gefühlsreligion bewenden lassen? Können wir unsere Kinder fürs Judentum erziehen, sie lehren, daß sie eins sind mit uns, mit unseren Ahnen, wenn unser Judentum im Zahlen der Kultussteuer, oder in der Zugehörigkeit zu einem H-Jik ■v.tr-T' -ä Im Speisesaal jüdischen Verein besteht? Ja, wenn wir auch in andächtiger Stimmung den Szeder geben, mit Begeisterung das Chanukalichtlein anzünden, solange wir diese Weihe nicht ins praktische Leben hineintragen, solange wir nicht fürs praktische Leben die Bedeutung der „Lebenslehre" erfassen, unser physisches Sein im Sinne dieser Lehren erkennen, bleibt alles nur leerer Schall und Rauch. „Andächtig schwärmen ist viel leichter als gut handeln". Unsere Thora ist keine Lehre der Mystik. Nicht ein Aufgehen in Schwärmerei, keine unklaren Gefühle, nein, bewußte freudige Pflichterfüllung, Erkenntnis der Wichtigkeit der Vorschriften fürs praktische, tätige Leben ist Ziel unserer Lehre.