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Der Israelit · 1909-12-09 · Heft 49 (9.12.1909) · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 49 (9.12.1909)
Date
1909-12-09
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Airs We ( f und JLet> .Dsroelif ulluihierfc Beilaje.zum Eine Musteranstalt fn Paris. Mit 4 Bildern- Bon Leop. Perlmutter in Frankfurt a. M. „Wir jetzigen Pariser Juden sind die letzten französischen Juden." Mit diesen Worten schloß ein gesetzestreuer französischer Rabbiner seine Rebe, als wir an einem Schabbosmorgen die Rue Rosier und das angrenzende Pariser Judenviertel durchquerten und er darauf hingewiesen hatte, wie die Heranwachsende Generation im Strudel des Pariser Großftadtlebens fast restlos die vielgerühmte jüdische Widerstandskraft eingebüßt habe, die Kraft, auch den Ansprüchen dieses Lebens gegenüber sich den Schabbos zu erhalten. Und die Wehmut dieser Worte zitterte in mir nach, als wir die monumentale Synagoge der Rue de la Victoire besuchten, die etwa 3000 Personen fasten soll, wo sich an jenem Schabbosmorgen kaum dreißig Personeen (Awölim, Synagogendiener und Fremde) eingefunden hatten. Aber dennoch vermochte eine Seite wahrster jüdischer Betätigung uns die Schatten jener traurigen Betrachtungen bis zu einem gewissen Grade zu verscheuchen und einen Hoffnungsstrahl aufgehen lassen, der die Geiftesnacht im Pariser Judentum ein wenig erhellte. Abgesehen von der herzerfrischenden Erscheinung der kleinen gesetzestreuen Gemeinde der Rue Cadet, die wie ein Fels inmitten der alles mit sich fortreißenden Strömung der Feit anmutet, bietet die' Betrachtung der Pariser jüdischen Wohltätigkeitsanstalten ein erfreuliches Bild. Und eine ganz besonders wird einen unauslöschlichen Eindruck auf den Beschauer Hintersassen, als sozial mustergiltiges und wahrhaft jüdisches Institut: Das „Atelier", oder wie sein vollständiger Titel lautet: „Oouvrs philantropique d’assistance par travail, l’Atelier'*. Der Uneingeweihte, der zur Besichttgung der in der Rue St. Maure gelegenen Anstalt herausgekommen ist, wird bald über das Wesen der Anstalt und den Geist, der darin herrscht, aufgeklärt, denn bevor er noch recht die Inschrift, die diese verschiedenen Gebäude tragen, entziffern kann, verrät ihm schon der Lärm gewaltiger Maschinen die nahe Fabrik. Und während wir in Begleitung des Direktors und des fachmännischen Leiters die eigentlichen Fabrikräume betreten, entdecken wir, daß es zwei verschiedenartige Fabrikränme sind, deren Betrieb sich vor unserem Auge entschleiert. Eine Kartonnage- und Albumfabrik und eine Möbelw erkstätte. Riesenhafte, durch elektrische Kraft betriebene Maschinen neuester und vollkommensterArt lassen die Luft erdröhnen, bedient von geschäftigen, arbeitsamen Händen — Judenhänden. Wo wir auch Hinschauen, dort am Tische, wo sich die Arbeit häuft, die der eiserne Mund der Maschine unermüdlich hergibt, arbeiten Juden, dort an den Drehbänken — Juden, wohin nur das Auge sieht, trifft es auf unverfälscht jüdische Gesichter. Und nun hören wir, was der Direktor des Unternehmens, der wohl unsere Frage vom Gesichte gelesen, uns erzählt. „Sie fragen, w:r diese Leute sind, wo sie Herkommen, und ich bin sicher, daß Ihr Erstaunen wachsen wird, wenn Sie erfahren, daß von all diesen so eifrig und sachgemäß Arbeitenden fast keiner länger als 3 Monate in Frankreich lebt und bei uns ist. Sehen Sie jenen jungen Mann, dort am Albumlager. Das ist ein noch nicht ganz einen Monat hier beschäftigter Rumäne. Er hat in seiner Heimat Apotheker studiert. Er hatte dieses und jenes Unglück,' das Leben verschlug ihn hierher. Hier hatte er nicht zu effen. Eine Stelle fand er nicht, da er am Schabbos nicht arbeitet. Als er weiter Arbeit suchte, schickte man ihn ins „Ateliers wo er nun schon seit einem Monat ist. — Sehen . Sie nun jenen Mann dort mit dem Käppchen. Er ist ein Russe, der bisher keinen B ruf kannte. Er arbeitet hier schon 2 Monate lang und ist speziell mit Anfertigung von Photographie-Albums beschäftigt. Und so sehen wir noch etwa 60 Arbeiter, „Ausländer" aus aller Herren Länder, die alle unter ähnlichen Umständen in das „Atelier" kamen. Hier werden die Leute vorerst drei Monate behalten Sie erhalten unter fachmännischer Leitung eine gründliche praktische Ausbildung der Fabrik und werden während dieser Lehrzeit mit nicht unter 2,50 Frs. pro Person und Tag belohnt. Während dieser 3 Monate wird ihnen ferner unentgeltlicher Unterricht speziell in der französischen Sprache erteilt, damit sie sich im fremden Lande zurechtfinden können. Auch dafür ist gesorgt, daß die Angestellten des Ateliers billig und gut zu essen haben, da das Atelier eine jüdische strengrituelle Restauration besitzt, die sich im selben > Hause befindet. | Hat der .Arbeiter des Ateliers sein Probe- Beim französischen Ilnterrtcht. Vierteljahr beendet, so wird ihm in der Regkl vom Atelier aus eine Stelle vermittelt, oder er wirb, falls dies nicht sofort möglich, bis zur Erreichung einer solchen beschäftigt. Auf diese geschilderte Weise werden monatlich 50—70 Arbeiter ausgebildet und beschäftigt, so daß die Zahl derjenigen, denen auf diese Art I« der Cartonnage-Fabrik. \W: lli 118 9 ^llSi - ■H . - , A -*-.1

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