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Der Israelit · 1909-12-09 · Heft 49 (9.12.1909) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 49 (9.12.1909)
Date
1909-12-09
Page
– (sequence 19)
Language
German
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-SDezemVer 1909. Wer mit offenen Augen die machtvolle Entwickelung der religiösen Idee auf wissenschaftlicher Grundlage verfolgt, der gewahrt es deutlich: „Die Wahrheit ist im Anmarsch und nichts wird sie aufhalten." Wir halten es für unsere Pflicht und verlangen mit heiligstem Ernst von jedem wahren Juden ihre Anerkennung, diese Aufklärung dem Volk zu bringen. Wir haben ihm die Augen über den Stand der Wissenschaft zu öffnen, der uns nie günstiger — darum allerdings auch nie gefährlicher entgegenkam, als heute. Günstig, weil er sich nähert, gefährlich, weil die Nähe als das Ziel gedeutet werden kann und wird, dem wir auf halbem Wege, unfern Standpunkt verlassend, uns und unser Judentum opfernd, uns zuzubewegen hätten. Aufzeigen, daß der Fortschritt im menschlichen Denken mit sicherer Bestimmtheit die Richtung auf die Thora nimmt, aber auch die noch vorhandene gewaltige Entfernung von der Thora berechnen und würdigen, das scheint uns die Gegenwartsaufgabe des jüdischen Akademikers zu sein. In dieser Richtung beftrebeu wir uns, die literarische Tätigkeit des Vereins zu leiten. In dieser Richtung bewegen sich die mündlichen Erörterungen unserer Redner. Darum ist es so unendlich tief zu beklagen, daß es noch immer rheinische Gemeinden gibt, die dem an der Wissenschaft des Tages durchaus nicht blind vorübergehenden Thorawort unseres Vereins ihrePforten nicht erschließen wollen, nicht MM Heile itzeee Glieder, nicht fttttt Kege« ihrer I«ge«d. Darum haben wir allen Grund, die Gemeinden zu bemitleiden, die uns nicht hören wollen und nicht den Mut haben, uns zu Worte kommen zu lassen. Ist doch der tiefste Grad jüdischer Gesunkenheit in der Weigerung zu „hören" erreicht — wie die jüdischen Weisen zur Aufforderung Jeremias im 2. Kap. B. 4 bemerken, wenn Jeremias kein anderes Wort an seine Zeitgenossen als erstes zu richten weiß, als „Höret das Wort Gottes, Haus Jakobs und alle Familien des Hauses Israels." Und wenn wir fragen, warrzm man nicht hören will, dann ist die Antwort gegeben, weil man allgemein Jüdisches nicht mehr kennt, weil die Wahrheit von dort verleumdet wird, wo man als Judentum eine billigere, leichtere Ware feilbietet, weil man es durch den Abfall von der Thora dahin gebracht hat, daß man Judentümer zählt, nur Parteien kennt und mit Zerklüftung spielt. Man gehört einer Partei an, ohne zu wissen, was sie will, und was man soll und was man wollte, wenn* man wüßte, welche Fragen auf dem Spiele stehen. Es gibt nur orthodox und pseudoliberal. Wo bleibt das Judentum, wo Jüdisches? Unser Uereiv kennt keine Knetete«, kennt Inkentnm, kennt Indische». Und Ihr jüdischen Männer, undihr, jüdische Gemeinden, habt den Mut nicht und den Willen, Judentum und Jüdisches in Euren Mauern zu dulden, in Euren Hallen zu hören? Wollen wir es euch doch gar nicht als Religiöses bringen. Wir bringen euch aus praktischem Leben heraus eine Lebenspraxis! Wir verzichten gern darauf, in den Synagogen zu reden. In profanen Räumen, dort wollen, wir mit einander diskutieren. Wir wollen niemanden andächtig tot reden von der hohen Weihestätte phrasengeheiligter Kanzel in salbungsvollen Tönen dunkeln Empfindungslebens. In ehrlicher Redeschlacht wollen wir Red' und Antwort stehen und wollen den ehrlichen Gegner überzeugen von der praktischen Hoheit und der herrlichen Gedankentiefe, dem feinfühligen Verständnis und der kernigen Wahrhaftigkeit, dem Geist des Lebensernstes und dem Hauch der Lebensheiterkeit unserer Thora. Daß Geist liegt in alle dem, was die Thora uns gebietet, Geist, dessen Reinheit und Erhabenheit die nicht ahnen, die in leerem Wahn sich als die Weisen der Zeiten dünken, das zu zeigen ist die Aufgabe, die der wahre Jude im öffentlichen Leben heute hat. Der JSraettt__ Und wenn der Verein nur den Vorteil hätte, daß durch ihn gleichsam die Andenheit «#f dem Land und in der Stadt firrdievt wurde, es wäre Gewinn zur Ansetzung des Besserungs- Hebels, der reichlich lohnte. Und wahrlich, m. H.! es ist ^ein. Studium! Versetzen Sie sich mit mir in ein Dorf und sehen Sie sich da den Juden an! Viehhändler. Sein Gesprächsstoff Biehhandel. Nicht in Großem, wie in manchen Strichen der Rheinprovinz, sondern in Kleinem. Auch Metzgerei. Wenn es sein muß, auch Schweinemetzgerei. Im Hause: Ohne Befolgung irgendwelcher jüdischer Vorschrift setzt man sich zu Tisch und hebt ebenso die Tafel auf. Jeder ist L2ML5 und doch ist keine jtbvw da! Daß es außer Schweinefleisch noch verbotene Speisen tbt, ahnt man kaum. DerNichtjude geht in dieKirche, er Jude in die Synagoge. Jener hat den Sonntag; dieser hat keinen Tag. Die Kinder lernen schlecht hebräisch lesen, im übrigen ein Compendium sogenannter Sittenlehre. Das Vergnügen der Woche besteht im Kartenspiel, das so intensiv betrieben wird, daß die Gegenwart keiner Persönlichkeit das Spiel. zu unterbrechen vermag. Die Zeitung ift^die beste, die die buntesten Beilagen den Lesern bietet, und der Verein ist der beste, der das Säckel der eigentlichen Interessenten am meisten schont. Sorgen für das materielle Wohl der Kinder kennt man, für das sittliche und religiöse Wohl derselben ahnt man nicht einmal eine Verantwortung. Wenig Begüterte, viel Arme sind^am Ort. Die Kinder häufig stupid, wenige geweckt, und kein Zug zum Geistigen, zum Höhern, engherzig und kleinlich, ohne weiten Blick, sorgenvoll und stumpf. Welche Aufgaben da zu erfüllen wären, erkennen Sie leicht. Soziale vor allem. Der sittliche Boden ist gut, er kann fruchtbar gemacht werden, so gut als er veröden kann. Die Sorge um die Kinder ist zu nehmen. Sie sind 1 zu bilden und zu Menschen und Juden zu erziehen. Für sie sind Lebensstellungen zu erlangen. Bei ihnen muß die Rettung aus gesundheitlichem und sozialem Elend mit der Gewinnung für die "jüdische Lebensauffassung identisch sein. Das mögen Sie sogleich aus der Fortsetzung ihres Werdeganges erkennen. Die Kinder des so geschilderten Dorfes bleiben natürlich nicht in dem Dorf. Sie können unmöglich in der Umgebung gedeihen. Früher ging der Zug nach Amerika — heute in das Industriegebiet. Begleiten Sie mich im Geiste dorthin! Ein Rennen und ein Jagen. Außen große Geschäftshäuser mit großstädtischer Auslage, Einrichtung und viel Personal zur Bedienung. Ein Riesenbetrieb, der — notdürftig eine bescheidene Lebensführung zumeist erübrigen läßt. In allen Orten im Herzen des Industriegebietes — man möchte sagen — kein Baum und kein Strauch in den Straßen. Kein Stück Natur erfreut, keine Abwechslung belebt, nur sorgende Gesichter, nur geschäftliches Eilen, rat? ist Lohntag. Kein Gedanke gehört dem Menschlichen, geschweige denn dem Jüdischen. Und die Menschen: äußerlich dem großzügigen Treiben angepaßt. In Kleidung und äußerer Pflege vornehm, oft ohne innere Fähigkeit tiefer zu erfassen, was sie gewohnt sind täglich zu hören und zu sehen. Aus kleinen Verhältnissen, ohne Vorbildung, stammend, ohne Vorbildung für Beruf, ohne Vorbildung für Herz und Geist. Kein Verlangen nach einem Buch, kein Verlangen nach geistiger Erhebung. Häufig genug ohne lokale Möglichkeit, aber auch ohne Bedürfnis nach jüdischer Weise zu leben. Der Vater sich plagender Hausierer im Osten oder Norden der Monarchie, dem Judentum — wie er es versteht — in Zähigkeit treu, der Sohn — in eigenen Augen ein Großkaufmann mit allen Nachtellen eines plötzlichen Kulturüberganges und plötzlichen Wechsels der Lebensumgebung. Einzige Erholung Kaffeehaus und Tingeltangel, einzige Befriedigung unbefrtedwcndes Geschäft. In solches Milieu schickt der Mann vom Land sein Kind in die Lehre. Weiß er doch nicht, welche kaufmännische, soziale, sittliche und Seite 19. Ro. 49 M ■ — --— - > ■■■ ■■■■ - , religiöse Hohlheit in vielen Fällen hinter den W äußerlich glänzenden von Licht durchfluteten Geschäftsräumen gähnt. Ein Verkommen, das zur .H Verwilderung ausartet, durch die gewissenlose Irreleitung geistlicher Volksverführer, die ihren seligen; Amtöbrüdern zu Jesajas Zeiten gleich die Ber- J sündigung des Volkes „mit Seilen der Vernei- | nung und mit Wagenstricken des leichtsinnigen H Lebens herbeizuführen" wünschen, damit das lästige . J Unterscheidungsmerkmal zwischen Juden und An- % dersgläubigen endlich getilgt würde, und eine | seichte Nivellierung jede individuelle Kraft und % jeden Lebenssaft der einzelnen Nationen ertöte. H Möchte es unserem Ktiprndirnfond ge- Ä lingen, helfend und gesundend bei diesem sittlichen, sozialen und religiösen Elend einzugreifen. 3 Mochte in wette« Konde« sich et« Monn jf finde«, dem dieser Uotschret fnr dte Mof- | se« f« Herren ginge «nd der «erstünde. | im eigene« Konde einem Miedergong r« 1 stenern, der um so furchtbarer ist, als er ünter | jubelndem Gejohle der Nächstbeteiligten sich vollt zieht, die blind und verblendet in ihr Unglück rennen. \\ Da will man nun von einer Einheitlichkeit der Juden Preußens reden und will die noch wahrhaft jüdischen Gemeinden und die Großgemeinden, die der Schuh wieder an anderer Stelle drückt, und das Land und die Industriestädte unter ein und dasselbe Schema bringen! Wo sozial geholfen werden muß, durch toten Buchstaben Unteroffizierkommandos erteilen und zu all dem unbewußten Drangsal noch die Dressur fügen. Was hieße das anders, als den Kern durch eine prächtige Schale ersetzen lassen und ein Sehnen nach innerer Gesundung durch Befriedigung in der änßeren Form für alle Zeiten ersticken. Ich will heute nicht materiell auf die Organisationsfrage eingehen und behalte mir vor, auf der Fortsetzung der Tagung unserer Gemeindedelegierten den Standpunkt der Rttualkommission ausführlich darzulegen. Der badische Schutzmann ist just wie ein cksus ex machina für uns preußische Juden rechtzeitig auf der Bühne aufgetaucht, die französische Trennung von Staat und Kirche ist lehrreich genug, der bayerische Verfassungsstreit klingt laut zu unS herüber, und die württembergifche Stille ist so beredt, daß wir absolut kein Verlangen nach Schema „F" bekunden können. Wer Arzt sein will, muß den Grund der Krankheit zu erkennen imstande sein und darf an den Erscheinungen nicht Herumdoktoren. Ein sittlicher Rückschritt, ein religiöser Verfall kann auf demExerzierplatz nicht mit Stillstehen und Kne belung geheilt werden. Lehnen wir eine Organisatton absolut ab, so werden wir auch nur solchen persönlichen Unterstützungskaffen für Beamte unsere Zustimmung nicht versagen, deren Handhabung zu keinen Gewissensbedenken Anlaß gibt. Man kann nicht von uns verlangen, daß wir einen Religionsunterricht unterstützen von Männern, die in herausfordernder Lästerung des Religionsgesetzes in zynischem Spott die Mikweh zur Waschküche degradieren, denen das jüdische Heiligtum eben gut genug ist, ihre schmutzige Wäsche darin zu waschen, von Männern, die durch ihr Verhalten uns zu Dank verpflichten dafür, daß sie die Berechtigung unserer Warnung illustrieren, die jüdische Schule nicht auf die Kommune übernehmen zu lassen. Wirkönnen mit Beispielen dienen, daß sofort nach der Uebernahme der Schule auf die Stadt jüdische Lehrer sich weigerten, h e b r ä i s ch als eine fremde Sprache, zu uncerrichten und den Schülern der höheren Schule ohne besondern Entgelt Religionsunterricht zu ertellen. Als bliebe das Wort des Psalmisten wahr, daß viele Menschen nur so lange D'Uy bleiben und ihrer Aufgabe zu entsprechen suchen, als sie o”ay, abhängig find. Die jüdische Schule gehört der jüdischen Gemeindedenn «nfere Kinder find es, die wir uns und dem Judentum zu erziehen haben. Die Verantwortung bleibt unser. Sie wälzen wir mtt der geldlichen Last 1 I 1 S I

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