Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 49 Der Israelit 8. Dezember 1908. Türket. Polifisdie HJanölungen, (Bon unserem Korrespondenten.) Konstantinopel, 4. Dez. Die wenigen Wochen, welche seit Wiedereröffnung des Parlaments verflossen sind, lassen den bedauerlichen Schluß zu, daß das freundschaftliche Verhältnis zwischen den Juden nnd dem Jungtürkischen- Konnte eine Trübung erfahren hat. Dieselben Männer, die nach Verkündigung der Verfassung für Gleichheit und Brüderlichkeit aller Religionen und Nationen schwärmten, die eine Verbindung mit unfern Glaubensgenossen öffentlich als Glück be eichneten, dieselben Leute find nachdem Empfang des Risa Tewfik Bey durch die Alliance in Paris andere geworden. Wir haben von der jetzigen Kammer nichts, gar nichts zu erwarten, es sei denn, daß ein plötzlicher Umschwung wieder eintritt. Kein Jude hat Heuer eine Amtsstelle erhalten. Daß Mazliach, der Sekretär der vorjährigen Sitzungsperiode nicht ins Bureau gewählt wurde, hätte man noch als Zufall annehmen können, obwohl es doch sehr merkwürdig zugegangen sein müßte, daß der Mann, der in der Not das Wort zur rechten Zeit fand, nicht genug Stimmen auf sich vereinigt sah. Blind ist des Zufalls Walten, doch scheint nicht er allein hier gewaltet zu haben, die beiden nachstehenden Fakten lassen wenigstens diesen Rückschluß zu. Da ist zunächst die Militärangelegenheit. Durch die politischen Zeitungen wird vieles von dieser der Welt berichtet, es wird den Türken doch die Einstellung Andersgläubiger nich' leicht gemacht. Der griechische Patriarch blieb hartnäckig bei seinen Bedingungen und drang endlich durch. Nun-- mehr entschloß sich auch der Chacham Baschi, der Regierung folgende Wünsche zu unterbreiten: Den jüdischen Soldaten soll es möglich sein, rituell zu leben, die Neligionsvorschriften zu beobachten, wozu Geistliche und Kultusbeamte anzustellen seien, ebenso die Feiertage zu halten, an welchen kein Dienst ftattfinden möge- Rabbiner, Lehrer und Schüler der Jeschiboth seien militärfrei. Diese Forderungen waren schon vor Monden vom Medschlisch-Urnumi zur Einreichung aufgestellt. Wie verlautet haben die betr. Regierungskreise von dem Schreiben keine Notiz nehmen wollen. (Siehe hierzu die nachfolgende, von anderer Seite stammende Korrespondenz. Red.)' Tie Aushebungs-Kommission arbeitet ununterbrochen. Der„Tiempo", das L e i b b l a t t des Chacham-Baschi, wirft diesem vor, er habe der Regierung schwer erfüllbare Bedingungen gestellt, die Antwort wäre zu ersehen gewesen! Ein ebenso wenig erfreuliches Resultat erzielte der Chacham-Baschi in der Sache der „roten Scheine". Jeder in Palästina landende Jude erhält für feinen Paß einen roten Scheines wurden Stimmen gegen diese „Kennzeichnung" laut, und der Chacham-Baschi begab sich in dieser Angelegenheit zum Minister des Innern. Kurz nach seiner Wahl äußerte sich der Chacham-Baschi, er wolle seine Demission einreichen, oder würde es tun, falls diese Sache zn Ungunsten der jüdischen Reis enden ents chieden würde. Der ü)< inifter machte verschiedene Einwände, und der Erfolg ist, daß alles unverändert weiter gehen wird. Der „Tiempo" gibt das Ganze mit einer gewissen Schadenfreude wieder, da er den Mißerfolg als einen Hieb für den Zionismus, mit dem sich sein Redakteur infolge eigenartiger Gründe verfeindet hat, ansieht. Das Organ erhielt nämlich von den Zionisten eine monatliche Subvention, unter der Bedingung, daß es seine Ausfälle gegen die zionistische Bewegung unterlasse. Der „Tiempo" fügte sich, das Geld lief regelmäßig einda — aus geringfügigen Ursachen — änderte sich fein Verhalten, das Geld blieb somit natürlich aus — und der „Tiempo" wurde der ertertste Gegner des Zionismus, und füllt seit- ' seine Spalten mit Anklagen gegen die Raanalen aus. Trotz der mannigfachen Versuche, Hader zu schlichten, tobt der Kampf unentwegt, > ist auch auf die Leserkreise nicht ohne Wirrg geblieben. wo Konstantinopel, 1. Dez. Wie verlautet, hat die Regierung das Gesuch des Chacham Baschi um Befreiung verschiedener Kategorien jüdischer Gelehrter und Lehrer vom Militärdienst genehmigt, es dagegen abgelehnt, auf die Verpflegung" der jüdischen Soldaten mit ritueller Kost Rücksicht zu nehmen. Angeblich soll letzteres undurchführbar sein und — das ist der seltsamste Grund für die Ablehnung — auch in anderen Ländern würden ja den Juden ähnliche ZuPftändniffe nicht gemacht! Ob wvhl die ganze Art, in der Herr Chajin Nahoum diese in'seinen Augen gewiß recht unwichtigen „rituellen" Dinge vertritt, ohne Einfluß auf die Haltung der Regierung war? — Amerika. N ew-Aork, 20. Nov. Der bekannte Agronom Aronsohn ist soeben von einer Reise nach dem Westen Amerikas zurückgekehrt, wo seine Entdeckung, Weizen ohne die bisher notwendige Bewässerung großzuziehen, lebhaftes Interesse erweckt hat. Es ist ihm nun hier gelungen, eine Reihe vermögender Glaubensgenossen u. a. Jakob Schiff und Daniel Guggenheim für die Errichtung einer landwirtschaftlichen Versuchs-Station in Palästina zu gewinnen. Angeblich soll jeder der beteiligten Philantropen 25000 Dollar für diesen Zweck zur Verfügung gestellt haben. llrrmlrcdm. Berlin, 28. Nov. Herr Schack hat jetzt endlich sein Mandat ntedergelegt. Wie die Deutschst-. Blätter melden, hat sich „sein Zustand soweit gebessert, daß er demnächst aus der Heilanstalt entlassen werden kann, wenn er auch noch voraussichtlich längere Zeit in ärztlicher Behandlung verbleiben und von jeder anstrengenden geistigen Tätigkeit ferngehalten werden muß." Unter diesen Umständen hat er am Freitag die 2 erzichtieistung auf daS Mandat an die zuständigen Stellen befördert und der deutschsozialen Partelleikung hiervon Mitteilung gemacht. Durch die Mandateniederlepung wird nun der Wahlkreis Eisenach vor die Notwendigkeit einer Ersatzwahl gestellt. Bei den Wahlen von 1907 hatten der Sozialdemokrat 7875, der Antisemit Schack 6985 und der Natio alltberale 6089 Stimmen erhalten. In der engeren Wahl siegte dann Schack mit 9834 Stimmen über den Sozialisten, der 9509 Stimmen erhielt, also mit der knappen Mehrheit von 325 Stimmen. Berlin, 1. Dezember. Die „Wahrheit" des Herrn Bruhn ist infolge desDahsel-Prozestes von denB'chhänd lerständen der preußisch-hessischen Bahnhöfe verschwunden und darf nicht mehr ausgelegt werden. Altona, 2. Dezember. Die Administration der Lrja-Stiltung läßt auf dem Grundstück des Jos ph-Leja- Sustes in der G otz^n Gärtnecstiaße aus den Ersparnissen der zweiten Schenkung ein neues Stifts,ebäude errichten daS 23 Wobnungcn enthalten soll. Der Bnupreis beträgt 72 90^M. Stach drn Bestimmungen des Testators, des am 7. Juli 1870 in 'Altona verstorbenen Herrn B. Lrja, müssen zwei Dri tel oer Wohnung'n an J-.saffen chrchltcher und ein Drittel an Insassen jüdi scher Reltg on vergeben werden, jedoch nur an Personen, die keine öffentliche Unterstützung erhalten und im Besitz eigener Subsistenzmittel firü». Neubreisach, 1. Dezember. Wegen der Neueinteilung der Rabtnan bezirke hat der hiesige Gemein erat an das Mintsterrum das Gesuch genchttt, das Rabbinat Bies - heim nrcht einzehen zu lassen, sondern den Sitz nach hier zu verlegen, da die hiesige israelitische Bwö kerung im Wachsen begriffen sei und der Rabbiner g'etchzettig auch Mtlit rgeistltche-r und Religion? lehr er sein könne. Posen, 3. Dezember. Regirungsrat Dr. Herr, der Verfasser ber Bro ch re „ Ostmärkische Städtepolitik", die durch ihre antisemitische Tendenz bei den Behörd n, wie bei der Bürgerschaft im deutschen Osten gleicht s Befremden e. regt hatte, ist jetzt nach Magdeburg versetzt worden. Budapest, 5. Dezember. In denr zwischen Budapest und Debrecin verkehrenden E senba nzug hat sich gestern eine grauenvolle Szene abgespielt. In einem Wagen der dritt n Klasse fuhren mehrere Bauern, urillr denen drei, die kei'-e Eisenbahnbillette halten. Als ihnen der jüdische Schaffner Ladislaus E r d ö s die Billette abkorderie stürzten sich die Bauern auf ihn und warfen ihn aus drm fahrenden Zuge. Der Unglückliche geriet unter die Räder und wurde getötet. Die gräßlich verstümme te Leiche wurde in eine Nachbarstadt gebracht, wo die Gendarmerie die entmenschten Täter verhaftete. 1. Dzb. Am 15. November wurde in BukarM^WWIOjährige Hochzet sjuötlöum des rumänischen KönlgH^^^efeiert. Herr Rabinner Chaim S. Schor beglückwvWMOas hohe Jubelpaar in einem Bri fe, worauf er von Ihren Majestäten ein überaus huldvoll gehaltenes Dankschreiben erhielt vrrMrverr«. Frankfurt a. M., 5. Dez. In der „Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschauung" C2¥ r6rß) hielt am Mittwoch Abend Herr Moritz A. Loeb einen Bortrag über „Organisattonsbestrebungen der deutschen Juden in jüngster Zeit". Anknüpfend an dte Tatsache, daß durch unsere Gegenwart ein Zug zur Bereinrgung gleichstrebender Elemente gehe, führt der Redner aus, daß auch für die deutscheu Juden ein geschlossenes Zusammengehen unleugbar manche Vorteile zu bieten verspreche. Man brauche nur an dte Gesetzgebung, die sich oft mit Materien befasse, welche das jüdische Gebiet streifen, zu denken, so z. B. bei der Sonntagsruhe, Bolksschulgesetzusw. Ebenso erfordert die Abwehr antisemitischer Angriffe ein geschlossenes Zusammengehen. Allein eine Zwangsorgintsation,wie sie von neologer Seite herbeigewünscht werde, führt schwere Nachteile herbei, wofür sich auS der Geschichte der Juden anderer Länder Belege in genügender Anzahl anführen ließm. Der Gedanke einer staatlichen Gesamtorganisation für jüdische Gemeinden rührt von Napoleon I. her, der in Frankreich das neue Shnhedrion einsetzte. Die räumlich oder politisch Frankreich nahestehenden Länder wurden bet der Bildung ihrer Judenorganisattonen vielleicht unbewußt von den französischen Verhältnissen beeinflußt. Frankreich selbst, Württemberg und Baden lieferen einen drastischen Beweis dafür, daß wir Juden nicht ungestraft dem Beispiel der Völker in dieser Beziehung folgen können und bestätigen die alte Erfahrung, daß die jüdische Lehre nur im Lichte der Freiheit gedeihen könne. Habe man es doch in Baden erlebt, daß trotz des politischen Liberalismus, der dort zu Hause sei, sich die dortige jüdische Oberbehörde anmaßen durfte, einen Gewissenszwang, wie ihn dte von ihr versuchte Einführung deö neuen Gebetbuches und die zwangsweise Zuführung zum Religionsunterricht darstellen, auszuüben, Der Redner besprach auch die Verhältnisse in Bayern und daS Judenedikt von 1813, welches den heutigen Zuständen nicht mehr entspreche. Dte Verordnung, daß sich in einer bayerischen Stadt nicht mehr als eine jüdische Gemeinde, e i n Rabbiner usw. befinden dürfen, datiere von einer früheren Zeit her, da dte Zahl der Juden in Bayern noch eine geringe war. „Eine" bedeutete damals weiter nichts als den unbestimmten Artikel, aus dem die spätere Praxis ganz im Gegensätze zu den gesteigerten Bedürfnissen der Gegenwart ein Zahlwort gemacht habe. Daß dort vielfach dte orthodoxe Minorität nur geduldet und von der Gnade der neologen Großgemeinden abhängig sei, fei ein unhaltbarer Zustand, der eine Aenderung gebieterisch erheische und die Bemühungen der Revistonsfteunbe vollständig rechtfertige. Auf die Verhältnisse in Preußen übergehend, schilderte der Redner die buntscheckigen Gesetze, die den jüdischen Gemeinden in verschiedenen Gegenden Preußens zur Unterlage ihrer Befassung dienen. So hü ten Frankfurt, Hannover, das ehemalige Kurheffen, Hessen-Nassau, Homburg und Schleswig-Holstein ze verschiedene Gesetze, dte alle noch aus der Zeit stammten, da diese Provinzen noch nicht zu Preußen gehörten. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der ursprünglich eine freie Verbindung der ihm angehörenden Gemeinden barstellte, verdichtete seine Bestrebungen nach der Richtung einer straffen Gesamtorgantsatton erst in den letzten Jahren durch die wiederholte Vorlage der bekannten Entwürfe für die Gtsam organisarion. Der Redner schilderte in Kürze den Rostnsch 'n Entwurf sowie ausführlich seinen Nachfolger, den Macholschen, und kennzeichnete dte ihnen anhaftenden Mängel in scharfer Weise. Insbesondere ging der Redner auf jene Bestimmungen des Entwurfes ern, die die Provinzial- und Landesgememde betreffen un wies nach, daß nach deren Durchführung die Autonomie der Emzelgemeinbe vollständig aufgehoben sein würde. Eine anschauliche Darstellungder Verhandlungen des GemeindetageS vom 16. und 17. Mat, der durch die Annahme der bekannten Resolution Frtedmann dem Macholschen Entwurf ein jähes Ende bereitere, wurde mit großer Aufme.ksamkeit angehört. Dte Bildung von steten Beztrksverbänden, je nach der religiösen Richtung, wie die Einrichtung von Hllfskaffen, führte der Redner. resümierend aus, könnte von großem Nutzen sein, aber nur dann, wenn fie ohne jeden Gewissenszwang vor stch ginge. Die gesetzestreue Judenhett könne der dritten Lesung des Entwurfes, wenn eS zu einer solchen kommen so .te, ruhig entgegensehen. Mit ein m warmen Appell, sich unter ber Fahne der das gesetzestreue Judentum repräsent erenden „Freien Bereinigung" zur kräftigen, gemcinsamenArbett zusammenzuscharen, grade weil bei der Verschiedenheit der religiösen Anschauungen eine Gestmtorgantsatton zur Zeit unausführbar erscheine, schloß der Redner seine mit Beifall aufgeno.i.menen Ausführungen. F ankfurt a. M., 6. Dezvr. Es war ein herzerfreuender Anblick, den am vergangenen Sonntagabend der „B e r e t n M e k o r C h a j t m" einer ansehnlichen Versammlung — es waren über 70 Personen dem Rufe gefolgt — bor. Nach jahrelangem Studium, unter der bewährten Leitung der Herren Rabbtnateasseffor Posen und Dr. Jos. Breuer war es dem Verein — der bekanntlich nur aus Kaufleuten besteht — vergönnt, einen doppelten M'V 5U begehen. Nachdem um 7 Uhr in dem festlich be.euchreten Bereinslokale gebetet war, wurde zunächst von Herrn R. A. Posen dte 'DÖ Und Von Herrn Dr. Breuer die j-tftPn TPX**1 DÖ zu Ende gelernt mit schönen Erklärungen speziell de« Schlußworte verknüpft. Während der nun beginnendm Tafel — Herr N euh o f hatte für vorzügliche Speisen gesorgt — begann dm Reigen der Festreden Herr Jul. L ew t n, dm im Ramm