Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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lubigkeit und Unvertrautheit mit geschäftlichen Dingen in unverschämter Weise auszunützen, um als NVL-Ware unter „rabbinischer Aufsicht" in Verkehr zu bringen. Laut Mitteilung eines hiesigen otthod. Blattes hat eine Firma in Temesvar bei einer anderen Firma in Neustadt Sliwowitz np£ W gekauft mit ausdrücklichem npm eines orth. Rabbiners. Durch fachmännische Beurteilung und chemische Untersuchung hat sich aber herausgestellt, daß dieser Sliwowitz nvL in Wirklichkeit Spiritus mit Essenz (also rein von) war. Im besagten Artikel, der hier großes Aufsehen erregte, werden einzelne Rabbiner die durch ihre Naivität in diese Skandaläffäre verwickelt sind, bei Namen genannt. Dies bewog auch die Betreffenden, ihren zurückzuziehen. Das Ansehen der Rabbiner wird aber durch solche bedauerliche Borkommnisie herabgesetzt, und üTCDö find da unvermeidlich. Es wäre gewiß höchste Zeit, diesem Unfug ein Ende zu bereiten und es ist zu hoffen, daß die 'IJX’W '21M ein Mittel finden werden, durch das dieses Uebel einmal für allemal abgestellt wird. Rußland. Petersburg, 26. Nov. Ueber judenfeindliche Ausschreitungen russischer Behörden wird aus Samara berichtet. Bor der Börse wurden auf Verfügung der Polizei mehrere Schutzleute aufgestellt, die den Befehl hatten, alle aus der Börse tretenden Juden zu verhaften und ins Polizeiamt zu bringen. Die Polizisten erfüllten diesen Befehl. Da sie aber weder alle Juden kannten, noch eine Namensliste erhalten hatten, so packten sie jeden aus der Börse heraustretenden Menschen, den sie für einen Juden hielten, und schleppten ihn trotz seiner Gegenwehr ins Polizeiamt. Unter den verhafteten Juden befanden sich zwei Reichsdeutsche, die sich telegraphisch mit einer Beschwerde über die unerhörte Vergewaltigung an ihren Konsul wandten. Im Polizeiamt wurden die Verhafteten nach ihren Papieren befragt und wenn sie sich über ihre Person ausweisen konnten, wieder freigelassen. Dabei wurden einzelne, die zu protestieren sich erkühnten, tätlich beleidigt. Dieses Vorgehen der Polizei hat die Samarasche Börsenversammlung, in der übrigens bie Juden in der Minderheit sind, aufs tiefste empört. Das Börsenkommitee sandte an den Handelsminister ein Telegramm mit der Bitte, er möge eine derartige Willkür der Verwaltungsbehörden, die den Handel schädigt, unmöglich machen. Die Ursache dieser unerhörten „Razzia" gegen die jüdischen Kaufleute, gegen die nicht das geringste vorliegt, war ein Nachlassen der Getreidepreise. €in ruffifdi-jüdifdier Kongreß. Kowno, 3. Dez. Der mit Pauken und Trompeten so lärmvoll angekündigte allgemeine russisch-jüdische Kongreß konnte nun am 2. Dezember hier glücklich eröffnet werden. Erschienen sind etwa 150 Delegierte aus 60 Städten des russischen Reiches. Nach einer Begrüßungsrede des Herrn I. B. Wolfs wurde das Mitglied der ersten Duma, Rechtsanwalt Dr. Max Winaver-Petersburg zum Präsidenten gewählt. In das Präsidium wurden gewählt: Rabbiner R a b i n o w i tz-Kowno, I. B. Wolfs, der JCA-Bertreter Dr. Feinverg, Rechtsanwalt Sliosberg»Petersburg, Brodsky-Kiew, das Mitglied der ersten Duma Dr. Katzenelsohn, Brutzkus-Minsk, die Kronrabbiner Mase-Moskau und Dr. Kantor- Riga. Der Vorsitzende gedachte mit warmen Worten des verstorbenen Baron Horace Günzberg,zu dessen Ehren sich die Anwesenden von ihren Sitzen erhoben. Die erste Sitzung wurde dann von einem zweistündigen Referat des Rechtsanwalts Sliosberg über „Die Organisation der jüdischen Gemeinden" ausgefüllt. Der Referent schilderte die historische Entwickelung und die gegenwärtige Lage der jüdischen Gemeinden in _Der JSraeltt. Rußland und ihrer verschiedenen Institutionen, die er in vieler Beziehung für reformbedürftig hält. Insbesondere schlägt er die Abschaffung der Licht- und Fleischabgaben (der „Korabka") und die Einführung einer rechtsmäßigen Einkommensteuer vor. In der Abendsitzung behandelte der Dumaabgeordnete Friedmann die Schulfrage. Wie er mitteilt, wird demnächst ein bereits fertiggestellter Entwurf zur Reformierung der jüdi- | schen Elementarschulen, in der Duma zur Beratung gelangen. Die Schulfrage steht im .Vordergründe des Interesses und der Debatten und wird mit großem Eifer behandelt. Daß dabei all die von der Rabbinerversammlung im vorigen Jahre in dieser Angelegenheit gefaßten und der Regierung unterbreiteten Beschlüsse völlig außeracht gelassen werden, war ja von dieser Konferenz, an der zur Dekoration nur ein einziger Rabbiner teilnimmt, zu erwarten. Nicht weniger als 35 Redner haben sich zu diesem Punkte gemeldet. Allgemein wird gegen das „Cheder" losgezogen und doch weiß keiner auf einen geeigneten Ersatz für diese Pflegestätte jüdischer Lehre hinzuweise«. L. Brodsky-Kiew sprach über die jüdische Fleisch-Aceise und wies nach, daß ein großer Teil der daraus erzielten Einnahmen, die gesetzlich für die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, in den Kassen der städtischen Verwaltung verbleibe. Die Kiewer Stadtduma verwende z. B. aus diesen Einnahmen 15000 Rubel jährlich für die Ausweisung und Hinausbeförderung der Juden, die sich ohne Wohnrecht in Kiew aufhalten. Die Verhandlungen des Kongresses werden teils in hebräischer, teils in russischer Sprache geführt. Es wohnt ihnen auch ein Regierungsvertreter bei. Wilna, 5. Dez. Graf Leo Tolstoi arbeitet gegenwärtig gemeinsam mit dem Rabbiner Gord on aus Smargon (Goüvern. Wilna) an einer Sammlung talmuoisch r Moralsprüche in russischer Sprache. Die Anthologie soll in dem von Tolstoi im Jahre 1885 begründeten Berlage „Posrednik" erscheinen. In feinem letzten an genannten Rabbiner gerichteten Briefe vom 21 November schreibt Tolstoi: „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir eine Auswahl von Talmudsprüchen übermitteln wollten. Nicht nur ich allein werde Ihnen dankbar sein, sondern — was viel wichiiger ist — auch jene Millionen Leser, die durch eine billige Ausgabe in die Lage versetzt würden, die religiöse Weisheit der altjüdischen Bolkslehrer kennen zu lernen." Odessa, 1. Dez. Der Senat hat die Wahl des jüdischen Rechtsanwalts Brodsky zum Dumaabgeordneten bestätigt. Der Stadthauplmann Tolmatschow hatte bekanntlich die Gültigkeit dieser Wahl wegen einer Abweichung des jüdischen Vornamens vom bürgerlichen Rufnamen des Gewählten bestritten. Auf Grund einer genauen Prüfung der Angelegenheit erklärte nun der Senat in Petersburg alle Zweifel an der Richtigkeit der Wahl für völlig unbegründet und diese selbst für giltig. Finntand. Sur SdiSchffrage. Hclsingfors, X. Dez. Wie unfern Lesern bekannt, hat seinerseit der finnländische Generalgouverneur Bekmann die Erklärung abgegeben, die Schächtfrage nochmals in Beratung zu ziehen uud zunächst ein Gutachten der Helsingforser medizinischen Fakultät einzuheben. In der Fakultät haben sich nun zwei Parteien — fünf gegen drei — gebildet, von denen jede ein Separatgutachen abgab. Beide Gutachten liegen vor. Das eine lautet: „Wir Unterzeichneten fünf von den acht Mitgliedern der medizinischen Fakultät haben die Schächtfrage nur von dem Standpunkte der Medizin studirt, um festzustellen, inwieweit ___Sette 9. 9fr. 49 das Schächten nach jüdischen Ritus dem Vieh mehr Qualen bereitet, als die von den Christen in Finnland geübte Schlachtmethode. Auf diese Frage antworteten wir, daß das Schächten an sich, wenn es nur von einer sachkundigen Person, mit flinken Händen nach den Vorschriften der Rabbinen ausgeführt wird, dem Tiere einen Schmerz von einem Augenblick zufügt, da es das Bewußtsein sofort verliert. Die Zuckungen, die nach dem Schächten beobachtet werden, sind nicht Ausdruck des Schmerzes, da die Sinne bereits erloschen sind, sondern bekannte Reflexbewegungen. Anderseits finden wir, daß die Vorbereitungen zum Schächten, wie das Werfen des Tieres, das Spannen des Halses, dem Tiere große Schmerzen verursachen und in ihm ein Angstgefühl erwecken. Alles das könnte jedoch durch die Einrichtung, wie sie vor kurzen in Finnland eingeführt wurde, Betäubung vermieden werden." Demgegenüber erklärt das Minoritätsvotum der drei Mitglieder der Fakultät auf Grund eigener Erfahrung, sowie auf Grund der Gutachten hervorragender deutscher Gelehrten, daß das Schächten der Juden, wenn es nur von kundiger Hand vorschriftmäßig ausgeführt werde, als die beste Schlachtmethode bezeichnet werden müsse. Auch die Vorbereitungen zum Schächten, wie das Werfen usw. verursachen nur dann besondere Qualen, wenn sie mit besonderer Roheit vorgenommen werden. Werden diese Vorbereitungen aber mit der nötigen Vorsicht und mit Anwendung der auch von den Juden als erlaubt angesehenen Hilfsmittel getroffen, so können sie durchaus nicht als Tierquälerei bezeichnet werden. Auf Grund des Gesagten erklärt das Gutachten, daß vom Standpunkte der Verhütung einer Tierquälerei für ein Verbot des Schächtens kein Grund vorliege. Es bleibt nun abzuwarten,.welchen Eindruck das Gutachten der Gelehrten auf den Senat machen wird. GngLarrv. London, 5. Dez. Die wichtigste Angelegenheit, die der diesjährige kürzlich erschienene Bericht des Board of Deputies behandelt, ist die Veröffentlichung des an das hiesige Ministerium des Aeußern gesandten Memorandums, die rumänische Frage betreffend. Als die Situation im Balkan eine gar bedrohliche Form annahm und von einer Zusammenkunft der Mächte die Rede war, um den Bruch des Berliner Vertrages von 1878 zu behandeln, entwarf der obengenannte Board eine glänzende Denkschrift, die die Lage der rumänischen Juden und den ihnen gegenüber begangenen Rechtsbruch in erschöpfender Weise schilderte. Die Denkschrift bittet, „daß diese gesetzlichen Bedrückungen dem Urteil der Konferenz der Mächte unterbreitet werden mögen, welche vermutlich bald einberufen wird, um über andere Verstöße gegen den Berliner Vertrag zu verhandeln." Da die Konferenz nicht stattfand, ging der praktische Wett der Denkschrift zwar verloren. Doch mit besonderer Genugtuung spricht der Bericht von der Sympathie, die die rumänische Judenfrage bei dem Minister deS Aeußern, Sir Edward Grey, gefunden hat. Auf Wunsch der englischen Regierung bleibt die diesbezügliche Korrespondenz, die „vertraulich" geführt wurde, unveröffentlicht. Ein weiterer Erfolg des Board of Deputtes betrifft die Veränderung des Eides bei Gericht. Auf seine Veranlassung ist nun für alle Konfessionen statt des bisherigen Gebrauchs des tetrsxranunLton (des vollen Namens Gottes), das für die otthodoxen Judeu anstößig war, durch das Parlament der Eid nach folgendem Formular abgeändett worden. „Du schwörst, bei b at allmächtigen Gott, die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts anderes als die Wahrheit zu sprechen", worauf der Eidleistende mit der Bibel in der Hand (die Juden das alte Testament) erwidett: „Ich schwöre". Der Lord-Oberttchter von England, Lord Alverstone, war dem Board behilflich, diese Angelegenheit so befriedigend zu erledigen.