Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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©ett* 8 Nr. 49 Der JSraeUt. , 9 Dezember Iflt9 auf, daß 99 Pro-. aller Wanderbettler garnicht über die Grenzbureaus und meist mit unrichtigen Pässen reisen. Beide Behauptungen wurden von Herrn Feilchenfeld-Köln als unrichtig nachgewiesen, teilweise auf Grund statistischer Taten. Erwähnt muß aus der Tislussion auch werden, daß bezüglich der geplanten Gesamtorgan Kation aus Süddeutschland besondere Wünsche gestellt wurden, so wünschte Herr Lebr e ch t - Nürnberg, daß für Süddeutschland eine besondere Zentralkasse errichtet werde, da die Arbeitslast für eine zu groß sei. Auch seien in Süddeutschland Arbeitsstätten zu errichten und an der Spitze der Organisation müßten Leute stehen, dre in diesen Fragen reiche Erfahrung besitzen. Herr Hagenauer- Straßburg bittet, man möge entsprechend der politischen Gliederung der Reichslande je eine Provinzialkässe in Oberelsatz, Unterelsaß und, Lothringen, also statt 2 drei errichten, und zwar außer in Metz und Straßburg also auch eine in Mülhausen. Bedenken äußerte gegen die Gesamtorganisation, der er im übrigen durchaus sympathisch gegenübersteht, Herr Tri er--Tarmstadt. Er erklärte, daß in Hessen eigerrtlich nur die Stadt Tarmstadt, deren Wanderkassen-Etat 3500 Mk. betrage, etwas ausgebe, die Umgegend nichts. Er meint, es werde sehr schwer halten, die kleinen Gemnnden Hessens zum Anschluß zu bringen. In jenen Gemeinden wohnen fast ausschließlich strenggläubige Leute, die es sich absolut nicht nehmen lassen wollen, persönlich Wohltaten zu üben. Sie geben dem Wanderer Nachtlogis,Essen usw. in iÜ.rem eigenen Haufe. Mit der Institution eines Arbeitsamtes hätte man bei ihm sehr schlechte Erfahrungen gemacht, da die Handwerker in Tarmstadt zwar sich bereit erklärten, jüdischen Wanderern Arbeit zu gewähren, als es aber dazu kam, hätte Niemand Arbeit gehabt. Für die Gesamtorganisation heute zu stimmen, habe er kein Malwat. Wolle man aber beschließen, sich mit den kleinen Gemeinden erst in Verbindung zu setzen, dann würde er gerne für die Sache tätig sein. Herr S ch e y e r -Posen begrüßte die Organisation mit großer Freude, betonte aber, daß oie jüdischen Gemeinden in der O ft.m a r k unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu größeren Opfern als bisher außerstande seien. Etwas skeptisch äußerte sich auch anfangs Herr Wolfs- Thorn, der sich aber dann doch für die Organisation erklärte. Bezüglich der Aussicht auf Anschluß der kleinen Gemeinden an die Gesamtorganisation sei hervorgehoben, daß Herr Tr. B a r o n - Hoppstedten die Ansicht aussprach, daß man dort keinen Schwierigkeiten begegnen werde. TI.' gleiche Ansicht, aber auf Grund positiver Befragung, hegt Herr Löwenthal -Breslau. Tort hat man sich bereits an 32 kleine Gemeinden wegen ihrer Zustimmung zur Gesamtorganisation gewandt. Bon diesen 32 kleinen Gemeinden hätte eine Anzahl bisher noch Nicht geantwortet, aber 11 von ihnen hätten sich vorbehaltlos für die Gesamtorganisation, 5 gleichfalls, für dieselbe aber mit Vorbehalt, und nur ein paar mit Nein geantwortet. Ein anderes Resultat batte ein>. ähnliche Enquete in Pommern, worüber Herr Tr. Ebrenberg -Stettin referierte. Tort sei die Indolenz so groß, daß von 34 befragten Gemeinden überhaupt nur 9 geantwortet hätten und von diesen 9 hätten sich nur 2 bedingungsweise für die Gesamtorganisation ausgesprochen. Wir gehen, meinte Tr. Ehrenberg, mit einem gewissen Mißtrauen an die Sache heran, die in per notorischen Indolenz der kleinen Gemeinden Pommerns begründet ist. Er werde indessen versuchen was er könne. Herr Nördlinger- Stuttgart gab interessante Ausschlüsse über die in Württemberg wirkenden Institutionen und Methoden zur Bekämpfung der Wanderbettelei. Von besonderem Interesse war die Mitteilung, daß Württemberg eine Organisation von Wanderarbeitsstätten besitzt, die erst in diesen Tagen in Wirksamkeit getreten sst. Schon im November habe man eine wesentliche 'Abnahme der Durchreisenden seststellen können. Wenn wir nun noch erwähnen, daß Herr Weil!- Magdeburg die Heranziehung der Frauen zu den Abwehrmaßregeln gegen die Wanderbettelei befürwortete von den Frauen verlangte, daß sie keine Geldunterstützungen, sondern nur in Naturalien hellen sollen, und. daß Herr Elkeles- Hamburg die Herausgabe eines Organes der Gesamtorgamsation für dre Praxis der Wanderarmen-Fürsorge wünschte dann rst das Bild der Ergebnisse der Diskussion vervollstandigt. Nach Ähluß der Diskussion wurde dam, die folgende Resolution, von Herrn Tr. Paul Nathan und Kommerzienrat Hirsch-Halber st adt gemeinsam beantragt, einsttmmig angenommen. Tie Resolntton lautet: - x- "L wird beschlossen, eine Gesamtorganisatron zur Reform der Wanderarmen-Unterstützuno zu bilden und zwar auf Grundlage der Referate der Herren Feilchenfeld-Köln und Liebenfeld- Dochum. 2. Es wird beschlossen mit der Ausführung der obigen Resolutton den „Teutsch-Jsraelitischen Gemeinde-Bund" zu betrauen, der verpflichtet ist alle weiteren Schritte zur Durchführung der Gesamtorganisation mit möglichster Beschleunigung herbeizuführen. . a -3wird beschlossen, daß der Vorsitzende be§ ^ett Professor Philipyson, zur Durchführung her obigen Resolutionen alle jenen Persönlichkeiten hinzuzieht, die ihm hierfür zweckdienlich erscheinen. 4. Tie obigen Beschlüsse werden nur zur Berichterstattung an ihre Auftraggeber von feiten Anwesenden entgegengenommen, die nicht in der Lage sind, sogleich Stellung zu nehmen. 5. Diese Vertreter werden ersucht, ihre Auftraggeber mit möglichster Beschleunigung zu einer Zustimmung, resp. Stellungnahme zu obigen Resolutionen zu veranlassen." (Wir behalten uns vor, auf den Gegenstand und die Ergebnisse der Versammlung noch zurückzukommen. Red.) ___ Ll. Hamburg, 6. Dez. Am gestrigen Sonntag fanden die sogen. Listen- resp. Minoritätswahlen unter überaus großer Beteiligung statt. Es wurden insgesamt nahezu 400 Stimmen abgegeben und zwar entfielen davon aus Herrn Eduard Berlin, den Vorsitzenden des Vereins selbständiger jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender 220, während Herr H.Bachrach 179 Stimmen erhielt. Da die vom Gemeindevorstand laut Statut festgesetzte Stimmenzahl für diese Wahl nur 171 betrug, so sind somit beide Herren auf fünf Jahre als Mitglieder der Repräsentantenkollegiums gewählt. In weiteren Kreisen der Gemeinde wird es allgemein freudig begrüßt, daß zum ersten Male ein Vertreter des Handwerks in das Gemeindekollegium einzieht. Die eigentliche Hauptwahl bei der noch 13 Repräsentanten und 7 Ersatzleute zu wählen sind, findet am 21. d. Mts. statt. Jena, 3. Dez. Die Landtagswahlen, die gestern in 23 Wahlkreisen Sachsen-Weimars stattfanden, brachten den Antisemiten wiederum eine empfindliche Niederlage. Freiherr v. Nicht Hofen ist in seinem bisherigen Wahlkreise Jena-Land, der ihm bei der vorigen indirekten Wahl nur unter sehr eigentümlichen Umständen zugefallen ist, glänzend durchgefallen, er erhielt, soweit sich bisher feststellen ließ, nur 611 Stimmen, der liberale Bürgerschullehrer Oskar Matth es 907 und der sozialdemokratische Kandidat 866 Stimmen. Reichs- Lagsabgeordneter Graes, der in Weimar kandidierte, ist dem bisherigen Abgeordneten Bürgerschullehrer Polz (Freisinnige Volkspartei) unterlegen. Neichstagsabgeordneter Lehmann, der zuerst „freisinnig", dann „nationalliberal" war, nun sich dem „Bund der Landwirte" in die Arme geworfen hat und in Antisemittsmus macht, kommt in eine aussichtslose Stichwahl mit einem Sozialdemokraten. Eisenach hat den nationalliberalen Justizrat Dr. Appe lius, der sich als ein sehr gewandter und entschieden liberaler Politiker bewährt hat, wiedergewählt. In zehn Wahlkreisen haben Stichwahlen stattzufinden,' hierfür ist Termin auf den 17. Dezember angesetzt. Erst der Ausfall der Stichwahlen wird zeigen, ob in der Zusammensetzung des Landtages, auch abgesehen von der Verminderung der antisemitischen Fraktion, eine wesentliche Aenderung eintritt. Besonders bemerkenswert ist dieser Ausfall der Hauptwahlen dadurch, daß bei ihnen zum ersten Mal das allgemeine direkte Wahlrecht zur Anwendung gelangte und sie somit als Bolksurteil gelten dürfen, welches hoffentlich auch bei den Stichwahlen zu Gunsten des politischen Liberalismus seine Bestättgung findet. Sulz, Elf. 1. Dez. Es ist in der heutigen Zeit, da allgemein über konfessionellen Haß geklagt wird, herzerfreuend zu sehen, wie überall in Elsaß-Lothringen die christlichen Borger der Landgemeinden förmlich dafür kämpfen, daß ihren Gemeinden die Rabbinatssitze erhalten bleiben. Hier in Sulz fand am Mittwoch eine Gemeinderatssttzung statt, die als ersten Punkt der Tagesordnung die Verlegung des Rabbinats nach Gebwetler hatte. Gemeinderat Wittmer sprach sich gegen die Verlegung aus. Gegen die Zusammenziehung der Rabbtnate Sulz, Sulzmatt und Hattstatt habe er nichts einzuwenden, doch soll Sulz der Sitz.des Rabbinats bleiben. Man dürfe nicht alle Beamte von Sulz nach Gebweiler ziehen lassen. In gleichem Sinne sprach sich Gemeinderat Weißenhorn aus. Sulz liege im Zentrum des Kreises und sei als Sitz des Rabbinats besser geeignet als Gebweiler. Auch Bürgermeister Ehrhardt teilte die Ansicht der Vorredner. Gegen die Zusammenziehung der Rabbinate sei nichts einzuwenden Die beabsichtigte Zusammenziehung der drei Rabbtnate geschehe aus Rücksichten der Sparsamkeit. Mit den bisherigen Rabbinergehältern sollen die Gehälter der Lehrer aufgebessert werden. Sulz sei seit 1*20 Rabbinat, während Gebweiler nie der Sitz eines Rabbiners gewesen sei. Der Bürgermeister bringt sodann als Resüme seiner weiteren Ausführungen einen Antrag folgenden Inhaltes zur Abstimmung: „Der Gemeinderat tritt für Beibehaltung des Rabbinats Sulz ein, nicht nur einer mehr als ein Jahrhundert langen Tradition entsprechend, sondern auch weil Sulz als Sitz des Rabbinats mehr im Zentrum gelegen ist als Gebweiler. Neberdies sei in Betracht zu ziehen, daß der Wohnungszuschuß an den Rabbiner, wenn er in Gebweiler, wo die Wohnungsverhältnisse bedeutend teuerer seien als in Sulz, seinen Wohnsitz aufschlage, sich bedeutend erhöhen werde." Der Gemeinderat beschloß einstimmig die Anfrage der Regierung in diesem Sinne zu beantworten. Ungarn. Im Zeichen Ser loleranr. (Bon unserem Korrespondenten). A. Gr. Budapest, 30. Nov. In der gestern Abend stattgehabten Sitzung der Stadtverordneten der Haupt- und Residenzstadt Budapest wurde der hiesigen orthodoxen Gemeinde, zum Zwecke des Baues einer Synagoge und Schule, eine Subvention von 200000 Kronen bewilligt. Diese Opferwilltgkeit der städtischen Repräsentantenversammlnng ist ein wertvolles Dokument der Toleranz der führenden Persönlichkeiten unserer Hauptstadt. Es befindet sich unter den Stadtverordneten eine große Zahl unserer Glaubensgenossen, doch ist dieser Sieg der Gerechtigkeit und Toleranz in erster Reihe dem Bürgermeister Dr. Stephan Barezy zu verdanken. Gegen die Bewilligung der Subvention sprach sich ein einziges Mitglied der Stadtverordnetenversammlung aus. Dies war Herr Dr. Moritz Fürcdi — selbstverständlich ein „Glaubensgenosse". Doch schenkten diesem Herrn weder Juden noch Christen Gehör und die beträchtliche Summe von 200000 Kr. wurde mit großer Majorität der hiesigen orthodoxen Gemeinde bewilligt. Nach dem gestrigen Beschluß der Stadtverordnetenversammlung geht ein sehnsuchtsvoller Wunsch der Budapester gesetzestreuen Juden seiner baldigen Erfüllung entgegen, denn die einzige Synagoge der Orthodoxen befindet sich in einem Mietshause, von vielen jüdischen Geschäften, in denen am Samstag gearbeitet wird, umringt, und ist schon heute für die stets zunehmende Gemeinde zu klein. * * * In Nummer 45 des „Israelit" wurde über einen Erlaß des Unterrichts- und Kultusministers berichtet, nach welchem der jüdische Religionsunterricht in den Mittelschulen nicht der Aufsicht des jüdischen Schulstuhles, sondern der des Rabbiners unterliege. Nun hat betreffs des Religionsunterrichtes aller Konfessionen in staatlichen Schulen der Kultusminister neulich wieder eine Verfügung getroffen. Es ist dies eine an alle Königlichen Schulinspektoren gerichtete Verordnung, in welcher dieselben darauf aufmerksam gemacht werden, daß die in staatlichen Schulen wirkenden Religionslehrer auf ein Honorar seitens des Staates nur dann Anspruch machen können, wenn sie den Religionsunterricht in ungarischer Sprache erteilen. Durch diesen Erlaß werden nün zahlreiche jüdische Reliaionslehrer, die dieser Bedingung nach Lage der Dinge nicht entsprechen können, ihrer staatlichen Besoldung verlustig. * * * Seit langer Zeit ist der Hechscherim-Unfug bei uns auf der Tagesordnung. Gewissenlose Menschen haben eS verstanden einige orthodoxe Rabbiner in ihr Netz zu locken und deren Leicht;