Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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9. Dezember 1909. Der JSraelit. «r. SS. Seite 7 eifrig dem Thorastudium Obliegenden unterstützen Beherzigen Sie diesen Gruß aus einer höheren Welt der Unsterblichkeit! (Schluß folgt.) orrespondenzen und Machrichten. lletdrdtc« Wteictz. Die Regel mg 9er IDanöerarmenfUrsorge, (Bon unserem Korrespondetnen.) Berlin, 7. Dezember. Glicht wie seit vierzig Jahren auf fast allen Tagungen des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" stand auf der am letzten Sonntag in Berlin abgehaltenen, von zahlreichen Delegierten aus allen Teilen des Reiches, auch von der „Alliance Israelite Universelle", dem ,^ilfsverein der deutschen Juden" und der Großloae U. O. B. B. besuchten Tagung die Frage der Vesten Methoden zur Bekämpfung des „Wanderbettels" auf der Tagesordnung, sondern das Problem der Zentralisierung aller im Dienste der jüdischen Wanderarmenfürsorge stehenden Kräfte, durch welche man eine rationellere Hilfe und Abhilfe, eine zweckdienlichere Verwendung der hierfür alljährlich aufgebrachten Mittel und eine größere Einhelligkeit der Aktion zur möglichsten Eindämmung des häßlicher Weise so genannten jüdischen „Wanderbettels" erhofft. Das erste Referat erstattete, nachdem Prof. Philippson als Leiter der Versammlung diese begrüßt hatte, Herr Feilchenselb-Köln. Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit eines einheitlichen Vorgehens in der Frage der Bekämpfung des Wanderbettels sei heute wohl, wie er hoffe, allgemein. Mit der Neuordnung der Dinge würden an die Opferwilligkeit der Gemeinden in keinem Falle höhere Ansprüche gestellt, im Gegenteil trete eher eine Entlastung ein. Andererseits soll der Wohltätigkeitssinn,, der aus dem guten jüdischen Herzen quelle, nicht etwa eingedämmt, erdrückt, vielmehr nur in vernünftige Bahnen gelenkt, der Strom reguliert werden. Der Wanderbettler soll bester behandelt werden, für den inländischen Armen am Orte seines Unterstützungswohnsitzes gesorgt werden. Ist die Gemeinde leistungsunfähig, dann werde die Organisation, der Verband, mit seiner Hilfe einzugreifen haben. Handwerkern und zur Tätigkeit Fähigen sei Arbeitsgelegenheit zu verschaffen, den Aus- und Rückwandernden das Kreuz- und Querfahren zu ersparen. Finanzielle Ersparnisse sollen dabei ganz und gar nicht gemacht werden. Ein einheitliches Tun, eine große Organisation sei dringend notwendig, um gemeinsam vorzugehen. Was eine gute Organisation bedeute, das zeige im Kleinen der rheinisch-westfälische Verband. Dort habe man jetzt zwei Kaffen, die Zentralkaffe für Aus- und Rückwanderer und daneben eine jüngst begründete besondere „Kasse für Wanderbettler". Die letztere sei im Monat Juli auf des Referenten Initiative begründet worden. Im ersten Monat des Bestehens im Juli wären 236 Wandernrot mro^ ijunav 'b yau ya naa -pno (1 nwi6 min man wa 'Tarrfc pa: noapn caina av 'aax asm pnv p"p na nay nbnp D'panDi 'aaiab on ayDiw /ow mtyy ytwa n? niawn avab noapna ddi:) --nawc D’iDiSn •(aaw «a^py 'a bettlet abgefertigt, im August wären es auch noch 234 gewesen, dagegen wäre diese Zahl im Oktober auf 171 und im November bereits auf 110 zurückgegangen. Jetzt bekomme der Wanderbettler eine Unterstützung nur in Köln, sonst in keiner einzigen anderen Gemeinde, die jetzt alle vom Wanderbettel durch Zusammenschluß völlig entlastet seien. Wenn man nun in Frankfurt am Main sage, daß der Wanderbettel in Zunahme begriffen sei, während hier in Rheinland- Westfalen eine frappante Abnahme zu verzeichnen sei, so liege das wohl daran, weil dort in Frankfurt die Organisation anders gewirtschaftet habe, wie in Köln. Frankfurt sollte es genau so machen wie Köln, wo man mit den beiden Kassen sehr gute Erfahrungen gemacht hat. Die rheinischwestfälische Organisation könne mustergültig genannt werden und so gewissermaßen im Kleinen das Vorbild für die nun geplante große Organisation für ganz Deutschland sein. Für diese deutsche Gesamtorganisation zeichnete der Referent folgende Grundlinien: Für ganz Deutschland sind 21 Provinzialkassen zu begründen, an den Zentralpunkten der Provinzen, resp. Bundesstaaten, und zwar nicht im Anschluß etwa an bestehende Gebilde, sondern als selbständige Gründungen. Solche Provinzialkassen seien zu errichten für Bayern drei und zwar in München, Nürnberg-Fürth und Würzburg,' für Württemberg 1 und zwar inStuttgartfür Baden 1 und zwar in Mannheimfür Elsaß-Lothringen 2 und zwar in Metz und Straßburg,' für das Königreich Sachsen 1 und zwar in Leipzigfür Hamburg 1 (für die Hansestädte und Schle > wig-Holstein) - ferner in Preußen in den folgenden Städten : Frankfurt a. M. (für Hessen-Nassau), Köln, Bochum, Kassel, Hannover,Magdeburg, Berlin, Stettin, Posen, Königsberg, Danzig und Breslau. Ueber den Provinzialkasien, als Spitze, ist für ganz Deutschland eine Zentralkasse zu errichten und zwar mit dem Sitze in Berlin.. Hier seien die Zentralen unserer anderen großen Organisationen, hier verfüge man am besten über die erforderlichen Menschenkräfte, geeignete Persönlichkeiten und habe im „D. I. G. B." auch bereits den bureaumäßigen Apparat. Eine besondere Zentrale für Süddeutschland, so hoffe er, werde man nicht begehren, so partikularistisch sei man doch in unseren Kreisen nicht. Das würde die Einhelligkeit wieder gefährden und wäre auch aus anderen Gründen höchst unpraktisch. Diese Zentralkaffe bedürfe natürlich auch finanzieller Mittel. Er schätze den erforderlichen Etat derselben auf 80000 Mk. jährlich. Diesen Betrag möchte er so verteilen: Die Gemeinden hätten zur Zentralkaffe M. 30000 beizusteuern, in welcher Weise, werde man gleich sehenden Rest von 50000 Mk. würden wohl die beiden großen Organisationen der „Hilfsverein der deutschen Juden" und die „Alliance Israelite" mit je 25000 Mk. beisteuern. Sie subventionieren ja auch jetzt schon Institute, die der Wanderarmenfürsorge dienen und letzten Endes kämen die Mittel doch auch jener Kategorie von Armen zu gute, deren sie sich auch in anderer Weise, auf einem anderen Gebiete in ihren Heimatländern annehmen. Dieser 80000 M. bedürfe die Zentralkaffe u. A. zur Subventionierung notleidender Provinzialkassen und zwar rechne er 40000 M. für Wanderbettler, 30000 M. für Rückwanderer und 10600 M. für Bureaukosten ic. Die Einzelgemeinden also sollen, wie schon betont, keineswegs größere 'Opfer bringen als bisher. Dazu sei es zunächst erforderlich, einmal statistisch festzustellen, wieviel sie bisher für diese Zwecke aufgewandt haben. Diese Feststellung sei in der Weise möglich,. daß man einmal die Positionen, die in den Gemeinde-Etats hierfür eingesetzt find, dann aus den Kaffenabrechnungen der Wohltätigkeits rc.-Vereine die Summen feststelle, die für diesen Zweig der Wohltätigkeit verausgabt find und schließlich würde man auch die Summen eruieren können, die einzelne prominente Persönlichkeiten der Gemeinde aus privaten Mitteln in privater Weise für die Wanderbettler rc. hergegeben. Da die Einzelgemeinde der Sorge für die Wanderbettler und Rückwanderer durch die Provinzialkaffe völlig enthoben wird, hätte sie 3h der so gesparten bisherigen Ausgaben für diese Zwecke an die Provinzialkaffe abzusühren, V* an die Zentralkaffe und V» solle ihr verbleiben für unvorhergesehene Fälle. Ein provisorisches Statut und die Geschäftsordnung könnten sofort gemacht werden. Die Frage sei vollständig spruchreif. Mit einem Appell an die Solidarität empfiehlt der Referent aufs angelegentlichste die Bildung dieser Gesamtorganisation. Der zweite Referent Herr Liebenfeld- Bochum ergänzte durch ein reiches statistisches Material aus dem Wirkungsgebiet der rheinischwestfälischen Organisatton die Ausführungen des ersten Referenten. Herr Dr. Paul Nathan beantragte, die Details des Organisationsbaues einer Kommission zu überweisen, aber sofort den Beschluß zur Bildung der Gesamtorganisatton hier zu fassen. In der sich anschließenden Diskussion, die von Herrn Berliner-Hannover eingeleitet wurde, der die schwer zu beantwortende Frage stellte, was denn letzten Endes aus den „Wanderbettlern" werde, wie man sich die definitive Lösung denke, sprachen eine Reihe von Herren wie Herr Chaim-Köln, Herr Laskar-Hamburg und Herr Seckbach gewisse Wünsche aus bezüglich der Methoden, wie man Wanderbettel bekämpfen müsse. Von Interesse waren indessen zunächst die Erklärung der Vertreter der drei großen Organisattonen der „Alliance", des „Hilfsverein" und der Großloge. Namens der „Alliance" erklätte Herr Klausner die volle Sympathie der ^Alliance" für die gevlante Gesamtorganisation. Nur wünschte er, daß die Zenträlkasse nicht ihren Sitz im „Teutsch^Jsraelitischen Gemeinde-Bunde", sondern bei der Berliner Gemeinde oder vielmehr bei deren „Mfertigungsstelle" baden rolle. Unter dieser Voraussetzung würde die „Alliance" für die Zentralkasse — zwar nicht gleich 25 000 Mk. — aber doch 16000 Mk. hergeben.. Indessen lasse sich auch über ein Mehr noch reden. Es sei gleich hier bemerkt, daß Herr Klausner seinen Widerspruch gegen die Domizilierung der Zentralkasse im D. I. G. B." aufgab und sich auch damit einverstanden erklärte. Auch der Vertreter des „Hilfsvereins der . deutschen Juden", Herr Tr. Nathan, begrüßte ' freudig die geplante Gesamtorganisation und versprach die Förderung derselben durch Rat und Tat seitens des Hilssvereins. Eine ähnliche Erklärung gab im Namen der Großloge Herr Tr. S o n d er l i n g ab. Bedeutungsvoll war ferner der Antrag des Herrn Kommerzienrat Hirsch-Halberstadt, der dahin ging, daß man sich zuerst der Zustimmung der kleinen Gemeinden versichern müsse. Er schlug vor, an Ort und Stelle sogenannte Distrrktskommifsionen einzurichten, in welchen die Bettveter örtlich benachbarter Gemeinden sich schlüssig machen sollen. Ohne die Gewinnung der Massen könne man nichts Großes und Ersprießliches erwarten. Orts kassen müßten der Provinzialkasse vorausgehen. Vom Borstandstische wurde darauf verwiesen, daß sein Antrag sich sehr wohl mit dem Tr. Nathan's vereinigen lasse, was schließlich dazu führte, daß am Schluß der Versammlung eine Resolution zur Annahme gelangte, die,von den beiden Herren gemeinsam beantragt war. Aus der weiteren Debatte ist besonders hervorzuheben, daß Herr Hirschler-Frankfurt a. M. sich gegen die Ausführungen des Herrn Feilchenfeld-Köln über die Handhabung der Wanderarmenfürsorge in Frankfurt a. M. energisch wandte. Frankfurt, so erklärte Herr Hirscher, ist, wie alle Wett weiß, aus dem Gebiete der Wohltätigreitsübung imißgebend und hat die Angriffe gewiß nicht verdient. Ten Wanderbettel überhaupt aus der Welt schaffen, können wir nicht. Auch müssen wir auf die Auffassung unserer Gemeindemitaljeder Rücksicht nehmen. Eine Organisation ist ja sehr schön, aber alles Heil davon dürfen wir uns nicht versprechen. Tie eigenattigen Verhältnisse der kleinen Gemeinden sind dabei vor allem mit in Rechnung zu ziehen. Turin stimme er mit Herrn Kommerzienrat Hirsch-Halberstadt und dessen Antrag überein. Herr Heinierdinger -Wiesbaden wies daraus bin, daß, wenn in Köln in den Monaten September und Oktober ein Rückgang in der Zahl der Wanverbettlsr zu verzeichnen gewesen sei, man die gleiche Wahrnehmung überall gemacht haben würde. Fielen doch in diese Monate die jüdischen Feiertage, die auch der Wanderbettler dazu benütze, nicht auf der Straße zu sein. Im übrigen stellte der Herr die Behauptung