Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Gelte L Nr. 49 Der JSraeltt. ob sie nach der Religionsvorschrift eine gut jüdische roiD ist. Wir hüllen uns in das n'bto und bewundern die an demselben sichtbaren Fortschritte der Webekunst. Wohl. Aber vor allem muß es ein wirklich jüdisches nHv sein mit vier Ecken und mit n'S'X an den Ecken. Wir leben in der jüdischen Gemeinde und freuen uns mit den nützlichen humanen Verbesserungen in ihren Erziehungs- und Hellanstalten, mit der in ihren Gebetsstätten herrschenden Ordnung und Ruhe. Wohl! Aber vor allem muß diese Gemeinde eine gut jüdische Gemeinde, die alte jüdische Gemeinde sein. Wir wollen aufrecht stehen und wollen als Juden die Neuzeit lieben. Wo und wann immer große humanitäte Weltausgaben Kraft und Vermögen in den Dienst rufen — wann immer das Vaterland im Krieg oder Frieden zur Verteidigung der Grenzen und zur Hebung und Förderung seiner Wohlfahrt aufruft, da sollen und wollen wir unseren Mann stellen. Wohl! Aber wir fügen noch ein Wörtchen hinzu: Man soll Jude sein! * * * Verehrte Versammlung! Wie sollen wir es nun verstehen, wenn gewisse Herolde der Neuzeit von einem „zeitgemäßen religiösen Bewußtsein" des Judentums reden und an dieses zeitgemäße religiöse Gewissen appellieren, um all das, was sie als Forderung des Zeitgeistes ausgeben, durchzufetzen? Also der Rahmen soll dem Bilde Leben einhauchen, das Reformkleid der Neuzeit soll den Körper, der ihm angepaßt wird, ein lebendiges Gewissen und ein erhebendes Bewußtsein verleihen? Mit Verlaub, meine Herren Gewiffensräte und Bewußtseinsschöpfer, das geht nicht. Wenn Ihr den Reformrock fertig habt und dann das Judentum zu einer bildsamen Masse überkneten und modeln wollt, wenn Ihr den jüdischen Religtonsgesetzen das Rückgrat nach Belieben krümmt und wieder streckt, wenn Ihr ihm die Zeremonialvorschriften, nicht nur die abgestorbenen, tm Ritus und Kultus beseittgt, und die alten mnae als überflüssige Glieder kürzet, so bringt Ihr wohl eine Figur zustande, deren Leib auf das Kleid rugeschnitten ist und dem das Kleid natürlich tadellos anliegt. Nur dürft Ihr, dürfen wir eins nicht vergessen — das, was in diesem so kleidsamen Rocke steckt, pulsiert nicht, es denkt und fühlt, es lebt nicht — es ist eine Puppe! Das Judentum will aber keine Puppe sein! Und noch eins. Dieses angepriesene Reformkleid ist nicht einmal im eigenen Atelier der Reformkünstler hergestellt. Das zeigt dessen ° hinaufführen. Davor einen langgestreckten Hos, dessen Seiten von Bänken eingeschlossen sind und in dessen Mitte sich ein Opfertisch erhebt. Diese Knltanlaqen sind seit Musils Entdeckung Gegenstand zahlreicher Abhandlungen geworden. Auch die Steinsymbole in den Tempeln z. B. dem von Fatuma, besitzen höchsten. geschichtlichen Wert, wie nicht minder die eigenartigen Lustschlösser, die Musil in der Wüste ausfand und von denen Amra heute wohl keinem Gebildeten mehr unbekannt ist. Auf der letzten Reise entdeckte der Forscher übrigens ein zweites Amra, das ebenfalls mit Wandmalereien versehen war, von denen sich leider nur wenige Bruchstücke erhalten haben. Eigenartiges Interesse erwecken die ethnologischen Ergebnisse der Forschungen Professor Musils. So schilderte er, daß bei dem einzigen echten Repräsentgyten des Beduinentums, dem mächtigen Stamme der Revala, die Namensgebung durch die Mutter, weist höchst eigentümlich nach den Begleitumständen bei der Geburt, erfolgt, ohne daß man jedoch daraus Schlüsse auf die Existenz eines Mutterrechtes ziehen könnte. sülch das biblische Asylrecht findet sich bei den Revala wieder, und zwar ist es die Umgebung des Zeltes in Lanzenlänge, die dem Geächteten od?r Flüchtigen eine unantastbare Zufluchtsstätte bietet. Tie Ansicht, daß das alttestamentarische Asylrecht, in der nachexilischen Zeitperiode seine Entstehung fand, wird von Musil ebenso entschieden abgelelmt, wie viele andere unbegründete, auf billigen Hypothesen beruhende Aufstellungen einer seichten Bibelkritik. Am Schlüsse seiner Ausführungen schilderte er den tiefen und nachhaltigen Eindruck, den die Wüste auf den denkenden Menschen ausübt, ja wie sie den Glaube» an Gott und an bjtz Authentizität der biblischen Berichte dem Mensche» geradezu anftwingt. klingendes Christentum und der Sonntagsgottesdienst. Was wird man von einem Bekleidungskünstler und einer Künstlerin halten, die ihren eigenen Staat, Röcke und Roben, diesen ganzen Staat aus der fernen Fremde beziehe? Nein, nicht so: Selbst ist der Mann und nur ein solcher kann von Selbstbewußtsein reden. In weltlichen Dingen, wo es sich um Vorteile im sozialen Leben zugunsten eines hohen Zweckes handelt, ist die Selbstverleugnung eine Tugend. Wo es sich jedoch um Güter nattonaler oder religiöser Natur handelt, da ist die Selbstverleugnung eine Charakterschwäche, die infolge einer Krankheit auftritt. Die Krankheit heißt Assimilatton. Ihr Hauptmerkmal ist die Sucht, auf Kosten der angeborenen und anerzogenen Eigennatur andern gleich zu sein oder doch zu scheinen. Diese Krankheit kann auftreten bei einer einzelnen Person, sie kann verderblich wirken im Familienhause und am verderblichsten im Gemeindehause. Unsere Talmudweisen unterscheiden diese Stufenfolge, indem sie sagen: die Wundschäden, die sich am Menschen zeigen on« 'ZN2 sind bedenklich; doch sind sie durch die göttliche Gnade leichter unschädlich zn machen. Viel gefährlicher sind diese Schäden, wenn sie sich am Hause zeigen oto — das sind Wahrzeichen des göttlichen Strafgerichts, das gründlich hineingreift in das Geschick ganzer Familien und Generationen. Denn so ein schadhaftes Haus ist morsch und droht jeden Augenblick mit dem. Einsturz. Diese Bemerkung der Weisen erinnert mich an eine kleine Geschichte, die ganz vor kurzem einem alten Mann mit weißen Haaren begegnet ist, oder doch begegnet sein könnte, und die ich Ihnen aus gewissen Gründen nicht vorenthalten möchte. Kam da der alte Mann an einem Hause vorbei, das von außen stattlich aussah. Doch siehe, am Eingang des Hauses und an der Treppe war eine Tafel angebracht mit der Inschrift: „Leise öffnen, leise treten!" In diesem Hause befindet sich gewiß ein schwer Kranker — dachte der Alte, und da in dem Hause auch einige seiner Freunde wohnten, drängte es ihn, nachzufehen. Leise auftretend bestieg der Alte die.Treppe und gelangte oben in ein großes Gemach. Doch zu seinem Erstaunen fand er dort eine ganz fidele Gesellschaft, die sich über dies und jenes in Hitze der Debatte laut, ja überlaut unterhielt. Verwundert ftagte der Alte:„Wo ist denn der Kranke?" Doch ebenso verwundert antwortete man ihm: „Hier befindet sich kein Kranker." „Und warum ist da unten die Tafel mit der Inschrift „leise treten" ange- (Zrrr Schrift der alten Philister.) Das „Quarterly Statement" des „Palestine Exploriation Fund" weist einen Zusammenhang der Philister mit Kreta, wie ihn Eduard Meyer auf Grund der zu Phaistos gefundenen Tonscheibe mit eingepreßten Schristzeichen herausfinden wollte (vergl. „Israelit" Nr. 46), entschieden zurück. Die in der Bibel mit den Philistern in Zusammenhang gebrachten Kaphtorim kommen nach dem Gewährsmann des Palestine Exploration Fund aus Kappadocien, wo eine semitische Bevölkerung neben den Hettitern, deren Abstammung noch unbestimmt ist, wohnte. Die mit beweglichen Typen beschriebene Tonplatte von Phaistos ist im letzten slrchäolvg. Anzeiger abgebildet. Evans hält sie für nach.Kreta importiert. Eines der Zeichen gibt einen eigenartig gewölbten Bau auf Stützen wieder, der Aehnlichkeit mit lykischen Häusern und Gräbern hat. Das ließe doch auch auf kleinasiatische Herkunft der Phaistos-. platte schließen. Der Kriegerkopf mit der F^derkrone, wie ihn die Pulesatha (Philister) und Shardana der Reliefs von Medinet Haber tragen, weist gewiß auf Philister, beweist aber nicht, daß Kaphtor itttb Kreta identisch sind, wenn auch der Tondiscus in Kreta gefunden wurde, dem übrigens religiöse Bedeutung zugeschrieben wird. (Eine Familie von Lebensrettern.) Einen seltenen Rekord hat die innrer Newyorker Ostseite wohnende Familie Levy dadurch erreicht, baß die drei Brüder Moses, Irving und Abra ha m Levy vom Bürgermeister dtzr Stadt Newyork an einem und demselben Tage mit je einer silbernen Medaille für heldenmütige Errettung von Menschen ausgezeichnet wurden. Jeder der drei Brüder durfte sich der Errettung eines Menschenlebens von sicherem 'Erstickungstode rühmen. In der Ansprache an die Ausgezeichneten wurde besonders der Fall des 9. Dezember 1909 bracht?" „Ach, meinten die Herren lachend, das hat einen andern Grund. Das Haus zeigt an mehreren Stellen Riffe und scheint baufällig geworden zu sein, darum ist das Leisetreten geboten." „So, meinte der Alte, und darüber könnt Ihr lachen, und was soll das Leisetreten helfen. Da geht hin, ihr Mänyer und bessert das Haus aus und stützet es mit festen Stützen und eisernen Trägern." Der Alte hatte gemeint in ein Krankenhaus zu kommen und war in ein krankes Haus geraten. Er verließ es alsbald und weiß es nicht, ob die Bewohner seinen Rat befolgen werden. Ich weiß es nicht und will es nicht untersuchen, ob das Haus dieser alten jüdischen Gemeinde altersschwach oder morsch geworden ist. Das eine aber weiß ich, und das habe ich von jenem alten Mann gelernt: W e n n dies der Fall ist, wenn sich Schäden an dem Hause zeigen, so hilft das Leisetreten nichts! Da helfen nur feste Stützen und eiserne Träger, da hilft nur das ehrliche Zusammenwirken all der Männer und Vereine, denen die Erhaltung des Hauses der alten jüdischen Gemeinde am Herzen liegt. Brauche ich Eie daran zu erinnern, daß es in dieser alten jüdischen Gemeinde Männer gegeben hat o'pHSfi enita, die es verstanden eiserne Träger und Pfeiler für das n'3 für das Haus Israels zu fertigen? Ich erinnere bloß an 'WK *aspy /m\, einen Mann, der an diesen Säulen und Trägern schmiedete und hämmerte und der selbst eine . starke Stütze war für nun und im Reiche und in der weiten großen jüdische« Welt. Ist die Werkstatt für immer geschloffen, soll das Feuer in der Esse für immer erloschen sein? Hier halte ich die Abschrift eines Briefes in -er Hand, den der große ^"s h an seinen Sohn V'T '*> gerichtet, und der einen Gruß an die altehrwürdige Gemeinde Posen enthält, den ich Ihnen, meine Verehrten, in deutscher Uebersetzung vorlesen will. Der Brief datiert vom Monat ran des Jahres 5594. In demselben wendet sich der gefeierte Vater an seine schon damals berühmten Sohne mit folgenden Worten: „Da Du, wie ich Deinem Schreiben ent0 nommen, mein herauszugebendes Werk mit einem Vorworte zu versehen gedenkst, so halte ich es für gebührlich, daß in diesem Vorworte meine volle Anerkennung zum Ausdruck komme, die ich gern den Mitgliedern der Gemeinschaft Jeschurun, in der hiesigen gottgehelligten Gemeinde Posen, in deren Dritte ich seit nun neunzehn Jahren weile, dafür zolle, daß sie auf meine ermahnenden Belehrungen hören und die in meiner Jeschiba Irving Levy als außerordentliche, mit der Gefährdung des eigenen Lebens vollbrachte Heldentat hervorgehoben. Irving Levy rettete den Peter Klug aus den Wellen des East River. Es war nach Mitternacht und Levy hatte einen grotzen Kamps zu bestehen, um nicht von dem Sinkenden in der pechschwarzen Nacht in den Abgrund gezogen zu werden. Die Brüder Levy, die aus Rußland stammen, sind alle drei Hafenarbeiter und als ausgezeichnete Schwimmer bekannt. (Salmanassars Großvater.) In der letzten Sitzung der „Akademie des Inscriptions et Belles- Lettres“ hat der französische Assyrioloae S ch e l l Mitteilung. von der Entzifferung der Inschriften auf einem altassyrischen Ziegelsteine gemacht, .den er für einen der bedeutendsten Funde der letzten vierzig Jahre hält. Dieser Ziegelstein, der von dem französischen Äonsul vor kurzer Zeit nach Mossul gebracht wurde, enthält nämlich einen Teil der offiziellen Aufzeichnungen des Königs Tukulti-Ninip II., der von 889—884 vor der übl. Zeitr. in Assyrien herrschte und kein anderer als der Großvater Salmanassars und somit ein Zeitgenosse des israelitischen Königs Zehn war. Ter assyrische Text, der in der klassischen Sprache des damaligen Assyrien abgesaßt ist, gibt eine ausführliche Beschreibung des sechsten Krieges Tukulti- Ninips, den dieser in fünf Zügen, in einem Zeitraum von zwei und einem halben Monat, gegen die Babylonier führte. Es ist besonders interessant, der Keilschrift entnehmen zu können, daß die Assyrer ihren Sieg über Babylon vor allem ihrer vorzüglich ausgebildeten Reiterei verdanken. Nicht weniger als 272(1 Pferde wurden von ihnen erbeutet. Auf die Schilderung dieses Kriegszuges folgt die Aufzählung der Werke, die Tikulti-Ninip in der folgenden Friedenszeit zur Hebung seines Landes geschaffen hat. i.' xs:;• '|1