Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9 DezemStt 1909. machen konnte?! Zwar errangen fie zunächst noch keinen vollen Siegaber sie erreichten bei der Wahl doch, daß neben 4 konservativen, 2 indifferente und ein ihrer Genossenschaft angehöriges Mitglied als Wahlmänner ausgelost wurden. Da der letztere ein sehr energischer und listenreicher terr war, so wurde er zum Vorsitzenden der ommission ernannt, und so hatte er es in der Hand, durch eine systematische Verschleppungs- Politik die Gegner so würbe zu machen, daß schließlich ein „Reformer" gewählt wurde. Diese eine Schwalbe machte zwar noch keinen Sommer/ aber für den Mangel an Disziplin und Charakterfestigkeit unter den Konservativen, dem sie später ihre völlige Ausschaltung aus der Gemeindeverwaltung zuzuschreiben hatten, ist dieses Vorkommnis doch recht symptomatisch. Sie hätten von ihren Gegnern lernen sollen! Diele Herren, aus deren Reihen den Orthodoxen, als sie sich aus Gewiffensbedenken von der Stammgemeinde absonderten, verblümt und unverblümt der Vorwurf entgegenschallte, daß sie nur um Steuern zu sparen, aus der Gemeinde ausschieden, diese selben Herren besaßen damals den Mut der Rücksichtslosigkeit die Steuerzahlung, die gesetzmäßig veranlagt war, zu verweigern, weil die Gemeinde ihre Forderung nach Subventionierung ihres Reformtempels abgelehnt hatte. Man muß es bet A. H. Heymann Nachlesen, wie diese offene Auflehnung der Höchstbesteuerten schließlich geradezu zu einer Zerrüttung der Gemeindefinanzen führte, so daß schließlich, als alle Mittel der Ueberredung, die der friedliebende Vorstand bis zur Selbsterniedrigung trieb, erschöpft waren, die Hilfe der Polizei und des Exkutors angerufen werden mußte. Später aber setzten sie doch ihren Willen durch und wußten zu erreichen, daß aus dem Gemeindesäckel ihnen alljährlich eine ansehnliche Summe als Subvention gezahlt wird. Hätten die Konservativen nur über eine kleinen Bruchteil dieser Energie und Rücksichtslosigkeit verfügt — es sähe heute anders aus in der Berliner jüdischen Gemeinde. Im Jahre 1848 fand die erste Gemeinde- Bertreterwahl auf Grund des Judengesetzes vom 23. Juli 1847, das bekanntlich noch heute zu Recht besteht, statt. Als aber der Vorstand seine Bestallung bei dem Polizeipräsidenten nachsuchte, wurde ihm diese verweigert, weil die Ausführungs- Bestimmungen für die Organisation der jüdischen Gemeinden, die das Gesetz vorsieht, noch nicht erlassen, das Gesetz also noch nicht rechtswirksam sei. So mußte denn noch einmal, zum letzten Male in Preußen, auf Grund des alten Generalprivilegs gewählt werden/ die Wahl ergab sowohl für Vorstand wie Repräsentanten eine geschloffene konservative Majorität, was darin zum Wunsch, womöglich die garrze heilige Schrift an den Orten der Begebenheit selbst zu studieren Llnd etwaige Unklarheiten bezüglich der Orte der Geschehnisse durch eigene Forschung zu beseitigen. Daß eine solche Aufgabe keine leichte ist, erscheint verständlich. Neben den genauen biblischen Kenntnissen erfordert sie topographische, ethnologische, archäologische und epigraphische Vorstudien, vor allem aber eine gewisse genaue Vertrautheit mit den verschiedenen Dialekten. Denn Musil ging den einzig richtigen Weg der unmittelbaren Fühlungnahme mit dem Volke der Wüste, was bei dem konservativen Charakter desselben eine reiche Fundgrube und ein wichtiger SchlussU sür das Verständnis der Heiligen Schrift sein müßte. Zu diesem Konservativismus tragen Klima und Lebensbedingungen in jmen Gegenden, die seit den Urzeiten dieselben geblieben sind, von selbst bei. Selbstverständlich müßte hierzu noch eine vertiefte Kenntnis auch des Kulturlebens der benachbarten Völker kommen, da nur dann eine zweckmäßige Fragestellung sicher erscheint. Als biblischer Topograph und Ethnologe durchquerte Professor Musil ganz Palästina und fast alle biblischen Länder, ^wobei jein Fuß Pfade betrat, die vor ihm kein Europäer gegangen war. Er konzentrierte jedoch seine Forschungen aus die Süögrenze des Gelobten Landes und auf die Gebiete der alten Moabiten, Edomiten und Araber. Die Ergebnisse der ersten Forschungsreisen sind in den jetzt allgemein bekannten Publikationen des Gelehrten durch die kaiserliche Akademie der Wissenschaften niederg:- legt. Eine zusammenfassende Darstellung der R^ise in den Jahren 1998/09 wird Professor Musil in der außerordentlichen Versammlung der Geographischen Gesellschaft (16. Dezember d. Js.) zu Wien bringen. Sein heutiger Bortrag galt den allgemein interessierenden topographischen kulturgeschichtlichen und L» Israelit. Ausdruck kam, daß zum Vorsitzenden des Vorstandes AH. Heymann, zum Repräfentanten- Vorsteher Moritz Veit, der bekannte Freund und Verehrer Michael Sachs', gewählt wurden. In diese Amtsperiode fällt eine Rei)e von Reformen besten Sinnes / man lese nur in den Erinnerungen, in welchem Zustande sich bis dahin die Miklvoh befand und welche Widerstände es zu beseitigen galt, als A. H. Heymann daran eine rituellen, ästhetischen und hygienischen ürfniffen entsprechende zu schaffen. Aber das Schicksal des Konservativismus war bereits besiegelt/ schon die nächsten Wahlen i. I. 1854 brachten einen neologen Vorstand mit Herrn Stadtrat Meyer Magnus als Vorsitzenden an das Ruder. Noch acht Jahre hatten die Konservativen wenigstens in der Repräsentanten- Versammlung die Mehrheit und konnten den Magnus'schen Radikalismus wenigstens etwas eindämmen / zu Ende des Jahres 1866 aber war auch der letzte Konservative ausgemerzt und die Firma Magnus-Wertheimer konnte, ohne Opposition zu finden, ihre absolute Herrschaft antreten und durch zwei Dezennien die Geschicke der Berliner jüdischen Gemeinde nach Gutdünken im Sinne der extremsten Reform und der Knebelung aller glaubenstreuer Regungen lenken. Dieses Regime erbaute die sognannte „Neue Synagoge" (Oranienburgerstraße) und führte dort die Orgel und das Aub'fche Gebetbuch ein / es berief zum Nachfolger eines Michael Sachs den von niemand ernst genommenen Aub und zum Nachfolger des braven und frommen R. Elchanan Rosenstein den der Gemeinde förmlich aufgezwungenen A. Geiger/ es stürzte durch den prunkvollen Synagogenbau, der rund 2l\t Mill. verschlang (!) die Gemeinde in eine Schuldenlast, die sie dann durch Demolierung des alten rvn nropn und Störung der Ruhe der Toten zu tilgen den Mut fand / sein Werk war es, daß der Boden bereitet wurde, auf dem die anfänglich kaum schüchtern sich hervorwagende Idee einer Trennung von der Muttergemeinde in den gesetzestreNen Kreisen immer festere Gestalt gewann, und man in diesen Kreisen es förmlich als eine Erlösung ansehen lernte, als die Geburtsstunde des Austrittsgesetzes v. I. 1876 schlug und damit die Gelegenheit gegeben war, den eisernen Ring, den Cliquenwirtschaft und Parvenutum um die Gewissen geschmiedet, durch eine entschlossene Tat für ewig zu sprengen. Es spricht förmlich Bände, wenn A. H. Heymann, dessen Friedfertigkeit füglich niemand bezweifeln wird, an dieser Stelle in seinen Erinnerungen sich wörtlich s o äußert: „Bei solchen Gemeindezuständen, und um nicht mit charakterlosen Personen, wie wir sie bereits kennen gelernt haben, in amtliche Berührung zu komnken, ethnologischen Ergebnissen. Er gab vor allem eine genaue Bestimmung der Südgrenze des Gelobten Landes, des Baches Aegyptens, dessen Identifizierung, abweichend von den bisherigen Anschauungen (man hielt das Tal Al-Aris für diesen Bach) ihm gelang, ebenso wie die Festlegung der Oertlichkeit der Wüste Sin und des Grenzgebirges Halak, welches in unseren Bibelübersetzungen fehlt, weil es durch die Worte „oas glatte, kahle Gebirge" ersetzt wurde. Dabei bemerkte Professor Musil, es sei oft überraschend, wie genau die Heilige Schrift die Lage der einzelnen Orte ungibt, wie sich die alttestamentliche Nomenklatur auch bis jetzt richtig erhalten 'habe. Ebenso qxlang dem Forscher, die Festlegung einzelner Städte der Stämme Juda und Simeon. Im weiteren Verlaufe seines Vortrages zeigte der Forscher den Zug der Israeliten aus Aegypten nach dem gelobten Lande, berührte die Sinaisrage, deren Lösung — er fand sie in der Lage des heiligen Berges, südöstlich von Elät Akaba im alten Miojan — für die Exodusroute bestimmend sein mußte. Tie Israeliten folgten nach Musil auf ihrem Zuge vom Berge Sinai nach Palästina in ihrer Hauptrichtung der großen Handelsstraße, die von Südarabien nach Phönizien führte, und lagerten 38 Jahre nahe der Südgrenze von Palästina mit der Hauptstation Kadesch-Barnea, das von Musil als identisch mit den Ruinen Kornub angenommen wird. Bon den weiteren Lagerplätzen gelang ihm Phunon genau in der Ruine Fenau in Pharan al-Araba festzustellen, wo er im Jahre 1896 Hvöls Kupferschrchte, viele Schmelzöfen und eine befestigte Arbeiterkolonie entdeckte, in der einst Tausende von Christen, ad metalla verurteilte, des erlösenden Todes harrten. Er zeigte ferner, daß jede gewaltsame Interpretation der uralten biblischen Schilderung der Seitentäler des Baches Arnon der geographischen Wirklichkeit Abbruch _ ■_-_Rv. 49. Gerte » beschloß A. H. Heymann alle seine Aemter niederzulegen, und wo bei einer Gesellschaft fein Mandat als Vorsteher abgelaufen war, lehnte er, so ungern man ihn auch entlassen wollte, konsequent jede Wiederwahl ab. Gleichzeitig löste er seinen jährlichen Beitrag durch eine einmalige Kapitalszahlung ab." Es hieße die Wucht der Anklage, die in diesen schlichten Worten eines Mannes liegt, der mit allen Fasern seines Herzens an der Mischen Gemeinde Berlins hing, der seine besten Kräfte in ihren Dienst gestellt, abschwächen, wollte man auch nur ein Wort des Kommentars an sie knüpfen. A. H. Heymann war Mitbegründer der Adaß Israel/ aber er blieb auch nach 1876 Mitglied der Stammgemeinde. Allein der Herausgeber feiner „Erinnerungen", Herr Dr. H Löwe, tut nicht gut daran, wenn er in der Vorrede diesen Umstand allzusehr urgtert. Es gibt eine Form des Austritts, die sich nicht an das Schema des Gesetzes bindet, und die dennoch wirkungsvoll ist, weil fie zum Ausdrucke bringt, daß jede innere Gemeinschaft zerstört ist und keine Hoffnung auf eine restitutio ad integrum bleibt. Diese Form hat A. H. Heymann gewählt, wie seine eigenen Worte bezeugen. Ob er Recht daran getan, ob er nicht besser daran getan hätte mit dem inneren auch das äußere Band zu lösen, darüber läßt sich mit dem Todten nicht mehr rechten. So oder so/er war der Unserige und nur der Unserige, mag er auch nach wie vor seine Steuern an die Gemeinde entrichtet und als dreiundsiebzigjähriger Greis sich den Entschluß nicht mehr haben abringen können, an Gerichtsstelle zu erscheinen und ooram publivo seine Gewissensbedenken zu betonen. Die Aufgaben einer lödiscben Gemeinde in der Ikttzeit. Bon Rabbiner Josef Nobel in Halberftadt. (Fortsetzung.) Unser religiöses Selbstbewußtsein verleiht unS Charakter und Festigkeit und gibt unserer BundeSgenoffenschaft ihre Rechte und ihren Wert. Gewiß, wir erkennen die Fortschritte und Errungenschaften der Neuzeit, an denen ja Söhne unseres Volkes redlich Mitarbeiten, dankbar an und benutzen fie gern zur Verschönerung unserer jüdisch praktischen Religtonsübung. - Gerne bedienen wir uns in der schön geschmückten »"DID der Gasbeleuchtung und deS elektrischen Stromes und erfteuen uns an den Transparenten: larn niDD2y gestehen auch freudig: das war vor einem Jahundert nicht möglich. Wohl! Aber vor allem sehen wir uns die Hütte an, modern geschmückt und ersuchtet, tut. Und wie sehr erinnern die Lieder der Beduinen beim Graben des Wassers nördlich vom Arnon an den Gesang der Israeliten, damals als der Herr durch Moses zu ihnen sprach: „Versammle das Volk, damit ich ihm Wasser gebe!" Auf dem weiteren Zuge, dem wir an der Hand der Forschungen Musils genau folgen können, gelangten die Israeliten zum Jordan, -en Moses nicht überschreiten sollte. Er stieg a ns den Pisga genannten Ausläufer des ölbarin-Sefa-Rückens, ließ die (von Musil entdeckte) Stadt Nebo rechts, betrachtete von dem isolierten Gipfel dss Pisga, dem weltbekannten Rebo, das Gelobte Land und starb. Sein angebliches Grab genoß im 5. Jahrhundert in einem christlichen Kloster große Verehrung. Doch ist dieses nach der biblischen Urkunde in Wirklichkeit unbekannt. Ter Gelehrte wies weiter die Heimat H i ob s und seiner Freunde nach und zeigte, daß die Schilderung des Bergbaues im Buche Job in dem von Musil entdeckten Kupferbergwerk Feann, nahe der Heimat Hiobs, ein reales Vorbild hatte. Auch die profane Topographie verdankt dem Gelehrten mannigfache Bereicherung. Als erster Europäer konstatierte er im vorigen Jahre die großartige Römerstraße, die von Damaskus nach Palmyra und ebenso alS erster im Jahre 1896 die von Damaskus (Syrien) znm Roten Meere führende Straße. Für die Kulturgeschichte lieferte Musil ebenfalls eine große Zahl von Klarstellungen, so die der uralten Opferattare, die er vei al-Kwejzijje fand und die an die Schilderung in der Geschichte der Patriarchen von den Altären erinnern, welche dieselben auf .ihren Wanderungen errichteten. Auf dem Felsengipfel sieht man daselbst zunächst einen Wasserbehälter, weiter einen Opferaltar mit einer Vertiefung znm Auffangen des Mutes, daneben einen Brandaltar, zu dem Stufen -'■Ger ■4 -ü 'J . :'£ä 3 4 ß I r»