Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1909)
- Date
- 1909-12-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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\fWCTtlr - sttmmungen, Ergänzungen und natürlich auch Angriffen eingebracht, auf die alle einzugehen uns der Raum wie die Zeit mangelt. Nur die wichtigsten in den Zusendungen enthaltenen Argumente mögen hier kurze Erwähnung finden. Die „Oesterreichisch-Israeli tische Allianz" zu Wien schreibt: „Mit Bezug auf Ihren dieswöchentlichen sehr sachgemäßen Leitartikel über die Emigration, worin Sie vollkommen richtig aus den Mangel jeder substantiellen Grundlage für die von gewisser mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht vertrauten Seite lancierte Idee eines Kongresses Hinweisen, erlaube ich mir, Ihre Aufmerksamkeit auf unsere „Mitteilunaen" vom Juli d. Js. zu lenken, worin die von den bestehenden Organisationen seit Jahren zur Regelung der Emigration unternommenen Schritte dargelegt sind. Es dürfte Ihre Leser interessieren, wenn Sie ttt Ergänzung Ihres Artikels aus unserem Aufsatze das Tatsächliche reproduzieren würden. (gez.) Tr. A. Kaminka. Eine lange Zuschrift sendet uns der Zentralverein der jüdisch-territorialistischen Organisation (Jto) für Oesterreich", worin mit Bezug auf den „äußerst interessanten und lehrreichen Leitartikel" zunächst festgestellt wird, daß die Initiative zum Weltkongreß nicht, wie im Artikel angegeben, von der „Jto" ausging, sondern von der „Jewifch Society for Regulation of Emigration'* in New-Aork, die schon zu Beginn des Jahres 1909 nach Verständigung mit der Russischen Emigrationsgesellschaft ohne jede Mithilfe des „Zentralverein der Jto"' den Beschluß gefaßt hätte, die Einberufung eines Emigrationskongreffes nach Wien anzustreben. Ferner heißt es in diesem Schreiben: „Tie österreichische Jto-Organisatiou kam übrigens erst Anfangs Sommer dieses Jahres in die Lage, sich mit dem Vorschläge der oberwähnten amerikanischen Organisationen offiziell zu befassen und sie erblickte von vorneherein ihre ausschließliche Aufgabe darin, die Konstituierung eines vollständig neutralen Komitees herbeizuführen, in welchem die Jtoisten nicht stärker vertreten sind, als andere selbst notorisch antiitoistische Organisationen. Tiefem Komitee war es überlassen, nach reiflicher Erwägung des Für und Wider, darüber schlüssig zu werden, ob und in welcher Form der, ich betone es nochmals, von amerikanischer und russischer Seite gewünschte Kongreß nach Wien einberufen werden soll oder nicht. Aus dieser, den Tatsachen entsprechenden Darstellung geht nun klar hervor, daß die Initiative nicht von der Jto ausging, daß aber der Herr Artikelschreiber auch darin im Jrrtume war, daß die amerikanisch-jüdische Presse eine ablehnende Haltung in dieser Frage einnehme. Der Autor des Artikels hat zufällig das Newhorker „Tageblatt" zu Gesichte bekommen und auch nur diejenige Nummer, in welcher Bedenken gegen die Abhaltung des Kongresses zum Ausdrucke gelangen. Dem „Tageblatt" steht aber fast die gesamte jüdische Presse gegenüber, die dem Kongresse das Wort redet. Was nun die Stellung der Londoner Jto- Zcntrale zur ganzen Frage betrifft, so s-i mir gestattet, darauf zu verweisen, daß als die Begucken einander verwundert Und reiben die Aeuglein sich hell. Wo ist die. singende Lampe? Noch tönt im Ohr ihr Sang, „O, nehmt uns mit, ihr Kinder, Wir kommen, bing, bang, bing, bang. Ach sieh, sie liegt hier am Boden, ' Im Fallen uns näher gerollt, Hast Tu uns erzählt, kleine Lampe, Das Märchen, so wunderhold? Gern woll'n wir Dich hegen und pflegen Und reiben Tich glänzend und blank. Machst Du uns' Dein Märlein lebendig Und leuchtest ins Herz uns zum Dank." Es öffnet die Tür sich dem Lichte, Breit flutet der Alltag herein, Nach Jahren des Staubs und des Dunkels Befreiender Sonnenschein. O holt es hervor zum Lichte, Was Ihr in das Dunkel gestellt. Aus der Rumpelkammer des Lebens Erblüht Euch von neuem die Welt. Schickt Eure Jugend zu Gaste Sie hebe den alten Schatz Und schaffe dem längst Vergessenen Aufs neue den Ehrenplatz. Hier wartet nicht Schlaf noch Spindel, Erleuchtung nur winket, und Glück, Wann kommst Du, o Zeit uns'rer Hoffnung, Die Jugend erweckend, zurück? I. Judentum und Judenbeit. Eine Chanukka-Betrachtung Ein kleines Häuflein kämpfte verzweifelt, todesmutig, gegen rohe Gewalt, gegen das Naturrecht der Wiener Jto-Bereinigung die Resolution zugunsten des Kongresses annahm — der, nebenbei bemerkt, den Herrn Artikelschreiber zu seiner irrigen Annahme verleitet haben mochte — und diese Resolution der Zentrale in London zur Kenntnis brachte, der Jto-Conseil den folgenden Beschluß faßte: „Tie Emigrationstätigkeit dieser Art liegt vollständig außerhalb der Sphäre der Jto und konnte — wenn überhaupt, höchstens durch das Emigrationsregulierungsdepartement ausgenommen werden. Ter Conseil mußte jedoch berücksichtigen, daß die Jto in jedem Lande in weitgehendem Maße autonom ist und der Tonseil daher nicht die Absicht haben könne zu verhindern, daß irgend eine Einzelgruppe ihre Tätigkeit, in tvelcher Richtung immer ausdehne, die dem jüdischen Volke von Nutzen sein könnte, besonders wenn es sich um eine Gruppe in seiner Stadt, wie Wien handelt, die auf der Heeresstraße der galizischen Emigration liegt." Aus diesem Beschlüsse, der übrigens auch in den englischen Blättern abgedruckt wurde, geht deutlich hervor, daß die Londoner Zentrale der Jto der ganzen Kongreßaktion völlig fernsteht und daß der zweite Teil des Beschlusses nur mit Rücksicht auf die vom Wiener Zentralverein bereits gefaßte Resolution erbracht wurde, um diese nicht zu desavouieren. Schließlich sei mir noch erlaubt, auch die Behauptung richtigzustellen, daß bisher bloß territorialistische Kreise der Kongreßidee zugeftimmt Hütten. In Petersburg, Warschau, Kiew,' Minsk, Zitomir, Riga re. haben an den von Ihnen glossierten Versammlungen die Vertreter aller legalisierten Synagogen und Wohltätigkeitsvereine, die Rabbiner und Gemeindevorsteher, Vertrauensmänner der Jto und anderer Organisationen teilgenommen und die Idee der Abhaltung eines jüdischen Emigrationskongresses begrüßt und die Förderung desselben beschlossen. Ob und wann der Kongreß stattfinden wird, das wird sich ia bald entscheiden. Das Zustandekommen und der Umsang des Kongresses wird wesentlich von der Haltung der größeren westeuropäischen Organisationen abhängen. Sie werden schon demnächst Gelegenheit haben, auf die vom Wiener Komitee auszusendcnde Rundfrage ihre Stellung in dieser Frage kundzutun. Gerade deshalb mußten wir es bedauern, daß ein so ernstes vielgelesenes Blatt, wie es der „Israelit" iß, in diesem Stadium der Vorbereitung und Sondierung auf Grund irriger Voraussetzungen über die Bemühungen, den Kongreß zuwege zu bringen, bedingungslos den Stab bricht." Daß wir auf Grund dieser Ausführungen unseren Standpunkt in der Angelegenheit irgend ändern könnten, haben wohl die Richtigsteller selber nicht erwartet, umsomehr, als sie auf jedes Gegenargument verzichten und den Kern der Sache ängstlich umgehen. Ihre Ausführungen lassen noch eher darauf schließen, daß auch sie, die Jtoisten, von Bedenken der geltend gemachten Art sich nicht ganz frei fühlen und daher Gewicht darauf legen, die eigentliche Verantwortung von sich abzuwälzen. Ganz wütend aber gebärdet sich das Organ des Jüdischen Klubs in Oesterreich, die in llcberinacht — und siegte. Darob große Bestürzung in des Mächtigen geschlagenen Reihen, Heller Jubel in der kleinen Siegerschaar, großes Staunen in der gesamten Welt, Z>as Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch anhaltend nachwirkt und immer von neuem die Feder der Tichter, den Griffel der Meister fübrt, die den unvergleichlichen Sieg besrngen und künstlerisch darstellen. Tie Geschichte feiert ibre Helden, die einst für Freiheit, für nationales Sein kämpften und dankt ihnen dafür, daß sie der Menschheit heiligste Güter gewahrt und der Welt einen Präzedenzfall für den Sieg des Geistes über die Materie, des wunderschaffenden Gorteslichtes irn Teelerileb.'n der Einzelnen über die dunklen, die große Masse beherrschenden Gewalten, geliefert haben —, dankt den Makkabäerhelden. Und wir, die wir am nächsten seinen Helden stehen und ihr Vermächtnis zu wahren haben? Wir haben zum Andenken an den Sieg, der unserer Ahnen Wt ltruhm begründete, ein bescheidenes Licht f e st geschaffen, ein Familienfest, in dessen Mittelpunkt ein winziges, zitterndes Flämmchen, nicht von Heldentaten großer Eroberer erzählt, sondern von Ihm, der in der „unerschöpflichen Fülle seines Erbarmens den Bedrängten beistand in der Stunde ihrer Not und ihren Streit führte, der die Starken, Bielen — die Syrer — in die Hand der Schwachen und der Wenigen — der Makkabäer — lieferte—." Tenn diese Schwachen und Wenigen waren zugleich auch die „Reinen", die „Gerechten", die treuen „Anhänger der Thora", welchgegen die „Unreinen", „Ruchlosen" und „Uebermütigen" kämpften, die die Quellen, aus denen das jüdische Volk seine Lebenskraft schöpfte, zu verstopfen trachteten. Uno der Sieg mußte ihnen, den Schwachen, winken, dieweil sich das Recht auf ihrer Seite befand. MM Wien erscheinmde „Jüdische Zeitung". Sie reißt zunächst nach berühmten Mustern einen Satz aus dem Zusammenhang heraus, um zu beweisen, daß dem „Israelit" die Emigration der Chinesen inniger am Herzen liege, als die der Juden und schimpft dann, wie es ihre Art ist, lustig darauf los: „Ist das nicht furchtbar frivol? Klingt das nicht wie eine Verhöhnung der Judennot? Mer dem „Israelit" wäre es freilich sympathischer, wenn sich die benmßten Juden mit der Emigration der Thinesen beschäftigen wollten, damit seine meist gutsituierten Leser nicht in ihrer frommen Behaglichkeit gestört werden und man sich, Gott behüte, nicht ihrem Säckel nähert. Das; der besagte Leitartikel aus dem tiefen Kummer für die Ruhe und die Tasche der Leser des „Israelit" geboren wurde, geht aus seinem Schlüsse hervor. Dort wird geraten, die „gewiß nötige soziale Hilssarbeit" in aller Stille ohne Kongreßlärm vorzunehmen. Ter „Israelit" wünscht „ein stilles, ruhiges Einvernehmen der verschiedenen Organisationen, deren Vertreter zu diesem Zwecke ohne viel Umstände in engere Fühlung miteinander treten könnten . . Pfaffe, an diesem salbungsvollen Ton erkennen wir Dich! Wer Du erreichst nichts! Die Juden machen einen großen Bogen um Teinen Klüngel, wenn sie sich auf einer gemeinsamen Plattform zur Arbeit die Hände reichen wollen." Diese Pöbelei, die wir im Interesse der anständigen jüdischen Presse hier niedriger hängen und der öffentlichen Verurteilung preisgeben, soll jedenfalls dazu dienen, die religiösen Kreise der Judenheit, die so ganz im krassesten Mammonismus versunken sind, für die Ideale des österreichischen Radau-Zionismus zu begeistern. Die Probleme der jüdischen Auswanderungspolitik find aber zu ernst, als daß sie mit hohlen Deklamationen gelöst werden könnten. Wer sich auf den Boden der Tatsachen stellen und mit uns das Für und Wider ruhig und reiflich abwägen will, mit dem werden wir eine weitere Aussprache über diese ungemein wichtige Angelegenheit gewiß nicht ablehnen. Ae schämen sich ,.. Die Judentaufe en masse ist eine der berühmten Wiener Spezialitäten, die daher auch in der dortigen jüdischen Presse ihren Platz beanspruchen darf. Dort, auf der letzten Seite, wo die lokalkundige Leserin die Familiennachrichten, die Geburts- und Sterbefälle mit Interesse zu studieren pflegt, findet seit einiger Zeit der Leser der Wiener jüdischen Zeitungen auch die Liste der Ausgetretenen, endlose Reihen von gut jüdischen Namen, die den Weg des Heiles gefunden . . . Ohne jeden Kommentar wirkt diese traurige Statistik wie eine stumme und daher umso erschütterndere Anklage gegen alle, die die Verantwortung für diese Massenflucht aus dem Judentum in erster Reihe tragen, gegen die jüdischen Führer und Lehrer der Freude mag die Chanukkageschichte in unseren Herzen und lichterhellten Zelten wecken, Freude, die im Vertrauen zu der unverwüstlichen aus gottgeweih ter Quelle geschöpften Kraft unseres Stammes begründet ist, aber kein Staunen, keine Verwunderung, denn der Makkabäerkampf war nicht das erste und einzige Geschehen in unserer Geschichte, das den unerschütterlichen Glauben den Judentums an den Sieg des Guten und Gerechten bestätigte und die zu allen Zeiten in den verschiedensten Formen auftretende Lehre von dem Naturrechte der rohen Gewalt und brutalen Macht widerlegte. Die Segensformel, welche sich auf die von Gott an den Trägern seiner Idee vollzogenen Wunder bezieht: QD2 7NNVV, sowie die Einleitung zu den Berichten über die wundersamen Ereignisse unserer Geschichte bv brauchten nicht immer von neuem geprägt zu werden, sie konnten stereotyp bleiben, weil sich die Geschehnisse, Wunder in der Menschen Augen, die nur in der Welt des Stofflichen sich auskennen, iinmer wiederholen und in ihren Grundzügen immer den gleichen sie bestimmenden Geist verraten, den Weltenplan der göttlichen Vorsehung. Warum sollten die Makkabäer nickt ruhig ins Feld ziehen und dem mächtigen Feinde oie Stirn bieten? Wenn sie, die jüdischen Kämpfer, bewunderungswürdige Helden waren, so waren sie es nicht so sehr aus dem Schlachtfelde, wo ihnen die Dichter und Denker aller Völker und Zeiten bewundernd zuschauen, als vielmehr in der stillen Stunde, da 'sie, zurückgezogen vom Schlachtenlärm, feierlich den Entschluß faßten, das Banner der Thora nicht lebend aus der Hand zu lass,en. In diesem Momente, welcher uns die Helden am schönsten und größten erscheinen läßt, war das Loos gefallen, die Entscheidung gettoffen. Denn was ihnen nach mmm