Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1909)
- Date
- 1909-12-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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taucht immer von ireuem au^. ei ift es den Antragstellern gar nicht ernstlich darum zu tun die Juden von dieser Pflicht zu entbinden, sondern lediglich darum, durch Erörterung der Frage sich die günstige Gelegenheit zu all den bekannten Ber leumdungen zu verschaffen. Jetzt war es der Depu tierte Marko ff der in der Militärkommission der Reichsduma im Namen der äußersten Rechten den Antrag stellte, daß die Juden von dem militärärztlichen Dienste grundsätzlich ausgeschlossen werden sollten, und daß auch im Falle äußersten Bedarfes, wie zum Beispiele im Kriegsfälle, keine jüdischen Aerzte in die Armee ausgenommen werden dürften. Demgemäß sollten auch keine Juden zum medizinischen Studium in der militärärztlichen Akadamie zugelafsen werden. Der Deputierte Babjansky von der Kadettenpartei de kämpfte diesen Antrag und sagte, die jüdischen Militärzte hätten im letzten Kriege mit Japan ihre Pflicht weit mehr als die christlichen, wenigstens als die echtrussischen, erfüllt, und es sei daher kein Grund vorhanden, sie aus der Armee auszusondern. Die Wahrheit machte jedoch auf die Mehrheit der Kommission keinen Eindruck. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Markoffs mit 21 gegen 4 Stimmen zum Beschluß erhoben und wird somit bald wieder das Plenum der Reichsduma beschäftigen. Isoö?er Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) Lodz, 25. Nov. Bon dem großen Idealismus, der bei aller Armut und allem Elend in der hiesigen Gemeinde besonders auf die Fremden so herzerhebend wirkt, habe ich ihnen bereits in meinem vorigen Berichte mitgeteilt. Nun mögen noch einige Daten folgen über die Wirksamkeit der bedeutendsten Vereine, welche der hiesigen Gemeinde zur Zierde gereichen und andererseits auch beweisen, daß die viel gepriesene Opferfreude des jüdischen Volkes sich auch unter den ungünstigen Verhältnissen in herrlicher Weise kundgibt. Da ist zunächst der „O'Vin ilp'2-Verein", der auf ein 25 jähriges Bestehen zurückblickt. Sein Budget weist an Ausgaben 39,000 Rbl. aus (Mk. 80,000.) Diese Summe gibt uns jedenfalls einen Begriff vou der ausgedehnten Wirksamkeit dieses Vereins und der weitherzigen Auffassung seiner mannigfachen Pflichten. Neben diesem sind die Vereine „pixn na'V' und „D'Vinn nrV' zu nennen, von denen man nicht recht weiß, welchem von beiden der Vorzug gebührt, da beide in gleicher Weise bestrebt sind, edlen Zwecken zu dienen und den Anforderungen, die das jüdische Gesetz wie die traurige Lage an die jüdische Wohltätigkeit stellen, in vollem Maße gerecht zu werden. Der Verein „pixn NT zählt gegenwärtig 3200 Mitglieder und bezweckt, in Krankheitsfällen Tag- und Nachtwachen zu besorgen, welche in der Regel von den Mitgliedern persönlich mit viel Liebe und Aufopferung ausgeführt werden. Zudem werden den mittellosen Kranken Arzt und Apotheker gestellt, sowie alle zur Pflege nötigen Mittel. Auch besitzt der Verein einige nach allen hygienischen Vorschriften ausgestattete Krankenwagen und Sanitätseinrichtungen, die bei Krankheits- und Unglücksfällen, die rasche Hilfe erheischen, zur Verwendung gelangen. Eine Sektion des Vereines, nvtt W “IDH genannt, schickt täglich 10 Mitglieder nach dem jüdischen Friedhof, um die Beerdigungen zu beaufsichtigen, die Armen vor eventueller Ausbeutung zu schützen und ihnen Trost nnd, wo nötig, auch Hilfe zu leisten. Eine andere Abteilung des Vereines, 'DDin genannt, hat den Zweck, arme Leidtragende während der sieben Trauertage materiell zu unterstützen, damit sie die religiöse Pflicht gegen ihre Familiengehörigen ohne Not und Nahrungssorgen erfüllen können. Der Verein erhält ein Sanatorium, in welchem täglich mehrere Aerzte mittellosen Kranken ärzliche Hilfe ertellen und die nötigen Medikamente verabreichen. In den letzten Tagen hat sich innerhalb des genannten Vereins noch eine Gruppe unter dem Namen bv min nat? gebildet, die den Zweck hat, an mehreren Stellen der Stadt Thorakurse einzurichten, die, von geeigneten Lehrern geleitet, all sabdatlich von vielen Hunderten Arbeitern und Handwerkern eifrig besucht werden. Aehnliche Tendenzen verfolgt auch der Verein D'Tinn na’»*? im Jahre 1908 hat der genannte Verein in nicht weniger als 8007 Fällen ärztliche Hilfe geleistet und 678 Operationen vollziehen lassen. Verabreicht wurden 12892 Rezepte, 5335 Liter Milch, außerdem Kefir, Zucker, Tee und Wein in bedeutender Menge. Barunterstützungen erhielten 82 Personen im Betrage von 877 Rbl. 3426 Kinder wurden unentgeltlich geimpft. Auch wurde an 3 Witwen der Betrag von 900 Rbl ausgezahlt, während ca. 3000 Rbl. als zinslose Darlehen verabreicht wurden. In der Absicht, ein Spital mit geeignetem Operationsraum zu errichten, hat nunmehr der Verein ein Grundstück im Werte von 30,000 Rbl. angekauft. Der Verein zählt 3318 Mitglieder und erfreut sich der größten Popularität in allen jüdischen Kreisen. Seit 1908 erhält der genannte Verein auch eine Spar- und Leihkasse, unter dem Namen „Lodzer jüdische Bank" die Darlehen bis 300 Rbl. auf monatliche Abzahlung von je 10 Rbl. verabreicht. In dem Zeiträume von 8 Monaten hat die Kaffe den Betrag von 91980 Rbl. ausgeliehen. Von Januar 1909 bis dato betrug die Summe der Darlehen 144523 Rbl. So werden gar oft geschwächte Existenzen ausgerichtet und vor dem bittern Los der vollständigen Verarmung wirksam geschützt. Um düse Bank, die nebenbei bemerkt, an Sabbat und jüdischen Feiertagen streng geschloffen ist, hat sich ganz besondere der Bicepräsident Herr Samuel Herschberg verdient gemacht. England. London, 26. Nov. Vergangenen Montag fand hier das erste öffentliche Meeting der „Sabbath Observance Society" statt, an welchem sich über 300 Personen beteiligten. Während der konttnentale „Schaumreh Schabboth- Verein" sich hauptsächlich mit Stellenvermittlung von Bureauangestellten beschäftigt, soll hier — entsprechend der vorherrschenden Notwendigkeit — dem den Sabbath heilig haltenden Lohnarbeiter des jüdischen Proletariats durch Errichtung eines Arbeitsnachweises hier in London die Erlangung von Arbeit, ohne rat? arbeiten zu müssen, ermöglicht werden. Bis jetzt kam von über 500 Firmen zusagender Bescheid an den Sekretär des neugegründeten Vereins, die sich einverstanden erklären, unter diesen Bedingungen Arbeiter einzustellen; es ist sogar bekannt, daß einige jüdische Firmen durch diese Schaumreh Schabboth-Bewegung nicht ganz abgeneigt seien, eventuell ihre Fabriken zu schließen. Möge der Verein sich krästtg entwickeln und eine segensreiche Wirkung in East End äusüben! vermischter. Frankfurt a. M.. 1. Dez. Der BergrößerungSbau der Kuranstalt für arme JSrae liten in Soden wurde soeben fertia gestellt und ganz tm Stillen einen Zwecken übergeben. Die Mittel zum Bau wurden in hochherziger Weise von Freifrau Wilhelm von Rothschild bewilligt. Die hohe Spenderin hat durch diese Schenkung wieder einen neuen Beweis erbracht, wie fic sich durch Schaffung von Krankenhäusern rc. mit Weisheit und Liebe der armen Kranken anntmmt und ihre Güter zum wirklichen Segen der Menschheit zu verwenden weist, bl Neustetti«, L7. November. Die hiesige Strafkammer beschäftigte sich gestern als Berufungsinstanz in t der bekam tcn Prtvatveletdigungeklage des Rittergutsbesitzers Cami n er zu Raddatz, als Vertreter seines Sohnes, eines ehemaligen Unterprimaners des hiesigen Gymnasiums, gegen den Prof. Dr. Tuempel, Lehrer an genannter Anstalt, wegen Beleidigung. Das Schöffengericht hatte den Beklagten, dem ber Schutz deS § 193 zugebilligt wurde, fretgesprochendie Strafkammer kam nach Vernehmung einer großer Anzahl von Zeugen zu demselben Erkenntnis Interessant war in diesem Prozeß die Beleuchtung der antisemitischen Gesinnung -eS Beklagten. So wurde u a. bekundet, daß -er Beklagte seinen Schülern erklärt habe, die Juden bezeichneten alle Richtjuden als Gojim, was so viel wie Schwein (!) brdrute, ein Jude könne nicht für einen anderen zeugen, unter ber jüdische» Bevölkerung vermisse man die landeSübl che Bescheidenheit. — Man redet und schreibt häufig über Antisemitismus an unferm Universitäten. Hier hat man eine der Quellen, aus der daS Gift deS Rassenhasses in die Gemüter der zukünftigen Akademiker sich ergrßt. Brückenau (Unterfr.). 28. Novbr. Die hiesige iSr. Kultusgemetnde plant den N e u b a u ein e r Synagoge. Die Gesamlkosten für das geprüfte und festgestellte Projekt betragen 40 000 Mk. für den Neubau und 6000 biS 8000 Mk. für die Inneneinrichtung. Baden (Schweiz), 20. Nov. Die Ansetzung der Gemetnderatswahlen in Lengnau auf einen SamStag stieß auf Widerstand, weil die Juden ohne Savbathmtweihung nicht an denselben teilnehmen konnten. Den Beschwerden glaubte nun der Friedensrichter dadurch zu entgehen, baß er verfügte, der Bizepräfident des Wahl» bureaus habe dm Israeliten in einem Separarlokal vor jedem Wahlgange die Zettel zu schreibm. Budapest, 22. Nov. Bei dm allgemetnm Audtenzm empfing der nönig unter anderen eine Abordnung der jüdisch-orthodoxen Kultusgemeinde von Preßburg, bestehend aus dem Präsidenten Lazar Gestetner, dem Vizepräsidenten Ignaz Herz selb und Dr. Leopold Stein, welche, wie üblich, die Marttntgänse für die Hofküche überbrachten. Riga, 27. Nov. Auf der letztm Generalversammlung der Mitglieder der Zweiten Krippe für jüdische Kinder wurde der Livländtsche Gouverneur Gehetmrat Sweginzew einstimmig zum Ehremnttglied gewählt. veremrvese«. Frankfurt a. M., 28. Nov. In der Frankfurter Ortsgruppe deS „ZentralveretnS deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hielt am Samstagabend Herr Rechtsanwalt Hugo Sonnenseld aus Berlin einen Bortrag über „ModemeS Strafrecht und jüdische Ethik". Als Vorsitzender begrüßte Dr. meb. Max Mainzer das Publikum,- er beklagte, daß bet der jüdischen Bevölkerung von Frankfurt daS Interesse für den Zmtralveretn verhältnismäßig 'gering sei. DaS lasse sich zwar aus den lokalm Verhältnissen erklären; immerhin seien aber auch in Frankfurt, namentlich auf wtrtschaftjchaftlichem Geviet, Momente vorhanden, die etnm Zusammenschluß zu kräftiger Abwehr erheischtm. Herr Sonnenfeld schickte seinem Referate eine Einleitung voraus, in der er die Mitwirkung der Juden an der Neugestaltung des deutschen RechtslebmS als eme besondere Pflicht bezeichnet?. Weil das Recht deS Rechtes in der Ethik liege, müssen die Judm bet dieser RechtSreform die leitenden Gedanken ihres historischen RechtSfystems, wie es im Talmud vorltege, durchzusetzm trachten, denn bet genauerer Würdigung offenbare die,eS vtelgefchmähte talmudtfche Recht, unter dem Gesichtspunkt unserer juristischen Zeitftagen betrachtet, die edelste Aktualität. Der Beweis, dm der Vortragende für diese interessante Behauptung antrat, erstreckte sich gleichermaßen auf Strafprozeß und materielles Strafrecht urw wirkte völlig überzeugend, denn es gelang dem Referenten zu zeigen, daß vieles, was wir jetzt als wertvolle Errungmfchast rühmen oder als einen Fortschritt anstrebm, bereits im talmudischm RechtSlebm als geschriebme oder durch die Uebung überlieferte Norm in Geltung war. Die Mündlichkeit und Unmittelbarkeit deS Verfahrens, bei unS erst um die Mitte deS vorigen Jahrhunderts grundsätzlich etngeführt, sei die Grundlage deS talmudischm Strafprozesses. Die Vorschrift, daß bereits im Vorverfahren die Zeugen dem Angeklagten gegmübergestellt werdm mußten, fet so streng gehandhabt wordm daß ein Zeuge, bei dem diese Konfrontation versehmtltch unterlassen wordm, ohne weiteres aus dem Verfahren ausgeschalret wurde. Eine wesentliche Neuerung, die uns die Reform bringm soll: die Feilsetzung von Strafe und Schabmersatz in ein und demselben richterlichen Akt, gehvne zu dm Grundzügen talmudtscher Jurisdiktion. Die Emficht in die Wertlosigkeit der Aussagen von Minder ährigm, die bet uns bisher nur platonisch in einer Retchsgerichtsentfcheidung anerkannt sei, kommen tm talmudischm Recht in einer Bestimmung zum Ausdruck, wonach Kinder unter 13 Jahren, ebenso übrigens auch Personen in besttmmtm Abhängtgkettsverhältntffm, nicht als Zmgm vernommen werden dürfen. Es sei yerdorzuheben, daß die straftechtltche Gesamtauffaffung des Talmuds durch ihre wettgehende Berücksichtigung deS BefferungSzweckS sehr stark an unsere modemen StrasrechtStheorien anklinge, und daß um die Todesstrafe so viele Schranken gezogen warm, daß sie in der Praxis eine Seltenheit werdm mußte. Der fesselnde Vortrag, der mit einem Appell an die Selbstachtung-der deutschen Juden einen wirkungsvollm Abschluß fand, wurde überaus beifällig ausgenommen. Berlin, 25. Nov. Der israelische Fortbildungs- Verein „Monte f io re" veranstaltete am 150. Geburtstag Schillers in den Räumen deS Burg-Hotels eine würdige Gedenkfeier für den deutschm DtchterheroS. Mit Deklamationen und musikalischen Darbietungen wurde der Abend stimmungsvoll etngeleitet. Seinen eigmtlichen Mittelpunkt aber bildete ein mit allgemeinem Beifall aufgmommmer Borttag des Herm Heinrich Etsemann aa£ Frankfurt a. M. über Schillers Huldigung der Künste". Im Anschluß an diese letzte Gabe des htllerschen Genius schilderte der Redner ote Bedeutung der Muse Schillers uno hob in Anlehnung an die bekannte Schillerrede von S. R. Hirsch ganz besonders daS Verhältnis Schillers zum Judemum hervor. Die nü&i